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“Liberalisierung des Energiemarktes bietet Investitionschancen”

20/06/2010 07:00 0 Kommentare

Interview mit Dr. Gottfried Neuhaus

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Dr. Gottfried Neuhaus, Neuhaus PartnersEnde Mai haben die Venture-Capital-Fonds Neuhaus Partners (Hamburg), High-Tech Gründerfonds (Bonn) und namentlich nicht genannte Business Angels eine knapp siebenstellige Investition in das Startup-Unternehmen NEXT Kraftwerke GmbH aus Köln bekannt gegeben. Cleanthinking.de hatte die Gelegenheit, Dr. Gottfried Neuhaus, Managing Partner von Neuhaus Partners, nach seinem neuesten Investment zu befragen. Außerdem gibt uns der erfahrene Unternehmer Tipps, worauf sein Fonds bei Gründerteams schaut und welche Fehler Gründer vermeiden sollten.

CT: Herr Dr. Neuhaus, was genau macht die NEXT Kraftwerke eigentlich?

Neuhaus: NEXT ist ein Spezialist für die Vermarktung von Kleinerzeugungsanlagen auf dem Strommarkt. Das Unternehmen integriert Notstromaggregate, Blockheizkraftwerke und Biogasanlagen über eine intelligente Vernetzung am sogenannten Minutenreservemarkt. Der Zusammenschluss dieser Anlagen macht ungenutzte Ressourcen für den Strommarkt verfügbar. Mit diesem virtuellen Regelkraftwerk haben Anbieter kleiner Erzeugungsanlagen die Chance, am Strommarkt teilzunehmen.

Hintergrund: Stromnetze können aus physikalischen Gründen keinen Strom speichern. Daher müssen Kraftwerke immer genau so viel Strom produzieren, wie von den Stromverbrauchern in jedem Augenblick gerade benötigt wird. Allerdings schwankt sowohl die Stromproduktion als auch die Stromverbrauch im Zeitverlauf. Regelmäßige Schwankungen bereiten keine Probleme – sie kann man vorhersehen – z.B. das Einschalten der Kochherde zur Mittagszeit.

Aber es gibt auch unregelmäßige und kurzfristige Schwankungen: So ist die Stromproduktion von Windenergieanlagen direkt von der Windgeschwindigkeit abhängig. Große kommerzielle Kraftwerke können aus technischen Gründen nicht beliebig schnell hoch- und heruntergeregelt werden, so wie man bei einem Auto Gas geben oder bremsen kann. Zum Ausgleich braucht man daher die Regelleistung. Diese wird zum Großteil durch Spitzenlastkraftwerke zur Verfügung gestellt, die bei Bedarf binnen weniger Sekunden in Betrieb gehen können. Die von NEXT Kraftwerke angebotene Minutenreserve ist ein Teil dieser Regelleistung.

CT: Den Minutenreservermarkt gab es ja schon immer. Was ist denn plötzlich so interessant daran, dass sich ein Investor dafür interessiert?

Neuhaus: Durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien sind neue Herausforderungen für die Stromnetze entstanden. Die Stromproduktion von Wind- und Solar-Kraftwerken hängt mit dem – wechselhaften – Wetter zusammen. Durch den Ausbau dieser Kraftwerke steigt damit auch der Bedarf an Regelleistung im Stromnetz. Man muss wissen, dass die Kosten für die Bereitstellung der Regelleistung erheblich sein können. Dafür müssen die Übertragungsnetzbetreiber ja besondere Kraftwerke vorhalten, die schnell gestartet werden können. Deren Stromproduktionskosten sind daher vergleichsweise hoch. Insgesamt also ein interessanter Markt mit steigendem Bedarf und ordentlichen Preisen.

CT: Was sind die Gründe für das Investment von Neuhaus Partners in die NEXT Kraftwerke?

Neuhaus: NEXT Kraftwerke hat ein Konzept entwickelt, wie man bereits vorhandene Kraftwerkskapazitäten, die bisher keiner auf dem Radarschirm hatte, für die Minutenreserve nutzen und zu Geld kann. Dabei handelt es sich um sogenannte Netzersatzanlagen, also Notstromversorgungen z.B. in Krankenhäusern und Rechenzentren. Da es diese Anlagen ja schon gibt, entstehen keine Investitionskosten und die Produktionskosten sind gering. Zwar sind die Anlagen im Vergleich zu herkömmlichen Spitzenlastkraften eher kleinteilig, aber für ein Startup-Unternehmen sehr interessant.

Zu dem Konzept von NEXT Kraftwerke habe ich übrigens auch eine ganz persönliche und emotionale Beziehung. 1975 promovierte ich an der TU Berlin über die Lastverteilung auf Kraftwerke. Mein erstes Unternehmen, das ich 1994 an die SAGEM verkauft habe, befasst sich bis heute unter anderem mit dem Auslesen von Stromzählern und der Übertragung der Daten per Mobilfunk. Da gibt es also gewisse Parallelen.

CT: Ist das im Vergleich zu einem Internet-Startup nicht eher eine komplexe technische Materie? Welchen Aufwand muss NEXT Kraftwerke treiben, um so eine Netzersatzanlage in das Stromnetz einzubinden?

Neuhaus: Es gibt in der Tat eine kleine technische Erweiterung, mit der man jede Netzersatzanlage vor Ort aufrüsten muss, um sie in das NEXT-Netzwerk einzubinden: ein Steuergerät und eine Netzverbindung. Damit kann NEXT ein Notstromaggregat aus der Leitwarte ferngesteuert in Betrieb nehmen, die Netzsynchronisierung herstellen und dafür sorgen, dass nicht gleich das ganze Krankenhaus in den Notstrombetrieb umgeschaltet wird. Außerdem kann ein Testbetrieb durchgeführt werden. Die Investition dafür wird von NEXT übernommen und hält sich mit 5.000 bis 10.000 Euro pro Anlage in Grenzen.

CT: Was haben die Besitzer dieser Netzersatzanlagen von einer Zusammenarbeit mit NEXT?

Neuhaus: Diese Netzersatzanlagen kommen bisher nur in den extrem seltenen Fällen zum Einsatz, wenn z.B. das Stromnetz ausfällt und das Krankenhaus oder das Rechenzentrum für einige Zeit mit Notstrom versorgt werden muss. Ansonsten stehen die Anlagen nur rum und kosten Geld für Wartung und Testbetrieb. Die NEXT Kraftwerke bietet den Besitzern jetzt eine Möglichkeit, mit diesen Anlagen zusätzlich noch Geld zu verdienen.

Dazu werden mehrere solcher Anlagen über NEXT zu einem virtuellen Kraftwerk zusammengeschaltet und die Stromproduktionskapazitäten am Markt für Minutenreserven verkauft. Die Bereitschaft der Anlagenbesitzer, mit NEXT zu kooperieren, ist außerordentlich hoch. Sie verdienen Geld und sparen sich selbst auch noch den wöchentlichen Testbetrieb.

CT: Wie kann NEXT Kraftwerke mit diesem Geschäftsmodell wachsen?

Neuhaus: Jeder Anlagenbesitzer muss einzeln überzeugt werden. Manche Besitzer betreiben aber auch mehrere Liegenschaften. Da braucht man dann nicht für jede Anlage ein Gespräch. Der Nutzen wird von unseren Kunden schnell verstanden und die bisherige Nachfrage ist sehr erfreulich. Derzeit baut das Unternehmen ein eigenes Vertriebsteam auf und sucht für diese Aufgabe einen Leiter Vertrieb / Business Development.

CT: Die Gründer der NEXT Kraftwerke kommen direkt aus der Hochschule und haben keine mehrjährige Erfahrung als Kraftwerksbetreiber. Wie gehen Sie als Investor damit um?

Neuhaus: Die beiden Gründer, Jochen Schwill und Hendrik Sämisch, waren als wissenschaftliche Mitarbeiter am Energiewirtschaftlichen Institut der Universität zu Köln tätig. Als Mitglieder eines Forschungsteams für „kurzfristige Strommärkte“ haben sie sich intensiv mit dem Minutenreservemarkt beschäftigt. Für uns war zudem ausschlaggebend, dass uns das Gründerteam persönlich gut gefallen hat. Außerdem hat das Unternehmen einen Fachbeirat ins Leben gerufen, um sich zusätzliche Expertise zu sichern.

CT: Ein Investor verdient ja erst dann sein Geld, wenn er seine Beteiligung wieder verkaufen kann. Welche Pläne haben Sie bei NEXT Kraftwerke?

Neuhaus: Die Beteiligung ist ja noch ganz jung und wir haben mit dem Exit keinen Zeitdruck. Das Unternehmen hat in seinem Markt ein hohes Wachstumspotenzial. Außerdem prüfen wir den Eintritt in Auslandsmärkte. Ab einer gewissen Größe und Wachstumsgeschwindigkeit ist ein Börsengang denkbar. Oder ein größeres Stadtwerk kauft NEXT.

Den Verkauf an einen der vier großen Stromversorger in Deutschland sehen wir nicht im Vordergrund. Üblicherweise streben wir einen Exit-Horizont von drei bis fünf Jahren an. Das hängt im Detail dann von Gesprächen mit dem Managementteam ab, wie dessen Markteinschätzung ist, sowie vom allgemeinen Timing.

CT: Welche Rolle spielen Marktliberalisierungen in der Investitionsstrategie von Neuhaus Partners?

Neuhaus: Mit der Liberalisierung von Märkten – einer Zeit des Umbruchs – ergeben sich immer wieder neue Investitions- und Exit-Möglichkeiten. In meinem ersten eigenen Unternehmen haben wir Modems gebaut, mit denen man Daten über das Telefonnetz übertragen konnte. Der Markt war seinerzeit fest in der Hand der Deutschen Bundespost.

Jedes Modem musste in einem aufwändigen Verfahren vom Fernmeldetechnischen Zentralamt (FTZ) in Darmstadt geprüft und zugelassen werden. Das war ein Quasi-Monopol. Erst nach der Öffnung des Marktes und der Abschaffung der FTZ-Zulassung kam in den frühen 90er Jahren der Markt richtig in Schwung. Das konnte ich nutzen und im Jahr 1994 bot sich die Gelegenheit, meine Geschäftsanteile an das französische Unternehmen SAGEM zu verkaufen.

Als Venture Capital Fonds haben wir dann später auf die Liberalisierung des Medikamentenhandels gesetzt und uns an der Versandhandelsapotheke DocMorris beteiligt. Auch die Beteiligung am Mobilfunkprovider blau.de, der seine Dienste ohne eigenes physisches Mobilfunknetz anbieten konnte, basierte auf der weiteren Öffnung eines Marktes.

Rückblickend kann man festhalten, dass wir alle Marktliberalisierungen Beschlüssen zu verdanken haben, die in der Europäischen Union getroffen wurden. In der heutigen Zeit ist es sicher wieder ganz aktuell, auch an die Vorteile zu denken, die wir Europa zu verdanken haben.

CT: Werden wir in Zukunft weitere Investitionen von Neuhaus Partners im Energiebereich sehen?

Neuhaus: Unsere Investition in NEXT Kraftwerke sehen wir opportunistisch. Wir fanden ein gutes Konzept und ein gutes Team. Für uns ist das ein Eintritt in den Energiemarkt, aber wir suchen hier nicht systematisch nach weiteren Investitionsgelegenheiten. Unser Themenschwerpunkt liegt weiterhin in den Branchen T.I.M.E.S. (Telekommunikation, Informationstechnik, Medien, Entertainment, Software) und Mikrosystemtechnik.

Vielleicht könnte das „E“ eines Tages aber auch für Energie stehen. Man muss sehen, dass Energie ein kapitalintensives Thema ist; welches anders, als bei Internet-Start-ups, wesentlich höhere Investitionsbeträge benötigt. Das können sich systematisch nur große Investmentfonds leisten.

CT: Welche Investitionsmöglichkeiten hat Neuhaus Partners in der Zukunft?

Neuhaus: Derzeit investieren wir aus unserem dritten Fonds, der eine Größe von 55 Millionen Euro hat. Damit wollen wir uns insgesamt an 20 bis 25 Unternehmen beteiligen. An zehn Unternehmen sind wir bereits beteiligt, haben also noch viele Möglichkeiten offen. Pro Unternehmen wollen wir bis zu zwei Millionen Euro investieren. Es gibt auch eine Untergrenze, unter der sich unser Prüfungsaufwand nicht lohnt. Eine Beteiligung von 100.000 Euro macht daher wenig Sinn für uns.

Zur Erhöhung der Finanzkraft sind wir für eine Syndizierung – also die Zusammenarbeit mit anderen Investoren – aufgeschlossen. Das haben wir schon oft gemacht und auch im Fall NEXT Kraftwerke bot sich das an. Oft gehen wir als führender Investor (Lead Investor) in einer Transaktion voraus. Hier bei NEXT ist der High-Tech-Gründerfonds in der Lead-Rolle.

CT: Was muss ein Startup-Unternehmen bieten, damit es auf dem Radarschirm Ihres Fonds auftaucht?

Neuhaus: Zuerst gilt das alte und nach wie vor gültige Mantra des Venture Capital: People, People, People. Wir schauen in erster Linie nach guten Leuten, die am besten als Team gründen. Die Märkte sind heute so anspruchsvoll und schnellebig geworden. Darin neue Unternehmen zu gründen, das schafft kein Einzelgründer mehr. Wir schauen weiterhin nach Ausbildung und Persönlichkeit. Wichtige Attribute sind für uns Fleiß, Intelligenz und Durchsetzungsstärke, aber auch die Fähigkeit, zuzuhören und Rat anzunehmen. Unterm Strich gilt: Eine gute Unternehmensidee, aber mit einem schlechten Team, ist uninteressant.

CT: Oft wird die fehlende Berufserfahrung von Hochschulgründern bemängelt. Wie stehen Sie dazu?

Neuhaus: Auch Gründer, die ohne Industrieerfahrung direkt nach Ihrem Hochschulabschluss ein Unternehmen gründen, sind bei uns willkommen. Wenn es das richtige Team ist, geben wir ihnen eine Chance. Manchmal ist die Unbekümmertheit von Hochschulgründern auch ein wahrer Segen.

CT: Welche Fehler unterlaufen Gründerteams häufig in ihren Planungen?

Neuhaus: Ganz klar: Unrealistische Erwartungen an den Geschäftsverlauf. Da gibt es immer wieder Umsatzplanungen, die innerhalb von vier Jahren von Null auf 100 Millionen Euro Umsatz wachsen und dann noch ein Betriebseregbnis vor Zinsen und Steuern von 70 Millionen Euro erreichen wollen. Als Ausnahme schaffen Handelsunternehmen vielleicht so einen Umsatzzuwachs, aber nicht so ein Betriebsergebnis.

Zumindest in Europa ist das doch wenig wahrscheinlich, dass ein Startup solche Zahlen erreicht. Da wird ein komplexes Excel-Modell gebaut und einfach über die Jahre hochgerechnet. Es besteht aber kein Verständnis für den Markt und das Verhalten der anderen Marktteilnehmer. Tritt ein Unternehmen in den Markt ein, löst das immer Reaktionen bei Dritten aus. Dadurch wird die eigene Entwicklung beeinflusst. Solche dynamischen Markteffekte müssen die Gründer mit in die eigene Planung einbeziehen und Optionen aufzeigen.

Außerdem entstehen ab einer gewissen Unternehmensgröße Strukturkosten. Irgendwann brauchen sie Mitarbeiter, die nicht programmieren oder verkaufen, sondern organisieren und verwalten. Das wird auch oft unterschätzt. Gründer sollten sich immer wieder bestehende Unternehmen anschauen, was möglich ist und was man von denen lernen kann.

Amüsant ist es auch, wenn Finanzpläne mit Nachkommastellen erstellt werden. Das gauckelt eine Genauigkeit vor, die einfach nicht möglich ist. Diese Gründer sind Excel-gläubig und haben kein Gespür für unternehmerische Planung.

CT: Herr Dr. Neuhaus, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch.

Das Gespräch für Cleanthinking.de führten Martin Jendrischik und Markus Czerner.

Zur Person: Dr. Gottfried Neuhaus studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Informatik in Berlin. Nach Examen (Dipl.-Ing. 1973) und Promotion (Dr. rer. pol. 1975) arbeitete er vier Jahre als EDV-Projektleiter, Geschäftsführer und Berater in Hamburg und Saudi-Arabien, bevor er 1979 die Dr. Neuhaus Computer KGaA gründete. Die Firma stellte Hard- und Software für die Prozessautomation her und wandelte sich Mitte der 80er Jahre in ein Produkt­unternehmen, das eine Reihe von Pionierprodukten entwickelte.

Mitte der 90er Jahre verkaufte Dr. Neuhaus die von ihm gehaltenen Geschäftsanteile erfolgreich an einen strategischen Investor, das französische Unternehmen SAGEM, und beendete nach einer dreijährigen Übergabephase 1997 seine Tätigkeit für die Dr. Neuhaus Computer KGaA.

1997 gründete er als geschäftsführender Gesellschafter die Hamburger Venture Capital Gesellschaft Dr. Neuhaus Techno Nord (heute: Neuhaus Partners) und brachte Unternehmen wie POET und ricardo.de an die Börse. Herr Dr. Neuhaus berät als Aufsichts- oder Beirat eine Reihe von zum Teil börsennotierten Gesellschaften.

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