ENERGIEWENDE · 28. OKTOBER 2026

Netzbetreiber übersehen das Energy Sharing im Ortsnetz
Andreas Piepenbrink wirft den Verteilnetzbetreibern vor, die billige Lösung liegen zu lassen. Sie bauten lieber Leitungen, weil dort ihre Rendite entsteht. Mit 110.000 Messungen hat er nachgesehen, ob das Netz die Solarspitze wirklich nicht verkraftet.
Steigt die Spannung im Ortsnetz, weil mittags viel Solarstrom einspeist, gibt es ein Gerät dagegen. Der regelbare Ortsnetztransformator arbeitet wie ein Lautstärkeregler und hält die Spannung im erlaubten Band. Von rund 600.000 Ortsnetzstationen in Deutschland ist nur ein kleiner Teil so ausgerüstet.
Andreas Piepenbrink hält das für eine Entscheidung, nicht für ein Versäumnis. Der Geschäftsführer der HagerEnergy GmbH in Osnabrück baut unter der Marke E3/DC Heimspeicher und Energiemanagement. Die Netzbetreiber wüssten von der Technik, sagt er, sie koste eben Geld.
„Das möchte man durch Netzausbau und steigende Netzentgelte kompensieren”, sagt Piepenbrink über die sinkenden Margen im Stromvertrieb. Der Netzausbau bringt Rendite, der Trafo kostet nur.
Woher die Zahl vom überlasteten Netz kommt
An Pfingsten 2026 erzeugten Deutschlands Solaranlagen mittags 46 Gigawatt. Verbraucht wurden 41. Diese Lücke von fünf Gigawatt trägt seit Monaten ein Argument: Der Solarausbau überfordere die Verteilnetze.
Aus dem Argument folgten Beschlüsse. Seit Februar 2025 bekommen neue Anlagen bei negativen Börsenpreisen keine Vergütung. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will die feste Einspeisevergütung für kleine Neuanlagen ganz streichen. Ab 2029 sollen Solarhaushalte einen Aufschlag von 70 bis 90 Prozent auf den Netzentgelt-Grundpreis zahlen.
Geprüft hat die Behauptung vom überlasteten Ortsnetz bisher niemand. Den Verteilnetzbetreibern fehlt der Spannungsverlauf im einzelnen Leitungszug, sie sehen bestenfalls ihren Trafo.
Was 110.000 Hausanschlüsse an Pfingsten zeigen
HagerEnergy betreibt rund 190.000 Solaranlagen mit eigenem Energiemanagement und misst über die eigenen Wechselrichter Spannung und Erzeugung in Echtzeit. Für die Pfingststudie wertete das Unternehmen die 110.000 größten Anlagen aus. Diese Datenbasis hat sonst niemand.
80 Prozent der Hausanschlüsse lagen zur Mittagsspitze im zulässigen Spannungsband. 18 Prozent erreichten den oberen Warnbereich zwischen 243 und 253 Volt. 0,15 Prozent überschritten die Grenze. Die Messdaten im Detail hat Cleanthinking im Juni ausgewertet.
Der Strom aus kleinen Dachanlagen bis 25 Kilowatt findet zu 98 Prozent vor Ort seine Abnehmer. Er läuft über die Straßenleitung ins Nachbarhaus, das gerade Wäsche wäscht oder ein Auto lädt. Hochspannungsleitung und Umspannwerk sieht diese Kilowattstunde nie.
„Das ist das perfekte Energiesharing”, sagt Piepenbrink über diesen Vorgang. Seit dem 1. Juni 2026 regelt Paragraf 42c des Energiewirtschaftsgesetzes Energy Sharing als politisch gewolltes Zukunftsmodell. Im Ortsnetz läuft es längst, ohne Vertrag und ohne Abrechnung.
Die Rendite hinter der Leitung
Ob Piepenbrinks Deutung trägt, lässt sich an den Jahresabschlüssen prüfen. Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft hat im Mai 2026 die 18 größten Verteilnetzbetreiber ausgewertet. Ihre Eigenkapitalrendite lag 2024 im Schnitt bei 30,1 Prozent, nach 16,6 Prozent im Jahr davor.
EWE Netz kam auf 61 Prozent, Westnetz auf 45, Mitnetz auf 43, Bayernwerk Netz auf 38. Als angemessen gelten der Bundesnetzagentur selbst 6,74 Prozent für Neuanlagen und 5,07 Prozent für den Bestand.
Dahinter arbeitet ein Mechanismus, den das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln beschrieben hat. Kapitalkosten fließen sofort und vollständig in die Erlösobergrenze eines Netzbetreibers. Betriebskosten wirken erst mit bis zu sieben Jahren Verzug und stehen ab dem ersten Jahr im Effizienzvergleich.
Bauen zahlt sich schneller aus als klug wirtschaften. Ob daraus tatsächlich Überinvestition folgt, hält dieselbe Studie für empirisch nicht belegt. Der Anreiz steht trotzdem im Regelwerk.
Octopus rüstet Mietwohnungen mit Speichern aus
Das stärkste Argument für den Aufschlag betrifft die Mieter. Zögen sich immer mehr Haushalte aus der Netzfinanzierung zurück, stiegen die Kosten für alle ohne eigenes Dach. Diese Sorge beruht auf einer Annahme: dass Mieter nicht mitmachen können.
„Die Energiewende darf kein Privileg für Menschen mit Eigenheim und Solardach sein”, sagt Bastian Gierull, Deutschlandchef von Octopus Energy. Sein Unternehmen hat im Juni die Powerbank vorgestellt, einen Speicher mit rund zwei Kilowattstunden, so groß wie ein Getränkekasten. Er kommt in die Steckdose, ohne Umbau und ohne Solaranlage.
Das Gerät lädt tagsüber günstigen Wind- und Sonnenstrom und gibt ihn abends zurück, rund 60 Kilowattstunden im Monat. Die Warteliste hat Octopus wegen der Nachfrage geschlossen, Anfang 2027 soll das Angebot für alle kommen. FlexHome verfolgt dasselbe Prinzip mit Geräten von 1,92 Kilowattstunden.
Damit ein solcher Speicher am Börsenpreis verdienen kann, braucht er ein intelligentes Messsystem. Ende März 2026 leitete die Bundesnetzagentur Aufsichtsverfahren gegen 77 Messstellenbetreiber ein. Sie hatten beim Smart-Meter-Rollout nicht einmal die Quote von 20 Prozent erreicht.
Auch hier hängt die Teilhabe der Mieter an derselben Branche, der Piepenbrink die Arbeitsverweigerung vorwirft.
Hinter der Sorge um schwindende Mengen steht eine Prognose aus dem Haus der Behörde selbst. Im genehmigten Szenariorahmen zum Netzentwicklungsplan steigt der Nettostromverbrauch von 464 Terawattstunden im Jahr 2024 auf 957 im Jahr 2037. Bis 2045 sind es 1.102 Terawattstunden im mittleren Szenario.
Aus 2,4 Millionen Elektroautos werden nach derselben Rechnung 33,6 Millionen, aus zwei Millionen Wärmepumpen 8,7 Millionen. Jedes dieser Geräte hängt an einem Netzanschluss und zahlt Netzentgelt.
Bis zum 18. September nimmt die Bundesnetzagentur Stellungnahmen zum Entwurf entgegen. Warum ihre Begründung dem Leipziger Preisblatt nicht standhält, steht im Kommentar zum Stromnetzsoli. Die Rechnung soll bei denen anfangen, deren Strom das Netz am wenigsten braucht.
QUELLEN
- ntv Klima-Labor: Interview mit Andreas Piepenbrink, Moderation Clara Pfeffer und Christian Herrmann, 12.09.2026.
- Bundesverband Neue Energiewirtschaft: Netzbetreiber erzielen Rekordrenditen, dennoch gibt es eine Netzkrise, 27.05.2026.
- Bundesnetzagentur: Festlegung zur Eigenkapitalverzinsung von Neuanlagen im Strom- und Gasbereich, 24.01.2024.
- Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln: Anreizverzerrungen in der Netzregulierung, Januar 2024.
- Netzentwicklungsplan: Genehmigung des Szenariorahmens 2025 bis 2037/2045, April 2025.
- Octopus Energy: Octopus bringt mit neuen Batterielösungen die Energiewende in jede Wohnung, 22.06.2026.