KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · NORDRHEIN-WESTFALEN
Anke Sundermeier auf PixabayKommunale Wärmeplanung Dortmund: gebäudescharf gegen das Erdgas
Keine Stadt im Ruhrgebiet steht so sehr für den Strukturwandel wie Dortmund. Nach Kohle und Stahl soll nun die Wärmewende gelingen, und die Stadt hat dafür eine ungewöhnlich genaue Datengrundlage gebaut.
Dortmund, gut 612.000 Einwohner, ehemalige Herzkammer der Montanindustrie im Ruhrgebiet: Die Bestandsanalyse der Stadt zeigt, dass rund 76 Prozent der Wärmeversorgung noch immer auf Erdgas beruhen. Um das zu ändern, hat die Verwaltung einen sogenannten Energienutzungsplan (ENP) erarbeitet, gebäudescharf und damit deutlich detaillierter als das, was viele andere deutsche Großstädte bislang vorgelegt haben. Der Rat hatte bereits im Dezember 2021 beschlossen, dass Dortmund bis 2035 klimaneutral werden soll, zehn Jahre vor dem Bundesziel. Der ENP ist die fachliche Grundlage, aus der die eigentliche kommunale Wärmeplanung hervorgeht.
Status der kommunalen Wärmeplanung in Dortmund
Der Rat hatte die Erstellung des Energienutzungsplans im Dezember 2021 im Rahmen des Handlungsprogramms Klima-Luft 2030 auf den Weg gebracht. Für Großstädte über 100.000 Einwohnern schreibt das Wärmeplanungsgesetz den Abschluss der kommunalen Wärmeplanung bis zum 30. Juni 2026 vor. Dortmund wollte deutlich früher fertig sein: Mehrere städtische Quellen nennen Sommer 2025 als Zieltermin, ein Jahr vor der gesetzlichen Frist. Der Abschlussbericht zum Energienutzungsplan wurde dem Rat im März zur Kenntnisnahme vorgelegt.
Kommunale Wärmeplanung: Was das Gesetz vorschreibt → Kommunale Wärmeplanung in Deutschland
Der gebäudescharfe Energienutzungsplan als Besonderheit
Was Dortmund von vielen anderen Wärmeplänen unterscheidet, ist die Auflösung der Datengrundlage. Der Energienutzungsplan rechnet nicht auf Ebene von Stadtvierteln, sondern gebäudescharf: Für einzelne Gebäude erfasst er Wärmebedarf, energetische Effizienz und die technisch wie wirtschaftlich passende Versorgungsoption. Das ist aufwendiger als bei den meisten kommunalen Wärmeplänen, liefert aber eine Grundlage, auf der einzelne Eigentümer und Unternehmen konkret planen können, statt nur eine grobe Gebietskategorie zugewiesen zu bekommen.
Die Potenzialanalyse setzt auf zwei Hebel: industrielle Abwärme und oberflächennahe Geothermie. Größte Einzelquelle ist die Abwärme der Deutschen Gasrußwerke im Dortmunder Hafen, die DEW21 künftig stärker ins Fernwärmenetz einspeisen will. Rund zwei Drittel der Dortmunder Gebäude gelten zudem als energetisch wenig effizient, ein Hebel, den der ENP explizit benennt: Ohne Sanierung bleibt jede Wärmequelle teurer als nötig.
Im besten Fall, bei vollständigem Ausbau aller identifizierten Wärmenetzgebiete, ließe sich nach städtischen Angaben rund die Hälfte des Dortmunder Wärmebedarfs über Wärmenetze decken. Das ist ein Zielkorridor, kein Beschluss: Welche Gebiete als Fernwärme-Vorranggebiete ausgewiesen werden, entscheidet erst die finale kommunale Wärmeplanung.
DEW21 baut das Fernwärmenetz um
Operativer Akteur der Dortmunder Wärmewende ist die Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH (DEW21), zu großen Teilen im Eigentum der Stadt. DEW21 baut das rund 72 Kilometer lange Fernwärmenetz vom alten Dampfnetz auf ein modernes, verlustärmeres Heißwassernetz um. Der Umbau soll den Primärenergiefaktor auf unter 0,45 senken und die städtischen CO₂-Emissionen um rund 45.000 Tonnen jährlich reduzieren.
Erster sichtbarer Baustein ist der Althoffblock in der Innenstadt, wo bereits 400 Wohneinheiten klimafreundliche Fernwärme beziehen; bis 2028 sollen weitere 1.300 Wohnungen folgen. Auch das Unionsviertel ist als Ausbaugebiet verankert. Im Februar 2026 nahm DEW21 zudem eine sechsstufige Großwärmepumpe in Betrieb, die erstmals in Dortmund zwei unsanierte Mehrfamilienhäuser aus den 1960er-Jahren versorgt, ein Testfall für den Bestand.
Für Eigentümer ohne Fernwärmeanschluss bietet DEW21 ein Wärmepumpen-Mietmodell: ab 155 Euro monatlich bei zehn bis 15 Jahren Laufzeit inklusive Installation, Wartung und Reparatur. Das senkt die Einstiegshürde beim Umstieg von Öl- oder Gasheizung, bindet Kunden aber langfristig an den Versorger.
Akteure und Perspektiven
Die Stadtverwaltung wirbt für den Energienutzungsplan als Entscheidungshilfe, nicht als fertige Lösung. Der Plan beantworte, so ein Vertreter des Umweltamts laut Berichterstattung, „sicher nicht alle Fragen, biete aber eine gute Entscheidungsgrundlage." Er richtet sich ausdrücklich auch an Gewerbe, Handwerk, Handel und Logistik, die in Dortmund zugleich große Energieverbraucher und potenzielle Abwärmelieferanten sind.
Politisch fällt die Wärmewende in eine Phase des Wechsels an der Stadtspitze. Alexander Kalouti (CDU) hat am 1. November 2025 das Amt des Oberbürgermeisters von Thomas Westphal (SPD) übernommen, als erster CDU-Oberbürgermeister Dortmunds seit 1948. Damit übernimmt Kalouti auch die politische Verantwortung für die Umsetzung des Wärmeplans, den sein Vorgänger auf den Weg gebracht hatte.
Ausblick
Die nächsten Schritte: Aus dem Energienutzungsplan muss die verbindliche kommunale Wärmeplanung mit ausgewiesenen Fernwärme- und Umbaugebieten werden, die der Rat beschließt und die Verwaltung veröffentlicht. Am Althoffblock soll der Anschluss weiterer 1.300 Wohnungen bis 2028 laufen, parallel prüft DEW21, wie sich die erste Großwärmepumpe im Bestand auf weitere Quartiere übertragen lässt.
Für eine Stadt, die ihre Identität über ein Jahrhundert aus Kohle und Stahl bezogen hat, ist der gebäudescharfe Energienutzungsplan ein nüchterner Gegenentwurf: keine große Erzählung, sondern eine Datenbank mit Adressen. Ob daraus eine Wärmewende wird, die die 76-Prozent-Erdgasquote tatsächlich bricht, hängt an der politischen Umsetzung unter neuer Stadtspitze und am Tempo, mit dem DEW21 sein Netz umbaut.
UPDATES
30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.
QUELLEN
- Stadt Dortmund: Wie Dortmund die Wärmewende meistern will
- Nordstadtblogger: Was bedeutet der Energienutzungsplan für Dortmund, seine Wirtschaft und die Menschen?
- Nordstadtblogger: Ein Jahr früher als gefordert: Die Kommunale Wärmeplanung soll im Sommer 2025 vorliegen
- stadt+werk online: Umbau des Fernwärmenetzes
- Wir in Dortmund: DEW21 bietet Wärmepumpen-Miete als Rundum-Service an