Die meisten Länder profitieren vom Klimaschutz

PIK-WELTKARTE VOR DER COP31 · 21. OKTOBER 2026

Die meisten Staaten sind Gewinner der Energiewende

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat für 169 Staaten berechnet, wie ehrgeiziger Klimaschutz ihre Vermögen verändert. 81 Länder profitieren besonders stark, weitere 69 moderat, darunter USA, China und die EU.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Die größten Gewinner der Energiewende leben in Afrika, Lateinamerika und Südostasien. Sie ernten mehr Sonne und Wind, sie bewahren Wälder, und sie entgehen Dürren und Fluten, die sie bei weiter steigenden Emissionen besonders hart treffen würden. In diesen drei Gewinnergruppen lebt mehr als ein Drittel der Menschheit. Große Verluste drohen nur 19 Staaten, deren Wirtschaft an Öl, Gas und Kohle hängt.

Das Team um die PIK-Forscherin Guanna Pan hat dafür vier Vermögensarten zusammengeführt. Es bewertet vermiedene Klimaschäden und das Potenzial für Solar- und Windstrom. Dazu kommen die Fähigkeit von Wäldern und Böden, CO2 zu speichern, und die Einnahmen aus fossilen Rohstoffen. Die Forschenden vergleichen einen strengen und einen moderaten Klimaschutzpfad mit einem Szenario mit wenig Klimaschutz, jeweils bis 2050 und bis 2100. Alle Werte setzen sie ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des jeweiligen Landes.

Aus den Daten bilden die Autor*innen fünf Ländergruppen mit ähnlicher Interessenlage. Erschienen ist die Studie im Fachjournal Nature Sustainability, PIK-Direktor Ottmar Edenhofer gehört zu den Mitautoren.

Weltkarte der PIK-Studie: Die meisten Länder gewinnen durch Klimaschutz, fünf Ländergruppen mit deutscher Legende
Afrika, Lateinamerika und Südostasien gewinnen am stärksten, USA, China und EU moderat. Große Verluste drohen nur fossil abhängigen Staaten. QUELLE: PAN ET AL., NATURE SUSTAINABILITY, CC BY 4.0

Afrikas Sonnenländer sind die größten Gewinner der Energiewende

13 Staaten, überwiegend in Afrika, bilden die Gruppe mit dem größten Potenzial für Sonnen- und Windstrom. Auch Australien und die Mongolei gehören dazu. Die Forschenden bewerten dieses Potenzial über die Emissionen, die erneuerbarer Strom vermeidet, und den CO2-Preis der Klimaszenarien. In Somalia übersteigt dieser Wert bis 2100 sogar die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes im selben Zeitraum.

Die größte Gewinnergruppe umfasst 51 Staaten in Lateinamerika, Afrika sowie Süd- und Südostasien, darunter Brasilien, Mexiko und Nigeria. Sie gewinnen vor allem, weil ihnen Hitze, Dürren und Überschwemmungen bei schnellem Klimaschutz weniger Schaden zufügen. Die höchsten vermiedenen Schäden errechnet die Studie für afrikanische Staaten, angeführt von der Demokratischen Republik Kongo. In dieser Gruppe messen die Forschenden auch den größten klimapolitischen Ehrgeiz.

17 weitere Länder besitzen große Wälder und Böden, die CO2 binden, etwa Guyana, Suriname, Papua-Neuguinea und mehrere Staaten Zentralafrikas. Ihr Vermögen entsteht, wenn die Welt diese Speicherleistung bezahlt. Das PIK hat dafür eigene Modelle vorgeschlagen (mehr dazu: PIK-Plan für Klimaschutz jenseits der EU-Grenzen). Die CO2-Aufnahme der Landökosysteme stagniert allerdings seit der Jahrtausendwende.

Zehn Länder besitzen drei Viertel von Öl und Gas

Vom fossilen Zeitalter profitierten nur wenige Länder. Zehn Länder besitzen 73 Prozent allen Öls und Gases, das je gefunden wurde, hat der Londoner Thinktank Ember ausgewertet. Sonne und Wind gibt es dagegen fast überall in ausreichender Menge. 97 Prozent der Menschen leben in Ländern, deren Solar- und Windpotenzial ihren heutigen Strombedarf mehr als zehnfach übersteigt (mehr dazu: Fast jedes Land kann sich Wohlstand durch erneuerbare Energien sichern).

Ember-Grafik: Zehn Länder besitzen 73 Prozent allen Öls und Gases, 97 Prozent der Menschen haben genug Sonne und Wind
Links die Konzentration von Öl und Gas auf wenige Länder, rechts das Potenzial für Sonne und Wind, das fast überall den Strombedarf um ein Vielfaches übersteigt. QUELLE: EMBER, THE AGE OF POWER (2026), CC BY 4.0

Die PIK-Studie zeigt die Kehrseite dieser Konzentration. Große Vermögensverluste treffen 19 fossil abhängige Staaten, darunter Saudi-Arabien, der Irak, der Iran, Venezuela, Kanada und Norwegen. Zusammen erwirtschaften sie sechs Prozent der Weltwirtschaft. Viele von ihnen gehören zur Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und stemmen sich gegen internationale Zusagen zum Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle.

Einige dieser Förderländer besitzen laut Studie selbst nennenswertes Klimaschutz-Vermögen. Wie viel sie am Ende verlieren, hängt davon ab, wie früh sie umsteuern. Solarmodule, Batterien, Elektromotoren und Wärmepumpen drängen Öl, Gas und Kohle schon heute zurück, Ember fasst sie als Electrotech zusammen.

Balkengrafik: Anteile der fünf Ländergruppen an Wirtschaftsleistung, Bevölkerung und Treibhausgasemissionen
Die drei stärksten Gewinnergruppen stellen mehr als ein Drittel der Menschheit, aber nur 13 Prozent der Wirtschaftsleistung. QUELLE: PAN ET AL., NATURE SUSTAINABILITY, CC BY 4.0; GRAFIK: CLEANTHINKING

USA, China und EU entscheiden über das Tempo

Die drei Gewinnergruppen erwirtschaften zusammen nur 13 Prozent der Weltwirtschaft. Die fünfte Gruppe mit 69 Staaten steht für 81 Prozent der Wirtschaftsleistung und 72 Prozent der Emissionen. Zu ihr gehören die USA, China, Indien und die EU-Staaten, Deutschland eingeschlossen. Auch sie gewinnen durch Klimaschutz, vor allem über vermiedene Schäden, im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftskraft aber nur moderat.

Darin sehen die Autor*innen eine Ursache für den Stillstand in der Klimadiplomatie. Die Länder mit dem größten Interesse an schnellem Klimaschutz haben wenig wirtschaftliches Gewicht, die mächtigsten Volkswirtschaften haben ein vergleichsweise schwaches. „Diese Studie zeigt auch recht präzise, wie zugleich neue Vermögenswerte aufgebaut werden“, sagt Ottmar Edenhofer.

Die Studie erfasst ausdrücklich nur diese vier Vermögensarten. Institutionen, militärische Macht und die historische Verantwortung für Emissionen bleiben außen vor, Rohstoffe wie Lithium und Nickel ebenfalls. Auch die absolute Höhe von Gewinnen und Verlusten fließt nicht in die Gruppenbildung ein.

Das Forschungsteam empfiehlt Paketlösungen. Zögernde Staaten sollen Zugeständnisse bei Handel oder Forschung bekommen, wenn sie beim Klimaschutz mitziehen. Ausgleichszahlungen könnten Länder mit hohen Verlusten auffangen. Gelegenheit dazu bietet die Weltklimakonferenz COP31, die am 9. November im türkischen Antalya beginnt.

QUELLEN

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  1. Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: Eine Weltkarte der Klimapolitik: Wer gewinnt am meisten?, Pressemitteilung, 15. Oktober 2026.
  2. Ember: The Age of Power, 2026.
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