Hausbesitzer senken Heizkosten mit kühlerem Heizwasser

HEIZKURVE, HEIZKÖRPER, WARMWASSER · 14. OKTOBER 2026

Jedes Grad weniger Vorlauftemperatur senkt die Heizkosten

Wie heiß das Wasser in die Heizkörper strömt, bestimmt, wie viel Strom eine Wärmepumpe und wie viel Gas ein Brennwertkessel braucht. Viele Hausbesitzer heizen mit deutlich wärmerem Wasser als nötig und zahlen dafür jeden Winter.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Im Heizungskeller steht eine Zahl, die kaum jemand kennt und die trotzdem über die Rechnung entscheidet. Die Vorlauftemperatur legt fest, wie heiß das Wasser ist, das der Wärmeerzeuger in die Rohre schickt. Bei klassischen Heizkesseln wirkt die Temperatur vergleichsweise wenig auf den Verbrauch, stellt das Umweltbundesamt fest. Installateure haben die Regler deshalb über Jahrzehnte eher auf störungsfreien Betrieb eingestellt als auf niedrige Werte.

Mit der Wärmepumpe ändert sich die Rechnung. Sie holt Wärme aus Luft oder Erdreich und muss sie auf das Niveau des Heizwassers heben. Je höher dieses Niveau, desto mehr Strom braucht sie. Das UBA hat in seinem Abschlussbericht zu Wärmepumpensystemen in Bestandsgebäuden vom März 2024 die Folgen durchgerechnet. Ein Einfamilienhaus, dessen Heizkörper 70 statt 55 Grad Vorlauftemperatur brauchen, verbraucht rund 25 Prozent mehr Endenergie.

Die Autor*innen desselben Berichts gehen davon aus, dass in vielen Häusern höhere Temperaturen eingestellt sind als nötig. Weil Heizkörper oft überdimensioniert sind, lassen sich diese Werte häufig ohne Komfortverlust senken. Wer die eigene Vorlauftemperatur kennt und schrittweise senkt, spart ohne neue Technik, bei der Wärmepumpe am stärksten, beim Brennwertkessel ebenfalls.

Was unterscheidet Vorlauf, Rücklauf und Spreizung

Die Vorlauftemperatur misst das Heizwasser auf dem Weg vom Wärmeerzeuger zu den Heizflächen, die Rücklauftemperatur das Wasser auf dem Rückweg. Die Differenz zwischen beiden heißt Spreizung und zeigt, wie viel Wärme das Wasser unterwegs an die Räume abgegeben hat.

Planer schreiben beide Werte als Paar. Das Umweltbundesamt rechnet für ein typisches, teilsaniertes Einfamilienhaus mit Heizkörpern mit 55/45 Grad, also 55 Grad Vorlauf, 45 Grad Rücklauf und zehn Kelvin Spreizung. Diese Werte gelten für den Auslegungsfall, den kältesten Tag, für den die Anlage geplant ist. An milden Tagen fährt die Regelung beide Temperaturen deutlich herunter.

Für die Effizienz zählt meist der Mittelwert aus Vorlauf und Rücklauf, die sogenannte Systemtemperatur. Eine große Spreizung bei hohem Vorlauf kann deshalb ähnlich effizient sein wie eine kleine bei etwas niedrigerem Vorlauf. Für den Brennwertkessel kommt es dagegen vor allem auf den Rücklauf an.

Welche Vorlauftemperatur brauchen Fußbodenheizung und Heizkörper

Eine Fußbodenheizung kommt mit höchstens 35 Grad aus, klassische Heizkörper sind meist auf 55 Grad und mehr ausgelegt. Diese Faustwerte nennt ein Ad-hoc-Papier des Umweltbundesamts vom März 2023. Der Grund liegt in der Fläche: Ein ganzer Fußboden gibt dieselbe Wärme bei viel niedrigerer Temperatur ab als ein schmaler Heizkörper unter dem Fenster.

In Häusern der Baujahre 1960 bis 1995 vermutet das UBA-Papier überwiegend Heizsysteme mit höheren Temperaturen, ursprünglich häufig auf 70 Grad ausgelegt. Nach dem Fenstertausch und mit überdimensionierten Heizkörpern reichen dort nach Einschätzung der Autor*innen oft 60 bis 65 Grad. Für Anlagen ab etwa 1995 geht das UBA vorwiegend von Niedertemperatursystemen mit 55 Grad und weniger aus.

Wie weit die Praxis streut, hat das Fraunhofer ISE im Feldtest „WPsmart im Bestand“ gemessen. Bei minus zwölf Grad Außentemperatur lagen Anlagen mit Fußbodenheizung zwischen 33/28 und 44/40 Grad. Anlagen mit reinen Heizkörpern reichten von 39/32 bis 64/56 Grad. Gut dimensionierte Plattenheizkörper erreichten damit Temperaturen im Bereich einer Fußbodenheizung.

Heizflächentyp (typisch)Auslegungs-VorlauftemperaturAnteil am WohngebäudebestandJAZ Heizen Luft-WärmepumpeEinordnung für die Wärmepumpe
Fußbodenheizung, Flächenheizungunter 35 °C13 %4,2sehr gut geeignet
Große Niedertemperatur-Heizkörper35 bis 45 °C10 %3,8gut geeignet
Plattenheizkörper im teilsanierten Haus45 bis 55 °C30 %3,3unproblematisch laut UBA
Knapp bemessene Heizkörper55 bis 65 °C37 %2,7einzelne Heizkörper tauschen prüfen
Alte Rippen- und Gliederheizkörper, unsaniertüber 65 °C10 %2,3Heizkörpertausch oder Hochtemperatur-Wärmepumpe

Quelle: Umweltbundesamt, Climate Change 11/2024, Tabelle 3 (Temperaturbänder, Anteile als Idealwerte, simulierte Jahresarbeitszahl Heizen für Luft-Wärmepumpen). Die Zuordnung der Heizflächentypen zu den Bändern ist eine Einordnung von Cleanthinking auf Basis des UBA-Papiers vom März 2023 und der Messungen des Fraunhofer ISE. Stand: März 2024.

Wie hängt die Vorlauftemperatur von Heizkurve und Außentemperatur ab

Die Heizkurve ordnet jeder Außentemperatur eine Vorlauftemperatur zu: Je kälter es draußen ist, desto heißer schickt die Regelung das Wasser los. Zwei Stellgrößen formen diese Kurve, die Steilheit und das Niveau.

Die Steilheit legt fest, um wie viel Grad sich die Vorlauftemperatur ändert, wenn es draußen ein Grad wärmer oder kälter wird. So beschreibt es das Faktenblatt der Energieberatung Stadt Zürich vom November 2023. Das Niveau verschiebt die ganze Kurve parallel nach oben oder unten. Bei zu steiler Kurve wird das Haus bei Frost zu warm, bei zu hohem Niveau an jedem Tag des Winters.

Beide Werte stellen Hausbesitzer oder Installateure direkt am Regler ein, ohne Werkzeug und ohne Kosten. Wer die Vorlauftemperatur senken will, beginnt deshalb an der Heizkurve und erst danach an den Heizkörpern.

Warum spart kühleres Heizwasser bei der Wärmepumpe Strom

Eine Wärmepumpe braucht umso mehr Strom, je größer der Temperaturabstand zwischen Wärmequelle und Heizwasser ist. Jedes Grad weniger Vorlauftemperatur verkleinert diesen Abstand und damit den Stromverbrauch.

Die Physik dahinter beschrieb der französische Ingenieur Sadi Carnot. Nach seiner Formel hat jede Wärmepumpe eine theoretische Obergrenze, gerechnet in Kelvin. Bei null Grad Außenluft und 35 Grad Vorlauf erlaubt sie eine Leistungszahl von rund 8,8, bei 55 Grad nur noch von rund sechs. Reale Geräte bleiben weit unter dieser Grenze, folgen aber demselben Zusammenhang.

Das UBA leitet im Bericht von 2024 eine einfache Gleichung ab: Pro Grad mittlerer Systemtemperatur verliert eine Luft-Wärmepumpe rund 0,05 Punkte Jahresarbeitszahl. Bei einer Jahresarbeitszahl um drei entspricht das knapp zwei Prozent Strom je Grad. Die Jahresarbeitszahl gibt an, wie viele Kilowattstunden Wärme eine Anlage im Jahr aus einer Kilowattstunde Strom macht.

In der Beispielrechnung des UBA erreicht das Einfamilienhaus mit 55/45 Grad eine Jahresarbeitszahl von etwa 3,0. Bei 70 Grad sinkt sie auf 2,4, bei 45 Grad steigt sie auf 3,45 und der Endenergiebedarf fällt um zwölf Prozent. Der Forschungsverbund LowEx-Bestand kommt laut UBA auf ein ähnliches Ergebnis. Wer die Vor- und Nachteile der Wärmepumpe abwägt, sollte die Vorlauftemperatur deshalb vor dem Kauf kennen.

Bei minus 14 Grad Außenluft liegt die Leistungszahl der Standard-Wärmepumpe im UBA-Modell nur noch bei etwa 1,5. Im Feldtest des Fraunhofer ISE verlangten Bestandshäuser selten so viel. Die 29 Luft-Wärmepumpen kamen zwischen Juli 2018 und Juni 2019 im Mittel auf eine Jahresarbeitszahl von 3,1. Ihre maximale Vorlauftemperatur lag im Mittel bei 43,6 Grad.

Was jede eingesparte Kilowattstunde wert ist, hängt am Strompreis. Mit einem Wärmepumpentarif, Solarstrom und Speicher drücken Hausbesitzer den Preis, mit einer niedrigen Vorlauftemperatur die Menge. Wie stark das Verhältnis von Strom- zu Gaspreis den Markt bremst, hat die IEA untersucht (mehr dazu: Was den Wärmepumpenmarkt laut IEA bremst).

Warum muss beim Gas-Brennwertkessel der Rücklauf kühl bleiben

Ein Brennwertkessel nutzt die Wärme im Wasserdampf seiner Abgase nur, wenn dieser Dampf kondensiert. Dafür muss das Heizwasser, das aus dem Rücklauf in den Kessel strömt, die Abgase ausreichend abkühlen.

Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Brennwertkessel nur bei gut abgestimmter Anlage tatsächlich im Brennwertbetrieb laufen. Kommt der Rücklauf zu warm zurück, bleibt der Dampf gasförmig und zieht mit seiner Wärme durch den Schornstein. Der Kessel verschenkt dann den Vorteil, für den er gebaut wurde. Eine niedrigere Vorlauftemperatur senkt auch den Rücklauf und holt die Kondensation zurück.

Hausbesitzer gewinnen beim Einstellen doppelt. Sie senken den Gasverbrauch sofort und erfahren, mit welcher Temperatur ihr Haus auskommt. Wer wissen will, wie teuer die Gasheizung auf Dauer wird, hat damit auch die wichtigste Kennzahl für den späteren Umstieg in der Hand.

Wie finden Hausbesitzer die nötige Vorlauftemperatur heraus

Hausbesitzer senken die Heizkurve im Winter schrittweise, bis einzelne Räume nicht mehr warm werden. Die letzte Einstellung, bei der alle Räume behaglich bleiben, zeigt die tatsächlich nötige Vorlauftemperatur.

Die Energieberatung Stadt Zürich empfiehlt, die Vorlauftemperatur höchstens einmal pro Woche um jeweils zwei bis drei Grad zu ändern. Das Haus braucht einige Tage, bis es auf die neue Einstellung reagiert. Am aussagekräftigsten ist der Versuch an einem richtig kalten Tag. Beim verbreiteten 55-Grad-Test stellen Hausbesitzer den Kessel an einem Frosttag auf 55 Grad Vorlauf und prüfen, ob alle Räume warm bleiben.

Die 55 Grad haben einen fachlichen Hintergrund: Das UBA stuft im Papier von 2023 alle Systeme bis 55 Grad als unproblematisch für Wärmepumpen ein. Bleibt nur ein Raum kalt, liegt es oft an einem einzelnen zu kleinen Heizkörper. Im Forschungsverbund LowEx-Bestand senkte der Tausch von sieben Prozent der Heizkörper in einem Karlsruher Mehrfamilienhaus die Vorlauftemperatur von 75 auf 55 Grad. Die Jahresarbeitszahl stieg dadurch von 2,0 auf 2,8.

Oft reicht ein Heizkörper mit mehr Platten und Lamellen. Das Fraunhofer ISE hat für einen Heizkörper gleicher Länge drei Bauarten durchgerechnet. Die mittlere Heizkreistemperatur sank von 63,0 Grad beim Typ 21 auf 47,1 Grad beim Typ 33. Das UBA beziffert den Tausch von Typ 22 auf Typ 33 mit einer Senkung von 55/45 auf 47/40 Grad und zehn Prozent mehr Effizienz.

Vor jedem Tausch steht der hydraulische Abgleich. Dabei stellt der Installateur jedes Ventil so ein, dass jeder Heizkörper genau die Wassermenge bekommt, die er braucht. Ohne Abgleich muss die Vorlauftemperatur oft höher liegen, damit auch der am schlechtesten versorgte Raum warm wird. Das UBA nennt Regeloptimierung, hydraulischen Abgleich und den Tausch einzelner Heizkörper als die drei einfachen Wege zu niedrigeren Systemtemperaturen.

Warum gilt für das Warmwasser eine eigene Grenze

Das Trinkwasser folgt eigenen Regeln, weil Legionellen sich in lauwarmem Wasser vermehren. Die Heizkurve betrifft nur den Heizkreis, das Warmwasser bekommt eine separate Solltemperatur.

Das DVGW-Arbeitsblatt W 551 verlangt bei Großanlagen mindestens 60 Grad am Ausgang des Speichers. Großanlagen sind Speicher mit mehr als 400 Litern oder Leitungen mit mehr als drei Litern Inhalt. So fasst es ein UBA-Papier zu Trinkwarmwasserkonzepten vom November 2023 zusammen. Für private Ein- und Zweifamilienhäuser gibt es keine feste Vorschrift. Das UBA empfiehlt generell ein Temperaturniveau von durchgängig über 55 Grad.

Hebt ein Typ-Einfamilienhaus sein Warmwasser von 48 auf 60 Grad und betreibt eine Zirkulation, steigt der Wärmepumpenstrom laut UBA-Bericht um 15 Prozent. Frischwasserstationen erwärmen das Trinkwasser im Durchlauf und ermöglichen laut UBA niedrigere Systemtemperaturen. Das UBA rät, bei Ein- und Zweifamilienhäusern ernsthaft zu prüfen, ob eine Zirkulation nötig ist.

Auch Stadtwerke rechnen mit kühlerem Wasser. Die Stadtwerke Augsburg senken in einem Teilnetz die Temperatur, damit künftig eine Flusswasser-Wärmepumpe in die Fernwärme einspeisen kann. Ob am Ende Fernwärme oder eine eigene Wärmepumpe ein Haus heizt, legt oft der kommunale Wärmeplan fest. Eine niedrige Vorlauftemperatur im Haus hilft in beiden Fällen.

QUELLEN

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  1. Fraunhofer ISE: WPsmart im Bestand: Wärmepumpen-Feldtest mit Fokus Bestandsgebäude, abgerufen im September 2026.
  2. Fraunhofer ISE: Auch in Bestandsgebäuden funktionieren Wärmepumpen zuverlässig und sind klimafreundlich, Presseinformation, 2020.
  3. Forschungsverbund LowEx-Bestand: Abschlussbericht LowEx-Bestand Analyse (Bongs et al.), 2022, zitiert nach Umweltbundesamt.
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