Brunsbüttel: Wo der Reaktor stand, entsteht der Speicher




SPEICHER · 10. SEPTEMBER 2026

Batteriespeicher Brunsbüttel: Wo der Reaktor stand, entsteht der Speicher

Vattenfall baut auf dem Gelände des stillgelegten Kernkraftwerks Brunsbüttel einen Batteriespeicher mit 254 Megawatt Leistung. Er soll Ende 2028 ans Netz gehen, mitten im laufenden Rückbau des Reaktors, der sich noch bis weit in die 2030er Jahre zieht.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MIN LESEN


Vattenfall hat die finale Investitionsentscheidung für seinen bislang größten Batteriespeicher getroffen. Die Anlage entsteht auf dem Gelände des Kernkraftwerks Brunsbüttel im Kreis Dithmarschen, das seit 2007 dauerhaft vom Netz ist und derzeit zurückgebaut wird. Ein ähnlicher Fall entsteht derzeit am AKW-Standort Brokdorf. Dies teilte der Energiekonzern am 10. September 2026 mit.

Der Speicher soll eine Nennleistung von 254 Megawatt erreichen und mehr als 1.000 Megawattstunden Strom aufnehmen. Das entspricht einer Speicherdauer von rund vier Stunden. Die Inbetriebnahme ist für Ende 2028 geplant. Der alte Reaktor daneben wird zu diesem Zeitpunkt noch Jahre lang abgetragen: Vattenfall hat erst kürzlich die Genehmigung für die zweite Abbauphase erhalten, der Rückbau zieht sich noch bis weit in die 2030er Jahre.

Claus Wattendrup, Leiter Solar und Batterien bei Vattenfall: Heute ist einer der stolzesten Tage meines Berufslebens. Foto: Vattenfall
Claus Wattendrup, Leiter Solar & Batterien bei Vattenfall, auf LinkedIn. Foto: Vattenfall

„Das sind sehr gute Nachrichten für Vattenfall und für den Energiestandort Brunsbüttel. Je stärker Wind- und Solarenergie ausgebaut werden, desto wichtiger werden leistungsfähige Speicher wie diese, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und fossile Energieimporte zu ersetzen“, sagt Claus Wattendrup, Leiter des Bereichs Solar & Batteries bei Vattenfall. Wattendrup ist Diplom-Ingenieur der TU Berlin, arbeitet seit 17 Jahren für den Konzern und war zuvor fünf Jahre lang Director Offshore Wind.

Der Reaktor vererbt dem Speicher sein Netz

Dass der Batteriespeicher Brunsbüttel ausgerechnet auf dem AKW-Gelände entsteht, hat einen konkreten Grund. Das Kraftwerk war 1976 ans Netz gegangen und hatte in seiner Laufzeit rund 118 Terawattstunden Strom erzeugt. Für den Betrieb brauchte es einen leistungsfähigen Anschluss an das Übertragungsnetz. Dieser Anschluss steht noch. Vattenfall nennt die vorhandenen Flächen und die Netzanbindung als Voraussetzung für das neue Projekt.

So soll der Batteriespeicher Brunsbüttel direkt am ehemaligen AKW Brunsbüttel künftig aussehen (Visualisierung: Vattenfall)
So soll der Batteriespeicher Brunsbüttel künftig aussehen (Visualisierung: Vattenfall)

Der Speicher wird an das 380-Kilovolt-Netz des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz angeschlossen. Dafür baut Vattenfall ein neues Umspannwerk auf dem Gelände. Die alte Infrastruktur eines Kernkraftwerks wird damit zur Grundlage für eine Batterieanlage, die mit Kernenergie nichts mehr zu tun hat.

Bauen wird die Anlage der Speicherspezialist Fluence, an dem Siemens und der US-Versorger AES beteiligt sind. Vattenfall hat das Unternehmen im Oktober 2026 beauftragt. Fluence liefert Batteriesysteme, Leistungselektronik und Energiemanagement auf seiner Plattform Gridstack Pro 5000 und übernimmt Planung, Beschaffung, Bau, Inbetriebnahme sowie den Service über die gesamte Lebensdauer. Die Bauarbeiten sollen 2027 beginnen. Beide Unternehmen arbeiten bereits bei acht Speicherprojekten in drei europäischen Ländern zusammen, in Deutschland hat Fluence nach eigenen Angaben mehr als 20 Anlagen realisiert. „Das Projekt stärkt unser Portfolio an Flexibilitätslösungen und unterstützt den Übergang weg von fossilen Energieträgern“, sagt Wattendrup.

Was der Speicher wirklich leistet

In mehreren Meldungen zum Projekt kursiert eine Faustformel: Der Speicher könne mehr als 100.000 Vier-Personen-Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgen. Rechnerisch stimmt das ungefähr. Trotzdem führt die Formulierung in die Irre, denn ein Batteriespeicher erzeugt keine einzige Kilowattstunde Strom. Er nimmt Strom auf, der sonst verloren ginge, und gibt ihn ab, wenn er gebraucht wird. Die genaue Beschreibung lautet: 254 Megawatt Leistung über vier Stunden.

Mit vier Stunden Speicherdauer trifft Vattenfall genau das Format, das das Beratungshaus Wood Mackenzie gerade in 43 Strommärkten gegen Gaskraftwerke für die Abendspitze gerechnet hat. Das Ergebnis: Der Vier-Stunden-Speicher ist günstiger als die Gasturbine, und zwar in jedem untersuchten Markt. In Europa fällt der Abstand am deutlichsten aus.

Konkret soll der Speicher Windstrom aus Schleswig-Holstein aufnehmen, der bei Netzüberlastung sonst abgeregelt würde, also gedrosselt statt eingespeist wird. Genau diese Abregelung treibt in Deutschland die Kosten für Redispatch, den Eingriff der Netzbetreiber zur Entlastung überlasteter Leitungen, seit Jahren nach oben. Wie stark Batteriespeicher das Stromsystem dabei entlasten können, zeigt eine Berechnung von 3,9 Milliarden Euro.

Vattenfall verdoppelt mit dem Projekt sein Batterieportfolio nahezu, von derzeit 270 Megawatt. Der Konzern optimiert und vermarktet zusätzlich Speicher für Dritte, dieses Portfolio soll bis 2029 auf bis zu 1.500 Megawatt wachsen. Deutschland ist laut SolarPower Europe der größte Batteriespeichermarkt Europas, 2025 kamen 6,6 Gigawattstunden hinzu. Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber erwarten, dass die installierte Leistung von Großbatteriespeichern bundesweit bis 2040 die Marke von 80 Gigawatt überschreitet. Ende Juni 2026 lag der Bestand bei 18,5 Gigawatt und 31,5 Gigawattstunden Kapazität, im ersten Halbjahr 2026 wuchs die Kapazität um 76 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Berlin verhandelt, was Brunsbüttel schon baut

Die Bundesregierung hat in derselben Woche die EEG-Novelle mit dem sogenannten Netzpaket in den Bundestag eingebracht. Darin steht ein Redispatch-Vorbehalt: Anlagen in überlasteten Netzgebieten dürfen künftig bis zu sechs Jahre lang für 18 bis 20 Prozent ihrer Jahresstrommenge ohne Entschädigung abgeregelt werden. Die erste Lesung ist für den 21. September angesetzt. Was in Brunsbüttel technisch entsteht, verhandelt der Bundestag zeitgleich juristisch: einen Weg, mit überschüssigem und sonst abgeregeltem Windstrom umzugehen.

„Heute ist einer der stolzesten Tage meines Berufslebens“, schreibt Wattendrup auf LinkedIn. Ob sich die Freude auch in belastbaren Zahlen zum Redispatch-Effekt niederschlägt, wird sich erst nach Inbetriebnahme Ende 2028 zeigen.

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