Ist die Sonne schuld am Klimawandel? · 4. NOVEMBER 2026
NASA/SDOWarum die Erde trotz gleichbleibender Sonnenaktivität wärmer wird
Seit den 1950er-Jahren liefert die Sonne der Erde im Mittel keine zusätzliche Energie, ihre Strahlung folgt nur dem Elfjahresrhythmus. Die Temperatur steigt trotzdem. Forscher belegen das mit Satellitendaten, der Bilanz des Weltklimarats und der kühler werdenden Stratosphäre.
Dass die Sonne das Klima antreibt, bestreitet kein Forscher. Ihre Strahlung bestimmt nach Angaben der NASA Klima, Temperatur und Wetter auf der Erde. Das Maunder-Minimum, eine Phase sehr geringer Sonnenaktivität im späten 17. Jahrhundert, fällt mit der Kleinen Eiszeit zusammen. Wer die heutige Erderhitzung der Sonne zuschreibt, beruft sich also auf einen echten Zusammenhang.
Im deutschsprachigen Raum machten Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning daraus Anfang der 2010er-Jahre ein Buch. In „Die kalte Sonne“ deuten sie die Erderhitzung der vergangenen 150 Jahre als natürlichen Zyklus, „der überwiegend von der Sonne geprägt wird“, so der Verlagstext. Für die folgenden Jahrzehnte sagten die Autoren eine leichte Abkühlung voraus.
Die Vorhersage lässt sich prüfen. Die Jahre 2015 bis 2024 waren laut Weltorganisation für Meteorologie (WMO) die zehn wärmsten seit Beginn der Messungen. 2024 lag die globale Mitteltemperatur 1,55 Grad über dem Mittel von 1850 bis 1900. Einen Aufwärtstrend der Sonnenaktivität messen Satelliten dagegen nicht, und auch zwei weitere Messwege sprechen gegen die Sonne (mehr dazu: Klimawandel verstehen).
Inhalt
Wie stark schwankt die Sonnenaktivität im elfjährigen Zyklus
Zwischen Maximum und Minimum eines Sonnenzyklus ändert sich die Einstrahlung um etwa ein Watt pro Quadratmeter. Das hält der Weltklimarat IPCC für die letzten drei Zyklen fest. Oberhalb der Atmosphäre treffen rund 1.361 Watt auf jeden Quadratmeter, der Ausschlag liegt also unter 0,1 Prozent.
Fachleute nennen die Messgröße totale solare Einstrahlung, kurz TSI: die Energie der Sonne über alle Wellenlängen. Satelliten erfassen sie seit 1978 direkt. Auf den Messreihen der NASA folgt sie dem elfjährigen Zyklus, steigt seit den 1950er-Jahren im Mittel aber nicht. Die globale Temperatur ist im selben Zeitraum deutlich gestiegen.
Die genauesten Werte lieferte der NASA-Satellit SORCE. Sein Radiometer TIM maß zehnmal genauer als frühere Geräte. Greg Kopp und Judith Lean bestimmten damit für das Sonnenminimum 2008 einen Wert von 1.360,8 Watt pro Quadratmeter. Der ältere Richtwert von 1.365,4 Watt ging auf Streulicht in älteren Instrumenten zurück, die Sonne selbst hatte sich nicht verändert.
Am 25. Februar 2020 schaltete das Team SORCE nach 17 Jahren ab. Die Messreihe führt das Instrument TSIS-1 fort, das seit Dezember 2017 an der Internationalen Raumstation arbeitet, so die NASA. Dunkle Sonnenflecken und helle Fackelgebiete erzeugen die kleinen Schwankungen. Forscher messen die Sonnenaktivität meist an der Zahl der Sonnenflecken.
Im Klimasystem kommt von der Schwankung der Sonnenaktivität nur ein Bruchteil als Strahlungsantrieb an, also als zusätzliche Energie, gerechnet pro Quadratmeter Erdoberfläche. Die Erde ist eine Kugel und wirft einen Teil des Lichts zurück. Die WMO rechnet für 2023 aus einem TSI-Plus von 0,97 Watt einen Antrieb von etwa 0,17 Watt pro Quadratmeter.
Wie viel hat die Sonne seit 1750 zur Erderhitzung beigetragen
Die Sonne hat seit 1750 fast nichts beigetragen. Der IPCC beziffert den Strahlungsantrieb durch veränderte Sonnenaktivität von 1750 bis 2019 im siebten Kapitel seines sechsten Sachstandsberichts auf 0,01 Watt pro Quadratmeter. Die wahrscheinliche Spanne reicht von minus 0,06 bis plus 0,08 Watt. Der Mensch kommt im selben Zeitraum auf 2,72 Watt, davon 2,16 Watt allein durch CO2.
Für die vorindustrielle Sonnenaktivität mittelten die Autoren alle vollständigen Zyklen von 6755 vor Christus bis 1744, rekonstruiert aus Kohlenstoff-14-Daten. Als Vergleichswert für 2019 nahmen sie den Mittelwert von Sonnenzyklus 24, also der Jahre 2009 bis 2019. Anders als im fünften Bericht vergleicht der IPCC damit volle Zyklen statt einzelner Minima.
| IPCC-Bericht | Sonne (W/m²) | Mensch gesamt (W/m²) |
|---|---|---|
| Zweiter Bericht, 1995 | 0,3 | nicht beziffert |
| Dritter Bericht, 2001 | 0,3 | nicht beziffert |
| Vierter Bericht, 2007 | 0,12 | 1,6 |
| Fünfter Bericht, 2013 | 0,05 | 2,3 |
| Sechster Bericht, 2021 (1750 bis 2019) | 0,01 | 2,72 |
Seit 2001 schrumpfte der Anteil der Sonnenaktivität von Bericht zu Bericht, zuletzt wegen überarbeiteter Rekonstruktionen und neuer Methodik. In Temperatur übersetzt haben Sonne und Vulkane zusammen seit 1750 laut IPCC minus 0,02 Grad beigetragen. Im Bericht für politische Entscheider beziffert der Weltklimarat den menschlichen Anteil an der Erderhitzung für 2010 bis 2019 gegenüber 1850 bis 1900 auf 1,07 Grad. Natürliche Antriebe verschoben die Temperatur um minus 0,1 bis plus 0,1 Grad.
Eine höhere Schätzung existiert. Ein Team um Tatiana Egorova kam 2018 auf 0,35 Watt. Der IPCC lässt den Wert außen vor, weil er auf Annahmen über langfristige Änderungen der ruhigen Sonne beruht, für die es keine Beobachtung gibt. Eine Modellstudie von 2020 setzte das physikalisch mögliche Maximum bei 0,26 Watt an. Selbst dieser Wert erreicht nur ein Achtel des CO2-Antriebs.
Warum kühlt die Stratosphäre ab, während sich der Boden erwärmt
Eine stärkere Sonne würde die gesamte Atmosphäre aufheizen, vom Boden bis in große Höhen. Die NASA beschreibt das Gegenteil: Die untere Atmosphäre wird wärmer, die Stratosphäre darüber kühlt ab. Das passt zu Treibhausgasen, eine höhere Sonnenaktivität scheidet als Hauptursache aus.
Der Mechanismus folgt aus dem Treibhauseffekt. CO2 hält Wärmestrahlung in der unteren Luftschicht zurück, weniger davon erreicht die Höhe. In der dünnen Luft der Stratosphäre strahlt zusätzliches CO2 mehr Wärme ins All ab, die Schicht kühlt aus. Klimaforscher sprechen von einem Fingerabdruck, weil eine stärkere Sonne dieses Höhenprofil nicht erzeugen kann.
Benjamin Santer und acht Koautoren werteten 2023 Satellitendaten für die mittlere und obere Stratosphäre aus. In 25 bis 50 Kilometern Höhe kühlte die Luft nach ihrer Studie in den PNAS von 1986 bis 2022 um ein bis zwei Grad ab. Nehmen Forscher diese Schicht in die Analyse auf, steigt das Verhältnis von Signal zu Rauschen um den Faktor fünf. Santer nennt das den klarsten Beleg für ein menschengemachtes Klimasignal durch CO2.
In der unteren Stratosphäre wirkte zusätzlich ein zweiter menschlicher Eingriff. Laut IPCC trieb dort der menschengemachte Ozonabbau die Abkühlung zwischen 1979 und Mitte der 1990er-Jahre hauptsächlich an. Die Studie von Santer und Kollegen beruht auf den Schichten darüber.
Lenkt die Sonne das Klima über kosmische Strahlung und Wolken
Die Sonne lenkt das Klima auf diesem Weg nach heutigem Wissen nicht spürbar. Der IPCC hält es mit hoher Sicherheit für belegt, dass kosmische Strahlung von 1750 bis 2019 einen vernachlässigbaren Strahlungsantrieb lieferte.
Anhänger der Hypothese verstärken das Sonnen-Argument über einen Umweg. Bei hoher Sonnenaktivität schirmt die Sonne die Erde stärker gegen geladene Teilchen aus der Galaxis ab. Weniger Teilchen hieße weniger Keime für Wolkentröpfchen, weniger tiefe Wolken und damit mehr Wärme. So würde eine kleine Schwankung der Sonnenaktivität ein großes Klimasignal auslösen.
Das europäische Forschungszentrum CERN hat den ersten Schritt dieser Kette in seiner Versuchskammer CLOUD untersucht. Gordon und Kollegen übertrugen die Versuchsergebnisse 2017 auf die Wolkenkeime in der Atmosphäre. Zwischen Sonnenmaximum und -minimum ändert sich demnach die Zahl der Wolkenkeime für tiefe Wolken nur um 0,2 bis 0,3 Prozent. Der IPCC hält einen Einfluss auf das heutige Klima über diesen Weg deshalb für unwahrscheinlich. Fehlt der Sonnenaktivität seit den 1950er-Jahren ohnehin ein Trend, bleibt dem Verstärker nichts zu verstärken.
Wie viel Wärme steuerte Sonnenzyklus 25 zu den Rekordjahren 2023 und 2024 bei
Die Sonne steuerte wenige Hundertstel Grad bei. Die WMO schätzt den Beitrag der hohen Sonnenaktivität auf etwa 0,04 Grad für 2023 und 0,07 Grad für 2024.
Am 15. Oktober 2024 erklärten NASA, die US-Wetterbehörde NOAA und ein Prognose-Gremium, dass die Sonnenaktivität das Maximum von Zyklus 25 erreicht hat. Der belgische Sonnenfleckendienst SILSO bestätigte 2025 den Gipfel. Das geglättete Maximum lag im Oktober 2024 bei einer Sonnenfleckenzahl von 161 und damit über den Prognosen von 2019.
Gavin Schmidt vom NASA-Institut GISS und der Klimaforscher Zeke Hausfather haben den Effekt für den WMO-Klimazustandsbericht 2024 abgeschätzt. Die Sonnenaktivität stieg in Zyklus 25 demnach etwas früher und stärker als erwartet. Der Wärmeeffekt liegt bei 0,05 bis 0,10 Grad und folgt mit ein bis zwei Jahren Verzögerung.
Neben der Sonne nennen die beiden Forscher El Niño, schwefelärmeren Schiffstreibstoff seit 2020 und sinkende Schwefelemissionen in Ostasien als Zusatzfaktoren. Gemessen an 1,55 Grad Erderhitzung im Jahr 2024 bleibt der Sonnenanteil klein. Er geht zurück, sobald der Zyklus auf sein nächstes Minimum zuläuft.
Was würde ein neues großes Sonnenminimum an der Erderhitzung ändern
Eine schwache Sonnenaktivität würde die Erderhitzung kaum bremsen. Ein Sonnenminimum vom Ausmaß des Maunder-Minimums würde die Temperatur im Jahr 2100 um etwa 0,1 Grad senken, auch bei stärkerem Rückgang höchstens um 0,3 Grad. Das ergab eine Modellstudie von Georg Feulner und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung aus dem Jahr 2010.
Den Anlass lieferte die Sonne selbst. Um 2008 erreichte die Sonnenaktivität das tiefste und längste Minimum seit fast einem Jahrhundert, Satelliten maßen die schwächste Strahlung seit Beginn ihrer Aufzeichnungen. Einige Sonnenphysiker sahen darin den Beginn eines neuen großen Minimums. Die Forscher rechneten mit zwei Emissionspfaden, die bis 2100 eine Erderhitzung um 3,7 oder 4,5 Grad gegenüber 1961 bis 1990 ergaben.
Die Dämpfung durch eine schwache Sonne erreicht damit weniger als ein Zehntel der erwarteten Erderhitzung. „Die Vorstellung, wir steuerten auf eine neue Kleine Eiszeit zu, ist falsch“, sagt Erstautor Feulner. Ein Minimum würde laut der Studie eine starke Erderhitzung nicht verhindern, wenn die Emissionen auf dem Niveau von 2010 weiterliefen.
Die Sonnenaktivität verschiebt die globale Temperatur damit um wenige Hundertstel Grad, und über einen Zyklus gleicht sich das aus. Den Trend setzen die Menschen mit ihren Treibhausgasen. Wie stark die Erde auf zusätzliche 2,16 Watt aus CO2 reagiert, beschreibt die Klimasensitivität. Weitere Standardeinwände prüft der Überblick zur Klimawandelleugnung. Ob der menschengemachte Klimawandel ein Schwindel ist, klärt ein eigener Faktencheck.
QUELLEN
- Journal of Geophysical Research: Atmospheres: Causes and importance of new particle formation in the present-day and preindustrial atmospheres, Gordon et al., 2017.
- Astronomy & Astrophysics: Revised historical solar irradiance forcing, Egorova et al., 2018.
- Geophysical Research Letters: The Dimmest State of the Sun, Yeo et al., 2020.
- Geophysical Research Letters: Studie zur Wirkung eines neuen großen Sonnenminimums auf das künftige Klima, Feulner und Rahmstorf, 2010.