KLIMAWISSEN · 26. AUGUST 2026

Die Diskontrate: Der Zinssatz, der über Klimapolitik entscheidet
In jeder Kosten-Nutzen-Rechnung zum Klimaschutz steckt eine Zahl, die niemand messen kann. Sie legt fest, was ein Schaden im Jahr 2100 heute wert ist. Wer sie kennt, kann fast jede Klimastudie vorhersagen, bevor er sie liest.
Klimaschutz kostet heute und nützt später. Diese Asymmetrie ist der Kern des Problems: Investitionen fallen in dieser Dekade an, der vermiedene Schaden liegt Jahrzehnte oder ein Jahrhundert entfernt. Um beides in einer Rechnung zu vergleichen, muss die Ökonomie künftige Beträge auf die Gegenwart umrechnen.
Das Werkzeug dafür ist die Diskontrate. Sie ist kein Messwert und keine Naturkonstante, sondern eine Setzung. Und sie ist mächtiger als fast alles andere in diesen Modellen. Zwei Forschergruppen können denselben Datensatz, dieselbe Klimaphysik und dieselben Technologiekosten verwenden und trotzdem zu gegensätzlichen Empfehlungen kommen, weil sie diese eine Zahl unterschiedlich wählen.
Was ist die Diskontrate?
Die Diskontrate ist der Zinssatz, mit dem künftige Geldbeträge auf ihren heutigen Wert zurückgerechnet werden. Sie funktioniert wie ein Zins rückwärts. Wer 100 Euro in zehn Jahren erwartet und mit fünf Prozent diskontiert, bewertet diesen Betrag heute mit rund 61 Euro. Je höher die Rate und je ferner der Zeitpunkt, desto kleiner der Gegenwartswert.
In der Finanzwelt ist das unstrittig, weil dort eine reale Alternative existiert: Geld, das nicht ausgegeben wird, kann angelegt werden und wächst. In der Klimaökonomie geht es dagegen nicht um Kapitalanlagen, sondern um Ernteausfälle, Hitzetote und verlorene Küstenstädte in einem Jahrhundert, in dem niemand von uns lebt. Die Diskontrate beantwortet hier eine andere Frage: Wie viel zählt das Wohlergehen künftiger Generationen im Vergleich zu unserem?
Ökonomen zerlegen die Rate meist nach der Ramsey-Formel in zwei Bestandteile. Der eine ist die reine Zeitpräferenz, also die Frage, ob künftiges Wohlergehen allein deshalb weniger zählt, weil es später eintritt. Der andere ergibt sich aus der Annahme, dass künftige Menschen reicher sein werden und ein zusätzlicher Euro ihnen weniger nützt als uns. Der erste Teil ist eine ethische Entscheidung, der zweite eine Prognose.
Warum entscheidet der Zinssatz über das Ergebnis?
Weil Zinseszins über lange Zeiträume brutal wirkt. Ein Schaden von 100 Dollar im Jahr 2100 ist heute 35 Dollar wert, wenn man mit 1,4 Prozent diskontiert. Bei drei Prozent sind es 11 Dollar. Bei fünf Prozent sind es 2,58 Dollar.
Derselbe physische Schaden, dieselbe Studie, ein Vierzehntel des Werts. Bei einer hoch genug angesetzten Rate wird jede Investition unwirtschaftlich, deren Nutzen jenseits weniger Jahrzehnte liegt, völlig unabhängig davon, wie groß dieser Nutzen ausfällt. Das ist kein Rechenfehler, sondern die eingebaute Eigenschaft des Verfahrens.
Wie stark der Effekt in der Praxis durchschlägt, zeigt die amerikanische Umweltbehörde EPA in ihrem Bericht zu den sozialen Kosten von Treibhausgasen aus dem Jahr 2023. Sie beziffert den Schaden einer im Jahr 2020 emittierten Tonne CO₂ bei drei verschiedenen Diskontraten, mit identischer Methodik und identischen Klimadaten.
| Diskontrate | Soziale Kosten je Tonne CO₂ |
|---|---|
| 2,5 Prozent | 120 US-Dollar |
| 2,0 Prozent | 190 US-Dollar |
| 1,5 Prozent | 340 US-Dollar |
Quelle: US EPA, Report on the Social Cost of Greenhouse Gases, Dezember 2023, Emissionsjahr 2020, Werte in Dollar von 2020.
Ein Prozentpunkt Unterschied verdreifacht den Wert. Diese Zahl ist keine akademische Spielerei: Die sozialen Kosten von Kohlenstoff gehen in Genehmigungsverfahren, Förderentscheidungen und Regulierungsfolgenabschätzungen ein. Wer sie niedrig ansetzt, macht fossile Projekte rechnerisch attraktiv. Die zweite Trump-Administration hat den Wert per Dekret auf nahe null gesetzt und damit den Kohleausbau rechnerisch legitimiert.
Woher kommt der Streit zwischen Stern und Nordhaus?
Die Auseinandersetzung hat zwei Namen. Der britische Ökonom Nicholas Stern legte 2006 im Auftrag der Regierung eine Analyse vor, die eine reine Zeitpräferenz von nahe null ansetzte und auf eine effektive Rate von rund 1,4 Prozent kam. Seine Begründung war ethisch: Es gebe keinen vertretbaren Grund, das Wohl eines Menschen im Jahr 2100 geringer zu gewichten, nur weil er später geboren wird. Ergebnis: Sofortiges, entschiedenes Handeln ist ökonomisch geboten.
William Nordhaus, der 2018 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, wählte in seinem Modell DICE einen deutlich höheren Wert von rund vier Prozent. Sein Argument war beobachtungsgestützt: Modelle sollten die Renditen abbilden, die reale Kapitalmärkte liefern, nicht die Wünsche der Modellierenden. Ergebnis: ein langsamer Minderungspfad und eine als ökonomisch optimal ausgewiesene Erwärmung von rund 3,5 Grad.
Beide arbeiten korrekt innerhalb ihrer Annahmen. Der Unterschied liegt nicht in den Daten, sondern in der Frage, ob man Marktrenditen als Maßstab für Generationengerechtigkeit akzeptiert. Wer Modellergebnisse liest, ohne die Rate zu kennen, liest das Ergebnis einer Wertentscheidung und hält es für ein Rechenergebnis.
Hinzu kommt ein zweiter Einwand gegen die hohen Raten. Die Schadensfunktionen dieser Modelle beschreiben Klimafolgen als glatte Kurve, ohne Kipppunkte, ohne Migration, ohne Konflikt. Eine Arbeitsgruppe um Martin Hänsel zeigte 2020 in Nature Climate Change, dass DICE mit aktualisierter Schadensfunktion und Klimasensitivität Pfade ausweist, die mit dem Zwei-Grad-Ziel vereinbar sind. Die Diskontrate ist der größte Hebel, aber nicht der einzige.
Wo die Diskontrate in der öffentlichen Debatte auftaucht
Sichtbar wird sie fast nie. Wenn ein Autor erklärt, Klimaschutz koste mehr, als er nütze, folgt darauf in aller Regel keine Angabe darüber, mit welchem Zinssatz gerechnet wurde. Der Streit findet in einer Fußnote statt, das Ergebnis auf der Titelseite.
Björn Lomborg arbeitet seit Jahren mit den Ergebnissen der Nordhaus-Modellfamilie und leitet daraus die Empfehlung ab, Emissionsminderung durch Anpassung und Forschungsförderung zu ersetzen. Im August 2026 tat er das erneut, diesmal am Beispiel der weltweiten Waldbrandstatistik. Cleanthinking hat die Argumentation in einer eigenen Analyse auseinandergenommen.
Ein Gegenbeispiel aus derselben Disziplin macht die Hebelwirkung greifbar. Ein Team um Rupert Way und Doyne Farmer von der Universität Oxford berechnete 2022 im Fachjournal Joule den Vorteil einer schnellen Energiewende gegenüber dem Weiterbetrieb des fossilen Systems. Bei 1,4 Prozent Diskontrate ergibt sich ein Barwert von rund 12 Billionen Dollar, bei fünf Prozent noch etwa 5 Billionen.
Bemerkenswert ist dabei das Vorzeichen. In dieser Rechnung ist die Energiewende bei jeder gewählten Rate die günstigere Option. Der Zinssatz verschiebt nur, wie deutlich der Vorsprung ausfällt.
Was folgt daraus für die saubere Zukunft?
Die wichtigste Konsequenz ist unbequem für beide Lager: Wer die Klimadebatte allein über Kosten-Nutzen-Modelle führt, verhandelt Annahmen und nicht Messwerte. Diese Modelle sind nützlich, um Größenordnungen zu sortieren, und ungeeignet, um moralische Fragen zu entscheiden, die vorher in sie hineingeschrieben wurden.
Die zweite Konsequenz entwertet den Streit zunehmend. Diskontraten wirken nur dort stark, wo Kosten heute und Nutzen später anfallen. Genau diese Struktur löst sich auf, seit Solarstrom, Windkraft und Speicher die günstigsten verfügbaren Optionen geworden sind. Wenn eine Technologie schon in der Gegenwart billiger ist als ihre fossile Alternative, spielt es kaum noch eine Rolle, wie stark man die Zukunft abwertet.
Sichtbar wird das an den Erfahrungskurven: Photovoltaik verbilligt sich seit 45 Jahren um rund ein Viertel je Verdopplung der produzierten Menge, Lithium-Ionen-Zellen sind seit 1991 um etwa 97 Prozent gefallen. Diese Kurven entstehen durch Produktion, nicht durch Diskontierung. Was das für die Versorgungsfrage bedeutet, steht in der Cleanthinking-Analyse zu Solar plus Speicher.
Bleibt der Rest, der sich nicht wegrechnen lässt. Anpassung an Klimafolgen hat physikalische Grenzen, die kein Zinssatz verschiebt, und Kipppunkte kennen keinen Barwert. Für diesen Teil der Debatte bleibt die Diskontrate das, was sie immer war: eine Aussage darüber, wie ernst wir Menschen nehmen, die nach uns kommen.
Häufige Fragen zur Diskontrate
Was ist die Diskontrate einfach erklärt?
Die Diskontrate ist ein Zinssatz, mit dem künftige Kosten und Nutzen auf ihren heutigen Wert umgerechnet werden. Je höher sie ist, desto weniger zählt ein Schaden, der weit in der Zukunft liegt. In der Klimaökonomie entscheidet sie mit darüber, ob sich Klimaschutz rechnerisch lohnt.
Welche Diskontrate ist für Klimafragen richtig?
Darauf gibt es keine wissenschaftlich eindeutige Antwort. Der Stern-Report von 2006 arbeitet mit rund 1,4 Prozent, das Modell DICE von William Nordhaus mit rund vier Prozent. Die Wahl hängt davon ab, wie stark man das Wohlergehen künftiger Generationen gewichtet.
Wie stark verändert die Diskontrate das Ergebnis?
Sehr stark. Die US-Umweltbehörde EPA beziffert die Schadenskosten einer im Jahr 2020 emittierten Tonne CO₂ auf 120 Dollar bei 2,5 Prozent Diskontrate und auf 340 Dollar bei 1,5 Prozent. Ein Prozentpunkt Unterschied verdreifacht den Wert.
Was sind die sozialen Kosten von Kohlenstoff?
Sie beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden, den eine zusätzlich ausgestoßene Tonne CO₂ über ihre gesamte Wirkungsdauer verursacht. Der Wert geht in Genehmigungsverfahren und Regulierungsfolgenabschätzungen ein und hängt direkt von der gewählten Diskontrate ab.
QUELLEN
- US Environmental Protection Agency: Report on the Social Cost of Greenhouse Gases, Dezember 2023.
- Joule: Empirically grounded technology forecasts and the energy transition, 21.09.2022.
- Nature Climate Change: Climate economics support for the UN climate targets, 13.07.2020.
- HM Treasury: Stern Review on the Economics of Climate Change, 30.10.2006.
- Energy & Environmental Science: Re-examining rates of lithium-ion battery technology improvement and cost decline, 2021.