Flasbarth geht und kritisiert die Klima-Rhetorik in der Regierung

ABSCHIED NACH 13 JAHREN ALS STAATSSEKRETÄR

Jochen Flasbarth: Beim Klimaschutz ist mehr gelungen als gedacht

Jochen Flasbarth ist nach 13 Jahren als Staatssekretär aus der Bundesregierung ausgeschieden. Im Abschiedsgespräch mit dem Tagesspiegel sagt der 64-Jährige, beim Klimaschutz sei mehr gelungen, als er sich vor knapp 20 Jahren vorstellen konnte.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8. NOVEMBER 2026 · 6 Min. LESEN


Mit 16 Jahren trat Jochen Flasbarth in den Deutschen Bund für Vogelschutz ein. Aus ihm ging später der NABU hervor, der Naturschutzbund Deutschland. Nun verlässt der gebürtige Duisburger das Umweltministerium, kurz vor der Weltklimakonferenz COP31 in Antalya. Anfang 2027 übernimmt er die Leitung der European Climate Foundation (ECF), einer Stiftung für Klimaschutz in Europa.

Den NABU führte Flasbarth ab 1992 als Präsident, zuerst im Ehrenamt, ab 1994 hauptamtlich. Bei seiner Wahl war er 29 Jahre alt. In einer Würdigung des Verbands heißt es, er habe den NABU politisiert und professionalisiert. Zum Abschied 2003 sagte er, wer mit 29 Präsident werde, könne nicht erwarten, auf diesem Posten mit 65 in Rente zu gehen. Mit 64 wechselt er nun wieder.

2003 holte ihn Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als Abteilungsleiter für Naturschutz ins Ministerium. Von 2009 bis 2013 leitete Flasbarth das Umweltbundesamt. Ende 2013 wurde er Staatssekretär unter Ministerin Barbara Hendricks (SPD). 2015 saß er in der deutschen Delegation, als die Staaten das Pariser Klimaabkommen beschlossen. Die Journalist*innen Nora Marie Zaremba und Caspar Schwietering nennen ihn in ihrem Abschiedsgespräch im Tagesspiegel Deutschlands wichtigsten Verhandler auf etlichen Klimagipfeln.

Ende 2021 wechselte er ins Ministerium für Entwicklung und kümmerte sich um Geld für den Klimaschutz in ärmeren Ländern. Im Mai 2025 kehrte er ins Umweltministerium zurück. Mit Minister Carsten Schneider (SPD) verhandelte er im Herbst 2025 über das EU-Klimaziel für 2040. Schneider nannte ihn zum Abschied ein „Urgestein der deutschen Umwelt- und Klimapolitik“.

Die Technik gibt es schon, sagt Jochen Flasbarth

Seinen Maßstab setzt Flasbarth bei der Grönland-Reise von Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2007. Damals war er Abteilungsleiter im Ministerium. Heute steht im Klimaschutzgesetz, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral werden soll. Das sei nicht das Programm einer Partei, sagt er. Über das Sondervermögen, den Kredittopf für Infrastruktur und Klimaschutz, stehe das Ziel sogar im Grundgesetz.

Auch weltweit sei der Klimaschutz nicht gescheitert. Alle technischen Lösungen gebe es bereits, viele rechneten sich schon: Strom aus Wind und Sonne, Elektroautos, Wärmepumpen und elektrische Prozesse in der Industrie. Diese weltweiten Trends hätte es ohne Klimapolitik nicht gegeben.

Ohne die Fortschritte seit Paris steuere die Welt auf mehr als fünf Grad globale Erderhitzung zu. Jetzt seien es 2,8 Grad. Das sei ein Fortschritt, aber viel zu viel, sagt der scheidende Staatssekretär. Die Zeit über 1,5 Grad müsse so kurz wie möglich bleiben.

Flasbarth zählt dafür drei Säulen auf. Die Staaten müssten weniger ausstoßen, sich an die Folgen anpassen und CO2 wieder aus der Luft holen. Diese dritte Säule sei neu. Sie gelinge mit neuen Wäldern, wieder nassen Mooren und technischen Verfahren. Wer glaube, eine um drei Grad heißere Welt lasse sich mit Klimaanlagen aushalten, irre sich gewaltig.

Flasbarth nimmt Habeck in Schutz

Den Vorwurf, Robert Habecks Reden über Klimaschutz hätten geschadet, hält Flasbarth für Unsinn. Handwerkliche Fehler habe es gegeben, räumt er ein. „Die Kritik an Habecks Gebäudeenergiegesetz war eine Hetzkampagne“, sagt Flasbarth. Viele kennen das Gesetz als Heizungsgesetz.

Mindestens so schwer wiege, dass die Förderung für Elektroautos in der vorigen Wahlperiode über Nacht endete. Schneider habe sie wieder eingeführt, gestaffelt nach Einkommen. Die Verkaufszahlen zeigten, dass das wirke. Ein Klimageld, also eine Pauschale für alle ohne Blick aufs Einkommen, sei in der SPD nie beliebt gewesen. Die Staffelung bei E-Autos und Wärmepumpen gebe das Geld nach Einkommen zurück und nütze dem Klima.

Dass Emmanuel Macron und Friedrich Merz am Aus für neue Verbrenner rütteln, finde er nicht schön. Die Mobilität der Zukunft sei trotzdem elektrisch, weil E-Autos sparsamer und im Betrieb günstiger seien. Offen sei nur, wer sie baue. Das sei eine Frage der Industriepolitik.

Der europäische CO2-Preis für Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel, kurz ETS II, komme 2028. Die Verschiebung um ein Jahr sei das Zugeständnis gewesen, als er mit Schneider das EU-Klimaziel verhandelte. Viele Partner, auch in Osteuropa, hätten ein Förderprogramm für Populisten gefürchtet. Eine weitere Verschiebung könne man sich nicht leisten. Populisten stellten Klimaschutz als Lebensstil städtischer Eliten dar, und dieses falsche Bild aus den Köpfen zu bekommen, dauere.

Flasbarth will Lösungen für ganz Europa entwickeln

Ein heimlicher Klimaminister sei er nie gewesen, und das habe er auch nicht gern gehört. Er habe immer gewusst, welche Rolle er habe. Er schmeiße nicht hin, ihn treibe nichts weg. Die Arbeit in der Regierung mache ihm auch im schwierigen Umfeld Spaß, zumal er Schneider sehr schätze.

Klima- und Naturschutz zu machen, sei trotzdem schwerer geworden. Die Union sei konservativer als zu Merkels Zeiten. Das kritisiere er nicht, aber es treibe Umwelt- und Wirtschaftsministerium auseinander. Dabei müssten beide Häuser schneller zusammenkommen.

Die Arbeit über Grenzen hinweg reize ihn seit Langem. Bleibe Europa nicht auf Kurs zur Klimaneutralität, drohe weltweit viel wegzubrechen. Bei der Stiftung wolle der künftige ECF-Chef Lösungen entwickeln, die technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich funktionieren.

Laut Lobbycontrol liegen die Themen von Ministerium und Stiftung zu eng beieinander, auch weil das Ministerium Projekte der ECF finanziert habe. Jochen Flasbarth nennt Lobbycontrol seriös. Er habe über die Kritik nachgedacht, halte sie aber für unbegründet. Die Stiftung arbeite wie die Bundesregierung darauf hin, dass Europa klimaneutral wird. An Entscheidungen über Fördergeld sei er weder direkt noch indirekt beteiligt gewesen.

Die Beschlüsse in Berlin seien in der Substanz besser als die Rhetorik eines Teils der Regierung, sagt Flasbarth. Diese Rhetorik sei ein Problem. Wenn einzelne Mitglieder der Regierung fossil in die Vergangenheit blinkten, schade das dem Klimaschutz, der Wirtschaft und dem Land.

QUELLEN

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  1. NABU: Ein NABU-Abschieds-Interview mit Jochen Flasbarth, 2003.
  2. NABU: Jochen Flasbarth wird neuer Präsident des Umweltbundesamtes, 05.08.2009.
  3. t-online/dpa: Umweltstaatssekretär Flasbarth wechselt zu Klimastiftung, 05.10.2026.
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