Berlins Wärmeplan: Das größte Netz wird grün

KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · BERLIN

Kommunale Wärmeplanung Berlin: Das größte Netz wird grün

Der Berliner Senat hat am 16. Juni 2026 den Wärmeplan beschlossen. Dahinter steckt eine ungewöhnliche Strategie: Berlin hat das größte Fernwärmenetz Westeuropas für 1,39 Milliarden Euro zurückgekauft, um es selbst umzubauen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN. LESEN


Berlin, 3,9 Millionen Einwohner, heizt rund 700.000 Wohnungen über Fernwärme, über ein Netz von gut 2.000 Kilometern Länge, das größte Westeuropas. Am 16. Juni 2026 beschloss der Senat unter Senatorin Ute Bonde den gesamtstädtischen Wärmeplan. Bis 2045 sollen 95 Prozent der Berliner Wärme über Wärmenetze und Wärmepumpen gedeckt werden. Die Besonderheit: Die Berliner Energie und Wärme AG (BEW) gehört seit Mai 2024 dem Land Berlin. Die Rekommunalisierung ist hier kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, das Netz tatsächlich umzubauen.

Status der kommunalen Wärmeplanung Berlin

Berlins Wärmeplan ist das Ergebnis eines zweijährigen Verfahrens. Der erste Entwurf lag 2025 zur öffentlichen Beteiligung aus. Der Senat beschloss die finale Fassung am 16. Juni 2026, kurz vor der gesetzlichen Frist für Großstädte. Als Stadtstaat übernimmt der Senat dabei die Rolle von Landes- und Kommunalbehörde zugleich, ein separater kommunaler Beschlussprozess entfällt. Zuständige Senatorin ist Ute Bonde (SenMVKU).

Der Plan gliedert Berlin in drei Gebietstypen: Fernwärme-Vorranggebiete, in denen der Netzausbau bis 2045 in Stützjahren (2030, 2035, 2040, 2045) festgeschrieben wird; dezentrale Gebiete, in denen Wärmepumpen die Versorgung übernehmen sollen; und Prüfgebiete, in denen die Versorgungsform noch offen ist. Rund ein Drittel der Gebäude liegt in dezentralen Gebieten, auf sie entfallen aber nur sechs Prozent des Gesamtwärmebedarfs. Das Fernwärmenetz trägt den weitaus größten Teil.

Rekommunalisierung als Umbau-Strategie: Reuter West im Wandel

Im Mai 2024 erwarb das Land Berlin die damalige Vattenfall Wärme Berlin für 1,39 Milliarden Euro und benannte sie in Berliner Energie und Wärme AG (BEW) um. Seither ist der Senat Eigentümer, Planer und Aufsicht des Fernwärmenetzes in einer Hand. Bis 2030 plant die BEW Investitionen von 3,3 bis 3,5 Milliarden Euro in die Transformation des Netzes. Ziel ist die Erzeugung aus erneuerbaren Quellen und Abwärme statt aus fossiler Kraft-Wärme-Kopplung.

Das deutlichste Zeichen dafür ist der laufende Umbau am Standort Reuter West in Spandau. Das Steinkohlekraftwerk soll bis 2028 oder 2029 vom Netz gehen. Parallel entsteht dort der Energiepark Reuter: Eine Großwärmepumpe mit rund 75 Megawatt Wärmeleistung nutzt Abwärme aus dem benachbarten Klärwerk Ruhleben und versorgt nach Inbetriebnahme 2027 rund 45.000 Haushalte. Ergänzt wird das durch Power-to-Heat (120 Megawatt, bereits seit 2019 in Betrieb), Biomassekessel, H2-fähige Kessel und einen Wärmespeicher. Der Umbau läuft bei laufendem Netzbetrieb.

Weitere Quellen im Plan: Abwärme aus Rechenzentren, für die bereits 26 Anschlussbegehren vorliegen; Flusswärme aus der Spree (bisher rund 7 Megawatt durch den Betreiber BTB); und Tiefengeothermie, die laut BEW bis 2035 etwa fünf Prozent der Fernwärme abdecken soll. Das Zwischenziel lautet: 40 Prozent erneuerbare Energie oder Abwärme im Berliner Wärmesektor bis 2030.

Akteure und Perspektiven

BEW-Chef Christian Feuerherd steht für die Dekarbonisierung des Netzes ein. Der Wärmeplan sei laut BEW ein zentraler Orientierungsrahmen für Investitionen. Die BEW ist Auftragnehmer, Versorger und zugleich der größte Nutznießer der Planung, ihre Aussagen sind entsprechend einzuordnen.

Senatorin Ute Bonde erklärte laut Senats-PM vom 16. Juni 2026: „Mit dem Wärmeplan legen wir die Wärmewende Berlins auf ein solides Fundament." Sie verwies auf die Transparenz des Plans über Versorgungsoptionen für Mieter, Wohnungswirtschaft und Unternehmen.

Kritik kommt aus mehreren Richtungen. Der BUND Berlin wirft der BEW vor, die Dekarbonisierung in ihren Planungsannahmen systematisch zu beschönigen. Der Plan setzt voraus, dass die Sanierungsrate in Berliner Gebäuden auf 1,7 Prozent steigt, dass Biomasse in relevantem Umfang verfügbar ist und dass grüner Wasserstoff rechtzeitig skaliert. Keine dieser Annahmen liegt vollständig in der Hand der BEW oder des Senats. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf lehnte den Planentwurf 2026 formell ab: zu teuer und zu einseitig auf Fernwärme ausgerichtet. Der Bezirk sieht dezentrale Lösungen auf Basis erneuerbarer Energie als günstigere Alternative für Gebiete, die bislang nicht ans Fernwärmenetz angeschlossen sind.

Ausblick

Die nächsten konkreten Meilensteine: Die Großwärmepumpe am Energiepark Reuter geht 2027 in Betrieb. Das Kohlekraftwerk Reuter West soll 2028 oder 2029 stillgelegt werden. Bis 2030 sollen laut Berliner Energiewendegesetz 40 Prozent der Fernwärme aus erneuerbaren Quellen oder Abwärme stammen. Das Endziel ist klimaneutrale Wärme bis 2045.

Der Wärmeplan macht die Versorgungsgebiete transparent und gibt Eigentümern, Mietern und der Wohnungswirtschaft eine Orientierung. Er verpflichtet jedoch niemanden: weder Hauseigentümer zu einem bestimmten Heizungswechsel noch die BEW zu garantierten Netzanschlüssen. Solange Fernwärme heute noch zu mehr als 90 Prozent aus fossiler Kraft-Wärme-Kopplung kommt und die Spree als Wärmequelle durch geringe Wasserführung stark limitiert bleibt, hängt das Tempo des Wandels stark an der BEW-Investitionsplanung, an Förderbedingungen und an bundesweiten Rahmensetzungen. Die Rekommunalisierung schafft den politischen Durchgriff. Dass die Dekarbonisierung gelingt, ist damit nicht garantiert.

UPDATES

30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.

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