NETZAUSBAU · 11. SEPTEMBER 2026

Rechnungshof lobt den Ausbau, vermisst bei REPowerEU das Netz
Der Europäische Rechnungshof hat am 9. September 2026 Bilanz zu REPowerEU gezogen, dem EU-Plan für den Ausstieg aus russischer Energie. Wind und Solar haben das Programmziel längst überholt. Nur das Geld bleibt liegen, und das Netz fehlt.
„Vier Jahre nach seiner Einführung ist REPowerEU ins Stocken geraten, obwohl mehrere hundert Milliarden Euro bereitgestellt wurden”, sagt Mihails Kozlovs, das für die Prüfung zuständige Mitglied des Rechnungshofs. Der Sonderbericht 21/2026 trägt den Titel „Die Umsetzung des REPowerEU-Plans muss vorangetrieben werden”. Das ist die diplomatische Fassung des Befunds.
2021 bezog die EU rund 150 Milliarden Kubikmeter russisches Gas, mehr als 40 Prozent des Verbrauchs und 45 Prozent aller Gasimporte. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine schoss der Gaspreis auf 70 US-Dollar je Million BTU. Die EU-Kommission rief REPowerEU aus: zusätzlich 103 Gigawatt Wind und Solar bis 2030, dazu 11,7 Prozent weniger Energieverbrauch. Für beides veranschlagte sie 2022 rund 300 Milliarden Euro.
Die Abhängigkeit ist seither gesunken: Die russischen Gasimporte fielen bis 2025 auf rund 36 Milliarden Kubikmeter, der Anteil an den EU-Gasimporten auf 12 Prozent, wie die Kommission zählt. Mildere Winter und ein wegen hoher Preise gesunkener Verbrauch erklären einen Teil des Rückgangs mit, halten die Prüfer fest.
Mehr Wind und Solar, als REPowerEU je forderte
Zwischen 2022 und 2024 bauten die Mitgliedstaaten mehr als 200 Gigawatt Wind- und Solarkraft zu, wie der Rechnungshof beziffert. Das REPowerEU-Ziel von 103 Gigawatt bis 2030 ist damit schon jetzt fast doppelt erfüllt. Die Kommission zählt seit 2021 sogar 260 Gigawatt, davon allein 56,1 Gigawatt Solar und 13 Gigawatt Wind im Jahr 2025.
Mit REPowerEU hat dieser Boom wenig zu tun. Windprojekte brauchen sieben bis acht Jahre Vorlauf, die Anlagen von 2024 waren lange vor dem Programm geplant, halten die Prüfer fest. Die Kommission selbst schätzt den Anteil der REPowerEU-Maßnahmen am Zubau bis 2026 auf mindestens 20 Gigawatt, weniger als ein Fünftel des Ziels. Von 45 Erneuerbaren-Maßnahmen in den nationalen Plänen haben nur zwölf messbare Ziele, zusammen 1,6 Gigawatt.
Die Kommission zählt weitere Erfolge: Der Anteil russischen Rohöls sank von 27 Prozent Anfang 2022 auf 2 Prozent 2025, russische Kohleimporte fielen auf null. Der Rechnungshof lässt diese Zahlen gelten. Seine Frage ist, welchen Anteil das Förderprogramm daran hat. REPowerEU habe zu einer „drastischen Reduktion” der russischen Gasimporte beigetragen, sagt ein Kommissionssprecher laut Euronews.
54 von 300 Milliarden Euro sind gebunden
Die Kommission plante 2022 eine Finanzierung von rund 300 Milliarden Euro. 225 Milliarden Euro sollten als Kredite aus der ARF kommen, dem EU-Wiederaufbaufonds, der schon die Corona-Hilfen finanzierte. 75 Milliarden Euro sollten Zuschüsse aus verschiedenen EU-Töpfen beisteuern. Schon in ihrer Stellungnahme 04/2022 warnten die Prüfer, die Summe hänge fast vollständig davon ab, dass Mitgliedstaaten ungenutzte ARF-Kredite überhaupt abrufen.
Vier Jahre später bestätigt der Bericht die Warnung.
| REPowerEU | Plan 2022 | Stand laut Rechnungshof |
|---|---|---|
| Wind und Solar | 103 GW zusätzlich bis 2030 | über 200 GW zugebaut 2022 bis 2024 |
| Mittel gesamt | 300 Mrd. Euro | 54,3 Mrd. Euro gebunden (18 %) |
| ARF-Kredite | 225 Mrd. Euro | 29,6 Mrd. Euro (13 %) |
| EU-Zuschüsse | 75 Mrd. Euro | 24,7 Mrd. Euro (33 %) |
| Grenzüberschreitende Leitungen | Kernziel des Plans | 3 Maßnahmen in 2 Staaten, 1 zurückgezogen |
Quelle: Europäischer Rechnungshof, Sonderbericht 21/2026, Mittelbindung Stand April 2026.
Nur acht Mitgliedstaaten haben überhaupt ARF-Kredite abgerufen, Umschichtungen aus anderen EU-Fonds gab es keine. Polen bindet allein 24,5 Milliarden Euro, 38 Prozent aller REPowerEU-Mittel im ARF, hatte zum Prüfzeitpunkt aber keinen endgültigen nationalen Energie- und Klimaplan vorgelegt. Rechnungshofprüfer Stefano Sturaro berichtet: Mitgliedstaaten hätten informell erklärt, es sei billiger, sich das Geld selbst am Kapitalmarkt zu leihen, als ARF-Kredite zu ziehen.
Gemessen wird der Erfolg ohnehin kaum. Der ARF-Leistungsrahmen wurde nie angepasst, um REPowerEU-Ergebnisse eigenständig zu erfassen, verbindliche Indikatoren fehlen bis heute. In den zweijährlichen Fortschrittsberichten fanden die Prüfer erhebliche Unstimmigkeiten, darunter eine leere Finanztabelle Österreichs. Brüssel bietet Kredite an, die kaum jemand will, für Ziele, die niemand misst.
Das Netz ist die eigentliche Lücke
Für grenzüberschreitende Stromleitungen enthalten die REPowerEU-Kapitel der nationalen Pläne ganze drei Maßnahmen, verteilt auf zwei Mitgliedstaaten. Eine davon wurde später zurückgezogen. Acht Mitgliedstaaten nahmen trotz einer ausdrücklichen EU-Empfehlung gar keine grenzüberschreitenden Vorhaben auf.
Trotzdem stuften die Mitgliedstaaten 76 Prozent ihrer REPowerEU-Maßnahmen als „grenzüberschreitend oder länderübergreifend” ein. Meist waren es nationale Routinemaßnahmen. Das EU-Ziel, bis 2030 mindestens 15 Prozent der installierten Kraftwerksleistung über die Grenzen hinweg übertragen zu können, hatten zwölf Mitgliedstaaten schon vor REPowerEU erreicht. Von den übrigen 15 hat sich keiner zu mehr verpflichtet.
Wo Europa wollte, ging es schnell. Die LNG-Importkapazität wuchs von 2021 bis 2025 um 76 auf 242 Milliarden Kubikmeter im Jahr, schwimmende Terminals gingen binnen Monaten in Betrieb. Eine Stromtrasse wie SuedLink, 2013 ins Bundesbedarfsplangesetz aufgenommen, soll 2028 in Betrieb gehen.
160 Gigawatt Solar warten auf den deutschen Netzanschluss
Das Muster wiederholt sich in Deutschland. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bremst beim Ausbau der Stromnetze, weil sie mit konservativen Bedarfsprognosen rechnet. 160 Gigawatt Solarleistung warten auf den Netzanschluss, dazu Speicheranfragen von mehr als 720 Gigawatt.
Der Kurs hat Kritiker gefunden. IEA-Chef Fatih Birol nennt ihn „einen großen Fehler”. Hitachi-Energy-Chef Andreas Schierenbeck sagt: „Wir haben noch nicht mal das gebaut, was wir uns vor Jahren vorgenommen haben.”
Die Folgen sind messbar. Deutschland zahlte 2025 rund drei Milliarden Euro für Netzengpassmanagement, weil Strom nicht dorthin fließt, wo er gebraucht wird. Das im Sommer beschlossene Netzpaket deckelt die Anschlussleistung neuer Anlagen ab 2027 auf 70 Prozent. Der Solarverband BSW warnt vor „No-Go-Areas” für neue Anlagen in großen Teilen des Landes.
Es geht auch anders. Unter der Elbe ist der Tunnel für die Stromtrasse SuedLink inzwischen durchgeschlagen. Genehmigung und Bau laufen zügig, wenn die Priorität stimmt.
Die Fristen stehen fest. Ab dem 1. Januar 2027 verbietet die EU langfristige LNG-Verträge mit Russland, ab dem 30. September 2027 auch Pipelinegas, mit Aufschub bis höchstens 1. November 2027. Wer den Gashahn zudreht, braucht vorher das Kabel. Das Geld dafür liegt seit 2022 in Brüssel.
Häufige Fragen zu REPowerEU und dem Rechnungshof-Bericht
Wie viel Geld hat die EU für REPowerEU bereitgestellt, und wie viel ist bislang eingesetzt?
Die EU-Kommission veranschlagte 2022 rund 300 Milliarden Euro für REPowerEU. Bis April 2026 hatten die Mitgliedstaaten laut Rechnungshof erst 54,3 Milliarden Euro gebunden, gut 18 Prozent der Summe. Bei den ARF-Krediten waren es sogar nur 13 Prozent.
Wurde das REPowerEU-Ziel für Wind und Solar erreicht?
Ja, deutlich: Zwischen 2022 und 2024 bauten die Mitgliedstaaten mehr als 200 Gigawatt Wind- und Solarkraft zu, gegenüber einem Ziel von 103 Gigawatt bis 2030. Der Rechnungshof rechnet den Zubau aber überwiegend älteren Projekten und dem Markt zu; der Anteil der REPowerEU-Maßnahmen liegt nach Kommissionsschätzung bei rund 20 Gigawatt.
Warum kritisiert der Rechnungshof REPowerEU trotz des Ausbau-Erfolgs?
Der Rechnungshof lobt den Ausbau von Wind und Solar. Seine Kritik gilt dem liegen gebliebenen Geld und der fehlenden Netzinfrastruktur: Nur drei REPowerEU-Maßnahmen betreffen grenzüberschreitende Stromleitungen, acht Mitgliedstaaten haben trotz EU-Empfehlung gar keine aufgenommen.
QUELLEN
- Europäischer Rechnungshof: Sonderbericht 21/2026: Die Umsetzung des REPowerEU-Plans muss vorangetrieben werden, 9. September 2026.
- Europäischer Rechnungshof: Stellungnahme 04/2022 zu REPowerEU, 2022.
- Euronews: EU's plan to gain independence from Russian energy faltering, auditors warn, 9. September 2026.
- Europäische Kommission: REPowerEU: 4 years on, 2026.
- Amtsblatt der Europäischen Union: Verordnung (EU) 2026/261, 2. Februar 2026.