WISSENSCHAFT · 08. JULI 2026
Europe CallingStefan Rahmstorf und die Präzision, die Mut erfordert
Über 11.000 Menschen schalten sich zur 266. Ausgabe von „Europe Calling" zu, um einem Ozeanografen zuzuhören. Stefan Rahmstorf trennt dabei gesicherte Fakten sauber von echter Unsicherheit und beziffert das Kipppunkt-Risiko so nüchtern, dass es umso schwerer wiegt.
Es ist ein Rekord. Zur 266. Ausgabe des Webinars „Europe Calling" melden sich am 7. Juli über 11.000 Menschen an, so viele wie nie zuvor. Sie schalten sich zu, um dem gebürtigen Karlsruhe Stefan Rahmstorf zuzuhören, der seit 35 Jahren die Atlantikzirkulation erforscht, und die Nachricht, die er mitbringt, ist ernst.
Was der Klimaforscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) an diesem Abend vorführt, ist vor allem eines: die Sorgfalt, mit der er eine unbequeme Warnung herleitet. Den Forschungsstand zum drohenden Golfstrom-Kollaps hat Cleanthinking bereits im Detail aufgearbeitet. Rahmstorf selbst liefert das Anschauungsmaterial dafür, wie seriöse Klimaforschung zu klaren Aussagen und Wahrscheinlichkeiten kommt.
Gesichert und offen, sauber getrennt
Die Erwärmung ist für Rahmstorf messbar, Watt für Watt, in der Strahlungsbilanz des Planeten. Die Abkühlung südlich von Grönland, den sogenannten Cold Blob, liest er als Fingerabdruck einer schwächelnden Umwälzzirkulation, die weniger warmes Wasser in die Region transportiert. Jeden Beleg führt er auf seine Primärquelle zurück, jede Grafik ordnet er ein.
„Die Physik dahinter ist verstanden", sagt Rahmstorf über den Mechanismus, der eine einmal geschwächte Strömung weiter schwächt. Es gebe keinen Grund, warum diese Rückkopplung durch den gestörten Salztransport nicht wirken sollte.
„Was wir nicht wissen, ist, wie nah der Kipppunkt ist", räumt er im selben Atemzug ein. Genau diese Grenze zwischen Gesichertem und Offenem hält er über den ganzen Vortrag durch, statt sie zu verwischen.
Risiko heißt Wahrscheinlichkeit mal Folgen
Dreißig Jahre lang, erzählt Rahmstorf, sei die Forschung von einem Kollaps-Risiko unter zehn Prozent ausgegangen und habe selbst das für zu hoch gehalten. Neue Studien beziffern es nun deutlich höher, bis zu 70 Prozent bei anhaltend hohen Emissionen, gerechnet bis zum Jahr 2300. „Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war ich ehrlich gesagt erschüttert", sagt er.
Wie er ein Risiko denkt, macht er an einem Bild klar. „Sie würden nicht in einen Flieger steigen mit drei Prozent Absturzwahrscheinlichkeit", sagt Rahmstorf. Ein Risiko sei immer Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert mit der Schwere der Folgen, und die Folgen eines versiegenden Golfstromsystems wären gewaltig.
Gegen die tägliche Desinformation in den sozialen Medien setzt er Belege. Die von Exxon in den 1970ern gestreute Behauptung, der Mensch trage nur drei bis vier Prozent zum CO2-Anstieg bei, nennt er schlicht Unsinn. Der Anstieg sei vollständig menschengemacht, und die Hälfte davon hätten Wälder und Ozeane bereits wieder aufgenommen.
Wie genau er hinschaut, zeigt ein anderes kursierendes Bild: eine Temperaturkurve aus einem grönländischen Eisbohrkern, beschriftet als globale Erwärmung. Rahmstorf weist nach, dass die Kurve schon 1855 endet, bevor die Erwärmung überhaupt begann, und nur einen einzelnen Ort auf 3.000 Meter dickem Eis abbildet. Jede Grafik, die als Beleg durch die Netzwerke gereicht wird, prüft er auf diese Weise gegen.
Verantwortung, ausgesprochen
Stefan Rahmstorf belässt es nicht bei der Diagnose. Die Technologien für einen schnellen Umstieg seien vorhanden, sagt er, der Klimaschutz müsse dafür fast wie im Verteidigungsfall zur obersten Priorität der Politik werden. Bei „Europe Calling" sitzt er nach eigenem Bekunden oft selbst im Publikum, um über die Energiewende dazuzulernen.
Für seine deutlichen Worte, auch zur Klimapolitik der AfD, habe er Morddrohungen erhalten. Er redet trotzdem weiter, sachlich und mit offengelegter Quellenlage. Diese Haltung, gesicherte Evidenz gegen fossile Panik zu stellen und die Unsicherheit ehrlich mitzunennen, macht ihn zu einem Gestalter der sauberen Zukunft, der kein Kraftwerk baut und trotzdem den Boden dafür bereitet.
„Das ist eine riesige Verantwortung für die heutige Politikergeneration", sagt Rahmstorf zum Schluss. Über 11.000 Zuhörerinnen und Zuhörer an einem Werktagabend deuten an, dass er mit dieser Haltung nicht allein steht.
QUELLEN
- Europe Calling: Klimawissenschafts-Update mit Stefan Rahmstorf, 266. Ausgabe, 07.07.2026.
- Cleanthinking: Golfstrom-Kollaps: Was die Forschung über die AMOC weiß, 05.07.2026.
- Environmental Research Letters, Drijfhout et al.: Shutdown of northern Atlantic overturning after 2100 following deep mixing collapse in CMIP6 projections, 2025.