Die Wunderwaffe (der Rechten), die keine ist

ENERGIEWENDE · 12. AUGUST 2026

GES-Studie: Atomkraft als Wunderwaffe gegen Dunkelflauten?

Die Ereignisse dieses Sommers lassen sich nicht wegdiskutieren: fünf Hitzewellen in Teilen Europas, Waldbrände von Portugal bis Deutschland, Ernteausfälle durch Dürre und Flüsse auf Niedrigwasser. Wer jahrelang eine Gegenerzählung verbreitet hat, muss jetzt neue Narrative liefern und tut das mit gewohnt simplen Lösungen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. Lesezeit LESEN


Meteorologen sowie Klima- und Attributionsforscher liefern die Einordnung dazu rauf und runter, im Fernsehen wie im Netz: Hitzewellen dieser Häufigkeit und Wucht gäbe es ohne die Erderhitzung nicht. Diese Botschaft erreicht in diesem Sommer auch Menschen, die jahrelang das Gegenteil gehört haben.

Diese Gegenerzählung lebte immer von Gefühlen. Sie erzeugte den beruhigenden Eindruck, es bestehe keine Gefahr und nichts müsse sich ändern. Ganz nach dem CSU-Motto: Aus dem Luxus-BMW wird ein hocheffizienter Verbrenner mit E-Fuels. Aber sonst ändert sich nichts.

Jetzt wird diese Beruhigungserzählung von etwas Stärkerem überlagert: den realen Erlebnissen der Menschen in diesem Sommer.

Konservative und rechte Parteien haben über Jahrzehnte daran gebaut. In Frankreich, den USA, Deutschland entstand eine Gegenwelt, in der sich am Ende nichts ändern muss: Kulturkampf gegen die vermeintliche CO2-Lüge. Donald Trump, der den Klimawandel zu einem Betrug erklärt. Alice Weidels Partei AfD, die den Ausstieg aus dem Atomausstieg fordert.

Wer also die Erzählung vom Weiter-so retten will, muss deshalb inzwischen anerkennen, was gerade passiert - und dennoch Wandel bestreiten. Das gelingt in mehreren Varianten. Die erste Reaktion: die eigene Wunderwaffe auspacken. Wer den Klimawandel zugeben muss, braucht sofort eine Technologie, die alles löst, ohne dass sich am Wirtschaftsmodell etwas ändert. In Frankreich und Deutschland heißt diese Wunderwaffe Atomkraft.

Einfache Antworten: von Le Pen bis zur GES-Studie

Marine Le Pens Rassemblement National führt das Muster in zwei Stufen vor. Erst kommt die Hitze: Klimaanlagen für Schulen und Krankenhäuser, lautet heute die zentrale Klimaforderung der Partei. Nach den verheerenden Waldbränden dieses Sommers kommt Stufe zwei: Der Klimawandel wird anerkannt. Verlangt wird Anpassung. Und die Antwort? Natürlich die Wunderwaffe Atomkraft.

„Halbherzig” nennt die Rheinische Post diese Kehrtwende. Doch sie verfängt teilweise. Selbst die Klimaanlage ist heute längst nicht mehr neutral. Sie ist zum Symbol geworden, an dem sich der Kulturkampf entzündet: Kühle Luft als Bürgerrecht gegen kühle Luft als Verschwendung, wie die NZZ beschreibt.

In Deutschland läuft dieselbe Mechanik unter anderem Absender. „Klimaanlagen retten Menschenleben”, überschrieb die AfD-Fraktion im Bundestag eine Mitteilung, in der sie einen „Klimawahn” für Baufehler wie den Verzicht auf Klimaanlagen verantwortlich macht und darauf verweist, dass der Begriff im Hitzeschutzplan der Bundesregierung fehlt. Auf die erzwungene Anerkennung folgt auch hier sofort die simple Lösung.

Die deutsche Variante der großen Wunderwaffe liefert derzeit die sogenannte GES-Studie, veröffentlicht vom Verein Global Energy Solutions aus Ulm. In ihr behaupten die drei Autoren, ohne neue Atomkraft sei die Energiewende nicht zu schaffen. Die FAZ macht daraus die Schlagzeile von den gefährlichen Dunkelflauten, gegen die die Energiewende auch Atomkraft brauche.

FAZ-Artikel zur GES-Studie: Energiewende braucht laut Studie auch Atomkraft

Aber ein Atomkraft-Revival wäre wie der Versuch der Wiederbelebung eines toten Pferds.

Wolkenkuckucksheim für Atomiker

Die GES-Studie denkt das deutsche Stromsystem wie einen Spielteppich im Kinderzimmer: Man reißt ab, was nicht gefällt. Also überwiegend Erneuerbare. Und stellt dann hin, was gerade in den Kram passt - überwiegend Atomkraft. Einen transformativen Pfad dorthin, mit Kosten, Bauzeiten und Genehmigungsverfahren, gibt es in der Studie nicht. Nur das fertige Wolkenkuckucksheim für Atomiker.

Im Kostenminimum-Szenario der GES-Studie also bleiben von der deutschen Solarleistung noch 40 Gigawatt übrig, real installiert sind heute rund 110 Gigawatt. Das bedeutet den Abriss von fast zwei Dritteln des Bestands.

Bei der Windkraft auf See stehen im Modell 7 Gigawatt, weniger als die rund 9 Gigawatt, die heute schon am Netz sind. Alle geplanten Offshore-Parks wären gekippt, die Entschädigungen dafür gingen in die Milliarden.

Stattdessen sollen 96 Gigawatt Kernkraft ans Netz, mehr als viermal so viel, wie in Deutschland je am Netz war. Für die Vorstellungskraft: Das würde 60 oder mehr Reaktoren entsprechen. Frankreich will 6 solcher Reaktoren bis 2038 errichten. Deutschland müsste 60 Atomkraftwerke in 20 Jahren bauen, um Klimaneutralität wenigstens ansatzweise im Blick zu behalten.

Tabelle 3 der GES-Studie: Im Kostenminimum-Szenario (unterste Zeile) stehen 96 Gigawatt Kernkraft neben nur 40 Gigawatt Photovoltaik und 7 Gigawatt Offshore-Wind. Grafik: Global Energy Solutions e.V., „Der klimaneutrale Strommix der Zukunft”, Juli 2026 (Bildzitat)
Tabelle 3 der GES-Studie: Im Kostenminimum-Szenario (unterste Zeile) stehen 96 Gigawatt Kernkraft neben nur 40 Gigawatt Photovoltaik und 7 Gigawatt Offshore-Wind. Grafik: Global Energy Solutions e.V., „Der klimaneutrale Strommix der Zukunft”, Juli 2026 (Bildzitat)

Ausgerechnet die vermeintliche Klimalösung leidet dabei selbst unter der Erderhitzung: In Frankreich müssen Reaktoren in Hitze- und Niedrigwassersommern regelmäßig gedrosselt werden, weil das Kühlwasser fehlt, ein Problem, das Cleanthinking seit Jahren als energiepolitische Sackgasse dokumentiert.

Zwei voneinander unabhängige Stimmen aus der Energie-Szene haben die Rechnung dahinter bereits auseinandergenommen.

Ein Beispiel aus Dracons Analyse zeigt, wie sich die Studie ihre Ergebnisse zurechtrechnet: Für 2035 setzt sie Photovoltaik mit 1.500 Euro pro Kilowatt Peak an, am Markt kostet die Anlage heute rund 600 Euro. So werden die Erneuerbaren künstlich teuer gerechnet, bis die Wunderwaffe am Ende alternativlos aussieht.

Wie schnell aus so einer Rechnung Politik wird, zeigte sich zwei Tage nach dem FAZ-Artikel. Die AfD-Bundestagsabgeordneten Paul Schmidt und Rainer Kraft begrüßten die Studie, machten aus dem Ulmer Verein ein „Institut” und aus dessen Systemkosten-Szenarien Strompreis-Prognosen in Cent je Kilowattstunde. Solche Vorhersagen trifft die Studie ausdrücklich nicht, das stellt ihr eigenes Methodenkapitel klar.

Wie das Wolkenkuckucksheim für Atomiker gezimmert wird, zeigt ein Satz aus der Mitteilung der AfD besonders gut: „Sie ist besonders ernst zu nehmen, weil sie die gesamten Kosten der Energiewende einbezieht, also auch die horrenden Kosten des für den Zubau der Erneuerbaren nötigen Netzausbaus, die allein mit knapp 80 Milliarden Euro pro Jahr zu Buche schlagen.”

Tatsächlich sind die Netzkosten vor allem das Resultat jahrzehntelang verschleppter Digitalisierung der Verteilnetze und der breiten Elektrifizierung des Energiesystems, von der Wärmepumpe bis zur Industrie. Mit PV-Dachanlagen, die heute auf Eigenverbrauch ausgelegt werden, haben sie wenig zu tun. Eine weitgehende Elektrifizierung, die die AfD für falsch hält, in der Studie jedoch als Voraussetzung angenommen wird.

Der neue Feind heißt Klimaneutralität

Nicht jeder packt die Wunderwaffe aus. Die britische Oppositionsführerin Kemi Badenoch wählt die zweite Form des Nachziehens: den Klimawandel anerkennen und die Antwort darauf zum eigentlichen Problem erklären.

Ich stelle keineswegs infrage, ob es den Klimawandel gibt. Es gibt ihn”, sagt Badenoch. Das britische Ziel „Netto-Null” (Klimaneutralität bis 2050) nennt sie zugleich unmöglich, ohne den Lebensstandard massiv zu senken oder das Land in den Bankrott zu treiben, und will das zugrunde liegende Klimaschutzgesetz kippen.

Die Frontlinie verschiebt sich damit: Nicht mehr der Klimawandel selbst ist der Hoax, die Maßnahmen dagegen sind es.

Die Verzweiflung der Klügeren

Es gibt auch eine dritte, leisere Form des Nachziehens, aus den eigenen Reihen. „Der Klimawandel ist real, und die Rechte muss ihn endlich ernst nehmen. Die Belege stapeln sich, wir müssen nur aus unseren Fenstern schauen.” Das schrieb Ende Juli Tim Stanley, Kolumnist des britischen Telegraph, eines Blatts, das sonst zuverlässig gegen ambitionierte Klimapolitik anschreibt.

Manche Autoren bei "The Telegraph" rufen Rechte zur Rückkehr in die Realität auf.
Manche Autoren bei „The Telegraph“ rufen Rechte zur Rückkehr in die Realität auf.

Die Gegenrede kam zwei Tage später aus derselben Zeitung: Der Klimawandel sei real, aber Erneuerbare seien „leider nutzlos”, konterte John Constable. Er leitet die Renewable Energy Foundation, der Kritiker seit Jahren vorhalten, trotz ihres Namens vor allem gegen Windkraftprojekte zu arbeiten.

Dieses Narrativ von den nutzlosen Erneuerbaren wird auch in Deutschland gestreut, und es kollidiert frontal mit den Daten: Die weltweit installierte Solarleistung hat gerade die 3-Terawatt-Marke im Rekordtempo geknackt, und mit der Kombination aus Solarenergie und Batteriespeichern hat das Dauersolar-Zeitalter begonnen, Solarstrom rund um die Uhr.

Am Ende bleibt die Frage, was tatsächlich hilft, wenn die gefühlte Realität endgültig der erlebten weicht.

Es gibt keine Paradiesmaschine

Es gibt für die Energiewende keine Paradiesmaschine”, zitiert Ullrich Fichtner im Spiegel den Thermodynamik-Professor Gerhard Schmitz von der TU Hamburg.

Der Unterschied zeigt sich am deutlichsten im Vergleich mit einer echten Systemstudie. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme hat mit seinem Modell REMod eine kostenoptimale Transformation des deutschen Energiesystems bis 2045 durchgerechnet, sektorübergreifend, aufbauend auf dem existierenden System. Die GES-Studie bastelt dagegen ein hypothetisches Endbild ohne Pfad und nennt das Technologieoffenheit.

In der Fraunhofer-Rechnung scheidet neue Atomkraft nicht aus Ideologie aus, sondern aus reiner Kostenlogik: Freiflächen-Solar und Wind an Land liegen bei vier bis sieben Cent je Kilowattstunde, neue Kernkraftwerke deutlich darüber. Wie teuer ein echter Neustart der Atomkraft wird, zeigt gerade das US-Beispiel Palisades. Ein Verbot ist das nicht, nur eine Rechnung, die Solar und Wind aktuell gewinnen.

Dabei scheitern die Erneuerbaren in der GES-Studie nur, weil sie dort selbst als Wunderwaffe antreten müssen: Im Hundert-Prozent-Szenario tragen Wind und Sonne das gesamte System allein, Batteriespeicher hat die Studie ausdrücklich nicht modelliert. Reale Energiewende-Szenarien planen Speicher, Flexibilität und Reserven von Anfang an mit, als Puzzle aus vielen Komponenten.

Selbst die Atomiker von Global Energy Solutions rechnen inzwischen mit rund 950 Terawattstunden Verbrauch, mit einer weitgehend elektrifizierten Welt also, Wärmepumpen, E-Autos und elektrifizierte Industrie eingeschlossen. Die Grundannahme der Transformation des Energiesystems ist damit selbst im Wolkenkuckucksheim längst Konsens, nur der Weg dorthin bleibt strittig.

Was am Ende trägt, sind Erfahrungskurven: Solar, Wind, Batterien, Elektroautos und Wärmepumpen werden durch schiere Skalierung so schnell günstiger, dass sie den größten Teil der Arbeit übernehmen, Puzzleteil für Puzzleteil. Gestalter der sauberen Zukunft ist, wer dieses Puzzle annimmt. Die Wunderwaffen-Erzähler verwalten in fossiler Panik nur den Besitzstand des fossilen Zeitalters.

Häufige Fragen zur GES-Studie

Was ist die GES-Studie?

Die GES-Studie „Der klimaneutrale Strommix der Zukunft” wurde im Juli 2026 vom Verein Global Energy Solutions in Ulm veröffentlicht. Sie behauptet, die deutsche Energiewende sei ohne den massiven Ausbau neuer Atomkraft nicht zu schaffen.

Wie viel Kernkraft sieht die GES-Studie vor?

Im Kostenminimum-Szenario der Studie sollen 96 Gigawatt Kernkraft am Netz sein, mehr als viermal so viel wie am historischen Höchststand von gut 20 Gigawatt. Der deutsche Atomausstieg ist seit 2023 abgeschlossen.

Warum kritisieren Energiewirtschaftler die GES-Studie?

Der Energiewirtschaftler Christoph Maurer und der Energie-Youtuber Dracon werfen der Studie grobe methodische Fehler vor, etwa bei den Kostenannahmen für Photovoltaik, die für 2035 mit 1.500 statt der marktüblichen 600 Euro pro Kilowatt Peak angesetzt wird.

Was zeigt die Fraunhofer-ISE-Studie im Vergleich zur GES-Studie?

Die Fraunhofer-ISE-Studie baut auf dem existierenden Energiesystem auf und rechnet die kostenoptimale Transformation bis 2045 durch. Neue Atomkraft scheidet dort aus Kostengründen aus, weil Freiflächen-Solar und Wind an Land bei vier bis sieben Cent je Kilowattstunde liegen.

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