PV-Anlagen abschalten raten Experten (Bild: KI)
Experten raten: „Schaltet Eure PV-Anlagen ab!“
Negativer Strompreis: PV-Anlagen abschalten am 1. Mai
PV-Anlagen abschalten: Strompreis fällt auf minus 855 Euro: Lion Hirth und Philipp Schröder warnen
„Schaltet Eure PV-Anlagen ab!“ Die gestrige Aufforderung von Energieökonom Prof. Lion Hirth auf Linkedin ist unmissverständlich. Um 14 Uhr zeigt der heutige Intraday-Markt (SIDC IDA1) einen Strompreis von minus 855 Euro pro Megawattstunde. Im regulierten Day-Ahead-Handel, der bei minus 500 Euro pro Megawattstunde gedeckelt ist, liegt der Preis von 12:45 bis 14:30 Uhr durchgehend an diesem Limit, sieben Viertelstunden am Anschlag. Es ist der tiefste Wert, den das deutsche Stromsystem je erreicht hat.
Nur fünf Tage zuvor hatte der Strompreis am Sonntag minus 480 Euro pro Megawattstunde erreicht. Heute liegt er 75 Prozent tiefer im Intraday-Markt. Bei Octopus Energy, einem Anbieter dynamischer Stromtarife, bekommen Kunden zwischen 13 und 14:30 Uhr mehr als 42 Cent pro Kilowattstunde gutgeschrieben. Um 19:45 Uhr liegt der Arbeitspreis bei plus 44 Cent. Die Spreizung innerhalb eines einzigen Tages: 87 Cent pro Kilowattstunde.
Neben dem Professor von der Hertie-School Hirth meldet sich Philipp Schröder, CEO von 1Komma5°, auf LinkedIn zu Wort. Seine Nachricht richtet sich ebenfalls direkt an die fünf Millionen Besitzer von Solaranlagen in Deutschland: Wer etwas für die Versorgungssicherheit tun wolle, solle sich eine Steuerbox und einen Smart Meter besorgen. Und: PV-Anlagen abschalten. An die Verteilnetzbetreiber gerichtet, wird Schröder deutlich:
„Es ist eine Schande, wie günstiger, sauberer Strom im Überfluss weggeschmissen wird, weil die nötige Infrastruktur an Smart Metern und Steuerungsboxen fehlt.”
So werde der Allgemeinheit sauberer Strom im Überfluss vorenthalten.
Hirth und Schröder unterscheiden sich in der Rolle. Hirth argumentiert als Wissenschaftler, der die Systemlogik erklärt. Schröder argumentiert als Unternehmer, der Steuerboxen und Smart Meter verkauft. Beide kommen zum selben Befund: Das deutsche Stromsystem hat kein Erzeugungsproblem. Es hat ein Flexibilitätsproblem. Und am 1. Mai 2026, einem Tag mit extremer Solarstrahlung und minimaler Industrielast, wird dieses Problem sichtbar wie nie zuvor.
Von der Bundesnetzagentur: keine Warnung, keine Einordnung, keine Kommunikation an Anlagenbetreiber. Von den 851 Verteilnetzbetreibern in Deutschland: keine öffentliche Reaktion auf den Rekord-Negativpreis.
851 Netzbetreiber an der Belastungsgrenze
Am Tag zuvor hat das Handelsblatt eine Recherche von Klaus Stratmann veröffentlicht, die erklärt, warum die institutionelle Reaktion ausbleibt. Deutschland hat 851 Stromverteilnetzbetreiber, überwiegend kommunale Stadtwerke. Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), räumt ein, dass das Transformationstempo Netzbetreiber an ihre Grenzen bringe, „unabhängig von ihrer Größe”.
Eine BET-Studie im Auftrag des VKU stellt fest, dass insbesondere kleinere und mittlere Netzbetreiber über begrenzte Ressourcen und eingeschränkte Möglichkeiten zur internen Spezialisierung verfügen.
Im Klartext: Viele der 851 Netzbetreiber haben weder die Smart-Meter-Infrastruktur noch die digitalen Systeme, um an einem Tag wie dem 1. Mai 2026 steuernd einzugreifen. Der Digitalisierungsrückstand ist strukturell. Deutschland liegt beim Smart-Meter-Ausbau bei 5,5 Prozent. Frankreich, Italien und Skandinavien liegen über 90 Prozent.
Der BNetzA-Chef will Speicher zur Kasse bitten
Zwei Tage vor dem Rekord-Negativpreis hat BNetzA-Präsident Klaus Müller im Handelsblatt einen Gastkommentar veröffentlicht und den umstrittenen AgNes-Prozess beschrieben. Titel: „In der Netzkostenverteilung ist mehr Fairness geboten.” Müller argumentiert darin für eine neue Netzentgeltsystematik (AgNes), die auch Speicherbetreiber und Einspeiser an den Netzkosten beteiligen soll. Prosumer, also Haushalte mit eigener PV-Anlage, sollen über einen höheren Grundpreis stärker herangezogen werden.

Müller benennt das Problem selbst korrekt: „Es gibt im System heute keine Anreize, die flexibles Verhalten belohnen, eher im Gegenteil.” Die Engpassmanagementkosten beziffert er für 2025 auf 3,1 Milliarden Euro. Sein Lösungsvorschlag: dynamische Netzentgelte, die mit der Belastung des Netzes variieren, und Baukostenzuschüsse für Netzanschlüsse.
Was in Müllers Text fehlt, ist die Dringlichkeit auf der Angebotsseite. Er schreibt den Satz „Wir brauchen noch viel mehr davon” über Speicher. Der gesamte Gastkommentar handelt jedoch davon, wie Speicher, Einspeiser und Prosumer mit neuen Kosten belastet werden sollen. Am 1. Mai 2026 zeigt das System, dass es mehr Speicher braucht, nicht neue Hürden für ihren Ausbau.
Was Verbraucher heute tun können
Der 1. Mai 2026 ist kein Ausreißer. Prognosen rechnen für 2026 mit 700 bis 900 Stunden negativer Strompreise. Pfingsten, Christi Himmelfahrt und jedes sonnige Wochenende im Sommer werden ähnliche Situationen produzieren. Wer das System entlasten und gleichzeitig profitieren will, hat konkrete Hebel.
Kurzfristig: Verschieben Sie Stromverbrauch in die Mittagsstunden zwischen 11 und 15 Uhr. Laden Sie das Elektroauto, lassen Sie Waschmaschine und Geschirrspüler laufen, heizen Sie den Warmwasserspeicher auf. Wenn Sie eine PV-Anlage ohne Speicher betreiben und keinen dynamischen Tarif haben:
Schalten Sie die Einspeisung an Tagen wie diesem ab, sofern Ihr Wechselrichter das erlaubt, oder verbrauchen Sie den Strom selbst.
Mittelfristig: Wechseln Sie zu einem dynamischen Stromtarif und lassen Sie einen Smart Meter einbauen. Denken Sie über einen Batteriespeicher nach. Die Spreizung von 87 Cent an einem einzigen Tag zeigt, welches wirtschaftliche Potenzial in der Flexibilität liegt. Prüfen Sie auch, ob Ihr Netzbetreiber als Messstellenbetreiber tatsächlich die beste Wahl ist.
Wettbewerbliche Messstellenbetreiber wie Countrol, Octopus, Tibber oder 1Komma5° sind oft schneller und auf dynamische Tarife ausgerichtet.
PV-Anlagen abschalten? Prosumer sind nicht das Problem
Die fünf Millionen Haushalte mit PV-Anlagen in Deutschland haben in die Energiewende investiert, häufig mit fünfstelligen Summen. Sie produzieren am 1. Mai 2026 den billigsten Strom, den das Land je gesehen hat. Dass dieser Strom das Netz belastet statt es zu entlasten, liegt nicht an den Anlagen. Es liegt an einem System, das nach Jahrzehnten politischer Verzögerung beim Smart-Meter-Rollout immer noch im Blindflug operiert.
Die Große Koalition hat den Smart-Meter-Ausbau 2016, im Grunde bereits 2009, beschlossen und anschließend durch überkomplexe Zertifizierungsanforderungen faktisch blockiert. Zehn Jahre später liegt die Ausbauquote bei 5,5 Prozent. Wer heute Prosumer als Trittbrettfahrer des Netzes darstellt, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Infrastruktur, die Erzeugung und Verbrauch synchronisieren könnte, wurde politisch ausgebremst. Die Menschen, die trotzdem in Solaranlagen investiert haben, sind dafür nicht verantwortlich.
Der 1. Mai 2026 zeigt in aller Deutlichkeit: Deutschland hat keinen Mangel an sauberer Energie, sondern einen Mangel an politischem Willen, diese Energie intelligent zu nutzen.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.