NETZAUSBAU · 15. SEPTEMBER 2026
Unsplash / Etienne GirardetEU-Kommission setzt bei erneuerbaren Energien auf Netze statt Vorgaben
Zehn Terawattstunden Ökostrom fanden 2024 keinen Weg zum Verbraucher, weil die Netze überlastet waren. Das ist der Jahresstrom von 2,85 Millionen Haushalten. Brüssel zieht daraus Konsequenzen für die Zeit nach 2030.
Die Europäische Kommission schreibt die EU-Regeln für erneuerbare Energien neu. Das berichtet der Nachrichtensender Euronews unter Berufung auf einen internen Entwurf für eine Folgenabschätzung. Das Papier verschiebt den Schwerpunkt von Detailvorgaben auf Investitionen, Netzausbau und Speicher. Bis Jahresende soll der Vorschlag stehen.
Neue Pflichten für die Mitgliedstaaten enthält er nicht. Die Kommission lehnt zusätzliche Vorgaben für Eigenverbrauch und Energie-Gemeinschaften ebenso ab wie verbindliche regionale Kooperationen und neue Genehmigungsvorschriften. Zunächst müssten die jüngsten Reformen vollständig umgesetzt werden, heißt es zur Begründung.
Das bisherige Gesetz reiche für das Klimaziel 2040 ohnehin nicht mehr aus, räumt der Entwurf ein. Bis dahin sollen die Netto-Treibhausgasemissionen 90 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen. Darauf hatten sich die EU-Abgeordneten im vergangenen November geeinigt.
Schon das Etappenziel für 2030 verfehlt die EU nach eigener Prognose. Der Anteil erneuerbarer Energien am Endverbrauch lag 2025 bei 26,2 Prozent. Die nationalen Pläne führen bis 2030 auf rund 41 Prozent, verbindlich vorgeschrieben sind 42,5 Prozent. Selbst die 41 Prozent hält die Kommission für schwer erreichbar.
Zehn Terawattstunden Ökostrom bleiben ungenutzt
Beim Bau von Wind- und Solarparks liegt Europa vorn. Fast die Hälfte des EU-Stroms stammte 2025 aus erneuerbaren Quellen. Diese Mengen kann das System immer schlechter verarbeiten. Überlastete Leitungen, fehlende Speicher und eine unflexible Nachfrage drücken die Börsenpreise häufiger ins Minus und führen zur Abregelung ganzer Windparks.
Mehr als zehn Terawattstunden Ökostrom gingen 2024 auf diese Weise verloren. Die Netze waren überlastet, grenzüberschreitende Kapazitäten fehlten. Für die Betreiber der Anlagen bedeutet das Einnahmeverluste.
Das sogenannte Redispatch, also das Herunter- und Hochfahren von Kraftwerken durch die Netzbetreiber, wenn eine Leitung sonst überlastet würde, kostete 2024 rund 4,3 Milliarden Euro. Bis 2030 könnten daraus 26 Milliarden Euro pro Jahr werden, schätzt die Kommission. Das wäre eine Versechsfachung in sechs Jahren.
Der Europäische Rechnungshof hat zuletzt nachgerechnet. Die Kapazitätszuwächse durch das 2022 gestartete REPowerEU-Programm seien gemessen am Kommissionsziel von 103 Gigawatt „vernachlässigbar", urteilen die Prüfer in ihrem Sonderbericht. Als größte Schwachstelle nennen sie die Netzinfrastruktur, vor allem die fehlenden Stromverbindungen zwischen den Ländern.
Kommission knüpft die EU-Regeln für erneuerbare Energien an Flexibilität
Künftig will die Kommission jede Abregelung genauer erfassen und die Regeln für kombinierte Projekte aus Erzeugung und Speicher präzisieren. Stärkere Investitionssignale sollen Flexibilität belohnen. Elektroautos und intelligentes Laden rücken dabei in den Mittelpunkt. Fahrzeugbatterien sollen den Strom aufnehmen, für den das Netz gerade keine Verwendung hat.
Das Netzwerk Climate Action Network Europe liest den Entwurf als Argument für ein verbindliches Ausbauziel nach 2030. „Das erfordert belastbare nationale Beiträge, klare Ausbaupfade und wirksame Durchsetzungsmechanismen, gestützt auf messbare Kennzahlen", sagt dessen Programmleiterin für erneuerbare Energien, Veerle Dossche. Weicht ein Mitgliedstaat vom Kurs ab, müssten Frühwarnsignale Korrekturen auslösen, fordert sie.
Parlament und Rat streiten über die Kontrolle des Stromnetzes
Um die Netze läuft längst ein zweiter Gesetzgebungsprozess. Der Industrieausschuss des Europäischen Parlaments billigte am vergangenen Donnerstag einen Berichtsentwurf zur künftigen Steuerung des europäischen Stromnetzes. Das Plenum in Straßburg stimmt in dieser Woche darüber ab, danach beginnen die Verhandlungen mit dem Rat.
Die Kommission erhalte dadurch eine stärkere Rolle beim strategischen Rahmen, während ACER, der Zusammenschluss der europäischen Energieregulierer, unabhängiger kontrollieren könne. Das sagte die bulgarische S&D-Abgeordnete Tsvetelina Penkova, die das Dossier für das Parlament verhandelt. Die neuen Regeln sollen auch die Strompreisunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten verkleinern.
Der rumänische EVP-Abgeordnete Virgil-Daniel Popescu nennt das Ergebnis einen „ausgewogenen und pragmatischen" Ansatz. Europa brauche ein klares Bild davon, wo die größten Engpässe liegen und welche Korridore bis 2040 gebaut werden müssen. Genau diese zentrale Planung lehnen mehrere Mitgliedstaaten im Rat ab, weil sie um nationale Zuständigkeiten fürchten. Inzwischen plant die EU-Kommission neue EU-Regeln für erneuerbare Energien nach 2030, die stärker auf Netze und Speicher setzen.
Ein dritter Baustein liegt bereits auf dem Tisch: Der Vorschlag zu schnelleren Genehmigungen aus dem „Grids Package" geht im Oktober in die offiziellen Verhandlungen. Wie zäh solche Debatten werden, zeigt Deutschland, wo inzwischen sogar der weltgrößte Netzausrüster vor einer Ausbau-Bremse warnt.
QUELLEN
- Euronews: Stromnetze überlastet: Brüssel plant Reform für erneuerbare Energien, 10.09.2026.
- Europäischer Rechnungshof: Sonderbericht 21/2026 zu REPowerEU, 09.09.2026.