Harald Lesch verlässt die Neutralität

WISSENSCHAFT · 31. JULI 2026

Harald Lesch: „Mein Parteibuch ist das Grundgesetz“

Harald Lesch war Deutschlands geduldigster Erklärer der Klimakrise. Nach der Hitzeflut mit fast 10.000 Toten und seiner ersten Rede auf einer Demonstration sagt der Astrophysiker, Wissenschaft könne nicht neutral sein, wenn es um Sein oder Nichtsein geht.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit LESEN


Beim BR-Sonntagsstammtisch Mitte Juli sitzt Harald Lesch neben dem CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek, als das Gespräch von Rasensprenger-Verboten zur dritten Hitzewelle des Sommers wechselt. Der Astrophysiker unterbricht den lockeren Ton der Runde.

Lesch ist Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erklärt seit den 90er-Jahren im Fernsehen Wissenschaft, zuerst mit der Sendung Alpha Centauri im Bayerischen Rundfunk. Seit einigen Jahren moderiert er zusätzlich Terra X und den eigenen YouTube-Kanal.

„Ich bin ziemlich geschockt darüber, dass man über die Menge an Toten, die wir in Deutschland haben, durch diese Hitzewellen nicht wenigstens trauernd spricht“, sagt Lesch. „Dass es nicht wenigstens eine Gedenkrede gibt.“

Er setzt die Hitzeflut, wie er sie nennt, neben die Flut im Ahrtal 2021, eine Katastrophe, die ganz Deutschland kannte. „6.380 Tote, laut dem Robert-Koch-Institut, ist der letzte Wochenbericht“, sagt Lesch bei der Aufzeichnung. „Das ist ein Skandal ersten Ranges, das hätte uns niemals passieren dürfen, niemals.“

Frankreich reagiere seit 2003 auf solche Hitzewellen, Deutschland noch immer nicht. Der Wochenbericht, den Lesch zitiert, ist längst überholt: Das RKI zählt für 2026 inzwischen rund 9.800 Hitzetote, mehr als in jedem kompletten Jahr seit Beginn der Auswertung 2016.

Wie sich Deutschland gegen Hitze wappnet, verhandelt die Republik bislang vor allem im Kulturkampf um die Klimaanlage. Lesch zielt eine Ebene höher: auf Institutionen, die aus Hitzesommern lernen.

Wie aus dem Erklärer der Aktivist wurde, der solche Sätze sagt, zeigt sich schon wenige Wochen zuvor in einem ruhigeren Gespräch: Harald Lesch im Heute-Journal-Podcast des ZDF, aufgezeichnet Ende Juni.

Der Moment, in dem der Erklärer zum Aktivisten wird

Lesch hat gerade seine erste Rede auf einer Demonstration gehalten, in München. Das Video ging durch die sozialen Medien. „Ich war noch nie aufgeregt, aber da war ich es“, sagt er im Podcast.

Den Ausschlag gaben seine Enkeltöchter, vier Jahre und knapp ein Jahr alt. Er will ihnen später antworten können, wenn sie fragen, was er getan hat. „Kann ich ihnen wenigstens sagen, hört mal, das ist eine Sache, da habe ich mich so weit, wie es nur irgendwie ging, aus dem Fenster gelehnt“, sagt Lesch.

Das Gemeinwohl war in seiner Familie schon immer Pflichtprogramm: Feuerwehr, Gesangverein, Deutsches Rotes Kreuz. Aktivistisch wurde diese Prägung für ihn erst durch ein Buch, „Denken in einer schlechten Welt“ von Geoffroy de Lagasnerie. Auf die Frage, warum er Aktivist geworden sei, antworte der Autor grundsätzlich: „Warum sind Sie es denn nicht?“

Seitdem wirft Lesch seiner eigenen Zunft vor, sich zu verzwergen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zögen sich in ihre Institute zurück, anstatt draußen an der öffentlichen Debatte teilzunehmen, während Verschwörungen und Falschmeldungen das Feld übernehmen. Diese Neutralität hält er für einen Fehler.

„Wissenschaft kann nicht neutral sein, wenn es um Sein oder Nichtsein geht“, sagt Lesch im Podcast. „Mein Parteibuch ist das Grundgesetz.“ Als die Moderatorin ihn im selben Gespräch als Grünen-Mitglied vorstellt, widerspricht er sofort: „Ich bin kein Mitglied der Grünen. Ich bin nicht Mitglied bei der Grünen Partei.“

Ähnlich hat zuletzt Claudia Kemfert in ihrem Buch über die Fossilokratie argumentiert. Lesch beantwortet die Neutralitätsfrage mit einem Vergleich aus der Medizin: Ein Arzt, der bei einem Patienten Krebs diagnostiziert, hat die Pflicht zu sagen, was der Fall ist. Genauso sieht er seine eigene Rolle als beamteter Wissenschaftler, verpflichtet der Gesellschaft, die ihn finanziert.

Sein eigenes Buch trägt diesen Anspruch schon im Titel: „Die Natur ist kein Parteimitglied. Mit den Gesetzen der Natur gegen politische Ignoranz“, geschrieben mit dem Physiker Axel Kleidon, erschienen 2026 bei C. Bertelsmann. Beim Stammtisch liegt es griffbereit auf dem Tisch.

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Auch im Kleinen bleibt er konkret: Bei Hitzewellen sucht er in München gezielt Kirchen auf, kühl und dunkel, nicht klimatisiert. „Nicht nur thermodynamisch, sondern vielleicht auch spirituell“, sagt er dazu beim Stammtisch.

Harald Lesch gestikuliert im Heute-Journal-Podcast
Harald Lesch im Heute-Journal-Podcast: „Wissenschaft kann nicht neutral sein, wenn es um Sein oder Nichtsein geht.“ (Screenshot: ZDF)

Lassen statt Bauen: Leschs Rezept gegen die Hitze

Für die praktische Anpassung hat Lesch ein Prinzip, das er im Podcast so beschreibt: etwas lassen, statt etwas zu tun. Sein Beispiel ist das Tempolimit, die größte Wirkung sieht er aber in der Fläche.

„Wir müssen mit der Versiegelung so schnell wie möglich aufhören“, sagt er. Alles begrünen, „was bei drei nicht auf den Bäumen ist“, und aufforsten, „dass es nur so kracht“. Totholz im Bayerischen Wald zeige, wie viel Wasser liegen gelassene Biomasse speichert, selbst nach langer Trockenheit.

Zisternen sollen das Regenwasser auffangen, das seltener, dafür umso heftiger fällt. Lesch drängt seit Jahren auf Wasserrückhalt in jedem Neubau. Sein Maßstab dabei ist das 20/80-Prinzip: lieber schnell in die Breite wirken als perfekt planen.

Batterien statt Tauchsieder

Beim Streit um die Kernfusion wird Lesch konkret. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) hat rund zwei Milliarden Euro für die Fusionsforschung angekündigt, auch die bayerische Staatsregierung setzt auf die Technologie. Lesch hält das für die falsche Priorität.

„Fusionskraftwerke sind wie alle Kernkraftwerke nichts anderes als Tauchsieder“, sagt er beim Stammtisch. Sie machten mit Wärme Wasser heiß, um Turbinen anzutreiben, nutzten aber nur ein Drittel der Energie. Zwei Drittel gingen als Abwärme in die Atmosphäre, nach dem seit gut 200 Jahren bekannten Carnot-Prinzip kaum zu vermeiden.

Sein Gegenentwurf ist die Batterie: aus Lithium heraus, hin zu Natrium, eine Richtung, für die Lesch den Ulmer Batterieforscher Maximilian Fichtner als Beispiel nennt. „So eine Volksbatterie, sage ich jetzt mal“, sagt Lesch, ein Vergleich mit dem Volkswagen. Große Speicher wirkten dabei wie virtuelle Schwungräder, die das Netz stabilisieren, ein Prinzip, das ein früherer AKW-Standort wie Gundremmingen längst vorführt.

Am 29. März 2026 deckten Batterien im Netz des kalifornischen Betreibers CAISO mit 12,3 Gigawatt zeitweise rund 43 Prozent der Nachfrage zur Abendspitze, wie CAISO- und SEIA-Daten zeigen. Wie stark Speicher inzwischen auch das deutsche Netz entlasten, hat Cleanthinking zuletzt vorgerechnet. Für Lesch ist Speicherung der Flaschenhals der ganzen Energiewende.

Die Energiewende ist für ihn auch eine Sicherheitsfrage. Hätte Deutschland früher elektrifiziert, „könnte uns die Welt heute unseren elektrischen Buckel runterrutschen“, sagt er im Podcast. Die Sonne sei 150 Millionen Kilometer entfernt: „Die schaltet niemand ab. Kein Iran und auch nicht der große Gelbe im Weißen Haus.“

Vom Stammtisch in den Landtag

Chinas CO2-Ausstoß ist seit März 2024 trotz Wirtschaftswachstum stabil bis rückläufig, 2025 laut CREA-Analyse sogar leicht im Minus. Über 60 Prozent erneuerbarer Strom im deutschen Netz habe nicht die Politik gebaut, sagt Lesch, sondern die vielen, die Windräder und Photovoltaik tatsächlich aufgestellt haben. Was er im Bund erlebt, nennt er einen Verzögerungsdiskurs, fehl am Platz in jeder Hinsicht.

60 Milliarden Euro fließen laut Umweltbundesamt jährlich in umweltschädliche Subventionen, rechnet Lesch vor, etwa das Dienstwagenprivileg oder 18 Cent Rabatt pro Liter Diesel. Nur wenn am Verhandlungstisch alle immer mal wieder gewinnen, bleibe eine Gesellschaft überhaupt im Spiel, sagt er mit Verweis auf die Spieltheorie.

Seine Vision einer klimaneutralen Zukunft beginnt mit einem Wort: „Leise.“ Ohne Verbrennungsmotoren falle der Verkehrslärm weg, die Kreislaufwirtschaft werde zum großen deutschen Ingenieursprojekt der kommenden Jahrzehnte. Gegen die Ohnmacht empfiehlt er Energiegenossenschaften nach dem Vorbild Wildpoldsried im Allgäu, wo eine Gemeinde längst mehr Strom erzeugt, als sie verbraucht.

Zurück beim Stammtisch fordert Lesch eine bayerische Plattform für die Fehlerkultur beim Hitzeschutz. „Schreibt mir eine Liste auf, was ist nicht gut gelaufen. Sagt mir die Fehler, die ihr gemacht habt, damit wir die Fehler nicht wiederholen“, sagt er zu Holetschek.

Holetschek reagiert live: Er lade Lesch in den Landtag ein, um genau darüber zu sprechen. So sieht es aus, wenn ein Wissenschaftler die Neutralität verlässt: mit einem Termin im Kalender.

Ein Bild vom selben Abend bleibt hängen: Lesch erzählt, wie er als Fünfjähriger mit seiner Großmutter Pfifferlinge sammeln ging, an denselben Stellen, an die er bis heute zurückkehrt. „Das Mycel ist auch 70 Jahre danach noch da, und sie wachsen an der gleichen Stelle“, sagt er. Sein Lieblingssatz von Hannah Arendt passt dazu: Wo Menschen zusammenkommen, kann man mit Wundern rechnen.

Häufige Fragen zu Harald Lesch

Warum ist Harald Lesch nicht neutral?

Lesch hält Neutralität für falsch, wenn es um Sein oder Nichtsein geht. Als beamteter Wissenschaftler sieht er sich verpflichtet, öffentlich Stellung zu beziehen, ähnlich wie ein Arzt, der eine Krebsdiagnose mitteilen muss.

Was fordert Lesch beim Hitzeschutz?

Lesch fordert unter anderem eine bayerische Plattform für Fehlerkultur, auf der Kommunen offen über gescheiterte und gelungene Maßnahmen sprechen. Beim BR-Sonntagsstammtisch lud ihn CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek daraufhin live in den Landtag ein.

Welches Buch hat Lesch 2026 veröffentlicht?

Gemeinsam mit dem Physiker Axel Kleidon veröffentlichte Lesch 2026 das Buch „Die Natur ist kein Parteimitglied. Mit den Gesetzen der Natur gegen politische Ignoranz“ bei C. Bertelsmann.

Ist Harald Lesch Mitglied einer Partei?

Nein. Im Heute-Journal-Podcast widersprach Lesch der Annahme, er sei Mitglied der Grünen, ausdrücklich. Sein eigener Satz dazu: „Mein Parteibuch ist das Grundgesetz.“

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Ein toller Beitrag mit Harald Lesch ❣️🥰
💕liche Grüße, 🌸🌺🌸🦋
Angelika Draenert

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