FIRMEN-NEWS · BRENNSTOFFZELLEN · 15. AUGUST 2026
ReverionReversible Festoxidzelle: Reverion startet Serienfertigung
Das Cleantech-Startup aus Eresing sichert sich Stacks für 76 Millionen US-Dollar bei Doosan Fuel Cell. Und eine Nature-Energy-Studie zeigt, wie viel Potenzial noch in der Zellchemie steckt.
Reverion hat die Serienfertigung seiner Kraftwerke auf Basis reversibler Festoxidzellen gestartet. Der südkoreanische Hersteller Doosan Fuel Cell beliefert das Start-up aus Eresing bei München dafür mit Brennstoffzellen-Stacks für rund 76 Millionen US-Dollar. Die Kundenpipeline beziffert CEO Stephan Herrmann auf über zwei Milliarden Euro.
Für Doosan ist es der erste Export von Festoxid-Stacks in der Firmengeschichte. Die Zelltechnologie stammt vom britischen Entwickler Ceres Power, der den Auftragswert mit 108,7 Milliarden Won angibt, umgerechnet rund 65 Millionen Euro. Seit dem vergangenen Jahr laufen Doosan-Stacks bereits im kommerziellen Dauerbetrieb an Reverion-Kundenstandorten.
Die Stacks arbeiten bei rund 620 Grad Celsius, klassische Festoxidzellen benötigen mehr als 800 Grad. Die moderatere Temperatur erweitert die Materialauswahl und erhöht die Lebensdauer der Komponenten.
Eine reversible Festoxidzelle vereint zwei Geräte in einem Modul: Als Brennstoffzelle wandelt sie Biogas oder Wasserstoff ohne Verbrennung in Strom um, als Elektrolyseur macht sie aus Überschussstrom Wasserstoff oder synthetisches Methan. Nach Firmenangaben wechseln die Anlagen binnen einer Minute zwischen den Modi. An dieser Technologie arbeitet Reverion seit der Gründung 2022 als Ausgründung der TU München.
Die CO2-Abscheidung ergibt sich aus der Bauart. Weil der Sauerstoff durch eine Keramikmembran wandert, statt dass Gas mit Luft verbrennt, bleibt im Abgas kein Stickstoff zurück. Übrig bleiben CO2 und Wasserdampf, die sich einfach trennen lassen.
Wie reversible Kraftwerke in die Kraftwerksstrategie passen → Biogasanlagen flexibel machen mit Reverion-Technologie
Sieben Anlagen betreibt Reverion derzeit an sechs Standorten, weitere sind im Bau. Den elektrischen Wirkungsgrad von 74,2 Prozent, den das Unternehmen als Weltrekord für thermische Kraftwerke führt, maß es bei den Stadtwerken Mühlacker im Realbetrieb. Ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk kommt elektrisch auf rund 40 Prozent.
Weitere Anlagen laufen beim Steckverbinderhersteller Harting in Espelkamp und versorgen eine Gesundheitseinrichtung in Erkelenz. Mitgründer Felix Fischer spricht bereits von bald acht Anlagen bei Kunden.
Die Nachfrage kommt aus einer Branche unter Druck. Knapp 10.000 Biogasanlagen in Deutschland stehen vor der Frage, wie sie ohne Dauerbetrieb wirtschaftlich bleiben. Das geplante EEG 2027 verlangt weniger Betriebsstunden und mehr Flexibilität, also genau das Betriebsmuster, für das Reverions Anlagen ausgelegt sind.
„Wir müssen aber unsere Produktion erst hochfahren, weil die Nachfrage um Größenordnungen über dem liegt, was wir aktuell produzieren können", sagt Herrmann über die vielen umstiegswilligen Betreiber. Die festen Vorbestellungen beziffert das Unternehmen auf über 100 Millionen US-Dollar, die gesamte Kundenpipeline auf mehr als zwei Milliarden Euro. In einigen Anwendungsfällen rechnen sich die Anlagen laut Herrmann bereits ohne Förderung, etwa durch die Kombination von Stromeinspeisung und Vermarktung des abgeschiedenen CO2.
Wie viel Entwicklungspotenzial in der Zellchemie steckt, zeigt eine aktuelle Studie in Nature Energy. Ein Team der Seoul National University tauschte das Material der Luftelektrode aus und steigerte die Leistungsdichte im Labor auf 7,08 Watt pro Quadratzentimeter im Brennstoffzellenmodus, mehr als das Doppelte des bisherigen Referenzwerts. Der neue Elektrodenwerkstoff verlagert die Reaktion von der schmalen Grenzfläche auf die gesamte Elektrodenoberfläche und arbeitet schon ab 650 Grad.
Offen bleibt bei der neuen Zellchemie die Langlebigkeit: Im Labor liefen die verbesserten Zellen bislang rund 200 Stunden ohne messbaren Leistungsabfall, für den wirtschaftlichen Dauerbetrieb ist das ein früher Wert. Reverion setzt in der Serienfertigung auf die erprobte Ceres-Zellchemie aus der etablierten Doosan-Produktion.
Die aktuelle Anlagengeneration leistet 100 Kilowatt elektrisch und 300 Kilowatt Elektrolyseleistung. Die nächste steht mit 500 Kilowatt Strom und 1,5 Megawatt Elektrolyse bereit, langfristig zielt Reverion auf Anlagen jenseits von 10 Megawatt und 80 Prozent elektrischen Wirkungsgrad. Als weitere Zielgruppe nennt Herrmann Rechenzentren, deren Energiebedarf sich netzunabhängig decken lässt.
Dass die Stacks aus Südkorea kommen, liegt an der Fertigung: Doosan hat in Serienkapazität für Festoxid-Stacks investiert, während Europa solche Kapazität zu wettbewerbsfähigen Kosten bislang fehlt. Mit dem Auftrag sichert sich der Konzern zugleich den Einstieg in den europäischen Markt.
Rund 200 Menschen arbeiten am Standort Eresing, das dortige Gewerbegebiet ist nahezu voll erschlossen. Über einen zweiten Produktionsstandort will Reverion binnen eines Jahres entscheiden; er soll den Output verzehnfachen und die Fertigung in den dreistelligen Megawatt-Bereich bringen. Der Landkreis Landsberg am Lech wirbt darum, das Werk in der Region zu halten, und stellt bis zu 800 neue Arbeitsplätze in Aussicht.
2 Mrd. €
KUNDENPIPELINE
Feste Vorbestellungen liegen bei über 100 Mio. US-Dollar
74,2 %
ELEKTRISCHER WIRKUNGSGRAD
Gemessen bei den Stadtwerken Mühlacker, BHKW schaffen rund 40 %
76 Mio. $
STACK-LIEFERVERTRAG
Erster Festoxid-Export von Doosan Fuel Cell überhaupt
QUELLEN
- ingenieur.de: 74,2 % Wirkungsgrad: Bayerns Kraftwerk für Strom, Wasserstoff und CO2 soll in Großserie, 12.08.2026.
- Nature Energy: Composite air electrodes based on BaCe0.7Zr0.1Y0.1Yb0.1O3−δ for reversible solid oxide cells, Park et al., 2026.
- deutsche-startups.de: „Hardware-Entwicklung ist brutal ehrlich", Interview mit Felix Fischer, 11.08.2026.
- Ceres Power Holdings: Doosan Fuel Cell SOFC order with Reverion GmbH, 06.08.2026.
- Landratsamt Landsberg am Lech: Pressemitteilung „Vom Weltrekord zur Großserie", 29.05.2026.