Kommunale Wärmeplanung München: Geothermie-Offensive, Preisstreit

KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · MÜNCHEN

Kommunale Wärmeplanung München: Geothermie-Offensive, Preisstreit

München setzt auf die größte Tiefengeothermie-Offensive Deutschlands, um seine Fernwärme klimaneutral zu machen. Während der Stadtrat den Fahrplan bis 2045 beschließt, zieht eine Bürgerinitiative wegen der Wärmepreise vor das Bundeskartellamt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 MIN. LESEN


München, rund 1,6 Millionen Einwohner, deckt heute knapp 30 Prozent seines Wärmebedarfs über Fernwärme, so viel wie keine andere deutsche Großstadt in absoluten Anschlusszahlen. Am 26. November 2025 beschloss der Stadtrat eine Wärmesatzung samt Umsetzungsstrategie und verankerte damit den kommunalen Wärmeplan erstmals rechtlich. Ziel: 62 Prozent Fernwärme-Anteil an der Stadtwärme bis 2045, Rückgrat ist die Tiefengeothermie der Stadtwerke München (SWM), die sich selbst als bundesweit führend in dieser Technologie sehen. Parallel zum Ratsbeschluss eskaliert ein zweiter Konflikt: Das „Netzwerk Saubere Energie München" (NSEM) hat beim Bundeskartellamt Beschwerde gegen die SWM-Fernwärmepreise eingelegt.

Status der kommunalen Wärmeplanung München

Der Stadtrat beschloss die Wärmesatzung und die Umsetzungsstrategie am 26. November 2025, kurz vor dem gesetzlichen Stichtag 30. Juni 2026 für Großstädte über 100.000 Einwohner. Die Satzung listet rund 90 konkrete Maßnahmen auf, von quartiersbezogenen Analysen über den Fernwärmeausbau bis zu Regelungen zur Potenzialerschließung für Nahwärmenetze. Parallel verabschiedete der Stadtrat einen Transformationsplan Fernwärme, der den Ausbaufahrplan der SWM im Detail beschreibt.

Das Zielbild für 2045: Fernwärme soll rund zwei Drittel des städtischen Wärmebedarfs decken, Wärmepumpen einen Großteil des Rests. Das bestehende Fernwärmenetz, aktuell etwa 1.000 Kilometer lang, soll auf rund 1.600 Kilometer wachsen. Der SWM-Transformationsplan kalkuliert dafür rund 600 Kilometer neue Leitungen, etwa 50 zusätzliche Geothermiebohrungen und ein Gesamtinvestitionsvolumen von rund 9,5 Milliarden Euro.

Geothermie als Rückgrat: wo München heute steht

München betreibt bereits seit 2004 (Riem) und 2016 (Freiham) Geothermieanlagen, dazu seit 2023 die nach SWM-Angaben größte Geothermieanlage Europas an der Schäftlarnstraße. In Sauerlach südlich der Stadt liegt die Thermalwassertemperatur in rund 4,2 Kilometern Tiefe bei über 140 Grad, einer der höchsten Werte im bayerischen Molassebecken. Im Kalenderjahr 2024 deckte Geothermie rund 11,5 Prozent des Münchner Fernwärmebedarfs.

Der Ausbau läuft an mehreren Standorten parallel: In Kirchstockach, Dürrnhaar und Sauerlach plant die SWM je zwei weitere Erdwärme-Dubletten (Förder- und Injektionsbohrung), Kirchstockach mit der zweiten Dublette voran. In Sauerlach ist eine zweite, deutlich größere Anlage in Planung, die rund 100.000 Münchner Haushalte zusätzlich versorgen soll. Zusätzlich kooperiert die SWM mit den Gemeinden Pullach und Grünwald südlich Münchens, wo eine weitere große Geothermieanlage entstehen soll, die auch Teile des Münchner Südens versorgt.

Trotz dieser Offensive bleibt die Erzeugungsstruktur heute noch überwiegend fossil geprägt. Laut einer Auswertung des Netzwerks Saubere Energie München stammten 2023 rund 27,9 Prozent der Münchner Fernwärme aus Erdgas, 37,6 Prozent aus Steinkohle, 21,9 Prozent aus Müllverbrennung, 10,8 Prozent aus Geothermie und 1,3 Prozent aus Biomasse.

Die SWM selbst geben für aktuell rund 13 Prozent regenerativen Anteil an, gespeist aus Geothermie, Biogas, Biomüll und Klärschlamm. Bis 2040 wollen die Stadtwerke die Fernwärme vollständig auf erneuerbare Quellen und unvermeidbare Abwärme umstellen, ein Ziel, das acht Jahre vor der Klimaneutralitäts-Frist der Wärmesatzung liegt.

Der Preisstreit: Kartellamt-Beschwerde gegen die SWM

Während der Ratsbeschluss den Ausbaupfad absteckt, wächst der Streit um die laufenden Fernwärmepreise. Das Netzwerk Saubere Energie München hat beim Bundeskartellamt eine Beschwerde gegen die Preisgestaltung der SWM und ihrer Tochter SWM-Versorgungs-GmbH eingereicht und fordert eine Überprüfung der aktuellen Preisanpassungsklauseln wegen des Verdachts auf Marktmachtmissbrauch.

Die Initiative kritisiert, dass die Preisformel der SWM zu 50 Prozent an Erdgas, 15 Prozent an CO₂-Preisen, 10 Prozent an Strom und 20 Prozent an Kapitalkosten hängt, obwohl die tatsächliche Wärmeerzeugung nach ihrer Rechnung längst überwiegend aus Kohle und Müllverbrennung stammt. Kostensenkende Faktoren wie Abwärme aus Müllverbrennung, Kraft-Wärme-Kopplung und Geothermie würden in der Klausel unzureichend abgebildet. Die SWM verweist dagegen darauf, dass die Parameter der Preisklausel die Kosten für Erzeugung und Bereitstellung der Fernwärme sowie die Marktverhältnisse in München widerspiegeln, die weiterhin wesentlich von Erdgas und Heizöl geprägt seien.

Der Vorstoß der Münchner Initiative steht nicht isoliert. Das Bundeskartellamt hatte Ende 2023 gegen sieben Stadtwerke und Fernwärmeversorger Verfahren wegen des Verdachts unrechtmäßiger Preiserhöhungen zwischen 2021 und 2023 eingeleitet und die Preisanpassungsklauseln bei neun Fernwärmenetzen geprüft. Im März 2025 teilte die Behörde mit, der Anfangsverdacht habe sich bei vier dieser Netze erhärtet: rechtswidrige, zulasten der Verbraucher*innen zu niedrig gewichtete Marktelemente in den Klauseln.

Aus verfahrensrechtlichen Gründen nannte das Amt die betroffenen Unternehmen nicht. Ob und wann das Bundeskartellamt der NSEM-Beschwerde konkret nachgeht, ist offen.

Akteure und Perspektiven

Die SWM sind zu 100 Prozent im Eigentum der Landeshauptstadt München und für Bau und Betrieb des Fernwärmenetzes sowie die Geothermie-Offensive verantwortlich. Der Ratsbeschluss zur Wärmesatzung macht die Stadt zugleich zur Aufsicht über den eigenen Versorger, eine Konstellation, die in der Interessenabwägung zwischen Ausbau-Tempo und Preisdisziplin eine Rolle spielt.

Das Netzwerk Saubere Energie München positioniert sich als zivilgesellschaftlicher Gegenpol: In eigenen Auswertungen kritisiert die Initiative neben der Preisformel auch Lücken im SWM-Transformationsplan, etwa Verzögerungen bei einzelnen Standorten und die Abhängigkeit von Bundesförderung, die unter der aktuellen Bundesregierung nicht mehr gesichert sei.

Die Bundesgesetzgebung selbst setzt einen harten Rahmen: Das Wärmeplanungsgesetz verlangt ab 2030 mindestens 30 Prozent, ab 2040 mindestens 80 Prozent erneuerbare Energie in Wärmenetzen. München startet mit rund 13 Prozent regenerativem Anteil und muss beide Fristen mit einer Technologie schaffen, deren Bohrungen Jahre an Vorlauf brauchen.

Ausblick: Bohrungen, Preisklausel, Frist 2030

Die nächsten Meilensteine sind terminiert. Kirchstockach soll die zweite Geothermie-Dublette 2025 fertigstellen. Die Preisklausel-Beschwerde beim Bundeskartellamt liegt zur Prüfung vor, ohne dass ein Zeitplan für eine Entscheidung bekannt ist. Die gesetzliche 30-Prozent-Marke für erneuerbare Wärme in Netzen rückt für 2030 näher, während München heute erst gut 13 Prozent erreicht.

München hat mit der Wärmesatzung einen rechtlich verbindlichen Fahrplan und mit der Tiefengeothermie eine Technologie mit Substanz statt Ankündigung. Der Kartellamt-Fall zeigt aber die Kehrseite jeder Fernwärme-Strategie, die auf einem stadteigenen Monopolnetz aufbaut: Wer Ausbau und Preisgestaltung in einer Hand hält, muss beides gleichzeitig rechtfertigen. Ob die Geothermie-Offensive schneller wächst als der Vertrauensverlust beim Preis, entscheidet sich in den nächsten Jahren an der Bohrleistung, nicht an der Satzung.

UPDATES

30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.

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