Superreiche verdienen doppelt an der Klimakrise

OXFAM-BERICHT VOR DER COP31 · 27. OKTOBER 2026

Superreiche verdienen an der Klimakrise und am Aufräumen danach

Oxfam hat die Beteiligungen von 1.000 Milliardären ausgewertet. 71 Prozent des Geldes steckt in Öl, Gas und Chemie. Die Großanleger verdienen an der Klimakrise und an den Firmen, die nach Bränden und Fluten aufräumen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. LESEN


Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat den Bericht „Disaster Divide" vorgelegt, wenige Wochen vor dem Start der Klimakonferenz COP31 in Antalya. Neu darin ist, dass die Organisation die Emissionen einzelner Einkommensgruppen mit Todesfällen durch Hitze verknüpft. Die Emissionen eines einzigen Jahres aus dem reichsten Prozent der Weltbevölkerung verursachen nach dieser Rechnung rund 1,9 Millionen zusätzliche Hitzetote.

Diese Rechnung stützt sich auf eine Studie in Nature Climate Change, die Sarah Schöngart von der ETH Zürich und ihr Team 2025 veröffentlicht haben. Sie ordnet beobachtete Hitzeextreme den Emissionen von Einkommensgruppen zu. Oxfam überträgt das Verfahren auf die reichsten 0,1 Prozent und rechnet die Sterbefälle hoch.

Die 1,9 Millionen Todesfälle verteilen sich über hundert Jahre. Der Höhepunkt liegt etwa zehn Jahre nach dem Ausstoß, weil CO2 seine größte Erwärmungswirkung verzögert entfaltet. Ein Mensch aus den reichsten 0,1 Prozent hat nach dieser Methode 125-mal mehr zu den heutigen Hitzewellen beigetragen als ein Mensch im weltweiten Durchschnitt. Gegenüber jemandem aus der ärmeren Hälfte sind es fast 400-mal mehr.

Dass sich einzelne Hitzewellen auf Verursacher zurückrechnen lassen, hat die ETH Zürich 2025 für 180 Öl-, Gas- und Zementkonzerne gezeigt. In Europa starben im Sommer 2026 mehr Menschen an Hitze als in jedem Sommer zuvor.

Sechs Vermögensverwalter halten beide Seiten des Geschäfts

Oxfam hat 217 börsennotierte Konzerne zu einem Index zusammengestellt, den die Autoren „Destroy and Rebuild" nennen. Er verbindet die Datenbank der größten Öl-, Gas-, Kohle- und Zementproduzenten mit einem Bloomberg-Index jener Firmen, die Katastrophenvorsorge und Wiederaufbau betreiben. Diese 217 Konzerne erzielten 2025 im Schnitt 1,8 Milliarden Dollar Gewinn und schütteten davon im Schnitt mehr als eine Milliarde an ihre Aktionäre aus.

Sechs große Vermögensverwalter, darunter Vanguard, BlackRock und State Street, halten mehr als ein Viertel des Börsenwerts dieser Konzerne. BlackRock und Vanguard stecken in 92 Prozent von ihnen, mit zusammen mehr als einer Billion Dollar, rund 890 Milliarden Euro. Zehn Vermögensverwalter sind in über 90 Prozent der 217 Konzerne investiert. Dass dieselben Häuser die fossile Expansion mit Billionenbeträgen finanzieren, hat die Umweltorganisation Urgewald schon 2024 nachgewiesen.

Nach Oxfams Auswertung verdienen diese Großanleger an der Klimakrise doppelt, am Verursachen und am Beheben. Sie legen dabei fremdes Geld an. Bei den Milliardären zählt Oxfam dagegen nur deren eigene Beteiligungen.

Kreislauf-Grafik von Oxfam: Superreiche investieren in Verursacher und Wiederaufbau und verdienen an der Klimakrise doppelt
Oxfams Kreislauf-Grafik zeigt, wie dasselbe Kapital in Verursacher und in Sanierer fließt. QUELLE: OXFAM INTERNATIONAL, DISASTER DIVIDE 2026

Das Geschäft wächst schneller als der Markt. Der Bloomberg-Index aus Vorsorge- und Wiederaufbaufirmen schlug den US-Leitindex S&P 500 zwischen 2019 und 2024 um zehn Prozentpunkte pro Jahr. Den Weltmarkt für Wiederaufbau nach Katastrophen taxieren Marktforscher heute auf 70 Milliarden Dollar und für 2029 auf 92 Milliarden. Für Anpassungstechnik erwarten Finanzvermittler einen Sprung von einer auf bis zu vier Billionen Dollar bis 2050, sollten die Temperaturen schneller steigen.

Auch Fonds mit Nachhaltigkeitsanspruch tauchen in der Auswertung auf. Acht von ihnen halten Anteile an mindestens einem Viertel der börsennotierten Öl-, Gas-, Kohle- und Zementkonzerne. Ein als katholisch-ethisch beworbener Fonds hält Anteile an 45 Prozent dieser Konzerne, darunter Exxon Mobil, Chevron, Shell und TotalEnergies. Er heißt HC Capital Trust Catholic SRI Growth Portfolio.

Während die privaten Anbieter im Anpassungsgeschäft wachsen, fehlt das Geld dort, wo Menschen sich gegen Hitze und Fluten schützen müssten. Der Bedarf an öffentlichen Zuschüssen für Anpassung liegt nach Oxfams Rechnung zwölfmal höher als die Summe, die heute fließt. Privates Kapital deckt davon rund drei Prozent.

49 deutsche Milliardäre liegen weit über dem weltweiten Schnitt

Für Deutschland legt Oxfam eigene Berechnungen vor. Die Organisation hat 49 Deutsche unter den 1.000 Milliardären erfasst. Deren Investitionsemissionen summieren sich auf 34,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente für 2025. Im Schnitt entfallen auf eine deutsche Milliardärin oder einen deutschen Milliardär 704.881 Tonnen, auf die 1.000 insgesamt im Schnitt 486.000 Tonnen.

Oxfam rechnet dafür die direkten Emissionen eines Konzerns und die aus seinem Stromeinkauf anteilig den Eigentümern zu. Gezählt werden nur Beteiligungen über zehn Prozent, also Hauptanteilseigner mit Einfluss auf die Strategie des Unternehmens. 63 Prozent der deutschen Anteile stecken in Öl, Gas oder Chemie, etwas weniger als bei den 1.000 Milliardären insgesamt.

Privatjets 2025 Weltweit Deutschland
Abflüge4.399.05355.618
CO2 in Tonnen16.053.728182.165
CO2 pro Flug in Tonnen3,73
Flugstunden6.585.97094.816
Erdumrundungen105.0001.012

Quelle: Oxfam-Analyse von Daten des Private Jet Emissions Tracker des Institute for Policy Studies

Die von deutschen Flughäfen gestarteten Jets legten 40,5 Millionen Kilometer zurück. In 17 Minuten stoßen sie zusammen so viel aus wie ein Mensch aus der ärmeren Hälfte der deutschen Bevölkerung im ganzen Jahr. Für eine Durchschnittsperson in Deutschland dauert es 28,7 Minuten. Die Flüge nach Davos im Januar waren davon nur der sichtbarste Teil.

Nichtkommerzielle Flüge unterliegen in Deutschland eigentlich der Kerosinsteuer. Erhoben wird sie nach Oxfams Darstellung kaum. Betreiber tanken im Ausland, oder sie lassen ihre Jets über Unternehmen und Charterfirmen laufen, die formal als gewerblich gelten, obwohl die Nutzung überwiegend privat bleibt.

„Wer die Klimakrise so stark befeuert, muss auch für ihre Bewältigung zahlen", sagt Manuel Schmitt, Referent für soziale Ungleichheit bei Oxfam. Die Organisation verlangt von der Bundesregierung, Steuervorteile für Privatjets zu streichen und hohe Vermögen zu besteuern. Eine in der G20 diskutierte Mindeststeuer von zwei Prozent auf das Vermögen von Multimillionären und Milliardären würde in Deutschland bis zu 28 Milliarden Euro einbringen. Betroffen wären je nach Ausgestaltung 250 bis 5.000 Haushalte.

Die zugesagten sechs Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt hat Deutschland bereits 2025 verfehlt. Von 10,8 Milliarden Euro Klimafinanzierung kamen 4,7 Milliarden aus dem Haushalt, und für 2027 sieht Oxfam im Entwurf eine Lücke von mindestens einer Milliarde Euro. Vorschläge zur Gegenfinanzierung liegen vor: ein Klima-Malus auf fossile Beteiligungen und eine Übergewinnsteuer für fossile Konzerne, die Oxfam und Greenpeace 2025 vorgerechnet haben.

Kuba verliert bei Hurrikanen weniger Menschen als seine Nachbarn

Ob Extremwetter zur Katastrophe wird, entscheidet sich am Einkommen. In Mumbai mussten Haushalte mit niedrigem Einkommen nach Überschwemmungen das Fünfzehnfache ihres Monatseinkommens aufbringen, um Hausrat und Werkzeug zu ersetzen. Wohlhabende Haushalte derselben Stadt kamen mit etwa einem Monatseinkommen aus.

Ein Paar trägt nach einer Überschwemmung seine Nähmaschine durch das Hochwasser, darüber fliegt ein Privatjet

Der Verlust wiegt auch unterschiedlich schwer. Verliert eine Familie das Motorrad, mit dem sie ihr Geld verdient, bricht ihr Einkommen weg. Verliert eine reiche Familie den Zweitwagen, bleibt der Alltag. Als Hurrikan Mitch 1998 über Honduras zog, vernichtete er 18 Prozent des Besitzes der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung und drei Prozent beim reichsten Fünftel.

Von den 1,1 Milliarden Menschen in akuter Armut leben 887 Millionen in Regionen mit mindestens einer Klimagefahr, 681 Millionen davon dort, wo extreme Hitze auftritt. Im Pazifik hat sich die Zahl der von Klimakatastrophen betroffenen Menschen im Mittel der vergangenen zehn Jahre um 700 Prozent erhöht. In ungleicheren Ländern sterben bei Überschwemmungen siebenmal mehr Menschen als in gleicheren.

Kuba hält dem etwas entgegen. Als Hurrikan Georges 1998 mit gleicher Stärke auf Kuba und die Dominikanische Republik traf, starben in der Dominikanischen Republik 64-mal mehr Menschen. Hurrikan Matthew tötete 2016 in den USA 40 Menschen und in Haiti 1.000, in Kuba keinen. Das Land evakuiert vor jedem großen Sturm Hunderttausende und hält dafür staatliche Strukturen vor, deren Katastrophenvorsorge die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz anerkennen.

Für die Verhandlungen in Antalya legt Oxfam damit eine Eigentumsfrage auf den Tisch. Um das 1,5-Grad-Ziel zu halten, sind bis 2050 Investitionen von rund 266 Billionen Dollar nötig, etwa 238 Billionen Euro. Finanzieren und besitzen das reichste Prozent diese Anlagen, steigt sein Anteil am Weltvermögen um 25,6 Prozentpunkte auf knapp 46 Prozent. Gehören sie der öffentlichen Hand, sinkt der Anteil um 13 Prozentpunkte. So hat es das World Inequality Lab in Paris gerechnet.

Wer die saubere Zukunft baut, entscheidet also mit darüber, wem sie am Ende gehört. Die Taku-Pakasoa-Erklärung der Pazifikstaaten hat diese Frage bereits in den Konferenzsaal getragen.

QUELLEN

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  1. Oxfam International: Disaster Divide, Methodology Note, Oktober 2026.
  2. Oxfam Deutschland: Privatjets und Profite der Überreichen, Factsheet, Oktober 2026.
  3. World Inequality Lab: Berechnungen von Lucas Chancel und Cornelia Mohren zu Vermögensanteil und Klimainvestitionen, 2025.
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