KOMMENTAR · 25. OKTOBER 2026

Harald Lesch macht Wasser zum Maßstab der Energiewende
Harald Lesch zieht aus dem Monstersommer eine harte Regel: keine Energie mehr, die Wasser heiß macht. Strom liefern Sonne und Wind. Wasser kann niemand herstellen, und daran scheitert jedes neue Atomkraftwerk.
Mehr als 16.000 Menschen hat die Hitze in diesem Sommer in Deutschland das Leben gekostet, so zählt es das Robert-Koch-Institut. Harald Lesch spricht im Interview mit dem Tages-Anzeiger von der „größten Naturkatastrophe, die wir je erlebt haben“. Bei einem solchen Unglück stünde die Politik normalerweise geschlossen da und spräche den Angehörigen ihr Beileid aus, sagt der Münchner Astrophysiker. Diesmal hörte man nichts.
Das Schweigen ist der eigentliche Skandal, übertroffen nur vom Abwiegeln. AfD-Politiker Tino Chrupalla fand den Sommer nach eigenen Worten ganz normal. Es war der zweitwärmste in Deutschland. In so einem Moment muss nach Leschs Überzeugung der Aufschrei unter Wissenschaftlerinnen losgehen: „Man muss ihn mit Fakten bombardieren.“* Lesch selbst hat die Rolle des neutralen Erklärers längst abgelegt.
Sonne und Wind liefern Strom auch in der Dürre
Leschs Argument beginnt beim Regen. Fällt im Winter keiner, fehlt im Frühjahr das Schmelzwasser, und die Flüsse trocknen aus. Hitzewellen fallen durch den Klimawandel etwa vier Grad wärmer aus, es regnet insgesamt weniger und dann als Starkregen. Auch Deutschland fehlt im Sommer schon heute das Wasser.
Daraus folgt der Satz, um den sich das ganze Interview dreht: „Strom können wir bei einer Dürre über Sonne und Wind erzeugen. Aber Wasser können wir nicht künstlich herstellen.“ Lesch leitet eine Regel ohne Hintertür ab. Energievorschläge dürften „niemals auf Technologien basieren, die Wasser erhitzen oder Kühlverfahren benötigen“.
Diese Regel sortiert die Energiewelt neu. Strom und Wärme erzeugen wir mit Sonne, Wind und Wärmepumpe, und keine dieser Techniken braucht einen Kühlturm. Wer heute Kraftwerke plant, die Wasser heiß machen, plant am knappsten Gut vorbei.
Atomkraftwerke machen im Grunde nur Wasser heiß
Frankreich und die Schweiz diskutieren über neue Reaktoren. Lesch hält dagegen: „Kernkraftwerke aber sind eine völlig veraltete Technologie, die machen im Grunde nur Wasser heiß.“ Was das im Hitzesommer bedeutet, hat Frankreich gerade erlebt. Mehrere der 57 französischen Reaktoren mussten drosseln oder vom Netz, weil das Wasser fehlte.
Für Lesch ist die Sache damit entschieden: „Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke.“ Ausgenommen seien Staaten, die sie für die Produktion von Plutonium für Atombomben brauchen.
Die einzige Währung auf dem Weg zu Netto-Null heißt Speed and Scale, Tempo und Menge. Atomkraft hat weder Speed noch Scale. Versprochen wurde sie uns schon in den 70er-Jahren als Energie der Zukunft. Damals stimmte das nicht, heute stimmt es auch nicht.
Die weltweiten Erzeugungsdaten zeigen den Abstand. Die Atomkraft überschritt 1971 erstmals die Marke von 100 Terawattstunden und brauchte 54 Jahre bis zu den 2.812 Terawattstunden von 2025. Wind schaffte mit 2.713 Terawattstunden fast dieselbe Menge in 20 Jahren, Solar mit 2.779 Terawattstunden in zwölf. Die Atomkraft lag schon 2006 bei 2.762 Terawattstunden und ist seitdem praktisch nicht mehr gewachsen. Ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung fiel von rund 17 Prozent um das Jahr 2000 auf 8,8 Prozent im Jahr 2025.
Die Renaissance der Atomkraft bleibt ein Märchen der Atomiker
Trotzdem rufen die Atomiker ihre Wunderwaffe jedes Jahrzehnt neu aus, zuletzt mit dem Versprechen, die Kapazität bis 2050 zu verdreifachen. Verdreifachen, wovon eigentlich? Von jahrzehntelanger Stagnation.
Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA rückt das Versprechen bereits nach hinten. Sie spricht laut SPIEGEL inzwischen davon, dass sich die Kapazität „in einem Hochszenario“ bis 2060 verdreifachen könnte. Hochszenario, 2060, könnte. Geile Planungssicherheit.
Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass der Anteil des Atomstroms weltweit sinkt oder bestenfalls stagniert, weil die Erneuerbaren schneller wachsen. Und die Mini-AKW, auf die Atomfans und Wirtschaftsministerin Katharina Reiche setzen? Eine Unterrichtung aus Reiches eigenem Haus nennt sie „global gesehen derzeit noch nicht marktfähig“. Lesch hatte die SMR-Pläne aus Brüssel schon früher zerlegt. Wind und Sonne verdreifachen nicht irgendwann, sie tun es jetzt.
Bleibt das Märchen von der Unabhängigkeit. Europa fördert praktisch kein eigenes Uran, es kommt aus Kasachstan, Kanada oder Niger. Bei Anreicherung und Brennelementen hängt Europa bis heute an Rosatom. Atomkraft tauscht eine Importabhängigkeit gegen die nächste, Wind und Sonne schicken weder Rechnung noch Lieferstopp.
Wer Flüsse aufheizt, opfert Ökosysteme für Wasserkocher
Ein rechtes Portal hält Lesch entgegen, die Abschaltungen in Frankreich seien „Folge von Umweltauflagen“ gewesen. Diese Auflagen legen fest, wie warm ein Fluss werden darf, und schützen ihn vor dem Kollaps. Jedes Grad Abwärme raubt dem Wasser Sauerstoff, am Ende treiben tote Fische an der Oberfläche. Wer die Auflagen als Ausrede abtut, verlangt im Klartext, Ökosysteme für sinnbefreite Wasserkocher zu opfern. Ein Kraftwerk, das nur zuverlässig läuft, solange man den Fluss kochen lässt, ist nicht zuverlässig.
Dazu kommt die Wortklauberei. Das Portal schreibt, es habe sich um hohe Wassertemperaturen und niedrige Pegel gehandelt, „nicht ein Mangel an Kühlwasser für die Anlagensicherheit“. Warmes Wasser und niedrige Pegel ergeben exakt diesen Mangel an Kühlwasser, nur umständlicher formuliert. Dem Stromkunden ist egal, ob der Reaktor wegen Physik oder wegen Fischschutz vom Netz geht, der Strom fehlt genau dann, wenn die Hitze am größten ist. Was für ein Gequatsche.
Dieselbe Rechnung gilt für die Rechenzentren der Künstlichen Intelligenz. Allein in Deutschland sind laut Lesch 150 neue geplant. „Diese Dinger brauchen enorm viel Strom und Kühlung.“ Schon heute protestieren Bürger*innen, weil sie sich ihr Grundwasser nicht entziehen lassen wollen, und Lesch verlangt, dass die Politik regulierend eingreift. Die Regel dafür ist einfach: Kühlung ohne Frischwasser, oder es gibt keinen Standort.
Ein rechtes Portal verhöhnt Lesch als „Klimapanik-Professor“
Für den Forscher selbst hat das Portal eine Reihe von Etiketten: „Wissenschafts-Erklärbär“, „Aktivist“, „notorischer Befürworter“ erneuerbarer Energien und „Klimapanik-Professor“, der über Kernkraftwerke „desinformiert“. Wer einen der bekanntesten Astrophysiker des Landes so nennt, will nicht widerlegen, sondern verhöhnen.
Das Muster ist alt. Rechtsextreme und manche Konservative diskreditieren Wissenschaftlerinnen, statt ihnen zuzuhören. Lesch hält die Grünen für „die einzige Partei in Deutschland, die die Ergebnisse der Naturwissenschaften von Anfang an ernst genommen hat“. Er schiebt hinterher: „Aber mein Parteibuch ist das Grundgesetz.“*
Vor 40 Jahren ging es anders. Beim Ozonloch hörte die Politik auf Chemiker wie Reinhard Zellner und handelte. Heute erklärt ein rechtes Portal den Forscher zum „Aktivisten“.
Am ehrlichsten wird das Portal an anderer Stelle. Wer Technik ablehne, die Wasser erhitzt, „streicht praktisch alle zuverlässigen, steuerbaren Kraftwerke“. Genau davor haben sie Angst. Sonne, Wind, Batterien und Wärmepumpen machen kein Wasser heiß, die Electrotech-Welt aus Strom, Elektronik und Speichern braucht keinen Kühlturm. Wer das als Bedrohung liest, zeigt, wie sehr er am fossilen Kessel hängt: #FossilePanik in Reinform.
Jede Gemeinde kann mit der Anpassung sofort beginnen
Leschs stärkster Gedanke zielt nach vorn. Neben dem Klimaschutz müsse endlich die Klimaanpassung mitgedacht werden, Hitzeschutz und Wassermanagement würden eine Riesenrolle spielen. „Und das Tolle an der Anpassung ist: Hier kann man sofort handeln.“ Dass die CDU die Klimaanpassung im Grundgesetz blockiert, hält niemanden vor Ort davon ab.
Lesch zählt auf, wo man anfängt: Wasser in der Landschaft halten, Moore wiedervernässen, Flussauen schützen, Totholz im Wald liegen lassen, damit der Boden Wasser wie ein Schwamm speichert. Städte übertragen das Prinzip als Schwammstadt, die Regen hält, statt ihn abzuleiten. Warschau hat eine achtspurige Hauptverkehrsstraße auf zwei Spuren verengt und begrünt, heute sitzen dort Menschen im Schatten.
Der Hebel liegt vor der eigenen Haustür, in einer Energiegenossenschaft oder im Gemeinderat, um Wasserrückhalt zu fordern. „Wir müssen von der Redeebene runter auf die Handlungsebene“, sagt Lesch. Er und seine Frau engagieren sich selbst im Projekt „Energiewende in Bürgerhände“.
Wie weit die Technik ist, zeigt Kalifornien. Dort laden Batterien tagsüber Sonnenstrom und geben ihn bei Bedarf wieder ab. Mit solchen Erfolgen könne man hiesige Netzbetreiber „regelrecht schockieren“, sagt Lesch, die könnten sich das gar nicht vorstellen.
Lesch nennt sich trotz allem einen Optimisten. Europa könne handeln und andere anstecken, „aus historischer Verantwortung, aber auch aus Zukunftslust“. Zukunftslust ist das Wort für die Gestalter der sauberen Zukunft, von der Genossenschaft über den Gemeinderat bis nach Wildpoldsried im Allgäu, das seit 25 Jahren ein Vielfaches seines Verbrauchs an Ökostrom erzeugt.
„Ich sehe Menschen, die nicht nur reden, sondern Photovoltaikanlagen und Windräder bauen und Energie speichern“, sagt Lesch. Treten Sie der Genossenschaft bei, gehen Sie in den Gemeinderat, bauen Sie die Schwammstadt vor Ihrer eigenen Tür.
QUELLEN
- WELT: „Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke“, 23.10.2026 (Übernahme des Tages-Anzeiger-Interviews über die Leading European Newspaper Alliance LENA).
- Ember: The Age of Power, September 2026, Folie 90.
- Our World in Data: Energy Data, Stromerzeugung nach Quelle weltweit, Daten von Ember und Energy Institute, Stand 2025.