Gasspeicher-Aktionsplan: INES will Umlage und Netzentgelte streichen

ENERGIEWENDE · 03. SEPTEMBER 2026

Gasspeicher-Aktionsplan: INES will Umlage und Netzentgelte streichen

Wer heute Gas einspeichert, macht nach Rechnung der Speicherbetreiber 3,14 Euro Verlust je Megawattstunde. Die Initiative Energien Speichern legt deshalb einen Gasspeicher-Aktionsplan vor, der kurzfristig Kosten senken und mittelfristig einen neuen Marktrahmen schaffen soll.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Die Initiative Energien Speichern (INES) hat am Donnerstag einen Gasspeicher-Aktionsplan vorgelegt. Der Verband vertritt 17 Betreiber und damit mehr als 90 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazität. Das Papier trägt den Titel „Aktionsplan Speichermarkt: Vermeidbare Kosten senken, Wirtschaftlichkeit stärken".

Kern des Plans sind drei kurzfristige Forderungen: die Konvertierungsumlage abschaffen, die Netzentgelte an den Anschlusspunkten der Speicher streichen und die Finanzierung des einzuspeichernden Gases über vergünstigte Staatskredite verbilligen. Zusammen sollen diese Schritte die Kosten der Speichernutzung um rund 1,16 Euro je Megawattstunde senken. Damit sie noch für den Winter 2026/27 wirken, müssten sie in den kommenden Wochen umgesetzt werden, schreibt der Verband.

Anlass ist der Füllstand der deutschen Gasspeicher. Er lag am 31. August bei 53,3 Prozent, das entspricht 131 von 246 Terawattstunden Arbeitsgas. Cleanthinking hatte Anfang August berichtet, dass die Speicher Mitte August so leer waren wie in keinem Jahr seit mindestens 2018. Seither hat sich das Einspeichertempo auf 0,29 Prozentpunkte pro Tag beschleunigt. Hält es, erreichen die Speicher zum 1. November rund 71 Prozent. Gebucht haben Händler und Versorger für diesen Winter 76 Prozent, gesetzlich vorgeschrieben sind 80 Prozent je Anlage.

Warum sich Einspeichern derzeit nicht rechnet

Ein Gashändler speichert vor dem Winter nur ein, wenn er das Gas im Winter teurer verkaufen kann, als er es im Sommer eingekauft hat. Die Differenz muss die Kosten für Speicher, Transport, Finanzierung und Umlagen decken. Diesen Sommer-Winter-Spread hatte Cleanthinking bereits im Juni als Kern des Speicherproblems beschrieben. Der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus haben ihn ins Negative gedreht.

INES rechnet den Fall mit Zahlen vom 2. September vor. Bei Monatskontrakten an der Energiebörse EEX liege der Spread bei minus 0,01 Euro je Megawattstunde. Hinzu kämen variable Kosten der Speichernutzung von 3,13 Euro. Wer heute einspeichert, verliere damit 3,14 Euro je Megawattstunde. Das gelte selbst dann, wenn der Händler die Speicherkapazität bereits gebucht und bezahlt habe.

Kostenposition je Megawattstunde Euro
Konvertierungsumlage1,45
Netzentgelte am Speicheranschluss1,00
Ein- und Ausspeicherung0,57
Finanzierung des Gases0,11
Variable Kosten gesamt3,13
Sommer-Winter-Spread (EEX, Monatskontrakte)-0,01
Ergebnis je eingespeicherter Megawattstunde-3,14

Quelle: INES, Aktionsplan Speichermarkt, Stand 2. September 2026. Die Speicherentgelte selbst bilden sich im Wettbewerb; INES nennt beispielhafte Werte.

Der größte Einzelposten ist die Konvertierungsumlage. Mit ihr verteilt der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe die Kosten für den Ausgleich zwischen den beiden Gasqualitäten H-Gas und L-Gas auf alle Ausspeisepunkte, also auch auf Speicher. Die Netzentgelte an Speichern sind bereits rabattiert, INES will den Rabatt auf 100 Prozent anheben. Bei der Finanzierung schlägt der Verband staatlich verbilligte Kredite vor, etwa über die KfW, die den Zinssatz um zwei Prozentpunkte senken sollen.

Speicherbetreiber und Speichernutzer sind dabei zwei verschiedene Gruppen. Die Betreiber stellen die Kapazität bereit und dürfen selbst kein Gas kaufen oder verkaufen. Sie verdienen nur, wenn Händler buchen und nutzen. Decken die Marktpreise nicht einmal die variablen Kosten, lassen sich die fixen Betriebskosten der Anlagen laut INES erst recht nicht refinanzieren.

Long-Term-Options sichern bislang nur acht bis neun Prozent Füllstand

Als zweites Instrument nennt der Aktionsplan sogenannte Long-Term-Options (LTO). Dabei bucht Trading Hub Europe im Auftrag der Fernleitungsnetzbetreiber gesicherte Ausspeicherleistung an Speichern, um Engpässe im Gasnetz abzusichern. Speichernutzer, die den Zuschlag erhalten, müssen dafür Gas vorhalten und bekommen es vergütet.

Bei regulären Ausschreibungen hätten Speichernutzer in der Vergangenheit 3,50 Euro je Megawattstunde erlöst, bei Sonderausschreibungen rund 9,70 Euro, schreibt INES. Das würde die Rechnung für einzelne Händler ins Plus drehen. Allerdings hätten die Ausschreibungen des Jahres 2026 nur einen Füllstand von schätzungsweise acht bis neun Prozent abgesichert. Für eine spürbare Wirkung müssten im September deutlich größere Mengen ausgeschrieben werden.

Mittelfristig fordert INES ein Modell wie in Frankreich oder Italien

Über den Winter hinaus hält der Verband die kurzfristigen Schritte für unzureichend. Deutschland müsse zunächst festlegen, welches Niveau an Versorgungssicherheit es haben wolle, und darauf einen Marktrahmen aufbauen. Andere EU-Staaten hätten das bereits getan. Die Niederlande zahlten Marktakteuren einen Bonus für die Befüllung, Österreich verpflichte Lieferanten zum Einspeichern.

Frankreich und Italien kombinierten beide Ansätze. Dort buchen Speichernutzer Kapazität zu Marktwerten und müssen dafür ein Füllstandsziel vor dem Winter erreichen. Die Differenz zwischen erzielbarem Marktwert und den Vollkosten des Speicherbetriebs wird ausgeglichen und über die Netzentgelte auf alle Gaskunden umgelegt. Auf dieses Modell zielt der Gasspeicher-Aktionsplan erkennbar ab, ohne es ausdrücklich zu empfehlen.

„Der Speichermarkt braucht Rahmenbedingungen, die verhindern, dass Versorgungssicherheit ein marktwirtschaftliches Zufallsprodukt ist", sagt INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann. Schon im März hatte er den regulatorischen Status quo als nicht tragfähig bezeichnet. Damals empfahl der Verband eine strategische Reserve von 78 Terawattstunden, Cleanthinking hat das INES-Szenario vom März ausführlich eingeordnet.

Gasspeicher-Aktionsplan trifft auf eine Regierung, die auf den Markt setzt

Der Aktionsplan trifft auf eine Bundesregierung, die Eingriffe in den Speichermarkt bislang ablehnt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat im August weder Einspeicherungen angeordnet noch den Zeitplan für die strategische Gasreserve gehalten. Ein Gutachten von Frontier Economics im Auftrag des Ministeriums sieht kein strukturelles Marktversagen, das weitere staatliche Eingriffe rechtfertige. Die geplante Reserve von 24 Terawattstunden soll frühestens 2027 aufgebaut werden und hilft in diesem Winter nicht.

Politischen Druck gibt es bereits. „Die Regierung muss jetzt einen Gipfel zur Versorgungssicherheit mit Gas machen", sagte der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner Ende August der dpa. Die Grünen unterstützen einen Antrag der Linken auf eine Sondersitzung des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie. Das Wirtschaftsministerium erwartet nach eigenen Angaben keine Gasmangellage im kommenden Winter, die Lage sei aber angespannter als in den beiden Wintern zuvor. Die Wintervorsorge bleibe zunächst Aufgabe des Marktes; verschärften sich zentrale Risikofaktoren deutlich, könne und werde der Staat reagieren.

Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgungslage weiterhin als stabil, richtet ihren Blick aber inzwischen ausdrücklich auf die Füllstandsvorgabe von 30 Prozent zum 1. Februar 2027. „Mit dem aktuellen Stand der Speicherbefüllung kann man noch nicht zufrieden sein", sagte Behördenchef Klaus Müller dem Handelsblatt. Die Verantwortung sieht er bei den Gashändlern: Sie seien Lieferverpflichtungen gegenüber ihren Kunden eingegangen und müssten für jede Art von Winter vorsorgen. Wer sich auf den Spotmarkt verlassen wolle, müsse sich rechtzeitig kümmern. Die Aufgabe der Bundesregierung beschränkt Müller auf die Vorsorge für unvorhersehbare Störungen, also die strategische Reserve.

An dieser Stelle setzt der Gasspeicher-Aktionsplan an. INES bestreitet nicht, dass die Händler Verantwortung tragen, rechnet aber vor, dass sie mit jeder eingespeicherten Megawattstunde derzeit Geld verlieren. Ein Verband, der für die Betreiber der Anlagen spricht, hat dabei ein eigenes Interesse: Leere Speicher bringen keine Buchungserlöse, und der Aktionsplan fordert am Ende eine Refinanzierung der Vollkosten über alle Gaskunden.

Rechnerisch reicht das Paket allein nicht: Die vorgeschlagenen 1,16 Euro Entlastung schließen die Lücke von 3,14 Euro nur zu gut einem Drittel. Der Rest müsste über LTO-Erlöse oder steigende Winterpreise kommen. Wie viel von den gebuchten 76 Prozent bis dahin tatsächlich gefüllt ist, will der Verband mit seinem nächsten Szenario-Update am 8. September beziffern.

Für Verbraucher bleibt die Rechnung von Anfang Februar gültig, als Cleanthinking die Wiederbefüllung als eigentliche Herausforderung des Jahres benannt hatte. Jede Entlastung, ob Umlage, Kredit oder Differenzausgleich, landet am Ende auf der Gasrechnung. Jede Wärmepumpe, die einen Gaskessel ersetzt, macht den Füllstand ein Stück weniger wichtig.

QUELLEN

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  1. INES: Aktionsplan Speichermarkt: Vermeidbare Kosten senken, Wirtschaftlichkeit stärken, 03.09.2026.
  2. INES: Presse-Statement „INES legt Aktionsplan zur Stärkung des Speichermarktes vor", 03.09.2026.
  3. Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung in Deutschland, abgerufen am 02.09.2026.
  4. Handelsblatt/dpa: Niedrige Füllstände: Grüne fordern Gas-Krisengipfel, 28.08.2026.
  5. Handelsblatt: Klaus Müller: „Mit dem Gasspeicherfüllstand kann man nicht zufrieden sein", Interview von Catiana Krapp, 25.08.2026.
  6. AGSI+ (Gas Infrastructure Europe): Speicherfüllstand Deutschland, Stand 31.08.2026.
  7. Cleanthinking: Gasspeicher-Füllstand bei 50 Prozent: Reiche wartet ab, 06.08.2026.
  8. Cleanthinking: Keine Gasmangellage 2026: INES bestätigt die Aussagen von Cleanthinking offiziell, 18.03.2026.
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