Das Dauersolar-Zeitalter hat begonnen

PHOTOVOLTAIK · 12. August 2026

Das Dauersolar-Zeitalter hat begonnen

Seit es Photovoltaik gibt, endet ihr Beitrag mit dem Sonnenuntergang. Genau diese Grenze fällt gerade: Batterien lösen den Solarstrom von den Sonnenstunden, die Denkfabrik Ember ruft das Zeitalter von „anytime solar” (Dauersolar) aus. Wie schnell der Umbruch geht, zeigen ausgerechnet Bulgarien und Chile.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


In Bulgarien lieferte Solarstrom im ersten Halbjahr 2023 abends praktisch nichts. Drei Jahre später steht das Land für Solarstrom rund um die Uhr: Solar und Batteriespeicher decken in der Abendspitze zwischen 19 und 21 Uhr im Schnitt 24 Prozent der Nachfrage, mehr als im kalifornischen Netz, das als globaler Vorreiter gilt. Das zeigt der Report „Batteries have unlocked the era of anytime solar” der Analystin Kostantsa Rangelova von der Denkfabrik Ember, veröffentlicht am 12. August 2026.

Dauersolar (bei Ember: „anytime solar”) bezeichnet Solarstrom, der über Batteriespeicher rund um die Uhr verfügbar ist statt nur während der Sonnenstunden. Batterien laden mittags mit günstigem Solarstrom und speisen ihn abends und nachts wieder ein, wenn bisher fossile Kraftwerke übernehmen. Für die Photovoltaik ist das ein fundamentaler Statuswechsel: Aus einer Mittagsenergie, deren Wachstum an die eigene Erzeugungsspitze stieß, wird eine Stromquelle für jede Stunde des Tages.

Die Mittagsspitze wird zum globalen Normalfall

Solar erreichte im ersten Halbjahr 2026 einen Rekordanteil von gut 10 Prozent an der weltweiten Stromerzeugung, nach 8,9 Prozent im Vorjahreszeitraum und 5,6 Prozent in H1 2023. Die globale Solarerzeugung wuchs damit siebenmal schneller als die gesamte Stromerzeugung, von 769 Terawattstunden auf 1564 Terawattstunden.

Solaranteil an der globalen Stromerzeugung 2019 bis 2026
Solar erreichte im ersten Halbjahr 2026 erstmals 10 Prozent der globalen Stromerzeugung. QUELLE: EMBER, CC BY-SA 4.0

Am durchschnittlichen Tag deckte Solar zur Mittagszeit zwischen 11 und 14 Uhr über 25 Prozent der weltweiten Stromnachfrage. Zwischen 20 und 5 Uhr fiel der Anteil auf nahe null. In gereiften Solarmärkten mit mehr als 20 Prozent Jahresanteil ist die Mittagsspitze noch ausgeprägter.

Chile deckt mittags 71 Prozent seines Bedarfs, bei einem Jahresanteil von 26 Prozent. Die Niederlande kommen auf 58 Prozent, Deutschland auf 55 Prozent. In allen drei Ländern liegt der Anteil bis 21 Uhr nahe null, die Mittagsspitze ist damit zum Normalfall reifer Solarmärkte geworden.

Batterien holen den Solarstrom in den Abend

Batteriespeicher sind der Grund, warum sich das jetzt ändert. Ihre Kosten fielen weltweit von 2634 Dollar pro Kilowattstunde im Jahr 2010 auf 140 Dollar im Jahr 2025, ein Rückgang um 95 Prozent. Für 2026 erwartet Ember einen globalen Batteriezubau von 459 Gigawattstunden, 50 Prozent mehr als 2025 mit 307 Gigawattstunden.

Theoretisch könnte dieser Zubau 34 Prozent der zusätzlichen täglichen Solarerzeugung in die sonnenarmen Stunden verschieben, ein Sprung von 18 Prozent im Vorjahr und nur 4 Prozent im Jahr 2021. Das ist ein Maximalwert: In der Praxis teilen sich viele Speicher ihre Kapazität zwischen Solarverschiebung, Netzdienstleistungen und Preisarbitrage.

Anteil des neuen taeglichen Solarstroms, der durch Batterien in den Abend verschoben werden kann
Die 2026 installierten Batterien koennten gut ein Drittel der neuen taeglichen Solarerzeugung in den Abend verschieben. QUELLE: EMBER, CC BY-SA 4.0

In sonnenreichen Ländern wie Indien oder Mexiko könnten Solar und Batterien zusammen theoretisch bis zu 90 Prozent des Strombedarfs decken. Die Lücke zu 100 Prozent bleibt, wegen bewölkter Tage und saisonaler Flauten wie der europäischen Dunkelflaute.

Die neuen Vorreiter: Bulgarien und Chile

Bulgarien und Chile bauten 2025 genug Speicher, um jeweils über drei Viertel ihrer zusätzlichen täglichen Solarerzeugung in die sonnenarmen Stunden zu verschieben: 77 Prozent in Bulgarien, 76 Prozent in Chile. Australien kommt auf 60 Prozent, die USA auf rund ein Viertel, die EU im Schnitt nur auf 16 Prozent, unter dem globalen Durchschnitt.

Land Anteil verschobener Solarstrom 2025
Bulgarien77 %
Chile76 %
Australien60 %
USArund 25 %
EU (Durchschnitt)16 %

Quelle: Ember, „Batteries have unlocked the era of anytime solar”, 2026.

Bulgarien hatte 2023 praktisch keine Batteriespeicher. Staatliche Förderung und schnelle Genehmigungsverfahren brachten 2025 rund 3 Gigawattstunden Zubau, bis Mai 2026 verdoppelte sich der Bestand auf 8,6 Gigawattstunden. In der Praxis heißt das: Solar und Batterien decken in Bulgariens Abendspitze zwischen 19 und 21 Uhr im Schnitt 24 Prozent der Nachfrage, zwischen 19 und 7 Uhr im Schnitt 10 Prozent.

Solar plus Batterien in Kalifornien, Chile und Bulgarien im Tagesverlauf
Kalifornien, Chile, Bulgarien: Batterien schieben den Solarstrom sichtbar in die Abendstunden. QUELLE: EMBER, CC BY-SA 4.0

Chile verdoppelte seine Speicherkapazität 2025 auf 7,6 Gigawattstunden, die meisten Anlagen direkt an Solarparks angeschlossen. Von praktisch null aus decken Solar und Batterien inzwischen mehr als 10 Prozent der Nachfrage zwischen 19 Uhr und Mitternacht.

Zum Vergleich: Kalifornien, seit 2021 mit mehr zugebauter Batterie- als Solarkapazität der etablierte Vorreiter, deckt in der Abendspitze mittlerweile über 25 Prozent der Nachfrage durch Solar und Batterien, hoch von 6,8 Prozent in H1 2023, allerdings von einer deutlich größeren Ausgangsbasis aus.

Bulgarien, eines der Länder mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen in der EU, liegt bei seiner Verschiebungsquote fast fünfmal so hoch wie der EU-Durchschnitt. Damit schlägt das Land auch reichere Mitgliedstaaten mit deutlich längerer Solartradition.

China zeigt, dass Kapazität allein nicht reicht. Der größte Batteriemarkt der Welt bleibt unter seinen Möglichkeiten: Eigenständige Speicher liefen 2025 im Schnitt nur 299 Zyklen, üblich wären rund 350, an Solarparks angeschlossene Speicher kamen sogar nur auf 199 Zyklen. Marktdesign und Regulierung bremsen den Nutzen der ohnehin gebauten Anlagen.

Wenn Marktdesign das Tempo vorgibt

In Indien fiel die fossile, vor allem Kohle-Erzeugung mittags von 135 auf 125 Gigawatt, stieg abends zwischen 17 und 19 Uhr aber von 152 auf 174 Gigawatt. Die Differenz zwischen Mittagstief und Abendspitze liegt inzwischen bei fast 50 Gigawatt, das entspricht mehr als 70 zusätzlichen Kohleblöcken. Nachts zwischen 17 und 7 Uhr läuft heute im Schnitt mehr Kohleverstromung als 2023, 168 Gigawatt im Schnitt, 22 Gigawatt mehr.

Fossile Stromerzeugung in Indien und der EU im Tagesverlauf
Indien und EU: Solar drueckt die fossile Erzeugung bislang nur in den Mittagsstunden. QUELLE: EMBER, CC BY-SA 4.0

In der EU sank die fossile Mittagserzeugung zwischen 11 und 14 Uhr von 86 auf 69 Gigawatt, rund 24 Kohleblöcke weniger. Die Abendspitze zwischen 19 und 21 Uhr gab dagegen nur um 5 Gigawatt nach, von 106 auf 101 Gigawatt. Genau in dieser Lücke wird Speicher zur wirtschaftlichen Alternative zum Gaskraftwerk, wenn Betreiber Zugang zu mehreren Erlösquellen bekommen.

2025 sank der europäische Solarzubau erstmals seit einem Jahrzehnt, um 0,7 Prozent auf 65,1 Gigawatt. Negative Preise und Abregelung sind erste Sättigungssignale eines Marktes, der zu wenig Speicher zum Auffangen der Mittagsspitze hat.

Solarstrom am Tag sei zur stärksten Kraft geworden, die Stromnetze weltweit verändere, schneller als jede andere Energiequelle, sagt Kostantsa Rangelova, Global Electricity Analyst bei Ember. Jetzt seien Batterien billig und gut genug, um mit Dauersolar die nächste Wachstumsphase freizusetzen. „Die Rolle von Solar im Stromsystem kann weit größer werden, als bisher gedacht”, so Rangelova.

Das Zeitalter von Dauersolar hat damit begonnen. Sein Tempo hängt jetzt weniger von den Solarkosten ab, die sind längst am Boden, als davon, wie schnell Batterien gebaut und in Erlösmodelle mit mehreren Quellen eingebunden werden: Arbitrage, Regelleistung, Kapazitätsmärkte. Deutschland diskutiert derzeit selbst über ein neues Marktdesign für Kapazität, in dem Batterien bislang außen vor bleiben. Bulgarien zeigt, was passiert, wenn ein kleiner Markt schneller reagiert als ein großer.

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