ENERGIEWENDE · 22. AUGUST 2026

Energiewende im Faktencheck: Vahrenholt gegen Banaszak
Fritz Vahrenholt beschreibt bei Apollo News die Energiewende als drohende Versorgungskatastrophe, Grünen-Chef Felix Banaszak bei BILD die Energiewende als Wohlstandsgewinn. Eines der beiden Bilder hält den Fakten stand.
Apollo News spottet in dieser Woche gleich zweimal über Felix Banaszak. Larissa Fußer, Medizinabsolventin und Mitgründerin des umstrittenen Portals, beurteilt die Energiepolitik des Grünen-Chefs als „Wolkenschloss-Politik“: Er brauche „eine Rakete, um zur Erde zurückzukehren“. Im selben Portal sitzt zeitgleich Fritz Vahrenholt und erklärt, es sei „noch viel schlimmer“. Zwei Weltbilder, ein Test: Welches übersteht den Abgleich mit der Wirklichkeit?
Die Apokalypse hat ein Aktenzeichen
Vahrenholts Kronzeuge für die nahende Katastrophe ist ein verpasster Termin: Am 15. August habe die Bundesregierung über drei Braunkohleblöcke im Rheinischen Revier berichten müssen, und schweige nun verdächtig. Tatsächlich ist der Termin § 54 des Kohleverstromungsbeendigungsgesetzes, eine Routineüberprüfung, die seit 2020 im Gesetz steht. Die mögliche Reserve bis 2033 ist seit dem Eckpunktepapier von Bund, NRW und RWE aus dem Jahr 2022 als Plan B vereinbart, Cleanthinking hat die Debatte im August eingeordnet.
Dasselbe Muster beim Kraftwerk Schkopau, das Vahrenholt ohne Jahreszahl daneben stellt: Es läuft bis Ende 2034, und am Standort entsteht längst der Gaskraftwerks-Ersatz. Und bei der „Sicherheitsplattform Strom“, einem Notfallinstrument für Sabotage und Cyberangriffe, das Vahrenholt kurzerhand zum Knappheits-Beweis umdeutet. Wo er hinzeigt, findet sich statt Krise ein Verwaltungsvorgang.
Selbst sein stärkstes Argument kippt: Gaskraftwerke seien vor 2031 nicht zu bekommen, die Turbinen weltweit ausverkauft. RWE-Chef Markus Krebber hält den Netzstart der ersten Anlagen für 2029 für machbar, sofern die Ausschreibungsergebnisse im Herbst vorliegen. Die Konzerne bereiten sich seit Jahren auf genau diese Aufträge vor.
Das Drehbuch ist dabei stets dasselbe, der Anlass austauschbar. Ob Blackout-Bluff im Juli, Gaskrisen-Märchen im Februar oder verbogene Klimawahrheiten im vergangenen Herbst: Jedes Vahrenholt-Interview bei Apollo News mündet in derselben Forderung, Deutschland müsse Kohle- und Atomverstromung verlängern, das sei billiger als der Energiewendepfad. Die Begründung wechselt, das Ziel nie.
Banaszaks Fundament: Die Schwäche kommt nicht von der Energiewende
Banaszak hält im BILD-Interview dagegen: „Die Energiewende kostet uns nicht den Wohlstand, sie sichert uns den Wohlstand in der Zukunft.“ Das klingt nach Parteitagsprosa, ist aber besser fundiert als Vahrenholts Aktenlage. Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und eine Exportnation unter massivem Druck, nur kommt dieser Druck nachweislich von woanders.
Eine aktuelle IW-Studie beziffert das Kernproblem: Das Produktivitätswachstum ist von zwei Prozent in den Neunzigern auf 0,3 Prozent gefallen, nötig wären 1,6 Prozent, um den Lebensstandard zu halten. Ihre fünf Hebel heißen Digitalisierung, KI, Investitionen, Bürokratieabbau, Arbeitszeit. Die Energiewende taucht als Ursache nicht auf. Was auftaucht, ist der Wettbewerber China, der mit hochsubventionierten E-Autos, Batterien und Solartechnik genau die Märkte besetzt, die Vahrenholt für entbehrlich hält.
Die Georgsmarienhütte zeigt die Lage im Kleinen: Der Stahlhersteller ächzt unter Stromkosten und chinesischem Dumping zugleich, aber sein Elektrolichtbogenofen ist der Grund, warum der Standort überhaupt noch mithält. Die Energiewende ist hier nicht das Problem, sondern die verbliebene Wettbewerbschance. Wo Banaszak überzieht, gehört es gesagt: Sein Satz von den Preisen, die „trotz, nicht wegen“ der Energiewende hoch seien, stimmt an der Strombörse, beim Endkundenpreis schlagen die Netzentgelte des Umbaus durch.
Der eigentliche Streit Vahrenholt gegen Banaszak: Rückbau oder Umbau
Hinter den Interviews steht die eigentliche Wegscheide. Vahrenholt will zurück zu Kohle und Atom und misst Batteriespeicher spöttisch an einer 20-tägigen Dunkelflaute, die kein Mensch ihnen zugedacht hat. Die Energiewirtschaft plant anders: Batterien für den Tag-Nacht-Ausgleich, Gaskraftwerke und später Wasserstoff für die langen Flauten, Smart Meter und Flexibilitäten dazwischen.
Dieser Umbau ist keine Theorie, er läuft, ausgerechnet dort, wo Vahrenholt die Not verortet: In Sachsen-Anhalt ging im August Deutschlands größter zusammenhängender Batteriespeicher in Leuna ans Netz, in Förderstedt und Klostermansfeld entstehen zwei der größten Anlagen des Landes. Bei den Smart Metern hat Banaszak die Lücke sogar untertrieben: Er sprach von 70 Prozent Verbreitung bei den Nachbarn, Österreich liegt bei 97, Italien nahe 100 Prozent, Deutschland bei 5,5. Genau hier entscheidet sich, wie schnell der Weg von 60 auf 80 Prozent Erneuerbare gelingt.
Wenn die Zahlen nicht passen, kommt das Gefühl
Das Muster hinter Vahrenholts Auftritt zeigt sich in derselben Woche noch einmal, eine Etage gröber. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund beruft sich in Magdeburg auf eine „Lebensrealität, die anders erzählt wird als im TV“, und schwärmt von den sicheren Neunzigern. Die Kriminalstatistik zeigt für Sachsen-Anhalt seit den frühen Neunzigern sinkende Fallzahlen. Und am 12. Mai 1994 jagten Rechtsextreme in Magdeburg stundenlang Schwarze Menschen durch die Innenstadt; der Algerier Farid Boukhit starb an den Folgen. Sicher waren diese Jahre nur für die, die ins Bild passten.
Am Ende stehen sich zwei Zukunftsbilder gegenüber. Banaszaks Weg verlangt zusätzliche Anstrengung und vor allem Konsequenz: Netze, Speicher, Smart Meter und flexible Lasten, alles gleichzeitig und über Legislaturperioden hinweg durchgehalten. Bequem ist dieser Weg nicht.
Vahrenholts Weg führt mit den Technologien von gestern zurück in eine Zeit ehemals billiger, scheinbar sorgloser Energieversorgung. Diese Zeit endete mit Putins Angriffskrieg, zerrissenen Lieferketten und dem globalen Wettlauf um Gasturbinen und Batteriezellen. Sie kommt nicht wieder, gleich wie viele Braunkohleblöcke am Netz bleiben.
Wer die Energiewende jetzt abbricht, hängt Deutschland genau dort ab, wo über Wohlstand entschieden wird: bei der Produktivität, bei den Industriestrompreisen und auf den Zukunftsmärkten, die China gerade besetzt.
Zurück zur Rakete. Apollo News wollte Banaszak als Wolkenschloss-Politiker vorführen. Gemessen an Gesetzestexten, Betriebsdaten und Speicherzahlen ist es Vahrenholts Apokalypse, die im Orbit kreist. Banaszaks These hat eine Lücke beim Endkundenpreis, aber ein Fundament auf der Erde.
QUELLEN
- Apollo News auf YouTube: Gas, Kohle, Wind: Es ist noch viel schlimmer – Prof. Fritz Vahrenholt, 21. August 2026.
- Apollo News: „Die Energiewende sichert uns den Wohlstand“ – Banaszak offenbart seine grünen Wolkenschlösser, 22. August 2026.
- BILD: Felix Banaszak: Warum er Enteignungen nicht ausschließt, 20. August 2026.
- Bundesministerium der Justiz: Kohleverstromungsbeendigungsgesetz, § 54 Regelmäßige Überprüfungen der Maßnahme, abgerufen am 22. August 2026.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: Eckpunktepapier zum Kohleausstieg im Rheinischen Revier, 4. Oktober 2022.
- Du bist Halle: Bis 2034 am Netz: IHK begrüßt Kohlekompromiss zum Kraftwerk Schkopau.
- UVP-Verbund: Saale Energie GmbH, GuD-Umbau am Standort Schkopau.
- pv magazine: Batteriespeicher mit rund 500 Megawattstunden Kapazität in Sachsen-Anhalt eingeweiht, 13. August 2026.
- IWR: Deutschlands größter Batteriespeicher mit 716 MWh entsteht in Förderstedt.
- Stiftung Familienunternehmen: Fünf Hebel für mehr Produktivität, Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.
- energate messenger: Österreich erreicht nahezu Voll-Rollout bei Smart Metern.
- t-online: Ulrich Siegmund im MDR: So wahr sind die Aussagen vom AfD-Mann.
- Wikipedia: Magdeburger Himmelfahrtskrawalle, abgerufen am 22. August 2026.