KLIMAPOLITIK · 8. SEPTEMBER 2026
Screenshot CeraWeekKatherina Reiche und die CERAWeek: Was die BMWE-Akten über ihre Agenda verraten
Welche Interessen vertritt Katherina Reiche? Die Deutsche Umwelthilfe und FragDenStaat haben interne Dokumente des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zur Teilnahme von Ministerin Katherina Reiche an der CERAWeek im März in Houston veröffentlicht. 92 Seiten Sprechzettel und Vorbereitungsunterlagen legen nahe, dass sie dort für fossile Brennstoffe und Atomkraft warb. Was in den Gesprächen tatsächlich gesagt wurde, bleibt in den Akten unbeantwortet.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und die Plattform FragDenStaat haben heute interne Dokumente des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) veröffentlicht. Sie betreffen die Teilnahme von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche an einer großen Konferenz der fossilen Energiewirtschaft, der CERAWeek im März 2026 in Houston. Zugang zu den weithin geschwärzten Dokumenten erhielten die Organisationen jetzt nach vielen Monaten über das Umweltinformationsgesetz und das Informationsfreiheitsgesetz.
Die CERAWeek wird vom Analysehaus S&P Global veranstaltet und gilt als zentrale Branchenkonferenz der Öl- und Gasindustrie. Mehr als 10.000 Teilnehmer aus rund 90 Ländern kommen jedes Jahr nach Houston. Reiche war nach eigener Aussage auf der Konferenzbühne mindestens zum achten Mal dort, zunächst als Beraterin und Managerin. „Ich habe mich von ganz hinten nach vorne vorgearbeitet", sagte sie dort über ihren eigenen Werdegang.
Freigeklagt statt freigegeben
Das BMWE verzögerte die Beantwortung der Anfragen monatelang. Erst nach einer Untätigkeitsklage der DUH übermittelte das Ministerium eine Dokumentensammlung von 92 Seiten. Vier bekannte Anfragen nach Umweltinformationsgesetz und Informationsfreiheitsgesetz erhielten dieselbe Sammlung, teils mit wortgleichen Bescheiden. Jede Anfrage wurde mit dem Gebührenhöchstsatz von 500 Euro belegt, begründet jeweils mit demselben Verweis auf den Arbeitsaufwand.
DUH und FragDenStaat haben gegen die Bescheide Widerspruch eingelegt. Auch Greenpeace hatte eine Anfrage gestellt. Die freigegebenen Seiten enthalten Entscheidungsvorlagen, Terminvorbereitungen, Sprechzettel und Kernbotschaften, Kurzlebensläufe von Gesprächspartnern, Vorbereitungen für Treffen mit Öl-, Gas-, LNG- und Chemieunternehmen sowie E-Mail-Verkehr zwischen BMWE und S&P Global. Es fehlen Gesprächsprotokolle, Debriefs und jede Form von Nachbereitung.
Der Terminplan der Ministerin listet mehr als ein Dutzend Gespräche. Vorbereitungsunterlagen liegen nur für neun davon vor. Die verfügbaren Seiten sind zudem umfangreich geschwärzt, besonders bei Passagen zu Exxon Mobil und zur EU-Methanverordnung.
„Das BMWE verweigert entscheidende Informationen darüber, wer auf die deutsche Klima- und Energiepolitik Einfluss nimmt", sagt Joschi Wolf, Klimareferent*in bei FragDenStaat. „Das lässt tief blicken: Die Bundesregierung will de facto Informationsrechte abschaffen und beantwortet schon jetzt Anfragen unvollständig."
Gegen den Rat der eigenen Fachebene nach Houston
Eine Entscheidungsvorlage vom Juni 2025 empfahl, das Gespräch mit S&P Global unterhalb der Ministerinnenebene zu führen. Die Teilnahme der Ministerin sei „nicht zwingend" und könne auf Staatssekretärsebene wahrgenommen werden, heißt es darin. Reiche entschied anders.
Eine Entscheidungsvorlage vom 3. Februar 2026 zur CERAWeek begründet die Reise mit dem Wunsch nach „maximalem Spielraum für kurzfristige Begegnungen mit anderen hochrangigen Konferenzteilnehmern„. Vermerkt ist außerdem, dass der Ministerin ein „Schwerpunkt im Gasbereich wichtig“ gewesen sei. Das Ministerium plante Auftritte mit hoher Sichtbarkeit, ein Plenum und mehrere Podien, bei einem Aufenthalt von zweieinhalb Tagen.
US-LNG-Lieferverträge als Sprechzettel-Auftrag
Für Gespräche mit Exxon Mobil, BP und dem Infrastrukturinvestor Global Infrastructure Partners, der inzwischen zu BlackRock gehört, sollte Reiche laut Vorbereitungsunterlagen das Interesse deutscher Unternehmen an langfristigen Gaslieferverträgen mit US-Exporteuren betonen. Der Sprechpunkt für das Gespräch mit Exxon lautet übersetzt: "US-LNG-Lieferungen seien entscheidend für die Gasversorgung der kommenden Jahre, deutsche Unternehmen hätten weiteres Interesse an langfristigen Gaslieferverträgen mit US-LNG-Exporteuren."
Reiche sollte Exxon und BP jeweils fragen, ob ihnen konkrete Gespräche mit deutschen Unternehmen bekannt seien. Aus den Dokumenten geht nicht hervor, dass dem BMWE selbst belastbare Details zu den Plänen deutscher Unternehmen vorlagen. Gegenüber ExxonMobil war Reiche auch in anderem Zusammenhang bereits entgegengekommen: beim Lieferkettengesetz.
Small Modular Reactors für Deutschland als Gesprächsthema
Eine vorbereitete Kernbotschaft beschreibt einen Energiemix aus „wind, solar, gas, nuclear, storage, interconnections„ als „AND AND“-Ansatz, also Wind, Sonne, Gas, Atomkraft, Speicher und Netzverbindungen zugleich statt gegeneinander ausgespielt. Für Europa wird darin ein Potenzial von 17 bis 53 Gigawatt aus Small Modular Reactors (SMR) bis 2050 angeführt. Das sind Kernreaktoren kleinerer Bauart, die in Serie gefertigt werden sollen und deren kommerzieller Einsatz bislang nirgends erprobt ist. Astrophysiker Harald Lesch hat die europäischen SMR-Pläne als strategischen Fehler bezeichnet.
Reiche wollte laut Terminplan ausdrücklich an einem Business-Roundtable zu Small Modular Reactors teilnehmen. Im Programm standen die Hersteller NuScale Power, X-energy, Holtec, GE Hitachi Nuclear Energy und Westinghouse. Im Gespräch mit dem Chemiekonzern Dow sollte sie sich über dessen geplantes SMR-Projekt am texanischen Standort Seadrift informieren und ausloten, ob ein vergleichbares Projekt in Europa denkbar sei.
Die Vorbereitungsunterlagen selbst vermerken, dass in den USA bislang kein SMR-Projekt die Bauphase erreicht hat. Das Referenzprojekt von NuScale in Idaho wurde trotz milliardenschwerer Subventionen eingestellt.
Annäherung an die US-Energiepolitik
Für ein Gespräch mit dem US-Innenminister beziehungsweise dem National Energy Dominance Council war als Kernbotschaft vorgesehen: „Die USA und Deutschland teilten wichtige Ansätze bei der Umsetzung ihrer Energiepolitik. Deutschland sollte als Land präsentiert werden, das ebenso wie die USA auf einen „all of the above“-Ansatz setzt, also auf Wind, Sonne, Gas, Öl, Speicher, Netze und Atomkraft gleichzeitig."
Ein weiterer Sprechpunkt lautet: „Deutschland brauche Energie, die USA exportierten Energie, die USA seien bereits eine entscheidende Säule der deutschen Energiesicherheit.“ Die Unterlagen verweisen dabei auf die EU-US-Vereinbarung vom August 2025, in der die EU zugesagt hat, bis 2028 US-LNG, Öl und Nuklearprodukte im Wert von 750 Milliarden US-Dollar abzunehmen.
Wasserstoff und Offshore-Wind, früher Kernthemen der deutsch-amerikanischen Klima- und Energiepartnerschaft, treten in den Unterlagen fast vollständig in den Hintergrund. Dokumentiert ist letztlich nur ein Gespräch mit einem hochrangigen US-Regierungsvertreter, der öffentliche Auftakt mit Energieminister Chris Wright. Treffen mit Innenminister Doug Burgum und dem National Energy Dominance Council waren angefragt. Ob sie stattfanden, ist aus den Akten nicht ersichtlich.
Erneuerbare als Schwachstelle im Sprechzettel
Für das Panel „Reinvigorating the European Industrial Core" war der Satz vorbereitet: „Intermittent renewables cannot power a G7 economy alone." Wetterabhängige Erneuerbare könnten eine G7-Volkswirtschaft demnach nicht allein mit Energie versorgen. Im Abschnitt „Energy Realism" sollte Reiche sagen, Europa müsse anerkennen, dass wetterabhängige Erzeugung mit flexibler Grundlastkapazität kombiniert werden müsse. Ein Industrieland, das auf wetterabhängige Versorgung setze, ohne ausreichende Reserve, Netzinfrastruktur und Planung: „It cannot work."
Klimaziele seien laut Sprechzettel „kein Selbstzweck.“ Ein grünes Europa, das seine Fabriken verliere, sei kein Vorbild, sondern eine Warnung, heißt es weiter. Reiche nutzt für diesen Kurs die Begriffe Realismus und Pragmatismus. Dass ihre Lesart der Erneuerbaren umstritten ist, zeigte sich bereits im öffentlichen Schlagabtausch mit Scheer.
EU-Methanverordnung: viel Schwärzung, wenig Substanz
Die EU-Methanverordnung verpflichtet Unternehmen zur Erfassung, Überwachung und Verringerung von Methanemissionen sowie zur Reparatur von Leckagen und bezieht schrittweise auch Importeure aus Drittstaaten ein. Reiches wichtigstes Argument gegen die Verordnung, die Kostenbelastung, hält einer Prüfung nicht stand. In den freigegebenen BMWE-Unterlagen spielt sie eine auffällig geringe Rolle, obwohl Reiche sie nach der Reise in einer eigens anberaumten Pressekonferenz unter Verweis auf ihre Gespräche in den USA scharf kritisierte.
In den Vorbereitungen für die Gespräche mit Exxon und BP wird die Verordnung formal als wichtig für die Versorgungssicherheit bezeichnet. Reiche sollte dort nach Berichtspflichten im Rahmen der Oil and Gas Methane Partnership (OGMP) und nach dem Methan-Transparenzniveau der Unternehmen fragen. Große Teile dieser Passagen sind geschwärzt. In Texas hatte Reiche laut Berichten unter anderem des Handelsblatts zudem das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 infrage gestellt.
Was offen bleibt
Die 92 Seiten zeigen, was das BMWE vor der Reise plante: Gaslieferverträge, atomkraftfreundliche Kernbotschaften, ein Schulterschluss mit der US-Energiepolitik. Sie zeigen nicht, was in den einzelnen Gesprächen tatsächlich gesagt oder vereinbart wurde. Protokolle fehlen komplett, und für ein Drittel der im Terminplan aufgeführten Gespräche liegen nicht einmal Vorbereitungsunterlagen vor.
„Die brisanten Dokumente belegen schwarz auf weiß: Katherina Reiche agiert als Cheflobbyistin der Gas- und Atomwirtschaft", sagt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH. „Erneuerbare Energien redet sie schlecht, neue Gasverträge mit Donald Trump treibt sie persönlich voran und wirbt sogar für eine Wiederkehr der Atomkraft. Die Ministerin hat auf dieser Reise aktiv gegen die Energiewende gearbeitet und schadet damit Deutschlands Energieunabhängigkeit."
Die Sprechzettel dokumentieren eine Absicht. Was Katherina Reiche in den nicht protokollierten Gesprächen mit Exxon, BP, Dow und der US-Regierung tatsächlich zugesagt oder abgelehnt hat, bleibt nach dieser Aktenlage unbeantwortet. Ihr energiepolitischer Kurs sorgt seit Amtsantritt für Irritationen bis in die Wirtschaft hinein, von der Kraftwerksstrategie bis zur Methanverordnung.
QUELLEN
- Deutsche Umwelthilfe: Auswertung interner Dokumente: So unverblümt warb Katherina Reiche in den USA für Interessen der Gas- und Atomwirtschaft, 8. September 2026.
- Jonas Seufert, FragDenStaat: Was hat Katherina Reiche in den USA mit Öl- und Gasbossen besprochen?, 8. September 2026.
- Deutsche Umwelthilfe: Auswertung „CERA-Week-Reise von Katherina Reiche: Gasinteressen statt Klimaschutz" (PDF), Stand 8. September 2026.