RAFFINERIEDIALOG STARTET IM NOVEMBER · 28. OKTOBER 2026
Uckermaerker / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0Leuna zeigt, was Reiches Raffineriestrategie auslässt
Das Forschungsinstitut der europäischen Raffineriebranche erwartet in seinen Netto-Null-Szenarien 85 Prozent weniger Raffineriekapazität. Katherina Reiches Strategie will Standorte erhalten. In Leuna und Piesteritz scheitern Umbauprojekte schon heute an den Kosten.
Am vergangenen Freitag versammelte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche Vertreter der Mineralölwirtschaft in Berlin und eröffnete den Branchendialog. Daraus soll die erste nationale Raffineriestrategie Deutschlands werden. Ab November arbeiten vier Arbeitsgruppen zu Investitionsbedingungen, Infrastruktur, Resilienz und zur Verzahnung mit der Chemiestrategie. Ergebnisse soll es im ersten Quartal 2027 geben, danach einen Kabinettsbeschluss.
Angekündigt hatte Reiche die Strategie im Mai 2026 bei einem Besuch der PCK-Raffinerie in Schwedt, damals noch für dasselbe Jahr. „Wir wollen wettbewerbsfähige Raffinerienkapazität in Deutschland erhalten", sagte sie dort. Elf Standorte verarbeiten in Deutschland gut 92 Millionen Tonnen Rohöl im Jahr. Für ihren Umbau seien Investitionen in Milliardenhöhe nötig, sagt das Ministerium, eine Zahl nennt es nicht.
Die Produktion schrumpft dabei gerade nicht. Im ersten Halbjahr 2026 stellten die deutschen Raffinerien 15,8 Millionen Tonnen Diesel her, 9,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Dahinter stehen die hohen Margen nach dem Ausfall von Lieferungen aus dem Golf. Europa verlor im Frühjahr rund ein Viertel seiner Diesel- und Kerosinversorgung.
Das Ministerium verhandelt in Brüssel drei Jahre Aufschub
Mitte Oktober hat FragDenStaat ein internes Sachstandspapier des Wirtschaftsministeriums veröffentlicht. Darin nennt das Haus eine Verschiebung der Importvorschriften der EU-Methanverordnung um drei Jahre die „einzig gute und sicherste Lösung". Kanzler Friedrich Merz unterstützt diese Position laut dem Papier.
Die EU-Kommission schlug am 14. Oktober ein Jahr Aufschub für die Berichts- und Prüfpflichten der Importeure vor. Brüssel bietet ein Jahr, Berlin will drei. Reiches Argument zur Methanverordnung hat Cleanthinking im Sommer geprüft, es trägt nicht.
Umweltminister Carsten Schneider stellt sich gegen die Verschiebung und kritisierte öffentlich, Reiche habe ihn beim Energieministerrat in Luxemburg übergangen. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, nennt die Strategie gegenüber der Rheinischen Post einen Versuch der „Laufzeitverlängerung für Öl". Mit Öl- und Gasverbänden traf sich die Bundesregierung 2026 mehrfach, mit Umweltorganisationen kein einziges Mal. Das steht in ihrer Antwort auf eine Anfrage der Grünen.
Beim Emissionshandel läuft dieselbe Bewegung. Reiche will die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten deutlich über 2039 hinaus fortführen, sonst drohe weitere Abwanderung von Produktion. Der Trilog über die Reform soll im ersten Quartal 2027 abgeschlossen werden, im selben Quartal, in dem die Arbeitsgruppen liefern. Die Strategie kommt also, wenn in Brüssel längst entschieden ist.
Die härteste Zahl zur Raffineriestrategie kommt von der Branche
„Eine Raffineriestrategie muss eine Transformationsstrategie sein, keine Bestandsgarantie für fossile Geschäftsmodelle", schreibt Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Zukunftsfähige Standorte könnten nachhaltige Flugkraftstoffe, Wasserstoff und nichtfossile Grundstoffe für die Chemie herstellen. Eine Aufweichung von Emissionshandel oder Methanverordnung verschiebe nur notwendige Anpassungen.
Wie groß der Rückbau ausfällt, hat das Forschungsinstitut der europäischen Raffineriebranche selbst rechnen lassen. S&P Global Commodity Insights hat für Concawe zwei Netto-Null-Szenarien gerechnet. In beiden sinkt die konventionelle Raffineriekapazität in Europa von 13 Millionen Barrel am Tag bis 2050 auf 1,7 bis 2,1 Millionen. Das sind rund 85 Prozent weniger. Die Autoren verstehen das als theoretische Fälle, nicht als Prognose.
Einen gerechneten Plan für Deutschland gibt es nicht. Das Ergebnispapier des ersten Branchendialogs beruht auf rund 30 Tiefeninterviews, ohne Modell und ohne Kostenpfade. Ohne mehrere bislang nicht geplante staatliche Maßnahmen kommen die Investitionen nach übereinstimmender Branchenauffassung nicht zustande. Manche Raffinerien, heißt es dort, „planen keine Projekte in diese Richtung".
Als einziges Rechenbeispiel nennt das Papier eine Anlage für eSAF, synthetisches Kerosin aus Strom, Wasser und CO2, mit rund 35.000 Tonnen im Jahr. Diese Menge entspricht 0,4 Prozent des deutschen Jahresbedarfs an Flugturbinenkraftstoff. In Europa sind nach Zählung von Transport & Environment 41 Großprojekte angekündigt, keines davon mit Investitionsentscheidung. Shell strich im September 2025 seine Rotterdamer Anlage und schrieb bis zu eine Milliarde US-Dollar ab.
In China stellen sechs Produzenten zusammen über drei Millionen Tonnen nachhaltigen Flugkraftstoff im Jahr her. Eine solche Anlage entsteht dort in rund eineinhalb Jahren, in Europa dauert sie geschätzt viereinhalb bis fünfeinhalb. Diesen Abstand hat Cleanthinking am E-Kerosin aus Dresden beschrieben.
Leuna ersetzt zwei Drittel seines Wasserstoffs
Raffinerien sind die größten Wasserstoffverbraucher Deutschlands, rund 20 Terawattstunden im Jahr, fast ausschließlich grauer Wasserstoff aus Erdgas. In Leuna will TotalEnergies zwei Drittel dieser Menge durch grünen Wasserstoff ersetzen und damit 800.000 Tonnen CO2 im Jahr einsparen. Die Raffinerie Mitteldeutschland verarbeitet zwölf Millionen Tonnen Rohöl und beschäftigt rund 700 Menschen. Ihre Emissionen von rund drei Millionen Tonnen sollen sich bis 2030 mehr als halbieren.
Der größte Schritt dorthin entsteht außerhalb der Anlage. Seit Oktober 2025 bauen die Stadtwerke Leipzig und TotalEnergies eine 19 Kilometer lange Leitung von der Raffinerie zum Heizwerk Kulkwitz. Sie kostet über 230 Millionen Euro, 90 Millionen davon fördert das Wirtschaftsministerium. Ab Herbst 2027 soll sie rund 40 Prozent des Leipziger Fernwärmebedarfs decken, umgerechnet 100.000 Wohnungen. Am selben Standort hat UPM Mitte Oktober eine Bioraffinerie eröffnet, die aus Buchenholz 220.000 Tonnen Grundstoffe im Jahr macht und damit Erdöl ersetzt.
Den grünen Wasserstoff liefert ab 2030 RWE, 30.000 Tonnen im Jahr über 15 Jahre. Erzeugt wird er in einem 300-Megawatt-Elektrolyseur in Lingen, von dort führen 600 Kilometer Pipeline bis ans Werkstor. Näher liegt Bad Lauchstädt, wo VNG und Uniper einen 30-Megawatt-Elektrolyseur mit Stacks von Sunfire betreiben. Bis zu 2.700 Tonnen sollen von dort nach Leuna gehen, die Leitung dafür hat ONTRAS auf 25 Kilometern von Erdgas umgestellt. Anlaufen sollte die Elektrolyse Ende 2025; im Juli 2026 hieß es, sie werde noch in diesem Jahr liefern.
Wie lang solche Wege werden, zeigt dieselbe Technik am selben Standort. Linde kündigte in Leuna im Januar 2021 die damals weltgrößte PEM-Elektrolyse an, 24 Megawatt und rund 3.200 Tonnen Wasserstoff im Jahr. Im September 2022 brach der erste Anfahrversuch aus Sicherheitsgründen ab, ab April 2024 folgte eine Überholung. Im Dezember 2025 kam es beim Wiederanfahren zu einem Wasserstoffleck und einem Brand. Die Landesregierung nennt nun das dritte Quartal 2026, im Regelbetrieb läuft die Anlage nicht.
Ihre 3.200 Tonnen entsprechen rund sechs Prozent der etwa 55.000 Tonnen fossilen Wasserstoffs, die Linde in Leuna herstellt. Mit diesem grauen Wasserstoff versorgt der Konzern auch die Raffinerie.
Piesteritz streicht und streckt seine Klimaprojekte
Verzahnt werden soll die Raffineriestrategie mit der Chemiestrategie, und dieselbe Kostenlogik wirkt andernorts in Sachsen-Anhalt. Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz in Lutherstadt Wittenberg sind der größte Ammoniak- und Harnstoffproduzent Deutschlands, mit 980 Beschäftigten. 2025 verbrauchte das Werk 12.101 Gigawattstunden Erdgas und emittierte 2,2 Millionen Tonnen CO2. Das Gas geht dort in die Produkte ein.
„SKW Piesteritz ist bereits heute größter Wasserstoffproduzent Deutschlands", sagt Geschäftsführer Carsten Franzke; gemeint ist grauer Wasserstoff aus Erdgas. Bis 2030 hat das Unternehmen 400 Millionen Euro für die Transformation freigegeben, rund 100 Millionen davon für eine Ammoniakanlage. Den Auftrag dafür erhielt der Anlagenbauer KBR am 23. Oktober, dem Tag von Reiches Auftakt.
Im Maßnahmenregister der Umwelterklärung für 2025 steht daneben, was nicht kommt. Das wasserstofffähige Industriekraftwerk sollte Ende 2026 fertig sein und 7.000 Tonnen CO2 im Jahr sparen, es ist „aufgrund Kostensituation zeitlich gestreckt". Die tertiäre Lachgasminderung an der Salpetersäureanlage rutscht aus demselben Grund von März 2026 auf 2027. Ein Photovoltaikpark mit 30 Megawatt wurde „aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit abgebrochen", und vom Ziel, Ende 2026 vollständig Grünstrom zu beziehen, sind 51 Prozent erreicht.
„Wären ausreichend bezahlbare Kapazitäten an Biomethan im Markt verfügbar, könnte die SKW Piesteritz sofort darauf umstellen", heißt es in derselben Erklärung. Damit ließe sich der CO2-Fußabdruck des Werks nahezu neutralisieren. Gegenüber dem Agro-Chemie Park plant VNG das Projekt GreenRoot Wittenberg, bis zu 500 Megawatt Elektrolyse und rund 50.000 Tonnen Wasserstoff im Jahr. Die Investitionsentscheidung steht 2027 an, in Betrieb gehen soll die Anlage 2030.
„Nicht jeder heutige Raffineriestandort wird automatisch ein Gewinner der Transformation sein", schreibt Kemfert. Leuna hat Wärmekunden in Leipzig, eine Wasserstoffleitung am Werkstor und Lieferverträge ab 2030. Piesteritz hat einen Anlagenbauer im Haus und ein gestrichenes Solarprojekt. Über beide entscheidet der Abstand zwischen Strom- und Gaspreis (mehr dazu: Ein Riesentauchsieder reicht nicht).
In Leuna lässt sich ablesen, was ein Standort für den Umbau braucht: Abnehmer für Wärme und Grundstoffe, eine fertige Leitung und einen tragfähigen Preis. Die ersten beiden baut Deutschland gerade. Beim dritten entscheidet, wofür Reiches Haus im ersten Quartal 2027 sein Gewicht in Brüssel einsetzt.
QUELLEN
- Reuters: Bundesregierung startet Strategie zur Sicherung der Raffinerien, 23.10.2026.
- Schwäbische Zeitung: Das verspricht Katherina Reiche allen deutschen Raffinerien, 13.05.2026.
- dpa: Reiche: Industrie beim Emissionshandel entlasten, 14.08.2026.
- Rheinische Post, nach Finanznachrichten: Grüne kritisieren Reiches Raffineriestrategie, 23.10.2026.
- tagesschau: Wie sieht die Zukunft der Raffinerien aus?, 24.10.2026.
- SAF Investor: China: five-year planning for SAF supply growth, 10.07.2026.
- TotalEnergies: Raffinerie Leuna, Standortangaben, 2025.
- Leipziger Zeitung: Grüner Wasserstoff aus dem Energiepark Bad Lauchstädt, 11.07.2026.
- ONTRAS, Pressemitteilung zum ersten Teilstück des Wasserstoff-Kernnetzes in Ostdeutschland, 08.04.2025.
- eot-news: TotalEnergies gibt Startschuss für Abwärmetrasse von Leuna nach Leipzig, 03.10.2025.
- Chemical Engineering: KBR to revamp two AGF nitrogen ammonia plants, 23.10.2026.