LANDWIRTSCHAFT · 8. JUNI 2026
KI-generiertWarum Dänemark landwirtschaftliche Methanemissionen besteuert
Dänemark besteuert ab 2030 als erstes Land der Welt landwirtschaftliche Methanemissionen aus der Tierhaltung. Bauernproteste blieben aus. Ein Blick auf die Logik dahinter, und auf die Frage, ob das auch ein Weg für Deutschland wäre.
Anfang Juni 2026 hat Dänemark etwas getan, das in keinem anderen EU-Land vorstellbar wäre. Die neue Regierung unter Mette Frederiksen schaffte das klassische Landwirtschaftsministerium ab. An seine Stelle tritt ein Ministerium für Natur und Tierschutz.
Der Schritt ist Teil einer umfassenden ökologischen Neuordnung. Rund 390.000 Hektar Fläche sollen renaturiert oder in Wald und Feuchtgebiete umgewandelt werden. Dreißig Prozent des Landes will die Regierung als geschützte Natur ausweisen, dazu kommt ein Pflanzenschutzmittelverbot auf grundwasserbildenden Flächen.
Diese Konsequenz hat eine Vorgeschichte. Schon 2024 beschloss Dänemark als erstes Land überhaupt eine Abgabe auf die landwirtschaftliche Methanemissionen von Kühen, Schweinen und Schafen. Und das in einem Land, in dem mehr als doppelt so viele Nutztiere leben wie Menschen.
Methan ist über 20 Jahre rund 80-mal so klimawirksam wie CO₂. Landwirtschaftliche Methanemissionen aus Rinderhaltung, Gülle und Pansen sind in Deutschland wie in fast allen Industrieländern bislang kostenlos. Für dieses Versäumnis gibt es keinen naturgesetzlichen Grund, nur einen politischen.
Was Dänemark beschlossen hat
Die Abgabe ist komplexer als ihr Spitzname „Kuhsteuer“. Ab 2030 gilt ein Bruttosatz von 300 Kronen je Tonne CO₂-Äquivalent, das sind rund 40 Euro. Bis 2035 steigt er auf 750 Kronen, knapp 100 Euro.
Hinzu kommt ein Grundfreibetrag von 60 Prozent auf die durchschnittlichen Emissionen pro Tier. Effektiv zahlen Tierhalter*innen 2030 also rund 16 Euro je Tonne. Wer seine Emissionen um 40 Prozent unter den heutigen Durchschnitt drückt, zahlt gar nichts.
Die Abgabe wirkt damit als Lenkungsinstrument, nicht als Einnahmequelle für den Staat. Die Erträge fließen laut Beschluss für mindestens zwei Jahre vollständig an den Sektor zurück. Begleitet wird sie von einem Investitionspaket über rund 43 Milliarden Kronen, knapp 5,8 Milliarden Euro, für den Umbau der Landwirtschaft.
Warum in Dänemark keine Traktoren rollten
Anderswo lösen solche Auflagen Proteste aus, man denke an die Traktorkorsos vor dem Brandenburger Tor Anfang 2024. In Dänemark blieb es ruhig. Das liegt vor allem am Verfahren.
Die Steuer entstand nicht im Parlament, sondern in monatelangen Verhandlungen. Am sogenannten Grünen Dreiparteien-Abkommen saßen Regierung, Umweltverbände und der Agrar- und Lebensmittelrat gemeinsam am Tisch. Wie das Abkommen zustande kam, haben wir an anderer Stelle beschrieben.
Torsten Hasforth vom Thinktank Concito hat den Prozess fachlich begleitet. Die Agrarverbände hätten sich aktiv eingebracht, statt von außen zu mobilisieren, sagt er. Das Klimaziel war weitgehend Konsens, gestritten wurde nur über den Weg dorthin.
Wichtig war auch der lange Vorlauf, denn die Abgabe greift erst 2030. Dass Dänemark seinen Kurs hält, zeigt die jüngste Verwaltungsreform. Mit dem neuen Natur- und Tierschutzministerium ordnet das Land seine Agrarpolitik konsequent neu.
Deutschlands Methan-Bilanz
In Deutschland verursachte die Landwirtschaft 2024 rund 53,3 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent. Das sind 8,2 Prozent der gesamten Emissionen, gerechnet nach der Sektoreinteilung des Thünen-Instituts. Damit liegt der Sektor unter dem Zielwert des Bundes-Klimaschutzgesetzes von 67 Millionen Tonnen.
Innerhalb dieser Emissionen ist Methan das größte Problem. Fast 76 Prozent der gesamten deutschen Methanemissionen stammen aus der Landwirtschaft, der weitaus größte Teil davon aus der Rinder- und Milchkuhhaltung. Über 20 Jahre ist Methan rund 80-mal so klimawirksam wie CO₂, über 100 Jahre noch 28-mal.
Der Sektor hat seine Emissionen seit 1990 deutlich gesenkt, 2024 noch einmal um 3,4 Prozent. Dieser Rückgang geht aber vor allem auf den Strukturwandel der frühen 1990er Jahre zurück, auf den Zusammenbruch der ostdeutschen Landwirtschaft und sinkende Tierbestände. Mit aktivem Klimaschutz hatte das wenig zu tun.
Woran das Höfesterben wirklich liegt
Sobald über neue Klimaauflagen geredet wird, fällt das Wort Höfesterben, meist im selben Atemzug mit dem Vorwurf zu viel Bürokratie. Die Zahl stimmt. Seit 2000 hat Deutschland rund 44 Prozent seiner Betriebe verloren, von etwa 458.000 auf rund 255.000 im Jahr 2023.
Die Ursachen liegen woanders. Der Deutsche Bauernverband selbst nannte den Rückgang gegenüber der ZEIT „durchaus verträglich“ und sprach von „natürlichem Strukturwandel“. Präsident Joachim Rukwied verwies darauf, dass ein Teil der Bauernkinder keine wirtschaftliche Zukunft mehr in der Landwirtschaft sehe.
Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt mehrere Haupttreiber. Vielen Höfen fehlt die Nachfolge, schon 2020 war fast jede zweite Hofleitung älter als 55 Jahre. Hinzu kommen steigende Mindestgrößen durch die Mechanisierung und Bodenpreise, die durch Niedrigzinsen und Kapitalanleger von außen explodiert sind.
Eine Eigenheit der EU-Agrarpolitik verstärkt das. Die Flächenprämien der Gemeinsamen Agrarpolitik kommen großen Betrieben überproportional zugute und beschleunigen die Konzentration auf wenige Höfe. Dass Klimaauflagen eine Welle von Hofaufgaben auslösen, lässt sich aus den Zahlen dagegen nicht ablesen, der jährliche Rückgang verlangsamt sich sogar.
Was Bauern gegen Methan tun können
Gegen die Methanabgabe wird oft eingewandt, Bauern können den Ausstoß ihrer Tiere kaum beeinflussen. Das stimmt nur zum Teil. Futterzusätze auf Basis von 3-Nitrooxypropanol senken den Methanausstoß von Milchkühen um 20 bis 30 Prozent und sind in der EU seit 2022 zugelassen.
In Dänemark ist ihr Einsatz auf größeren Milchviehbetrieben seit Januar 2025 verpflichtend, die Kosten trägt zunächst der Staat. Was hinter dem Methansenker und der Kritik daran steckt, haben wir bereits eingeordnet.
Es gibt weitere Hebel: angepasste Futterrationen, andere Güllelagerung, Biogasanlagen mit gasdichter Vergärung. Natürlich bleiben Grenzen, darauf weist der Bauernverband zu Recht hin. Daraus folgt aber nicht, dass sich gar nichts bewegen lässt.
Genau hier setzt eine Abgabe an. Sie macht Investitionen lohnend, die sich ohne Kostendruck nicht rechnen. Dänemark probiert das jetzt aus, und der Rest Europas schaut zu.
Wäre eine Methanabgabe für Deutschland sinnvoll?
Eins zu eins lässt sich das dänische Modell nicht übertragen. Dänemark hat einen außergewöhnlich hohen Agraranteil an den Emissionen und eine extrem intensive Tierhaltung, Deutschland liegt mit 8,2 Prozent weit darunter. Der unmittelbare Druck ist hier kleiner, zumal die deutschen Klimaziele für den Sektor eingehalten werden.
Der Deutsche Bauernverband lehnt eine CO₂-Bepreisung der Landwirtschaft grundsätzlich ab. Generalsekretärin Stefanie Sabet fordert stattdessen gezielte Forschung und Förderung. Sie verweist darauf, dass der Ausstoß je erzeugtem Produkt in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig sei, und warnt vor einer Verlagerung der Produktion ins Ausland.
Bernhard Osterburg vom Thünen-Institut hält dagegen. Er fragt, warum die Landwirtschaft dauerhaft von einer CO₂-Bepreisung ausgenommen sein soll, während anderswo das Verursacherprinzip gilt. In Deutschland brauche es eine ehrliche Debatte über die künftige Klimapolitik in der Landwirtschaft, mit offenem Ausgang, sagte er dem Handelsblatt.
Voraussetzung dafür ist nach Osterburgs Einschätzung ein Aushandlungsprozess wie in Dänemark. Ob Deutschland diesen Weg geht, ist eine politische Entscheidung.
QUELLEN
- Dänisches Parlament / EU-Rat, 18. November 2024: Agreement on a Green Denmark (PDF, Rat der EU)
- agrarheute, 5. Juni 2026: Dänemark schafft als erstes EU-Land das Landwirtschaftsministerium ab
- Thünen-Institut: Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft 2024
- Umweltbundesamt: Beitrag der Landwirtschaft zu den Treibhausgas-Emissionen
- World Resources Institute, November 2024: Denmark’s Agriculture and Climate Policy Sets Strong Example
- Bundeszentrale für politische Bildung: Wachsen oder Weichen. Deutsche Landwirtschaft im Strukturwandel
- Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt: Agrarstrukturerhebung 2023
- Handelsblatt, Leoni Bender, 3. Juni 2026: Warum Dänemark bald Kühe fürs Klima besteuert