Westafrikas Kakaobauern verlieren Ernten an Hitze und Virus

Westafrikas Kakaogürtel unter Hitzestress · 28. OKTOBER 2026

Warum Kakao im Klimawandel knapp und teuer wird

Kakaobäume gedeihen nur bei gleichmäßiger Wärme und viel Regen. In Westafrika häufen sich Hitzetage über 32 Grad, dazu lässt ein Virus ganze Plantagen absterben. Die Missernten 2023/24 trieben den Weltmarktpreis auf Rekordhöhe.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. LESEN


Fast jede Tafel Schokolade beginnt in einem schmalen Streifen Tropenwald. Afrika lieferte im Erntejahr 2023/24 rund 71 Prozent der Welternte, schreibt die Internationale Kakaoorganisation ICCO in ihrem Jahresbericht 2023/2024. Côte d'Ivoire und Ghana allein kommen nach Angaben der Weltbank auf rund 60 Prozent.

Für Kakao im Klimawandel zählen einzelne Grade und einzelne Regenwochen. Der Baum braucht gleichmäßige Wärme und viel Wasser, beides wird in Westafrika unzuverlässiger. Dazu breitet sich ein Virus aus, gegen das Bauern seit Jahrzehnten vor allem mit der Axt vorgehen.

Als die Ernten in beiden Ländern 2023 und 2024 einbrachen, verdoppelte sich der Weltmarktpreis binnen eines Jahres. Parallel wächst in Europa eine Industrie, die Schokoladengeschmack ganz ohne Kakaobohnen herstellt.

Welches Klima der Kakaobaum zum Wachsen braucht

Kakaobäume wachsen nur bis etwa 20 Grad nördlich und südlich des Äquators, der Großteil der Ernte stammt aus einem Band von zehn Grad. Das schreibt die US-Klimabehörde NOAA in ihrem Überblick Climate & Chocolate. Die Bäume brauchen hohe Luftfeuchte, stickstoffreichen Boden und Schutz vor Wind.

Am besten gedeihen sie bei 1.500 bis 2.000 Millimetern Regen im Jahr, nennt die US-Forschungsorganisation Climate Central als Richtwert. Für die Temperatur setzt sie eine Grenze von 32 Grad Tageshöchstwert. Darüber verlässt der Baum seinen optimalen Bereich. Zu viel Hitze kann Menge und Qualität der Ernte senken, besonders in der Haupterntezeit von Oktober bis März.

Côte d'Ivoire, Ghana, Kamerun und Nigeria liefern zusammen rund 70 Prozent des Kakaos weltweit. Ein schlechtes Jahr in diesen vier Ländern spürt deshalb jeder Schokoladenhersteller, von der Großrösterei bis zur Manufaktur. Neben Hitze und Regen nennt Climate Central eine dritte Gefahr für die Bäume: Infektionen, die Insekten übertragen.

Wie viele zusätzliche Hitzetage Westafrikas Kakaogürtel erlebt

Climate Central hat im Februar 2025 die Tageshöchsttemperaturen in 44 Anbauregionen der vier Länder ausgewertet, für die Jahre 2015 bis 2024. Mit ihrem Verfahren Climate Shift Index schätzt die Organisation, wie viele heiße Tage ohne menschengemachte Erwärmung ausgeblieben wären.

In Côte d'Ivoire und Ghana gab es laut der Auswertung von Climate Central wegen des Klimawandels rund 40 Tage pro Jahr mehr über 32 Grad. In Kamerun waren es im Mittel 18 zusätzliche Tage, in Nigeria 14. Allein in der Haupterntezeit kamen in Côte d'Ivoire und Ghana jedes Jahr mindestens drei Wochen Hitze dazu.

Besonders deutlich fiel das Jahr 2024 aus. In 71 Prozent der Anbaugebiete kamen durch den Klimawandel sechs Wochen mit Tagen über 32 Grad hinzu, heißt es im Bericht zur Analyse. Als Hauptursache nennt Climate Central die Verbrennung von Öl, Kohle und Erdgas (mehr dazu: Was ist Klimawandel).

Climate Central hat nur die Hitze gemessen. Für Kakao im Klimawandel zählt der Regen ebenso, ihn haben die Autoren aber nicht untersucht. Dass höhere Kakaopreise aus den Hitzetagen folgen, beschreibt Climate Central als mögliche Folge, nicht als Befund.

Warum das Swollen-Shoot-Virus ganze Plantagen vernichtet

Das Cacao Swollen Shoot Virus trägt seinen Namen nach den geschwollenen Trieben befallener Bäume. Ein Bauer bemerkte die Krankheit 1936 erstmals in Ghanas Eastern Region, 1939 bestätigten Forscher ein Virus als Erreger. Übertragen wird es von Schmierläusen, winzigen Insekten, die an den Pflanzen saugen.

Ein Team um Folashade Agusto von der University of Kansas hat die Ausbreitung 2024 gemeinsam mit dem Cocoa Research Institute of Ghana modelliert. In ihrer Studie in PLOS One zählen die Autoren das Virus zu den wirtschaftlich schädlichsten Kakaokrankheiten. Schwere Virusstämme kosten 15 bis 50 Prozent der Ernte.

Das wichtigste Gegenmittel war lange die Axt. Ghanas Kakaobehörde Cocobod ließ infizierte Bäume in großen Kampagnen fällen, über 254 Millionen Bäume gingen dabei verloren. Viele Bauern wehrten sich, ungeklärte Landrechte und wechselnde Vorgaben bremsten die Kampagnen zusätzlich.

Forscher in Ghana testen deshalb eine Art Impfung. Sie infizieren Bäume gezielt mit einem milden Virusstamm, der sie vor den schweren Stämmen schützt. Grundlage der Studie sind Daten aus einem Feldversuch in Ghana, bei dem Ringe geschützter Bäume ungeschützte Pflanzungen umgaben. Wie breit ein solcher Schutzring sein muss, wollen die Autoren in weiteren Modellen klären.

Ob die Erwärmung das Virus schneller wandern lässt, beziffern die Autoren nicht. Sie zählen den Klimawandel allgemein zu den Gründen, warum sich Pflanzenkrankheiten weltweit stärker ausbreiten. Für die Missernte 2023/24 nennt die ICCO mehrere Gründe nebeneinander: ungünstiges Wetter, die Pilzkrankheit Braunfäule und das Swollen-Shoot-Virus.

Wie viel Kakao seit 2023 fehlte und was er kostete

Im Erntejahr 2023/24 ernteten die Bauern weltweit 4,362 Millionen Tonnen Kakao. Die Verarbeiter vermahlten 4,810 Millionen Tonnen, die Vermahlung gilt als Maß für die Nachfrage. Daraus ergab sich ein Defizit von 492.000 Tonnen, beziffert die ICCO im Quartalsbulletin vom Mai 2026. Es war das dritte Defizitjahr in Folge.

An den Terminbörsen erreichte Kakao am 19. April 2024 Rekordstände, meldet die ICCO: 12.567 Dollar je Tonne in London und 11.878 Dollar in New York. Den Indikatorpreis der ICCO, einen Mittelwert beider Börsen, gibt die Weltbank monatlich in ihrem Rohstoffbericht Pink Sheet wieder. Im Jahresmittel stieg er von 3,28 Dollar je Kilogramm 2023 auf 7,33 Dollar 2024.

ZeitraumICCO-Indikatorpreis (US-Dollar je kg)Quelle
Jahresmittel 20233,28Weltbank, Pink Sheet Oktober 2026
Jahresmittel 20247,33Weltbank, Pink Sheet Oktober 2026
Jahresmittel 20257,80Weltbank, Pink Sheet Oktober 2026
Januar bis März 20263,93Weltbank, Pink Sheet Oktober 2026
April bis Juni 20263,98Weltbank, Pink Sheet Oktober 2026
Juli bis September 20265,83Weltbank, Pink Sheet Oktober 2026
September 20265,92Weltbank, Pink Sheet Oktober 2026

Im Erntejahr 2024/25 erholte sich die Produktion. Laut dem ICCO-Quartalsbulletin vom August 2026 wuchs sie um 8,5 Prozent auf 4,733 Millionen Tonnen. Die Vermahlung sank um 3,3 Prozent auf 4,649 Millionen Tonnen, übrig blieb ein kleiner Überschuss von 37.000 Tonnen. Für die Saison 2025/26 hält die ICCO ihre Zahlen zur Produktion vorerst zurück, Stand Oktober 2026.

Dank günstigen Wetters in Westafrika erholte sich die Ernte, schreiben die Weltbank-Ökonomen John Baffes und Kaltrina Temaj im Datenblog vom Juli 2026. Für 2026 erwarten sie einen Preisrückgang um mehr als die Hälfte. Ein stärkerer El Niño als erwartet könne die Erholung allerdings stören. Auch die ICCO verweist auf wachsende Sorgen vor den Wetterrisiken eines El Niño. Im dritten Quartal 2026 stieg der Indikatorpreis wieder auf 5,83 Dollar je Kilogramm (mehr dazu: El Niño und die Hitzewelle in Europa).

Wo Kakao im Klimawandel bis 2050 noch wachsen kann

Wie sich die Anbaugebiete verschieben, haben Peter Läderach und Kollegen 2013 durchgerechnet. In ihrer Studie in der Fachzeitschrift Climatic Change nutzen sie 19 globale Klimamodelle. Damit projizieren sie, wo Kakao in Côte d'Ivoire und Ghana um 2050 noch gute Bedingungen findet.

Bei ungebremsten Emissionen erwärmen sich beide Länder bis 2050 um rund 2,1 Grad, fasst die NOAA den Forschungsstand zusammen. Von 294 untersuchten Standorten verlieren 89,5 Prozent an Eignung, nur 10,5 Prozent gewinnen. Die günstigste Höhenlage steigt von 100 bis 250 Metern auf 450 bis 500 Meter. Regionen wie Lagunes und Sud-Comoé im Süden von Côte d'Ivoire eignen sich laut der Studie dann nicht mehr für Kakao.

Der Engpass entsteht beim Wasser. Mit der Wärme verdunstet mehr Feuchtigkeit aus Boden und Blättern. Den Verlust gleicht der Regen nach den Projektionen nicht aus (mehr dazu: Studie zur globalen Dürre). Einzelne Lagen wie das Kwahu-Plateau in Ghana werden dagegen geeigneter, die Autoren fordern deshalb Anpassung Standort für Standort.

Wie sich Schokolade ohne Kakaobohnen herstellen lässt

Das Cleantech-Unternehmen Planet A Foods aus Planegg bei München stellt seit 2023 Schokoladenersatz ohne Kakao her. Für sein Produkt ChoViva fermentiert und röstet es Hafer und Sonnenblumenkerne und bildet so die Aromen von Schokolade nach. Die Rohstoffe wachsen in Mitteleuropa und hängen nicht vom Wetter am Äquator ab. Für Süßwarenhersteller ist das eine Antwort auf Kakao im Klimawandel, die ihre Lieferkette verbreitert.

Ende 2024 lag die Jahreskapazität bei 2.000 Tonnen, das Unternehmen will auf über 15.000 Tonnen ausbauen. Das berichtet das Informationsportal Bioökonomie.de. Als Partner nennt es unter anderem Lindt, Lambertz, De Beukelaer und Rewe. Gemessen an rund 4,7 Millionen Tonnen Kakao im Erntejahr 2024/25 bleibt das eine Nische, Planet A Foods produziert aber bereits im industriellen Maßstab.

Einen Schritt weiter geht die Präzisionsfermentation: Mikroorganismen erzeugen dabei gezielt einzelne Moleküle wie Fette oder Proteine (mehr dazu: Allianz für Präzisionsfermentation). Nach diesem Prinzip ersetzt das Cleantech-Unternehmen C16 Biosciences Palmöl durch Hefefett. Süßwarenhersteller bekommen so eine zweite Bezugsquelle für Tropenrohstoffe, die im Bioreaktor entsteht.

Die Kakaobauern Westafrikas brauchen andere Hilfe: Schatten für ihre Bäume, widerstandsfähige Sorten und Schutz vor dem Virus. Wie heiß es in den Anbaugebieten wird, entscheidet sich bei den Emissionen. Kakao im Klimawandel bleibt damit ein Gradmesser dafür, wie schnell die Welt ihre fossilen Brennstoffe ersetzt.

QUELLEN

  1. Climatic Change: Predicting the future climatic suitability for cocoa farming of the world's leading producer countries, Ghana and Côte d'Ivoire, Läderach, Martinez-Valle, Schroth, Castro, 2013.
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