KLIMAPOLITIK · 24. AUGUST 2026

Klimaziele in Gefahr: Wälder und Ozeane speichern weniger CO2 als eingeplant
Zwei unabhängige Studien zu Europas Wäldern und zu Ozean und Landflächen weltweit kommen zum gleichen Befund: Die natürlichen CO2-Senken nehmen weniger auf, als die EU-Klimarechnung für 2030 und 2050 voraussetzt. Beim Wald datiert der Bruch auf 2018, beim Ozean auf 2023.
Ein Klimaziel ist immer auch eine Rechnung. Auf der einen Seite stehen die Emissionen, die eine Volkswirtschaft vermeidet. Auf der anderen Seite stehen die Emissionen, die Wälder, Böden und Ozeane von selbst aus der Atmosphäre ziehen. Die EU-Kommission kalkuliert ihre Klimaziele, minus 55 Prozent Treibhausgase bis 2030 gegenüber 1990, klimaneutral bis 2050, mit beidem: weniger Ausstoß und einer funktionierenden natürlichen Senke. Genau dieses Verhältnis von CO2-Senken und Klimazielen stellen die neuen Studien infrage.
Zwei Wald-Studien aus diesem Jahr stellen die zweite Hälfte der Rechnung infrage, dazu eine Bestandsaufnahme des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) zu Land- und Ozean-Senken weltweit. Die Wald-Studien kommen unabhängig voneinander zu ähnlichen Zahlen und markieren denselben Wendepunkt: 2018, das Jahr der großen Dürre in Mitteleuropa.
Was eine Senke ist und warum die EU-Rechnung sie braucht
Eine CO2-Senke ist ein natürlicher Speicher, der mehr Kohlenstoff aufnimmt, als er abgibt. Wälder binden CO2 im Holz und im Boden, solange sie wachsen. Ozeane lösen CO2 im Wasser, angetrieben von Temperaturunterschied und biologischer Aktivität. Beide zusammen haben in den vergangenen Jahrzehnten etwa die Hälfte der von Menschen verursachten CO2-Emissionen aus der Atmosphäre entfernt.
Die EU rechnet die Landnutzungs-Senke, in der Fachsprache LULUCF (Land Use, Land-Use Change and Forestry), fest in ihre Klimabilanz ein. Wälder sollen einen Teil der Emissionen kompensieren, die sich in Industrie und Verkehr nicht schnell genug vermeiden lassen.
Der Expertenrat für Klimafragen hatte bereits im Frühjahr davor gewarnt, dass Deutschland sein Emissionsbudget bis 2030 überzieht, auch wegen der Landnutzung. Die neuen Studien zeigen: Das Problem betrifft mehrere Länder und mehrere Stellen der Rechnung zugleich.
Der Wald verliert seit 2018 46 Prozent mehr Biomasse pro Hektar und Jahr
Ein Team um die TU München hat Satellitendaten von 1985 bis 2023 für ganz Europa ausgewertet. Ergebnis: Europas Wälder haben in diesem Zeitraum 6,5 Milliarden Tonnen oberirdische Biomasse verloren, durch Dürre, Waldbrände, Stürme und Borkenkäferbefall. Seit der Dürre 2018 beschleunigt sich der Verlust deutlich, um rund 46 Prozent pro Hektar und Jahr gegenüber dem Durchschnitt der Jahre davor.
„Die Veränderungen seit 2018 lassen sich ohne den Klimawandel kaum erklären”, erklärt Studienautorin Katja Kowalski (TU München), aus dem Englischen übersetzt. Dürren würden häufiger und schwerer, die Däume dadurch geschwächt, so Kowalski, was Borkenkäfern zunehmend günstige Bedingungen biete. Solche Ereignisse würden künftig häufiger auftreten und müssten deshalb stärker in die Forstplanung einfließen, vor allem wenn Europas Wälder weiter als CO2-Senke dienen sollen.
Ein zweites, unabhängiges Forschungsteam hat eine Modellrechnung aufgesetzt, die von der bisherigen Entwicklung auf die Zukunft schließt. Sie simuliert, wie sich die Biomasse-Dynamik europäischer Wälder bis 2030 entwickelt, wenn Störungen wie Dürre und Schädlinge in diesem Tempo weiterlaufen.
Ergebnis: Die Fähigkeit der EU-27-Wälder, CO2 aufzunehmen, sinkt bis 2030 gegenüber dem Vergleichsjahr 2010 um rund 39 Prozent. Die EU-Kommission kalkuliert für ihre Klimaziele mit einer deutlich stärkeren Waldsenke. Gemessen an diesem Kalkulationswert läge die reale Waldsenke 2030 rund 27 Prozent darunter.
Selbst das EU-Programm „3 Billion Trees”, drei Milliarden neu gepflanzte Bäume bis 2030, würde die Lücke der Studie zufolge nicht schließen. Neu gepflanzte Bäume brauchen Jahrzehnte, um im gleichen Umfang CO2 zu binden wie ausgewachsener Wald, den Dürre und Käferbefall gerade wegnehmen.
Auch der Ozean nimmt weniger CO2 auf
Während die Wald-Studien auf Europa zielen, hat das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Herbst 2025 mit rund 70 Forschenden aus 21 Ländern global modelliert, wie sich Land- und Ozean-Senken gegenüber einem kontrafaktischen Klimaszenario ohne menschengemachte Erwärmung verändert haben.
Für den Zeitraum 2015 bis 2024 im Mittel: die Landsenke 25 Prozent schwächer, die Ozean-Senke 7,1 Prozent schwächer, jeweils gegenüber diesem Modellwert.
2023 kam ein akuter Einbruch der Ozean-Senke hinzu. Warmes Wasser, vor allem im Nordatlantik, löst weniger CO2 als kaltes, ein einfacher physikalischer Zusammenhang. Weil der Nordatlantik 2023 ungewöhnlich warm blieb, sank die weltweite CO2-Aufnahme des Ozeans um fast eine Milliarde Tonnen CO2 gegenüber dem Trend der Vorjahre, ein Rückgang von rund zehn Prozent.
Rein rechnerisch hätte der Effekt mehr als zehnmal so groß ausfallen müssen, allein durch die geringere Löslichkeit von CO2 in warmem Wasser. Biologische und physikalische Ausgleichsprozesse haben den stärksten Teil des Einbruchs abgefedert. Ob das bei fortschreitender Erwärmung so bleibt, ist nach Angaben von Studienautor Jens Daniel Müller (ETH Zürich) offen.
Der Befund deckt sich mit der CT-Analyse zur Entkopplung von Photosynthese und Baumwachstum zu einer Columbia/PIK-Studie: Bäume wachsen unter Stress langsamer, als ihre Photosyntheseleistung vermuten ließe. Auch das drückt die Menge CO2, die am Ende tatsächlich im Holz landet.
Warum die Daten auf einen Strukturbruch hindeuten
Vielleicht war 2018 ein Extremjahr, 2023 ein Extremjahr, und die Senken erholen sich wieder. Zwei Befunde sprechen dagegen.
Erstens der Zeitraum: Die TUM-Auswertung misst über 38 Jahre und zeigt einen Strukturbruch, keinen einzelnen Ausschlag. Zweitens die Wiederholung des Musters in getrennten Datensätzen: Satellitenbeobachtung für Europas Wälder, globale Kohlenstoffbilanzierung für Land und Ozean, beide unabhängig voneinander erhoben.
Dürre, Hitzewellen und Schädlingsbefall sind zudem selbst eine Folge der Erwärmung. Je wärmer es wird, desto mehr Stress für die Wälder und desto weniger CO2 nehmen sie auf, was die Erwärmung wiederum verstärkt. Klimamodelle beschreiben diese Rückkopplung seit Langem, jetzt zeigt sie sich in den Messdaten der vergangenen acht Jahre, und zwar schneller als erwartet.
Was das für die deutsche Klimabilanz bedeutet
Für Deutschland ist die Landnutzungs-Senke ein eigener Rechnungsposten mit Gewicht. Der Projektionsbericht 2026 zeigt bereits, dass der Sektor LULUCF seine eigenen Ziele reißt.
Das Klimaschutzgesetz legt in Paragraf 3a einen Senken-Zielwert fest: minus 25 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente im Schnitt der Jahre 2027 bis 2030. Seit der Reform 2024 zählt dafür keine strikte Einzelsektor-Grenze mehr, sondern eine sektorübergreifende Gesamtrechnung aller Emissionen und Senken.
Schwächelt die Waldsenke stärker als angenommen, wird diese Gesamtrechnung enger. Verbindlich bleibt daneben die EU-Lastenteilungsverordnung für Sektoren wie Verkehr und Gebäude, deren erste Prüfrunde für Deutschland 2027 ansteht.
Die praktische Konsequenz betrifft die Priorität innerhalb der Klimapolitik. Wenn sich auf die Senke weniger verlassen lässt, muss die Vermeidung von Emissionen in Industrie, Verkehr und Gebäuden umso zuverlässiger laufen. Die Senke bleibt ein Zusatz, kein Ersatz für Reduktion an der Quelle.
Was gegensteuert: Waldumbau und marine Kohlenstoffsenken
Die Antwort auf schwächelnde Senken ist, sie gezielt zu stärken. Beim Wald heißt das in der Praxis: Umbau von Fichten-Monokulturen zu klimaresilienten Mischwäldern mit mehr Laubbaum-Anteil, die Dürre und Käferbefall besser überstehen.
Bund und Länder fördern diesen Umbau über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK): 2025 wurden rund 81.500 Hektar Wald umgebaut, mit einem Fördervolumen von etwa 146 Millionen Euro. Das Tempo bleibt der limitierende Faktor.
Beim Ozean ist CDRmare das deutsche Referenzprojekt, neben privatwirtschaftlichen Ansätzen wie dem CO2-Schwamm von Equatic. Die Forschungsmission der Deutschen Allianz Meeresforschung untersucht mit rund 200 Forschenden in sechs Verbundprojekten, wie sich die CO2-Aufnahme des Meeres gezielt verstärken lässt, etwa durch Alkalisierung von Meerwasser oder den Schutz und Wiederaufbau von Blue-Carbon-Lebensräumen wie Seegraswiesen.
Die zweite Förderphase läuft seit August 2024 bis Juli 2027, mit rund 20 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium. Für 2026 ist unter anderem ein Feldversuch geplant, bei dem gemahlener Kalkstein ins Meer eingebracht wird, um über zwei Jahre zu beobachten, wie sich das auf die CO2-Bindung auswirkt.
Beide Ansätze stehen im Forschungsstadium, ein industriell einsetzbares Instrument fehlt bislang. Solange die EU-Kommission ihre Klimaziele weiterhin auf Basis einer intakten Wald- und Ozean-Senke kalkuliert, während beide real nachlassen, wächst die Lücke zwischen Rechnung und Wirklichkeit weiter. Allein bei der Waldsenke sind das nach der Modellrechnung rund 27 Prozent, um die die EU-27-Senke 2030 hinter dem Kalkulationswert der Klimaziele zurückbleiben könnte.
Häufige Fragen zu CO2-Senken und dem EU-Klimaziel
Wie viel Biomasse haben Europas Wälder seit 1985 verloren?
6,5 Milliarden Tonnen oberirdische Biomasse zwischen 1985 und 2023, mit einer deutlichen Beschleunigung seit der Dürre 2018 (TU München, Nature Geoscience 2026). Der Verlust betrifft Wälder in ganz Europa und geht auf Dürre, Waldbrände, Stürme und Borkenkäferbefall zurück.
Um wie viel könnte die EU-Waldsenke bis 2030 sinken?
Modellrechnungen zufolge um rund 39 Prozent gegenüber 2010, womit sie etwa 27 Prozent unter dem für die EU-Klimaziele kalkulierten Wert läge (National Science Review, 2026).
Wie stark hat sich die globale Ozean-Senke abgeschwächt?
Im Mittel der Jahre 2015 bis 2024 um 7,1 Prozent gegenüber einem Szenario ohne menschengemachte Erwärmung, mit einem akuten Einbruch von rund 10 Prozent im Jahr 2023 durch die Erwärmung des Nordatlantiks (PIK/Global Carbon Budget 2025).
Was ist CDRmare?
CDRmare ist eine deutsche Forschungsmission mit rund 200 Forschenden, die untersucht, wie sich die CO₂-Aufnahme des Ozeans gezielt verstärken lässt, etwa durch Alkalisierung von Meerwasser oder den Schutz mariner Kohlenstoffspeicher. Die laufende Förderphase reicht bis Juli 2027.
Diese Entwicklung ist auch im Klima-Ticker von Cleanthinking dokumentiert, der laufend aktuelle Fakten und Studien zur Klimakrise sammelt.
QUELLEN
- Nature Geoscience: Accelerating biomass loss from forest disturbances across Europe, 2026.
- National Science Review: Alarming decline in the carbon sink of European forests driven by disturbances, 2026.
- Future Earth, The Earth League, World Climate Research Programme: 10 New Insights in Climate Science 2025/2026, 30.10.2025.
- ESSD/Copernicus: Global Carbon Budget 2025, 2026.
- Columbia Climate School: The Ocean Carbon Sink Is Ailing, 04.09.2025.
- CDRmare: The research mission CDRmare.