Deutschland hat seit 2012 ein Sechstel seiner Fichtenfläche verloren

Buchdrucker und Kupferstecher im Fichtenwald · 31. OKTOBER 2026

Wie der Borkenkäfer nach Dürre und Hitze ganze Fichtenwälder tötet

Der Buchdrucker, ein rund fünf Millimeter kleiner Borkenkäfer, befällt vor allem geschwächte Fichten, denn gesunde Bäume wehren ihn mit Harz ab. Nach den Dürrejahren ab 2018 fehlte ihnen dafür das Wasser, und der Käfer vermehrte sich in Massen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Im Fichtenwald lebt der Borkenkäfer seit jeher, in normalen Jahren in einzelnen absterbenden Bäumen und frisch gefällten Stämmen. Gefährlich wird er, wenn sehr viele Fichten gleichzeitig keinen Widerstand mehr leisten. Im Jahr 2020 schlugen Forstbetriebe in Deutschland 43,3 Millionen Kubikmeter Holz wegen Insektenschäden ein, fast 13-mal so viel wie 2015, meldete das Statistische Bundesamt.

Dieses Holz stammte zu 99 Prozent von Nadelbäumen, allen voran von Fichten. Die Fichte wächst nach der Bundeswaldinventur 2022 auf 21 Prozent der Holzbodenfläche und ist nach der Kiefer die zweithäufigste Baumart im deutschen Wald. Finden Borkenkäfer Tausende geschwächte Fichten zugleich, kommt es zur Massenvermehrung.

Wie frisst sich der Borkenkäfer durch die Fichte?

In Deutschland befallen vor allem zwei Borkenkäfer die Fichte. Der Buchdrucker ist 4,2 bis 5,5 Millimeter lang, dunkelbraun und trägt am Ende der Flügeldecken je vier Zähne. Der Kupferstecher misst nur 1,8 bis zwei Millimeter und sucht die dünne Rinde in der Krone und an jungen Stämmen. Häufig besiedeln beide Arten denselben Baum, beschreibt die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt in ihrer Praxis-Information.

Im Frühjahr schwärmt der Buchdrucker, sobald die Luft wärmer als 16,5 Grad ist und sich seit April genug Wärme aufsummiert hat. So steht es in einer Anleitung der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft zur Befallssuche. Zuerst bohren sich die Männchen ein und legen unter der Rinde eine Kammer an, die Rammelkammer. Nach kurzer Fraßzeit geben sie Aggregationspheromone ab, Lockstoffe, die weitere Borkenkäfer beiderlei Geschlechts herbeirufen.

Von der Kammer aus frisst jedes Weibchen einen Muttergang längs zur Holzfaser und legt darin 20 bis 100 Eier ab. Die Larven nagen seitlich eigene Gänge von drei bis fünf Zentimetern und verpuppen sich an deren Ende. Unter günstigen Bedingungen schlüpfen die Jungkäfer etwa sechs Wochen nach der Eiablage. Beim Buchdrucker gleicht das Fraßbild einer Stimmgabel, beim Kupferstecher einem Stern mit drei bis sechs Armen.

Je wärmer es ist, desto schneller läuft jeder Schritt ab. Unter neun Grad entwickelt sich die Brut nur stark verzögert. In besonders warmen Jahren bildet der Buchdrucker bis zu drei Generationen, der Kupferstecher meist zwei. Die Versuchsanstalt rechnet vor, was das bedeutet: Aus einem Weibchen mit je 50 Nachkommen können in der dritten Generation 31.250 Jungkäfer entstehen. Aus einem einzigen starken Fichtenstamm von 18 Metern Länge schlüpfen etwa 60.000 junge Borkenkäfer.

Warum verliert die Fichte nach Dürresommern ihre Harzabwehr?

Eine gesunde Fichte schützt sich mit Harzfluss gegen Borkenkäfer, Förster sprechen vom Ausharzen. Harztropfen am Stamm zeigen deshalb oft nur einen Befallsversuch an, der scheitern kann. Bei Vorschäden oder Trockenheit sinkt die Widerstandskraft des Baumes, schreiben die bayerischen Waldschützer. Selbst gegen eine vitale Fichte reichen nach ihrer Einschätzung einige hundert Borkenkäfer, wenn sie gleichzeitig angreifen.

Genau diese Abwehr ging in den Dürrejahren ab 2018 vielerorts verloren. Ein Team um Oldřich Rakovec vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hat Dürren in Europa seit 1766 verglichen. Die Dürre von 2018 bis 2020 setzte nach der 2022 in Earth's Future erschienenen Studie einen neuen Maßstab. Sie bedeckte im Mittel 35,6 Prozent der Fläche Europas und hielt mehr als zwei Jahre an. Außergewöhnlich machte sie die Hitze: Die bodennahe Lufttemperatur erreichte eine Abweichung von 2,8 Grad.

Für den Borkenkäfer war die Hitze doppelt günstig: Die Fichten trockneten aus, und in der Wärme wuchsen mehr Käfergenerationen pro Sommer heran. Dass sich solche Dürren weltweit häufen, zeigen auch neuere Auswertungen von Klimadaten (mehr dazu: Globale Dürre und Wasserversorgung).

Wie stark Trockenheit und Borkenkäfer die Fichten trafen, zeigen ihre Kronen. Die Waldzustandserhebung des Bundes verzeichnete 2019 die drastischsten Veränderungen seit ihrem Beginn 1984. Bei der Fichte stieg der Anteil deutlich verlichteter Kronen von 30 Prozent 2018 auf 44 Prozent 2020 und 46 Prozent 2021. Deutlich verlichtet heißt, dass einem Baum mehr als ein Viertel seiner Nadeln fehlt.

Wie viel Schadholz hinterließ der Borkenkäfer seit 2018?

Das Statistische Bundesamt erfasst jedes Jahr, wie viel Holz Forstbetriebe wegen Sturm, Trockenheit, Insekten oder anderer Schäden einschlagen. Im Rekordjahr 2020 waren es 60,1 Millionen Kubikmeter, der höchste Wert seit Beginn der Zeitreihe 1990. Knapp drei Viertel des gesamten Holzeinschlags stammten 2020 von geschädigten Bäumen. Die Statistiker nennen 2020 und 2021 die vom Borkenkäfer geprägten Rekordjahre, damals gingen jeweils mehr als 40 Millionen Kubikmeter auf Insekten zurück.

JahrSchadholzeinschlag gesamtdavon durch Insekten
201512,9 Mio. m³3,3 Mio. m³
202060,1 Mio. m³43,3 Mio. m³
202150,5 Mio. m³41,1 Mio. m³
202244,7 Mio. m³26,6 Mio. m³
202338,7 Mio. m³27,2 Mio. m³
202427,3 Mio. m³16,8 Mio. m³
202512,7 Mio. m³7,9 Mio. m³

Seit 2020 sinkt der Wert jedes Jahr. 2025 fielen noch 12,7 Millionen Kubikmeter Schadholz an, davon 7,9 Millionen wegen Insekten, so die Bilanz von Destatis vom April 2026. Die Statistiker erklären den Rückgang nüchtern: Ein Großteil der geschädigten Bäume ist bereits gefällt und aus dem Wald geholt. Den Einschlag von Fichte und anderem Nadelholz beziffern sie für 2025 auf 32,4 Millionen Kubikmeter, 48 Prozent weniger als 2020.

Die Kronen erholen sich langsamer. In der Waldzustandserhebung 2025, die das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat im Mai 2026 vorlegte, zeigten 38 Prozent der Fichten deutlich verlichtete Kronen. Das ist ein Prozentpunkt weniger als 2024. Die Absterberate der Fichte sank auf 0,64 Prozent, über alle Baumarten fiel sie von 0,86 auf 0,3 Prozent.

Die Autoren der Erhebung mahnen bei dieser Zahl zur Vorsicht. In der Stichprobe haben jüngere Bäume viele der abgestorbenen Altbäume ersetzt. Den Vitalitätszustand vor den Trockenjahren 2018 bis 2020 hat der Wald bis 2025 nicht wieder erreicht. Dabei war die erste Hälfte des Jahres 2025 in weiten Teilen Deutschlands sehr trocken (mehr dazu: Wie Blitzdürren Böden in Tagen austrocknen).

Warum gibt der deutsche Wald seit 2017 mehr Kohlenstoff ab, als er bindet?

Die Bundeswaldinventur vermisst den Wald alle zehn Jahre, die vierte mit Stichjahr 2022 erschien im Oktober 2024. Zwischen 2012 und 2022 erfasste sie Kalamitäten, also großflächige Schäden, auf 2,0 Millionen Hektar. Das sind 19 Prozent des Holzbodens. Als Hauptursache nennen die Ergebnisse zum Lebensraum Wald die Dürre ab 2018 und die folgende Massenvermehrung der Borkenkäfer, dazu Stürme. Die Fichtenfläche schrumpfte um 461.000 Hektar auf 2,3 Millionen Hektar.

In Satellitendaten zeigt sich dasselbe Muster. Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zählten von Januar 2018 bis April 2021 rund 501.000 Hektar verlorene Baumbestände. Das entspricht fast fünf Prozent der Waldfläche, berichtete das DLR im Februar 2022. Die Schwerpunkte lagen in den Nadelwäldern von der Eifel über Sauerland und Harz bis nach Sachsen.

Mit den toten Fichten verlor der Wald gespeicherten Kohlenstoff. Seit der Kohlenstoffinventur 2017 sank der Vorrat in den lebenden Bäumen um 41,5 Millionen Tonnen Kohlenstoff, ein Minus von drei Prozent. Das Totholz nahm nur um 11,3 Millionen Tonnen zu, auch der Boden glich den Verlust nicht aus. Damit wurde der Wald von 2017 bis 2022 zur Kohlenstoffquelle, heißt es im Inventurkapitel Klimaschützer Wald.

Die Autoren der Inventur führen das auf die Holzverluste durch Kalamitäten und auf das klimabedingt schwächere Wachstum zurück. Einen weiteren Anstieg des Kohlenstoffvorrats wie bisher erwarten sie nicht, weil der Wald altert, die Fichte ausfällt und die Dürrejahre nachwirken. Die EU rechnet die Senke aus Wald und Böden dagegen fest in ihre Klimabilanz ein (mehr dazu: Klimaziele in Gefahr: CO2-Senken von Wald und Ozean). Wie es um die Landsenke weltweit steht, zeigt der Planetary Health Check 2026.

Sollen tote Fichten im Nationalpark Harz stehen bleiben?

Besonders sichtbar ist das Fichtensterben im Harz. Borkenkäfer haben dort schon früher Wälder vernichtet: Bei der „Großen Wurmtrocknis“ im 16. Jahrhundert starben nach Angaben der NW-FVA über 30.000 Hektar Wald ab. Im Nationalpark Harz kamen allein 2021 abgestorbene Fichten auf 5.624 Hektar hinzu. „Insgesamt sind 90 Prozent des ursprünglichen Fichtenbestands abgestorben“, sagte Nationalparksprecher Martin Baumgartner 2023 dem Magazin Spektrum der Wissenschaft.

Die Naturdynamikzone, in der der Mensch nicht mehr eingreift, umfasste 2021 gut 70 Prozent des Parks. Die toten Bäume bleiben dort stehen. Totholz liefert nach dem Spektrum-Bericht Nährstoffe, bremst den Wind, hält den Boden feucht und schützt Jungbäume vor Spätfrost und Wildverbiss. In Fichtenwäldern mit Reitgras keimen junge Fichten nur auf totem und vermoderndem Holz, so ein Tagungsbericht auf dem Portal waldwissen.net.

Kritiker sehen darin einen Fehler. Ehemalige leitende Forstbeamte aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt machten 2023 in einem Gastbeitrag in der „Welt“ eine „grüne Ideologie“ der Parkverwaltung mitverantwortlich. Die Verwaltung habe die Käferbekämpfung eingestellt, um die Natur sich selbst zu überlassen. Nach Bränden am Brocken 2022 und Anfang September 2024 geriet auch das Totholz in die Debatte. Stehendes Totholz wirke wie eine Fackel, zitierte die Stuttgarter Zeitung den Einsatz- und Krisenstabsleiter Immo Kramer.

Andere Forstfachleute halten dagegen, die Fichten hätten ohnehin nicht überlebt, der Borkenkäfer gehöre zu einer nicht aufzuhaltenden Naturdynamik. Für angrenzende Wirtschaftswälder empfahlen Waldschützer schon 2012 einen Sicherungsstreifen von mindestens 500 Metern, in dem Förster vom Borkenkäfer befallene Bäume entfernen. Im Harz senkte die Bekämpfung den Befall dort damals auf 19 Prozent, im unbewirtschafteten Kern waren über 80 Prozent der Fichten befallen. Wie stark Hitze und Trockenheit Waldbrände in Europa begünstigen, zeigt eine Studie zur Waldbrandfläche in Europa.

Welche Bäume wachsen auf den Käferflächen nach?

Auf vielen Schadflächen wächst der neue Wald von selbst. Nach der Zusammenfassung der Bundeswaldinventur entsteht der junge Wald zu 91 Prozent aus Naturverjüngung, also ohne Saat oder Pflanzung. Auf einem Drittel der Kalamitätsflächen blieb das tote Holz im Wald. Der Totholzvorrat wuchs bis 2022 auf 29,4 Kubikmeter je Hektar, ein Drittel mehr als zehn Jahre zuvor.

Waldbesitzer und Landesforsten bauen den Wald zugleich aktiv um. Die Fläche der Laubbäume wuchs zwischen 2012 und 2022 um sieben Prozent, Mischwald stand 2022 auf 79 Prozent der Waldfläche. Wo Fichte und Buche gemischt standen, verjüngt sich der Wald im Harz nach dem waldwissen-Bericht selbst. In aufgelichteten Fichtenforsten pflanzen Förster dort Buchen, weil diese nicht von allein aufkommen.

Einige Länder nutzen kahle Flächen auch für erneuerbare Energie. Nordrhein-Westfalen hat Schadflächen gezielt für Windräder geöffnet, weil dort weniger Bäume fallen müssen (mehr dazu: Windkraft im Wald). Der Borkenkäfer bleibt Teil des Waldes. Die Fichte verschwindet ebenfalls nicht, sie stand 2022 noch auf 2,3 Millionen Hektar. Jeder heiße, trockene Sommer entscheidet mit darüber, wie viele dieser Bestände den nächsten Massenbefall durch den Borkenkäfer erleben.

QUELLEN

  1. Earth's Future: Rakovec, O. et al., The 2018-2020 Multi-Year Drought Sets a New Benchmark in Europe, März 2022.
  2. Statistisches Bundesamt: Holzeinschlag 2022 bleibt mit 78,7 Millionen Kubikmetern auf hohem Niveau, 14. April 2023.
  3. Statistisches Bundesamt: Weniger Schadholz aufgrund von Waldschäden: Holzeinschlag 2023 um 10,3 % gesunken, 15. April 2024.
  4. Statistisches Bundesamt: Schadholzaufkommen nimmt weiter ab: Holzeinschlag 2024 um 13,3 % gesunken, 15. April 2025.
  5. Thünen-Institut: Pressemitteilung zur vierten Bundeswaldinventur, 8. Oktober 2024.
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