ENERGIEWENDE · 04. JULI 2026
Agile RobotsRoboter-Stromverbrauch: Was, wenn Optimus zur Massenware wird?
Tesla, Figure und chinesische Hersteller bewerben humanoide Roboter als Serienprodukt der 2030er Jahre. Ein Thinktank hat durchgerechnet, was das fürs Stromnetz bedeuten würde: Im Extremfall so viel wie die gesamte US-Jahreserzeugung. Die Zahl ist ein Szenario, keine Prognose, aber sie zeigt, wohin der eigentliche Hebel gehört.
Elon Musk hat für Tesla Optimus intern eine Zielgröße von 1 Million produzierten Robotern pro Jahr bis 2030 genannt, mit noch deutlich höheren Zahlen für die Zeit danach. Goldman Sachs rechnet in seinem Basisszenario mit rund 250.000 verkauften humanoiden Robotern weltweit im Jahr 2030 und 1,4 Millionen bis 2035. Morgan Stanley geht in seinem Langfrist-Modell von 13 Millionen im Einsatz befindlichen Humanoiden bis 2035 aus, mit einem Anstieg auf 1 Milliarde Einheiten bis 2050.
Diese Prognosen liegen weit auseinander, das allein sagt etwas über die Unsicherheit der ganzen Branche. Aber sie zeigen: Eine Milliarde Roboter ist kein Fantasiewert, sondern die obere Kante dessen, was seriöse Analysten selbst für 2050 für möglich halten. Genau in dieser Größenordnung hat der Thinktank RethinkX vorgerechnet, was eine Roboterflotte dieser Dimension an Strom bräuchte. Die Frage, woher der käme, wird bislang kaum gestellt.
Roboter-Stromverbrauch: Zehn kWh pro Tag und Roboter
RethinkX setzt in seinem Beitrag eine Verbrauchsannahme von zehn Kilowattstunden pro Tag und Roboter an, ungefähr so viel wie ein sparsamer Zwei-Personen-Haushalt. Bei 100 Millionen Robotern ergäbe das rund 400 Terawattstunden im Jahr, bei 1 Milliarde Robotern zwischen 3.600 und 3.700 Terawattstunden. Das ist die Zahl, die seither zitiert wird, wenn es um Roboter und Netzlast geht.
Die zehn Kilowattstunden sind aber eine Setzung, keine Messung. Ein Industrieroboterarm an der Fließbandstation hat ein völlig anderes Lastprofil als ein laufender, greifender Humanoide mit Akku, Dutzenden Aktuatoren und Onboard-Rechenleistung für die KI-Steuerung. Reale Herstellerangaben zeigen, wie weit das auseinanderliegt: Tesla gibt für Optimus Gen 2 einen 2,3-Kilowattstunden-Akku an, ausgelegt für rund 8 Stunden Fabrikbetrieb, mit einer Leistungsaufnahme von etwa 100 Watt im Sitzen und 500 Watt oder mehr beim zügigen Gehen.
Figure gibt für sein Modell Figure 02 einen 2,25-Kilowattstunden-Akku mit rund 5 Stunden Dauerbetrieb an. Bei einem elfmonatigen Pilotprojekt mit BMW liefen die Roboter laut Figure in Zehn-Stunden-Schichten an fünf Tagen die Woche. Hochgerechnet auf einen vollen Tag im Dauerbetrieb kommen beide Modelle auf Werte klar unter RethinkX' Pauschalannahme, allerdings bei geringerer Auslastung als ein Dauerbetrieb sie unterstellt. Belastbare, unabhängig gemessene Verbrauchsdaten für ausgelastete Flotten gibt es nicht, das bleibt eine offene Flanke der ganzen Debatte.
Fast die gesamte US-Jahreserzeugung, aber über welchen Zeitraum?
Die USA erzeugten 2025 rund 4.430 Terawattstunden Strom, ein Plus von 2,8 Prozent zum Vorjahr. Global waren es etwa 31.700 Terawattstunden. RethinkX' 3.600 bis 3.700 Terawattstunden für eine Milliarde Roboter entsprechen damit ungefähr der kompletten heutigen US-Erzeugung oder 11 bis 12 Prozent der Weltproduktion.
Diese Zahl wirkt gewaltig, solange sie als einmaliger Sprung dasteht. Realistischer ist ein Aufbau über 10 bis 15 Jahre, in Linie mit den Herstellerprognosen selbst. Verteilt auf 12 Jahre wären das rund 300 Terawattstunden zusätzlicher Jahresbedarf pro Jahr, der neu ans Netz müsste. Der weltweite Solar-Zubau allein hat 2025 laut Ember 636 Terawattstunden zusätzliche Jahreserzeugung gebracht, doppelt so viel wie der komplette Roboter-Mehrbedarf pro Jahr im Extremszenario.
Das ändert nichts daran, dass 3.600 Terawattstunden eine enorme Menge sind. Es zeigt nur, dass die Zahl ihren Schrecken verliert, sobald man sie zeitlich streckt statt sie als Blitzeinschlag zu behandeln.
Der Präzedenzfall Rechenzentrum, und warum er nur teilweise passt
Der naheliegende Vergleich sind Rechenzentren. Die Internationale Energieagentur beziffert deren globalen Stromverbrauch 2025 auf rund 485 Terawattstunden, ein Plus von 17 Prozent zum Vorjahr. Bis 2030 rechnet die IEA mit einem Anstieg auf etwa 950 Terawattstunden, mehr als der komplette heutige Stromverbrauch Japans. Diese Nachfrage kam neu hinzu, parallel zu Elektroautos und Klimaanlagen, und die Netze haben sie mitgetragen.
Der Unterschied liegt im Lastprofil. Ein Rechenzentrum ist ortsfest, planbar und konzentriert an wenigen Standorten, das lässt sich mit gezielten Netzanschlüssen und langfristigen Stromlieferverträgen lösen. Eine Flotte aus hunderten Millionen mobilen, ladenden Robotern in Lagerhallen, Fabriken und irgendwann Haushalten ist ein verteiltes Lastprofil. Das ähnelt strukturell eher der Elektromobilität als den Rechenzentren.
Bei Elektroautos war genau das am Anfang das Nadelöhr: nicht die Erzeugung, sondern das Verteilnetz vor Ort, wenn viele Ladepunkte gleichzeitig Leistung ziehen. Gelöst wurde es über lastgesteuertes Laden, Depot-Ladeinfrastruktur bei Flottenbetreibern und den gezielten Ausbau einzelner Netzabschnitte statt eines pauschalen Gesamtnetz-Umbaus. Für Roboterflotten in Industriehallen zeichnet sich ein ähnliches Muster ab: feste Ladedepots statt Steckdose an jedem Arbeitsplatz, möglicherweise Akkutausch-Stationen wie bei manchen E-Bike- und Logistikflotten schon üblich.
Woher der Strom kommen soll
Der Ember Global Electricity Review 2026 liefert die eigentlich tragfähigen Zahlen. Solarstrom erreichte 2025 weltweit 2.778 Terawattstunden, ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Solar allein deckte drei Viertel des globalen Nachfragewachstums, zusammen mit Wind fast die gesamte Zunahme. Erstmals seit einem Jahrhundert lag der Anteil erneuerbarer Energien 2025 mit 33,8 Prozent über dem Kohleanteil von 33,0 Prozent an der weltweiten Stromerzeugung.
Solar verdoppelt sich nach dieser Entwicklung ungefähr alle drei Jahre. Weltweit kamen 2025 laut IEA rund 605 Gigawatt neue Solarkapazität und 159 Gigawatt Windkapazität hinzu, zusammen mehr als drei Viertel des gesamten globalen Kapazitätszubaus. Diese Wachstumsrate liegt in der Größenordnung, die RethinkX' eigenes Szenario überhaupt erst plausibel macht.
RethinkX ist dabei kein neutrales Analysehaus. Der Thinktank um den Ökonomen Tony Seba vertritt seit Jahren die These, dass Solar, Wind und Batterien, in RethinkX-Sprache SWB, zur günstigsten Energiequelle der Geschichte werden und fossile Energie verdrängen. Je größer der Robotik-Strombedarf in der eigenen Rechnung erscheint, desto wirkungsvoller die anschließende Botschaft, dass SWB genau diesen Bedarf mühelos deckt. Die Ausgangszahl bleibt damit ein Baustein der eigenen These, keine unabhängige Studie. Die Ember-Zahlen stammen dagegen von einer Institution ohne erkennbare Agenda in der Robotik-Debatte und stützen den Kern der Aussage unabhängig davon, wer sie zuerst aufgeschrieben hat.
Die eigentliche Lehre: der Hebel bleibt derselbe
Der Streit, ob eine Milliarde Roboter kommt, lässt sich heute nicht entscheiden. Die Prognosen der Hersteller und Analysten liegen um den Faktor 700 auseinander, von 1,4 Millionen bis zu 1 Milliarde Einheiten, je nach Zeithorizont und Optimismus. Was sich dagegen entscheiden lässt, ist die Frage, was jede neue elektrifizierte Großnachfrage strukturell braucht.
Rechenzentren, Elektroautos, Wärmepumpen und jetzt potenziell Roboter sind vier unterschiedliche Verbrauchergruppen mit vier unterschiedlichen Lastprofilen. Sie laufen aber alle auf denselben Engpass hinaus: Ohne mehr, schnelleren und günstigeren Zubau von Solar, Wind und Speichern wird jede dieser Nachfragen zum Problem. Mit diesem Zubau, im Tempo der vergangenen Jahre fortgeschrieben, ist keine von ihnen eines. Der Roboter-Fall ist damit kein Sonderfall, sondern ein weiteres Argument für dasselbe Tempo, das Cleanthinking an anderer Stelle schon für Rechenzentren und Elektromobilität einfordert.
Das unterscheidet sich von RethinkX' eigener Erzählung nur in einem Punkt. Der Thinktank präsentiert seine Zahl als Beleg dafür, dass die Disruption bereits gewonnen ist. Belastbarer ist die vorsichtigere Version: Der Ausbau reicht aktuell aus, um auch eine sehr große, noch unsichere neue Nachfrage aufzufangen, vorausgesetzt, das Tempo hält.
Was offenbleibt
Zwei Fragen bleiben unbeantwortet. Wie viele humanoide Roboter tatsächlich in einer Auslastung betrieben werden, die den Vergleich mit RethinkX' Modellrechnung überhaupt zulässt, weiß heute niemand, die Prognosen der Hersteller selbst zeigen das. Und selbst wenn der Solar- und Windausbau im aktuellen Tempo weiterläuft: Ob die lokalen Verteilnetze, über die eine mobile, verteilte Roboterflotte tatsächlich laden würde, mit demselben Tempo mitgebaut werden, ist eine andere Frage als die globale Erzeugungsbilanz.
QUELLEN
- RethinkX: How much electricity would a billion robots require, and where does it come from?, 23.06.2026.
- Ember: Global Electricity Review 2026, 2026.
- IEA: Data centre electricity use surged in 2025, even with tightening bottlenecks driving a scramble for solutions, 2026.
- IEA: Renewables 2025, Executive Summary, 2025.
- Goldman Sachs: The global market for humanoid robots could reach $38 billion by 2035, 2026.
- Morgan Stanley: Humanoid Robot Market Expected to Reach $5 Trillion by 2050, 2026.