Vier Grad Erderhitzung: 71 Prozent der Skigebiete droht trotz Kunstschnee Schneemangel

Skigebiete zwischen Kunstschnee und Sommer · 31. OKTOBER 2026

Wie Schneemangel Skigebiete in den Alpen verändert

Bei zwei Grad globaler Erderhitzung tragen 53 Prozent von 2.234 untersuchten Skigebieten in Europa ein sehr hohes Risiko für Schneemangel. Mit Beschneiung sinkt der Anteil auf 27 Prozent, dafür steigt der Bedarf an Wasser, Strom und Investitionen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Skigebiete in den Alpen verkaufen ein Produkt, das mit jedem Zehntelgrad Erderhitzung seltener von selbst entsteht. Im Winterhalbjahr 2025/26 gehörten die mittleren Schneehöhen im Alpenraum von Deutschland, Österreich und der Schweiz zu den fünf niedrigsten seit 1991. Das melden der Deutsche Wetterdienst, MeteoSchweiz und GeoSphere Austria in ihrer gemeinsamen Alpenklima-Bilanz vom Juni 2026. Trotzdem zählte Statistik Austria für dieselbe Saison 74,3 Millionen Nächtigungen, mehr als in jedem Winter seit 2014/15.

Den Widerspruch löst der Blick auf die Pisten. Österreichs Seilbahnbetriebe beschneien nach Angaben ihres Fachverbands in der Wirtschaftskammer rund 75 Prozent der Pistenflächen technisch. Mit Kunstschnee halten sie den Betrieb auch in schneearmen Wintern aufrecht. Offen ist, wie lange das bei weiterer Erderhitzung funktioniert und was es an Wasser, Strom und öffentlichem Geld kostet.

Ein französisch-österreichisches Team von INRAE, Météo-France und Joanneum Research hat diese Frage für ganz Europa durchgerechnet. Die Forscher um Hugues François modellierten 2.234 Skigebiete in 28 Ländern, mit und ohne Beschneiung. Ihre Ergebnisse erschienen im August 2023 in Nature Climate Change.

Warum trifft der Schneemangel zuerst die tief gelegenen Skigebiete?

Wie stark Schneemangel Skigebiete trifft, hängt zuerst an der Höhe. Je wärmer die Luft ist, desto häufiger fällt Niederschlag als Regen, und desto früher schmilzt liegender Schnee. In tiefen Lagen wirkt das am stärksten. Das Schweizer WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF findet den Trend zu schneearmen Wintern an den meisten Messstationen unterhalb von 1.300 Metern statistisch gesichert. Oberhalb von 2.000 Metern zeigen die Schneehöhen im Hochwinter dagegen keinen klaren Trend.

Die Zahl der Tage mit Schneedecke sinkt jedoch fast überall, unabhängig von der Höhe, vor allem weil der Schnee im Frühling früher schmilzt. Gelingt es nicht, die Emissionen zu senken, schrumpft die natürliche Schneedecke nach SLF-Simulationen bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 70 Prozent. Genug Naturschnee für einen rentablen Skibetrieb erwartet das Institut dann nur noch oberhalb von 2.500 Metern.

Der Winter 2025/26 zeigte, wie sich Wärme und Trockenheit überlagern. Mit 1,1 Grad über dem Mittel von 1991 bis 2020 war das Winterhalbjahr in der DACH-Alpenregion erneut zu warm. Für die Nordalpen war es der zweittrockenste Winter seit 1991, für die Südalpen der trockenste. Von Dezember bis Anfang Februar fehlten regional bis zu 70 Prozent des üblichen Niederschlags.

Ein einzelner schneereicher Winter ändert an diesem Trend wenig, zumal Saisonprognosen solche Winter nur begrenzt vorhersagen (mehr dazu: Wie zuverlässig Winterprognosen sind). Welche Rolle El Niño und der Polarwirbel für den Winter 2026/27 spielen, erklärt ein eigener Beitrag (mehr dazu: El Niño und Polarwirbel). Im Hindukusch-Himalaya lag die Schneedecke 2025 das dritte Jahr in Folge unter dem Normalwert (mehr dazu: Snow Update Report 2025).

Wie hoch ist das Schneerisiko der Skigebiete bei zwei und vier Grad Erderhitzung?

François und sein Team messen das Risiko an einem festen Maßstab. Sie zählen, wie oft eine Saison so schneearm ausfällt wie im Mittel einer von fünf Wintern zwischen 1961 und 1990, der Gründerzeit vieler Skigebiete. Ohne Beschneiung tragen bei zwei Grad globaler Erderhitzung gegenüber vorindustrieller Zeit 53 Prozent der Skigebiete ein sehr hohes Risiko. Bei vier Grad sind es 98 Prozent.

Wird die Hälfte der Pisten beschneit, sinken die Anteile auf 27 und 71 Prozent. Die Gebirge unterscheiden sich stark, wie die Autoren in einem Beitrag für INRAE zeigen. In den französischen Alpen betrifft das sehr hohe Risiko bei zwei Grad ohne Beschneiung ein Drittel der Skigebiete, in den Pyrenäen 89 Prozent. In den französisch-schweizerischen Mittelgebirgen wie dem Jura sind es 80 Prozent.

Region (Skigebiete)+2 °C ohne Beschneiung+2 °C mit 50 % Beschneiung+4 °C ohne Beschneiung+4 °C mit 50 % Beschneiung
Europa (2.234)53 %27 %98 %71 %
Französische Alpenrund 33 %7 %k. A.k. A.
Pyrenäen89 %9 %k. A.k. A.
Französisch-schweizerische Mittelgebirge80 %56 %k. A.k. A.
Österreich (294)k. A.rund 3 %k. A.38 %

Österreich schneidet im Vergleich gut ab, weil seine Skigebiete früh auf Beschneiung gesetzt haben. Joanneum Research hat 294 österreichische Skigebiete untersucht. Wird dort die Hälfte der Pisten beschneit, trägt bei zwei Grad nur rund drei Prozent ein hohes Risiko. Bei drei Grad steigt der Anteil auf 13 Prozent, bei vier Grad auf 38 Prozent.

Die Forscher warnen davor, aus den Risikowerten direkt die Zahl künftiger Schließungen abzuleiten. Über die Zukunft eines Skigebiets entscheiden ebenso der Zustand der Lifte, die Vermarktung und das Bettenangebot im Ort. Den Rahmen setzt die Erderhitzung, die das Pariser Klimaabkommen auf deutlich unter zwei Grad begrenzen soll.

Wie viel Wasser und Strom braucht Kunstschnee?

Schneeerzeuger zerstäuben Wasser zu feinen Tröpfchen, die in kalter Luft gefrieren, bevor sie auf die Piste fallen. Das gelingt nur bei ausreichend niedriger Feuchtkugeltemperatur, einem Wert aus Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit. Schneilanzen arbeiten nach einer 2009 veröffentlichten Studie für das Schweizer Bundesamt für Energie ab minus zwei Grad Feuchtkugeltemperatur. Mit der Erderhitzung schrumpfen deshalb auch die Zeitfenster für Kunstschnee, besonders im November.

Den Wasserbedarf beziffert das Team um François im Verhältnis zum Niederschlag. Im Zeitraum 1961 bis 1990 entsprach der technisch erzeugte Schnee auf den ausgerüsteten Pisten 13 Prozent des Jahresniederschlags dort. Bei zwei Grad Erderhitzung und Beschneiung der Hälfte der Pisten steigt die Menge je nach Land um acht bis 25 Prozent. Ein großer Teil des Wassers fließt mit der Schneeschmelze in die Bäche zurück, lokal kann die Entnahme trotzdem Ökosysteme belasten.

Um die Bäche im Winter zu schonen, füllen die Betriebe Speicherbecken im abflussreichen Sommer. In Österreich zählt der Fachverband der Seilbahnen 459 solcher Becken. Den Energiebedarf gibt der Verband mit ein bis drei Kilowattstunden je Kubikmeter Schnee an. Ein Skigebiet mit 30 Hektar Pistenfläche braucht für die Beschneiung demnach rund 525.000 Kilowattstunden pro Winter.

Den Strombedarf aller Seilbahnen Österreichs einschließlich Beschneiung beziffert das Energie-Factsheet des Verbands von 2025 auf 750 Gigawattstunden, 1,2 Prozent des heimischen Strombedarfs. Den CO2-Fußabdruck des Stroms für Kunstschnee in Europa schätzt das Team um François auf rund 80.000 Tonnen CO2-Äquivalent, je nach Strommix der Länder sehr unterschiedlich. Den größeren Teil der Emissionen eines Skiurlaubs verursachen Anreise und Unterkunft.

Wer bezahlt Schneekanonen und neue Seilbahnen?

Wo Schneemangel Skigebiete unter Druck setzt, wächst der Investitionsbedarf. In Österreich tragen vor allem die Betriebe selbst die Kosten. Die Seilbahnen investieren nach Branchendaten der Wirtschaftskammer jährlich rund eine halbe Milliarde Euro in Anlagen und Beschneiungstechnik. In der Wintersaison 2024/25 zählten sie 51,9 Millionen Ersteintritte, also Skitage, und setzten an den Kassen 2,0 Milliarden Euro um. Wintersportler, die Seilbahnen nutzen, erzeugen nach Verbandsrechnung 12,6 Milliarden Euro Bruttoumsatz, von der Liftkarte bis zum Hotel.

An diesem Geld hängen nach derselben Quelle 127.900 Arbeitsplätze, davon 17.100 direkt bei den Seilbahnen. Die INRAE-Forscher beschreiben die Kehrseite: Weil Wärme Naturschnee und Kunstschnee zugleich bedroht, steigen die Investitionen in die Beschneiung. Das bindet die Bergorte noch enger an den Skitourismus.

In Bayern zahlt der Staat mit. Der Freistaat bewilligte aus seinem Seilbahnprogramm von 2014 bis 2023 jährlich 1,8 bis 18,8 Millionen Euro. Das zeigt die Antwort der Staatsregierung auf eine Landtagsanfrage vom November 2024. Für die Modernisierung der Kampenwandbahn hatte er bis dahin zehn Millionen Euro politisch zugesagt. 2023 zählte Bayern 161 Anlagen für künstliche Beschneiung.

In Italien fließt öffentliches Geld noch einseitiger in den Schnee. Nach dem Bericht Nevediversa 2026 des Umweltverbands Legambiente stützen in den meisten Fällen 90 Prozent der Fördermittel für den Bergtourismus das „System Schnee“. Für Umbau und Angebote außerhalb der Wintersaison bleibe nur ein kleiner Rest.

Wie viele Skilifte stehen in den Alpen schon still?

Eine vollständige Statistik für den Alpenraum gibt es nicht, Italien liefert aber eine jährliche Zählung. Legambiente erfasste im März 2026 in den Alpen und im Apennin 273 aufgegebene Skianlagen, die seit mindestens zehn Jahren nicht mehr laufen. Weitere 106 Anlagen sind vorübergehend geschlossen, ohne klare Aussicht auf Wiederöffnung. Bei 98 weiteren wechseln Betrieb und Stillstand.

Für 231 Anlagen wählt der Verband den Begriff „accanimento terapeutico“, sinngemäß Übertherapie. Gemeint sind Orte, in denen Betreiber den Skibetrieb trotz klarer wirtschaftlicher, klimatischer oder technischer Probleme mit wiederholten Sondereingriffen verlängern. Abgebaut oder umgenutzt wurden bisher nur 37 Anlagen, die übrigen aufgegebenen Lifte bleiben meist stehen.

Nicht jede Schließung geht auf fehlenden Schnee zurück. In den Steckbriefen des Berichts nennt Legambiente auch das technische Ende der Lebensdauer, geringe Auslastung oder Fusionen mit Nachbargebieten. Kleine, tief gelegene Lifte liegen allerdings genau dort, wo François und sein Team das höchste Risiko ausweisen, etwa in den Mittelgebirgen.

Wie stellen sich die Bergregionen auf den Sommer um?

In Österreich wächst der Sommertourismus schneller als der Wintertourismus. Die Beherbergungsstatistik von Statistik Austria verzeichnet für die Sommersaison 2025 rund 83,4 Millionen Nächtigungen, etwa 20 Prozent mehr als 2015. Die Wintersaison legte von 2014/15 bis 2025/26 um rund 13 Prozent auf 74,3 Millionen Nächtigungen zu.

Seilbahnen tragen diesen Wandel mit. In Bayern fahren nach der Landtagsantwort 75 von 124 Seilbahnen ganzjährig. Für den Großen Arber ging 2024 ein Förderantrag ein. Mit dem Geld sollen die Anlagen für den Sommer und den Fahrradtransport umgerüstet werden, dazu kommt ein Bikepark. Im Wintersportzentrum Mitterfirmiansreut-Philippsreut fördert der Freistaat zwei neue Sesselbahnen zusammen mit einem neuen Sommerangebot.

Die Autoren der Alpenklima-Bilanz beobachten, dass Hitze im Sommer zunehmend auch höhere Lagen erreicht und die Gletscher deutlich an Masse verlieren. Weltweit war der August 2026 der heißeste je gemessene Monat (mehr dazu: Hitzesommer 2026).

Das Team um François empfiehlt der Branche eine Strategie, die Anpassung und Klimaschutz verbindet. Bei zwei Grad Erderhitzung senkt Beschneiung das Risiko in den Alpen deutlich, bei vier Grad bleibt den Skigebieten nach Einschätzung der Forscher kaum noch Spielraum. Fahren Skifahrer für Schnee immer weiter, könnten die Emissionen aus der Anreise wachsen.

QUELLEN

  1. Statistik Austria: Ankünfte und Nächtigungen in der Sommersaison 2015 bis 2025, Tabelle, Beherbergungsstatistik.
  2. Statistik Austria: Ankünfte und Nächtigungen in der Wintersaison 2015 bis 2025 sowie nach Unterkunftsart in der Wintersaison 2025/26, Tabellen, erstellt am 12. Juni 2026.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x