Burkhard Jung warnt: „Stimmung in Rathäusern explosiv“

KLIMAPOLITIK · 11. AUGUST 2026

Städtetag-Chef warnt: „Stimmung in Rathäusern explosiv

Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetages und Leipziger Oberbürgermeister, fordert Klimaanpassung als neue Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz. Sein Befund: Kommunen stemmen die Transformation vor Ort, ohne dass Bund und Länder dafür zahlen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN


21 Jahre ist Burkhard Jung im Geschäft, seit 2006 Oberbürgermeister von Leipzig, seit 2025 zum zweiten Mal Präsident des Deutschen Städtetages. Wenn einer mit dieser Erfahrung sagt, die Stimmung sei so schlecht wie nie, hat das Gewicht. „Glauben Sie mir: Die Stimmung in den Rathäusern der Republik ist explosiv. Sie war noch nie so schlecht wie heute", sagte Jung dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Die Schlagzeilen macht das Zitat. Der wichtigere Teil des Interviews handelt von etwas anderem, das in der dpa-Kurzmeldung fehlt: Burkhard Jung will Klimaanpassung und Hitzeschutz als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz schreiben lassen.

Warum Burkhard Jung Klimaanpassung ins Grundgesetz holen will

Eine Gemeinschaftsaufgabe ist im deutschen Föderalismus mehr als ein Wunschzettel. Sie verpflichtet Bund und Länder, sich an der Finanzierung einer kommunalen Aufgabe dauerhaft zu beteiligen, so wie es heute schon bei Hochschulbau oder Agrarstruktur läuft. Genau diesen Status will Jung für Klimaanpassung und Hitzeschutz. „Ich finde es wichtig, Klimaanpassungs- und Hitzeschutzmaßnahmen ins Grundgesetz aufzunehmen, weil damit strukturell unterfinanzierten Kommunen bei der Finanzierung durch Bund und Länder geholfen wäre", sagte er im Interview mit der Celleschen Zeitung.

Jung nennt die Klimaanpassung ein Generationenprojekt. Ein Sonnensegel über dem Spielplatz, mehr Bäume, mehr begrünte Fassaden. In Leipzig laufe ein Tausend-Bäume-Programm, doch die Dürreperioden fressen jedes Jahr einen Teil davon wieder auf. Das Klima selbst werde sich absehbar nicht mehr positiv verändern, sagt Jung, aber die Städte könnten sich besser anpassen. Das braucht Zeit, und es braucht Geld.

Wie akut das Problem ist, zeigt der Streit um die hitzefeste Stadt, den Cleanthinking bereits eingeordnet hat. Berlin ist mit einem eigenen Klimaanpassungsgesetz vorgeprescht, wie die bundesweit erste Länderregelung zeigt. Genau diese Ungleichzeitigkeit, ein Bundesland reguliert, andere warten, ist das Problem, das eine Grundgesetzänderung lösen würde: eine bundesweit verlässliche Finanzierungsbasis statt eines Flickenteppichs aus Einzelinitiativen.

Wärmeplanung als Blaupause, Gebäudemodernisierung als Rückschlag

Dass Kommunen große Transformationsaufgaben stemmen können, wenn der Rahmen stimmt, zeigt aus Jungs Sicht die kommunale Wärmeplanung. Fast alle Städte über 100.000 Einwohner haben ihre Wärmepläne vorgelegt, die übrigen stehen kurz vor dem Abschluss. Jung nennt es eine Erfolgsgeschichte, an der Bürger und Verwaltung gut zusammengearbeitet hätten.

Umso schärfer fällt sein Urteil über das Gebäudemodernisierungsgesetz aus, das die Rahmenbedingungen für genau diese Wärmeplanung erneut verschiebt. „Es gibt wieder eine Verunsicherung, gerade für große Investitionen, beispielsweise in Geothermie oder Fernwärme", sagte Jung. Am alten Gesetz hätte er festgehalten, sagte er auf Nachfrage klar. Wie berechtigt diese Sorge ist, hatte Cleanthinking bereits eingeordnet: Ein Wirtschaftsverband warnte Ministerin Reiche eindringlich vor genau dieser Planungsunsicherheit.

Das Muster wiederholt sich bei der Pflegereform, der Krankenhausreform und der Straffung sozialer Leistungen. Statt Entlastung kämen immer neue Belastungen, so Jung. Schon heute müssten die Kommunen fünf Milliarden Euro für Menschen aufbringen, die sich Pflege im Alter nicht mehr leisten können, im Osten verschärft durch niedrige Renten. Zusammen rechnet der Städtetag mit gut drei Milliarden Euro an Mehrbelastungen aus den aktuellen Reformvorhaben, bei einem kommunalen Gesamtdefizit von mehr als 30 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Städte sind die Frontlinie der Transformation

Aus Cleanthinking-Sicht ist Jungs Vorstoß mehr als eine Finanzierungsforderung eines Lobbyverbands. Städte sind der Ort, an dem Energiewende, Hitzeschutz und Infrastruktur-Umbau tatsächlich stattfinden. Wärmenetze, Solardächer, Ladeinfrastruktur, Dämmung, Begrünung: All das wird kommunal geplant, genehmigt und gebaut. Wenn diese Ebene strukturell unterfinanziert bleibt, bremst das die gesamte Transformation aus, unabhängig davon, wie ambitioniert nationale Klimaziele formuliert sind.

Diese Rolle wächst. Der Trend zur Großstadt hält in Deutschland seit Jahren an, Menschen ziehen dorthin, wo Arbeit, Infrastruktur und soziale Angebote konzentriert sind. Diese Konzentration verschärft zugleich die Anforderungen an Klimaanpassung: Hitzeinseln entstehen genau dort, wo viel versiegelte Fläche auf viele Menschen trifft.

Großstädte übernehmen damit eine Vorbildfunktion für den Rest des Landes. Was in Leipzig, Mannheim oder Berlin an Wärmeplanung, Hitzeschutz und Sanierung gelingt oder scheitert, strahlt auf kleinere Kommunen aus, die oft noch weniger Verwaltungskapazĥ„ät und Fachpersonal haben, um eigene Konzepte zu entwickeln. Ein funktionierendes Förderprogramm, ein bewährtes Ausschreibungsmodell für Fernwärme, ein juristisch abgesicherter Klimaanpassungsplan: All das entsteht typischerweise zuerst in den großen Städten und wird von kleineren Kommunen kopiert, weil sie sich eigene Blaupausen schlicht nicht leisten können.

Genau deshalb trifft eine strukturelle Unterfinanzierung der Großstädte den gesamten Transformationsprozess doppelt. Sie bremst die eigene Kommune und zugleich das Lerntempo aller kleineren Städte und Gemeinden, die auf diese Vorarbeit angewiesen sind. Eine Stadt, die ihre Schulen nicht mehr saniert und freiwillige Leistungen streicht, kann kaum gleichzeitig Vorreiterin der ökologischen Transformation sein und dieses Wissen an andere weitergeben.

Jung selbst zieht diese Linie zum Ende des Interviews: Ausbleibende Schulsanierungen, Wartezeiten in Bürgerämtern, das Streichen freiwilliger Leistungen hinterließen Spuren und nährten Skepsis gegenüber Institutionen und Demokratie insgesamt. Eine Klimaanpassungs-Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz entscheidet deshalb mit darüber, ob Kommunen überhaupt noch handlungsfähig genug sind, um die Transformation zu tragen, die von ihnen erwartet wird.

Der Bund müsse sich in diesem Herbst bei den Finanzen bewegen, fordert Jung, und werde nicht lockerlassen, bis das erreicht ist. Ob daraus tatsächlich eine Grundgesetzänderung wird, ist offen. Die Warnung kommt jedenfalls vom höchsten kommunalen Repräsentanten der Republik.

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