KERNENERGIE · 29. JULI 2026
KI-generiertAtomkraft in den USA: Was der Palisades-Neustart wirklich kostet
Holtec wollte das stillgelegte Kernkraftwerk Palisades in zwei Jahren wieder ans Netz bringen. Vier Jahre später erzeugt die Anlage in Michigan keinen Strom. Der Fall zeigt, warum die Atomkraft in den USA an ihrem eigenen Zeitplan scheitert.
Das Kernkraftwerk Palisades an der Küste des Lake Michigan ging 1971 ans Netz und wurde 2022 stillgelegt. Die Abschaltung galt als endgültig. Der Betreiber Entergy verkaufte die Anlage an Holtec International aus Camden, New Jersey.
Holtec begann kurz darauf mit dem Versuch, einen stillgelegten Reaktor wieder in Betrieb zu nehmen. Das war zuvor niemandem gelungen. Das Unternehmen hatte selbst nie ein Kernkraftwerk betrieben und beantragte sieben Tage nach Abschluss des Kaufs Bundeszuschüsse, wie aus Unterlagen hervorgeht, die die New York Times einsehen konnte.
Rund zwei Jahre veranschlagte Holtec für den Prozess. Im September soll nun Brennstoff in den Reaktor geladen werden, bis Jahresende soll Strom fließen. Vertraglich gebunden ist das Unternehmen an den März 2027.
Der Abstand zwischen der ersten Ankündigung und dem heutigen Stand ist die eigentliche Nachricht über die Atomkraft in den USA. Er deckt sich mit dem, was das Öko-Institut im Auftrag des Umweltbundesamts über Bauzeiten und Kosten der Kernkraft zusammengetragen hat.
Eine Anlage, die man erst öffnen musste
Die Dampferzeuger zeigten umfangreiche Korrosion. Diese Bauteile machen aus heißem radioaktivem Wasser den Hochdruckdampf, der die Turbine antreibt. Holtec verschloss oder reparierte Tausende dünner U-förmiger Metallrohre, was das Projekt um Monate zurückwarf.
Hinzu kamen Lieferkettenprobleme, eine undichte unterirdische Wasserleitung und Ventile, die ausgetauscht werden mussten. Eine Turbine musste zerlegt werden, was ebenfalls Monate dauerte. Als Holtec über den Neustart entschied, war die Inspektion der Anlage nicht abgeschlossen.
„Es ist, als baue man ein Feuerwehrauto auf dem Weg zum Brand.“ Das sagt Jeff Borah, bei Holtec General Manager für den Anlagenbetrieb, über den Start des Vorhabens. Nach seiner Darstellung nahm sich das Unternehmen nicht die Zeit, das gesamte Projekt zu planen, bevor die Arbeiten begannen.
„Manche Systeme lassen sich erst prüfen, wenn das Projekt läuft.“ So erklärt Rick Springman, President von Holtec, die Serie von Rückschlägen. Er verweist auf den Unterschied zwischen einem Neubau und der Sanierung eines alten Hauses, bei der es immer Entdeckungen gebe.
Als verzögert will Springman das Projekt nicht bezeichnet sehen, weil die vertragliche Frist erst im März 2027 endet. Die Nuclear Regulatory Commission billigte das Vorgehen bei den Dampferzeugern, Holtec verweist auf umfassende Inspektionen und Tests des reparierten Bauteils.
Michael J. Keegan von der Umweltgruppe Don't Waste Michigan sagte bei einer Anhörung der Aufsichtsbehörde im Juni aus, die Dampferzeuger hätten ersetzt werden müssen. Eine aktuelle Studie unter Leitung der Harvard-Public-Health-School fand höhere Krebssterblichkeitsraten in Countys nahe laufender Kernkraftwerke.
Wer den Neustart der Atomkraft in den USA bezahlt
Holtec veranschlagte ursprünglich mehr als 1,9 Milliarden Dollar, einschließlich eines Puffers für Kostenüberschreitungen. Die zusätzlichen Kosten der Verzögerung trägt das Unternehmen selbst. Eine aktualisierte Schätzung hat es abgelehnt.
Öffentliches Geld ist die tragende Säule des Vorhabens. Das Energieministerium gewährte ein zinsgünstiges Darlehen über bis zu 1,52 Milliarden Dollar, der Bundesstaat Michigan steuerte 300 Millionen Dollar bei, nach Betriebsaufnahme kommen Bundessteuergutschriften hinzu. Das Landwirtschaftsministerium bewilligte Ende 2024 weitere 1,3 Milliarden Dollar an die Energiegenossenschaften Wolverine Power Cooperative und Hoosier Energy, größtenteils für dieses Projekt.
Die beiden Genossenschaften vereinbarten 2023, den Strom 28 Jahre lang zu einem Festpreis abzunehmen. Palisades kann den Bedarf von mehr als 800.000 Haushalten decken. Zum vereinbarten Preis wollten sich Holtec und Wolverine nicht äußern, Hoosier antwortete auf Anfrage der New York Times nicht.
„Sie dachten, sie würden eine Anlage in deutlich besserem Zustand übernehmen.“ Das sagt Jigar Shah, der unter Präsident Joe Biden das Darlehensbüro des Energieministeriums leitete. Den Optimismus von Holtec hält er für legitim.
Die Trump-Regierung stellt wie zuvor die Biden-Regierung Milliarden in Aussicht. Im Juni bot das Energieministerium bis zu 17,5 Milliarden Dollar an subventionierten Darlehen für den Kauf nuklearer Ausrüstung an, mit dem erklärten Ziel, bis 2030 zehn große Reaktoren im Bau zu haben. Energieminister Chris Wright kündigte an, alles Nötige zu tun, um das Vorhaben in Gang zu setzen.
Die Bilanz der Atomkraft in den USA fällt für die vergangenen zehn Jahre schmal aus. Zwei neue Reaktoren gingen in diesem Zeitraum ans Netz. Sie kosteten mehr als doppelt so viel wie geplant und kamen sieben Jahre zu spät.
Die Atomkraft in den USA hatte ihren Höchststand Mitte der 1990er Jahre mit über 100 Reaktoren, Ende der 1970er waren es mehr als 60. Nach Three Mile Island 1979 und Tschernobyl 1986 kippte die Stimmung, Dutzende Projekte wurden gestrichen. Später gingen Blöcke vom Netz, weil sie gegen immer billigeres Erdgas nicht bestehen konnten.
Andere Projekte der Atomkraft in den USA laufen besser. Constellation Energy will den unbeschädigten Reaktor in Three Mile Island im kommenden Jahr wieder anfahren, vor dem Zeitplan. Das Unternehmen besaß und betrieb die Anlage über viele Jahre, während NextEra Energy einen Reaktor in Iowa wieder öffnen will.
Was der Regelfall kostet
Das Öko-Institut hat für das Umweltbundesamt zusammengetragen, wie sich Kernkraft in Zahlen darstellt. Kürzlich fertiggestellte Projekte in Europa und Nordamerika brauchten üblicherweise 10 bis 18 Jahre Bauzeit. Wie sich solche Zeiträume auf ein ganzes Energiesystem auswirken, zeigt der Fall Frankreich.
Die Stromgestehungskosten lagen 2020 bei 15,0 bis 19,2 Cent je Kilowattstunde in Europa und bei 15,6 bis 16,3 Cent in Nordamerika. 80 bis 85 Prozent davon sind Kapitalkosten, also die Finanzierung des Baus. Nachbetrieb, Rückbau und Entsorgung schlagen vor Diskontierung mit weiteren 1,2 bis 2,1 Cent je Kilowattstunde zu Buche.
Diese Rechnung unterstellt bereits günstige Annahmen: 60 Jahre technische Lebensdauer, einen Diskontsatz von 7 Prozent und eine Auslastung von 75 bis 93 Prozent.
Der Preis, zu dem die Atomkraft in den USA am Standort Palisades verkauft wird, liegt nach einer Auswertung einer Holtec-Wertpapiermeldung durch die New York Times bei rund 59 Dollar je Megawattstunde, leicht über dem regionalen Großhandelspreis. Das entspricht 5,9 US-Cent je Kilowattstunde für eine abgeschriebene Anlage, deren Wiederinbetriebnahme mit Milliarden aus Bundes- und Landesmitteln finanziert wird. Über die Kosten eines Neubaus sagt diese Zahl nichts.
Für den Klimanutzen sind die Vermeidungskosten je Tonne CO2-Äquivalent aussagekräftiger. Kernkraft lag hier 2020 in Europa bei 102 bis 158 Euro, in Nordamerika bei 111 bis 121 Euro. Wind und Photovoltaik stehen im negativen Bereich, weil ihre Stromgestehungskosten unter denen der Referenztechnologie Steinkohle liegen.
| Technologie | Vermeidungskosten 2020 | Vermeidungskosten 2030 |
|---|---|---|
| Kernkraft Europa | 102 bis 158 | 285 bis 420 |
| Wind onshore | −66 bis −50 | −37 bis −26 |
| Wind offshore | −16 bis +6 | −13 bis +18 |
| Photovoltaik | −38 bis −29 | −29 bis −16 |
Angaben in Euro je Tonne CO2-Äquivalent. Quelle: Öko-Institut im Auftrag des Umweltbundesamts. Negative Werte bedeuten einen Kostenvorteil gegenüber der Referenztechnologie Steinkohle.
Kleine modulare Reaktoren in Amerika kommen für 2030 auf 196 bis 527 Euro je Tonne. Warum diese Bauart die Kostenfrage nicht löst, hat Harald Lesch an den SMR-Plänen der EU-Kommission dargelegt.
Die Verdreifachung scheitert an der Arithmetik
Auf den Klimakonferenzen COP28 und COP29 sagten über 30 Länder zu, die Kernkraftkapazität bis 2050 zu verdreifachen. Nach Berechnung der Nuclear Energy Agency müssten dafür 1.160 Gigawatt am Netz sein. Bei einer sehr hohen Laufzeitannahme von 60 Jahren und linear steigender Neubaurate müssten 2050 fast 70 Gigawatt neue Leistung pro Jahr hinzukommen.
Das historische Maximum lag 1985 bei 31 Gigawatt. In den vergangenen zehn Jahren gingen jährlich zwischen 3,4 und 10,3 Gigawatt netto ans Netz. Das Öko-Institut hält die Verdreifachung für unrealistisch.
Für die Atomkraft in den USA heißt das: Der Ausbaupfad, den die Trump-Regierung anstrebt, hat weltweit kein Vorbild. In allen fünf untersuchten Modellen sinkt der Anteil der Kernkraft an der globalen Stromerzeugung bis 2050. Drei davon kommen von heute rund 9 Prozent auf 3 bis 4 Prozent, während die Erneuerbaren auf 88 bis 97 Prozent steigen.
Nur der World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur projiziert mit 70 bis 85 Prozent niedrigere Erneuerbaren-Anteile. Ihren Höhepunkt hatte die Kernkraft 1996 mit 17 Prozent der globalen Stromerzeugung. Erneuerbare lieferten 2024 ein Drittel des weltweiten Stroms, und die Erzählung vom bevorstehenden Comeback wird trotzdem weitergetragen, oft mit Argumenten, die einer Prüfung nicht standhalten.
Dazu kommt eine strukturelle Fehlpassung. Große Blockgrößen, lange Vorlaufzeiten und begrenzte technische Flexibilität passen schlecht in ein System mit stark schwankender Residuallast, also dem Teil der Nachfrage, den Wind und Sonne gerade nicht decken. Szenarien für Deutschland zeigen für 2035 und die Jahre danach Auslastungsgrade von 3 bis 26 Prozent für regelbare Kraftwerke.
Zu solchen Werten passen Technologien mit niedriger Kapitalintensität wie Gasturbinen. Eine Anlage, deren Kosten zu 80 bis 85 Prozent aus Kapitalkosten bestehen, rechnet sich bei geringer Auslastung nicht.
Der größte Anbieter am Weltmarkt ist derzeit Rosatom mit 26 Einheiten im Bau. Außer dem russischen Staatskonzern bauen nur die französische EDF und Südkorea Kernkraftwerke im Ausland. Der Klimawandel selbst wird die Zuverlässigkeit der Flotte belasten, durch geringeres Erzeugungspotenzial, weniger geeignete Standorte und höhere Kosten für Anpassungsmaßnahmen.
In Michigan soll im September der Brennstoff in den Reaktor. Ob bis Jahresende Strom fließt, entscheidet sich an Bauteilen, die vor vier Jahren niemand vollständig inspiziert hatte. Holtec hat in diesem Monat Unterlagen für einen Börsengang eingereicht und will am selben Standort kleine Reaktoren bauen und betreiben.
Für die Atomkraft in den USA wird Palisades damit zum Präzedenzfall, an dem die Branche gemessen wird. Die Zahlen des Öko-Instituts geben den Maßstab vor: Wer sein Stromsystem in den kommenden zehn Jahren dekarbonisieren will, braucht Technologien, die in Jahren liefern statt in Jahrzehnten. Für den Strombedarf der Rechenzentren stehen mit Erneuerbaren, Speichern und Geothermie Optionen bereit, die diesen Zeitrahmen einhalten.