Kommunale Wärmeplanung Hamburg: Der Volksentscheid gegen die Kohle

KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · HAMBURG · 30. JUNI 2026

Kommunale Wärmeplanung Hamburg: Der Volksentscheid gegen die Kohle

Hamburg hat sich per Volksentscheid ein schärferes Klimaziel selbst verordnet. Die Wärmewende der Stadt muss diesen Vorsprung jetzt einholen, allen voran am letzten Kohlekraftwerk der Stadt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN. LESEN


Hamburg, rund 1,9 Millionen Einwohner, ist seit dem 12. Oktober 2025 das einzige deutsche Bundesland mit einem selbst beschlossenen Klimaschutzgesetz: Beim Volksentscheid „Hamburger Zukunftsentscheid" stimmten 303.936 Bürger:innen (53,2 Prozent) dafür, die Klimaneutralität von 2045 auf 2040 vorzuziehen, 267.495 dagegen. Das nötige Quorum war damit übertroffen. Ab 2026 gelten in Hamburg gesetzlich bindende CO₂-Höchstmengen. Für die kommunale Wärmeplanung heißt das: Der Kohleausstieg am Heizkraftwerk Tiefstack, ohnehin für Ende 2030 vorgesehen, steht jetzt unter dem Druck eines Ziels, das die Bürger selbst verschärft haben.

Status der kommunalen Wärmeplanung Hamburg

Der Hamburger Senat hat den gesamtstädtischen Wärmeplan beschlossen. Grundlage ist das bundesweite Wärmeplanungsgesetz, das Großstädte bis zum 30. Juni 2026 zu einem Zielbild für klimaneutrale Wärmeversorgung verpflichtet. Das Zielszenario zeigt für das Jahr 2040 auf, welche Wärmelösung an welchem Standort am wirtschaftlichsten ist. Erarbeitet wurde der Plan mit Beteiligung von Bürger:innen, Unternehmen und Verbänden, rechtlich bindend ist er für einzelne Eigentümer nicht.

Anders als die meisten deutschen Großstädte hat Hamburg als Stadtstaat keinen separaten kommunalen Beschlussprozess, der Senat entscheidet direkt. Zuständig ist die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA). Der Wärmeplan trifft in Hamburg auf ein Klimaschutzgesetz, das durch den Volksentscheid schärfer wurde, als die Verwaltung es sich selbst vorgegeben hatte, eine Konstellation, die es so in keiner anderen deutschen Großstadt gibt.

Tiefstack: Der Kohleausstieg als Testfall für den Volksentscheid

Das Heizkraftwerk Tiefstack im Stadtteil Billbrook ist das letzte Kohlekraftwerk Hamburgs. Ein Prüfbericht der BUKEA, den der Senat im Frühjahr 2026 bestätigte, hält am Ziel fest: Kohleausstieg spätestens Ende 2030. Das setzt den Bürgerentscheid „Tschüss Kohle!" von 2019 um, an dessen gesetzlicher Frist die Stadt bislang festhält. Der Bericht räumt zugleich ein, dass eine verbindliche Zusage angesichts der Nachwirkungen der Energiekrise und des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine derzeit nicht seriös möglich ist.

Ersetzt wird die Kohle nicht durch eine einzelne Großanlage, sondern durch einen Mix dezentraler Quellen im neu errichteten Energiepark Tiefstack, ergänzt durch den Energiepark Hafen am Standort des ehemaligen Kraftwerks Wedel. Kernstück in Tiefstack sind zwei große Flusswärmepumpen, die der Norderelbe und der Bille Wärme entziehen. Ihre Leistung wurde im laufenden Planungsprozess nach oben korrigiert und liegt inzwischen bei rund 230 Megawatt, genug, um nach Angaben der Stadt rechnerisch rund 130.000 Haushalte zu versorgen. Die Elbe liefert dafür Wasser von 20 bis 24 Grad im Sommer, aber nur 1 bis 5 Grad im Winter, ein Temperaturhub, den die Wärmepumpen ausgleichen müssen.

Hinzu kommt Abwärme aus der Industrie und der Abfallwirtschaft: Die erweiterte Wärmeauskopplung aus der Müllverbrennungsanlage Borsigstraße lief bereits in der ersten Jahreshälfte 2024 an, die Abwärmenutzung des Kupferherstellers Aurubis folgte zur Heizperiode 2024/2025. Pläne, das Kraftwerk zusätzlich mit Biomasse zu betreiben, hat die Betreibergesellschaft inzwischen verworfen, favorisiert wird reiner Erdgasbetrieb als Übergangslösung für Spitzenlasten.

Betrieben wird die Umstellung von den Hamburger Energiewerken, die aus der 2019 abgeschlossenen Rekommunalisierung der Fernwärme hervorgegangen sind. Die Stadt kaufte damals die restlichen 74,9 Prozent der Anteile an der vormaligen Vattenfall Wärme Hamburg für 625 Millionen Euro zurück, bei einem vereinbarten Mindestkaufpreis von 950 Millionen Euro für das Gesamtpaket. Mit dem Netz gingen auch die Erzeugungsanlagen, darunter Tiefstack selbst, in städtisches Eigentum über. Ohne diesen Rückkauf läge die Entscheidung über Tempo und Technik des Kohleausstiegs heute bei einem Konzern, nicht bei der Stadt.

Akteure und Perspektiven

Die Initiative „Zukunftsentscheid Hamburg" hatte den Volksentscheid organisiert und musste dafür zunächst genug Unterschriften für ein Volksbegehren sammeln, bevor die Bürgerschaft die Abstimmung ansetzte. Der Senat unter Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hatte vor der Abstimmung vor zusätzlichen Belastungen für Wirtschaft und Haushalte gewarnt, unterlag aber der Mehrheit der Abstimmenden. Dass ausgerechnet eine Stadt mit starker Industrie und Hafenwirtschaft sich das schärfere Ziel selbst gibt, ist ein Signal, das über Hamburg hinaus wirkt.

Die Wahlbeteiligung lag bei rund 44 Prozent, niedriger als bei einer regulären Bürgerschaftswahl, aber hoch genug, um das gesetzliche Quorum von rund 262.600 Ja-Stimmen deutlich zu übertreffen. Kritiker aus Wirtschaftsverbänden bemängelten im Vorfeld, ein verschärftes Klimaschutzgesetz ohne konkreten Umsetzungsplan schaffe Unsicherheit für Investitionsentscheidungen, ohne dass die Stadt zugleich Tempo bei der Infrastruktur mache. Die Hamburger Energiewerke stehen jetzt in der Pflicht, diesen politischen Vorsprung technisch einzuholen.

Ausblick

Die nächsten Meilensteine sind klar datiert. Ab 2026 gelten in Hamburg verbindliche jährliche CO₂-Höchstmengen. Bis Ende 2030 soll die letzte Kohle aus Tiefstack verschwunden sein, ersetzt durch die Flusswärmepumpen an Elbe und Bille sowie Abwärme aus Industrie und Müllverbrennung. Bis 2040, fünf Jahre früher als im Rest Deutschlands, will Hamburg klimaneutral sein.

Der Wärmeplan liefert dafür die räumliche Landkarte, der Volksentscheid den politischen Druck. Beides ersetzt nicht die eigentliche Arbeit: den Umbau eines Kraftwerks im laufenden Betrieb, finanziert und gebaut von einem städtischen Unternehmen, das dafür noch keine verbindliche Zusage machen kann. Ob Hamburg sein selbst gewähltes Ziel erreicht, entscheidet sich an der Baustelle in Billbrook, nicht an der Wahlurne.

UPDATES

30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.

QUELLEN

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  1. Stadt Hamburg (BUKEA), Pressemitteilung: Kohlekraft in Hamburg: Prüfbericht bestätigt Ausstieg bis Ende 2030
  2. hamburg.de, endgültiges Ergebnis: Endgültige Ergebnisse der Volksentscheide „Hamburger Zukunftsentscheid„ und „Hamburg testet Grundeinkommen“
  3. taz, Oktober 2025: Erfolgreicher Volksentscheid in Hamburg: Klimaschutz wieder populär
  4. hamburg.de: Kommunale Wärmeplanung Hamburg
  5. Erneuerbare Energien Hamburg (EEHH): Größere Flusswasserwärmepumpe und Verzicht auf Biomasse
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