Ein Eisrest in Kanada wuchs zwei Jahrtausende lang

LETZTER REST DES LAURENTIDISCHEN EISSCHILDS · 30. OKTOBER 2026

Forscher sehen die nächste Eiszeit durch den Klimawandel gestoppt

Um 1960 hörte die Barnes Ice Cap in Kanada auf zu wachsen und begann zu schrumpfen. Ein Team um den Geochemiker Nicolás Young deutet das in Science so: Die nächste Eiszeit hatte begonnen, die menschengemachte Sommererwärmung beendete sie.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. LESEN


Die Barnes Ice Cap liegt auf der Baffininsel im kanadischen Nunavut und ist etwa so groß wie der US-Bundesstaat Delaware. Sie ist der letzte Rest des Laurentidischen Eisschilds. Dieser bedeckte in der letzten Eiszeit große Teile Kanadas und der nördlichen USA und war stellenweise über drei Kilometer dick. Nach der Rekonstruktion des Teams von der Columbia University wuchs die Kappe seit rund 2.000 Jahren wieder. Die Studie erschien in Science.

Wie die Forscher den Eisrand datierten

Der Rand der Eiskappe ist am Felsboden festgefroren. Als das Eis vorrückte, überdeckte es Moose und Zwergsträucher und tötete sie. Beim heutigen Rückzug tauchen die Pflanzenreste wieder auf. Das Team bestimmte ihr Alter mit der Radiokarbonmethode, die den Gehalt an Kohlenstoff-14 misst. So zeigt sich, wann das Eis eine Stelle erreichte.

Für den Beginn des Wachstums vor rund 2.000 Jahren zog das Team Funde von benachbarten Eiskappen heran. Außerdem untersuchte es Beryllium-10 in Fels und Findlingen, ein Isotop, das sich unter kosmischer Strahlung im Gestein bildet. Es verrät, seit wann eine Fläche eisfrei ist.

Demnach hatte sich der Eisrand vor rund 3.600 Jahren bereits hinter die heutige Grenze zurückgezogen. Vor etwa 3.000 bis 2.000 Jahren war die Kappe am kleinsten, kleiner als heute. Danach wuchs sie wieder, bis um 1960. Eine Linie zwischen dunklem, flechtenbewachsenem und hellem, kahlem Fels markiert den Stand von 1960. Seitdem wich der Eisrand laut Studie bis 2022 um 200 bis 800 Meter zurück.

Nach Ansicht der Autoren beendete die Sommererwärmung das Wachstum: Die Kappe verlor im Sommer mehr Eis, als im Winter dazukam. Die Sonneneinstrahlung im Sommer nahm durch Änderungen der Erdbahn weiter ab, doch die Treibhausgase wogen schwerer. Auf solche Bahnänderungen gehen die Eiszeitzyklen zurück (mehr dazu: NASA, NOAA und Weltklimarat prüfen sechs Standardeinwände). „Es ist ein sehr eindrückliches Beispiel dafür, wie wir das System erschüttert haben“, sagt Young.

Was die Autoren als Beginn einer Eiszeit zählen

Für die Autoren beginnt eine Eiszeit schon mit dem ersten Wachstum eines Eisschildrests. Ein neuer Eisschild über dem Kontinent entstand nicht. Frühere Modellstudien hatten den Beginn erst in Tausenden bis Zehntausenden von Jahren erwartet, weil sie großflächiges Eiswachstum voraussetzten.

Die Pflanzendaten datieren den Eisrand an einzelnen Stellen. Wie viel Eis die Kappe insgesamt gewann, zeigen sie nicht. Wann bei den heutigen Treibhausgaswerten die nächste Eiszeit käme, sagt die Studie ebenfalls nicht.

Shaun Marcott von der University of Wisconsin-Madison war an der Studie nicht beteiligt. In einem Begleitartikel in Science ordnet er sie vorsichtiger ein: Die Erwärmung habe die nächste Eiszeit womöglich abgewendet. Wie viele Eiszeitzyklen ausfallen, hänge von den Entscheidungen der Menschheit und den künftigen Emissionen ab.

In den 1970er-Jahren stellten einige populäre Veröffentlichungen eine drohende Eiszeit dar. Die globalen Temperaturen waren seit den 1940er-Jahren gesunken (mehr dazu: Ist der menschengemachte Klimawandel ein Schwindel?). Die Fachliteratur sah das anders. Eine Auswertung von 71 Fachartikeln aus den Jahren 1965 bis 1979 fand 44 mit Erwärmungsprognose und nur sieben mit Abkühlungsprognose, 20 waren neutral. Die Abkühlung, die die neue Studie beschreibt, zog sich über Jahrtausende hin.

Modellen zufolge schmilzt die Barnes Ice Cap in den kommenden Jahrhunderten vollständig. Damit verschwänden die letzten Reste des Laurentidischen Eisschilds endgültig, sagt Young.

QUELLEN

  1. Columbia Climate School: Climate Change Stopped the Next Ice Age, 22. Oktober 2026.
  2. University of Colorado Boulder, INSTAAR: Failed Ice Age - Arctic ice was expanding for centuries until global warming stopped it, 22. Oktober 2026.
  3. The Brighter Side of News: Canada's Barnes Ice Cap reveals that human-caused climate change stopped the next ice age, 26. Oktober 2026.
  4. Smithsonian Magazine: Two Thousand Years Ago, a New Ice Age Began - but Human-Caused Climate Change Recently Reversed It, According to New Research, Oktober 2026.
  5. WELT (dpa): Die nächste Eiszeit stand kurz bevor - und doch blieb sie aus, 29. Oktober 2026.
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