Dynamischer Stromtarif: Wer spart, wer draufzahlt

STROMPREIS · 29. SEPTEMBER 2026

Wie ein dynamischer Stromtarif funktioniert und wann er sich rechnet

Wie viel ein dynamischer Stromtarif kostet, hängt an der Strombörse und ändert sich jede Viertelstunde. Wer Wärmepumpe, E-Auto oder Speicher flexibel steuert, kann sparen. Alle anderen tragen vor allem das Preisrisiko.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Bei einem Festpreistarif kalkuliert der Stromanbieter einen Arbeitspreis für ein ganzes Jahr und trägt selbst das Risiko schwankender Einkaufskosten. Dieses Risiko preisen Anbieter laut Verbraucherzentrale in den Verbraucherpreis ein. Das Gegenmodell ist ein dynamischer Stromtarif: Der Anbieter reicht die Einkaufskosten an der Börse direkt an die Kundschaft weiter.

Seit dem 1. Januar 2025 müssen alle Stromlieferanten in Deutschland mindestens einen solchen Tarif anbieten. Kundinnen und Kunden brauchen dafür ein intelligentes Messsystem, das den Verbrauch viertelstundengenau erfasst. Zum 30. Juni 2026 zählte die Bundesnetzagentur erst an 5,9 Prozent aller Messlokationen ein solches Gerät.

Verbraucherschützer sehen das Modell vor allem als Werkzeug für Haushalte mit großen, verschiebbaren Verbräuchen. Haushalten ohne Wärmepumpe, E-Auto oder Speicher rät die Verbraucherzentrale in der Regel ab. Agora Energiewende zählt solche Tarife zu den Hebeln, mit denen Haushalte ihren Verbrauch in Stunden mit viel Wind- und Solarstrom verlagern.

Wie funktioniert ein dynamischer Stromtarif?

Kundinnen und Kunden zahlen für jede Viertelstunde einen Arbeitspreis, der sich am Day-Ahead-Preis der Strombörse orientiert. Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen zahlen sie dagegen zu festen Sätzen, und laut Verbraucherzentrale entfällt auf diese Posten meist der größte Teil des Arbeitspreises.

In der Day-Ahead-Auktion handeln Stromhändler heute den Strom, der morgen geliefert wird. Seit dem 1. Oktober 2025 ermitteln die Börsen dort Preise für Viertelstunden statt für ganze Stunden, wie die Bundesnetzagentur auf ihrer Plattform SMARD erläutert. Viele Anbieter veröffentlichen die Preise für den Folgetag bereits mittags in einer App oder auf ihrer Website.

Die Verbraucherzentrale grenzt echte dynamische Tarife von monatlich variablen Tarifen ab. Bei diesen zahlen Kunden einen Monatsdurchschnitt des Börsenpreises und haben keinen Anreiz, Verbrauch zu verschieben. Anbieter finanzieren sich im dynamischen Modell meist über eine feste Monatsgebühr, manche zusätzlich über einen Aufschlag je Kilowattstunde.

Den durchschnittlichen Haushaltsstrompreis im bisherigen Jahresverlauf 2026 beziffert die BDEW-Strompreisanalyse Herbst 2026 auf 37,0 Cent je Kilowattstunde. Davon entfallen 15,2 Cent auf Beschaffung und Vertrieb. Nur den Börsenanteil der Beschaffung reichen Anbieter im dynamischen Tarif variabel weiter.

Zusammensetzung des durchschnittlichen Haushaltsstrompreises 2026 (bisheriger Jahresverlauf) und was davon im dynamischen Tarif schwankt. Quelle: BDEW-Strompreisanalyse Herbst 2026, 21. August 2026; Verbraucherzentrale, Stand 6. Oktober 2025.
PreisbestandteilCent je kWhIm dynamischen Tarif
Beschaffung und Vertrieb15,2Börsenanteil variabel, Anbietergebühr fest
Netzentgelte9,2fest
Steuern, Abgaben, Umlagen12,6fest
Summe37,0überwiegend fest

Muss jeder Stromanbieter einen dynamischen Tarif anbieten?

Ja, seit dem 1. Januar 2025 müssen alle Stromlieferanten in Deutschland mindestens einen dynamischen Tarif im Angebot haben. Einen Anspruch auf einen Vertrag mit einem bestimmten Anbieter haben Kundinnen und Kunden trotzdem nicht.

Die Pflicht steht in § 41a des Energiewirtschaftsgesetzes. Zuvor galt sie laut Bundesnetzagentur nur für Lieferanten mit mindestens 100.000 Letztverbrauchern. Wie bei allen wettbewerblichen Stromverträgen gilt Vertragsfreiheit, betont die Behörde. Für Kunden bleibt ein dynamischer Stromtarif freiwillig, niemand muss seinen Festpreisvertrag aufgeben.

Vor Vertragsschluss müssen Anbieter Vorteile, Nachteile und Risiken erläutern und alle Preisbestandteile aufschlüsseln. Dazu gehören auch Angaben zum Einbau des intelligenten Messsystems. Ein Sonderkündigungsrecht für den Wechsel in einen dynamischen Tarif haben Kunden in der Regel nicht.

Viele Menschen kennen die Tarife trotz der Pflicht für Anbieter kaum. In einer forsa-Umfrage vom Juli 2024 für den Verbraucherzentrale Bundesverband gaben 53 Prozent der Befragten an, dynamische Stromtarife gar nicht zu kennen. Für 72 Prozent wären sie attraktiver, wenn sie gegen starke Preissteigerungen abgesichert wären.

Warum ist für den dynamischen Tarif ein Smart Meter nötig?

Anbieter können viertelstündliche Börsenpreise nur abrechnen, wenn sie den Verbrauch jeder Viertelstunde kennen. Viertelstundenwerte gibt es nur mit einem intelligenten Messsystem, das die Daten einmal täglich an den Messstellenbetreiber übermittelt.

Ohne intelligentes Messsystem ist ein dynamischer Stromtarif nicht abrechenbar. Erst mit einem Kommunikationsmodul, dem Gateway, wird aus der modernen Messeinrichtung ein Smart Meter, erklärt die Verbraucherzentrale. Seit dem 1. Januar 2025 kann jeder Haushalt den Einbau verlangen, der Messstellenbetreiber muss dann innerhalb von vier Monaten installieren.

Die Kosten deckelt der Gesetzgeber über Preisobergrenzen, die die Bundesnetzagentur auflistet. Nach Stand September 2026 zahlen Haushalte mit 6.000 bis 10.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch höchstens 40 Euro im Jahr. Für eine steuerbare Verbrauchseinrichtung wie eine Wärmepumpe gelten 50 Euro. Bis 6.000 Kilowattstunden liegt die Grenze bei 30 Euro brutto. Für den vorzeitigen Einbau auf Wunsch gelten einmalig bis zu 100 Euro als angemessen.

Den Ausbaustand hat die Bundesnetzagentur am 21. September 2026 veröffentlicht. Zum Stichtag 30. Juni 2026 waren 3.172.579 von 54.135.202 Messlokationen mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet. Gegen 434 Messstellenbetreiber, die die 20-Prozent-Quote verfehlt hatten, leitete die Behörde seit März 2026 Aufsichtsverfahren ein. Pflichtfälle, Fristen und Kosten hat Cleanthinking im Überblick zum Smart-Meter-Rollout in Deutschland zusammengestellt.

Für wen lohnt sich ein dynamischer Stromtarif?

Rechnen kann sich ein dynamischer Stromtarif vor allem für Haushalte, die große Strommengen zeitlich verschieben können. Dazu zählen Besitzer von Wärmepumpe, E-Auto oder Batteriespeicher, während Durchschnittshaushalte vor allem ein zusätzliches Preisrisiko eingehen.

„Für normale Haushaltsstromkunden sind die Tarife in der Regel nicht empfehlenswert“, schreibt die Verbraucherzentrale. Die Bundesnetzagentur nennt zwei Faktoren: den Anteil des Verbrauchs, den ein Haushalt an die Preise anpassen kann, und die Höhe des Jahresverbrauchs. Bei niedrigem Grundverbrauch besteht laut Behörde auch kein besonders hohes Einsparpotenzial.

E-Auto-Fahrer können das Laden in günstige Nacht- oder Mittagsstunden legen, sofern der Wagen dann an der Wallbox steht. Wärmepumpen-Besitzer nutzen den Warmwasserspeicher oder die Speichermasse des Gebäudes, um in günstigen Viertelstunden vorzuheizen. Wie sich ein Tarifmodell mit Solaranlage und Speicher verbinden lässt, zeigt die Analyse zur Kombination aus Wärmepumpentarif, Solarstrom und Speicher.

Von Hand gelingt die Verschiebung kaum, denn laut Verbraucherzentrale erfordert eine Steuerung nach Börsenpreisen zusätzliche Hardware oder viel Zeit. Reduzierte Netzentgelte für steuerbare Verbrauchseinrichtungen nach § 14a EnWG erhalten Kunden zudem unabhängig vom Tarif.

Einen Anhaltspunkt bietet die Bundesnetzagentur mit einer Modellrechnung für einen Standardhaushalt ohne jede Verhaltensänderung. Laut Mitteilung vom 2. Dezember 2025 lagen die modellierten dynamischen Preise 2025 seit April durchgehend unter Festpreistarifen. Einzelne Haushalte können daraus wenig ableiten, denn Netzentgelte unterscheiden sich regional und Gebühren von Anbieter zu Anbieter.

Wie teuer können Preisspitzen im dynamischen Tarif werden?

Bei knappem Angebot zahlen Kunden im dynamischen Tarif Börsenpreise, die für einige Stunden ein Vielfaches des Durchschnitts erreichen. Während der Dunkelflauten Ende 2024 waren es zeitweise mehr als 90 Cent je Kilowattstunde, noch ohne Netzentgelte, Steuern und Umlagen.

Die Bundesnetzagentur und das Bundeskartellamt haben die Spitzen vom 5. bis 7. November und vom 11. bis 12. Dezember 2024 untersucht. Laut Mitteilung vom 21. Oktober 2025 stellten die Behörden in der Spitze Großhandelspreise von über 900 Euro je Megawattstunde fest. Den Jahresdurchschnitt 2024 beziffern die Behörden auf rund 79 Euro. Hinweise auf Marktmanipulation oder missbräuchlich zurückgehaltene Kraftwerkskapazitäten fanden die Ermittler nicht.

Im Jahr 2025 zählte die Bundesnetzagentur 40 Stunden mit Großhandelspreisen über 300 Euro je Megawattstunde, nach 41 Stunden im Jahr 2024. An gewöhnlichen Werktagen beobachtet die Verbraucherzentrale zwei Preisspitzen: gegen acht Uhr morgens und gegen 18 Uhr.

Weil Anbieter keine Abschläge erheben, müssen Kunden mit teuren und günstigen Monaten rechnen. Planbar ist ein dynamischer Stromtarif deshalb nur begrenzt. Die Verbraucherzentralen raten zu kurzen Laufzeiten, damit ein schneller Wechsel zurück in einen Festpreistarif möglich bleibt. Vor Werbeversprechen wie „bis zu 500 € Ersparnis pro Jahr“ warnen sie ausdrücklich.

Was bringen negative Strompreise mit einem dynamischen Tarif?

Bei negativen Börsenpreisen zahlen Haushalte im dynamischen Tarif weniger, bekommen den Strom in der Regel aber nicht geschenkt. Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen zahlen sie auch in diesen Viertelstunden.

Die Bundesnetzagentur zählte im Jahr 2025 in 573 von 8.760 Stunden negative Großhandelspreise, nach 457 Stunden im Jahr 2024. Betreiber von Photovoltaikanlagen speisten 2025 laut Strommarktbilanz der Behörde 74,1 Terawattstunden ein, nach 63,2 Terawattstunden im Vorjahr. Warum Überschüsse an sonnigen Feiertagen besonders groß ausfallen, beschreibt Cleanthinking im Beitrag zum Paradox der Solarflut.

Für Haushalte mit dynamischem Stromtarif sind solche Stunden die günstigsten Zeitfenster zum Laden und Vorheizen. Konkrete Strategien für Eigenheimbesitzer und Mieter hat Cleanthinking im Ratgeber zusammengetragen, wie sich negative Strompreise im Alltag nutzen lassen. Die Verbraucherzentrale kritisiert Werbung mit negativen Börsenpreisen, weil sie feste Umlagen, Netzentgelte und Abgaben ausblendet. Am Beispiel der Sonnenfinsternis vom 12. August hat Cleanthinking durchgespielt, was ein kurzer Einbruch der Solarleistung für Kunden mit dynamischem Tarif bedeutet.

Kennzahlen des deutschen Day-Ahead-Markts 2024 und 2025. Quelle: Bundesnetzagentur, Daten zum Strommarkt 2025, 5. Januar 2026.
Kennzahl20242025
Durchschnittlicher Day-Ahead-Preis (Euro je MWh)78,5189,32
Stunden mit negativen Preisen457573
Stunden über 300 Euro je MWh4140
Einspeisung Photovoltaik (TWh)63,274,1

Was bedeutet ein dynamischer Stromtarif für die Energiewende?

Mit dynamischen Tarifen verlagern Haushalte ihren Verbrauch in Stunden mit viel Wind- und Solarstrom. Je mehr Haushalte mitmachen, desto weniger Reservekraftwerke und Großbatterien muss Deutschland bauen.

Agora Energiewende hat das Potenzial im Dezember 2023 beziffert. Demnach könnten Haushalte 2035 rund 100 Terawattstunden Strom zeitlich flexibel nutzen, mehr als zehn Prozent des Gesamtverbrauchs. Nutzt etwa die Hälfte der Haushalte diese Flexibilität, ließen sich 2035 rund 4,8 Milliarden Euro an Brennstoff- und Investitionskosten einsparen.

Ein Vier-Personen-Haushalt mit Wärmepumpe könnte laut Agora perspektivisch rund 600 Euro im Jahr sparen. Auch Haushalte ohne flexible Geräte profitieren in der Modellrechnung mit durchschnittlich einem Cent je Kilowattstunde. Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller sieht nach den Dunkelflauten von 2024 dringenden Bedarf an einer „viel stärkeren Flexibilisierung von Angebot und Nachfrage“.

Ob ein Haushalt diesen Beitrag leisten kann, hängt derzeit vor allem am Zähler. Solange erst 5,9 Prozent der Messlokationen ein intelligentes Messsystem haben, bleibt ein dynamischer Stromtarif für die meisten Menschen Theorie. Zeitvariable Netzentgelte sind ein eigenes Thema: Den Stand der Pläne der Bundesnetzagentur beschreibt Cleanthinking im Beitrag zu den dynamischen Netzentgelten im Verfahren AgNes.

QUELLEN

  1. Bundesnetzagentur: Dynamische Stromtarife (Verbraucherportal), abgerufen am 26. September 2026.
  2. Bundesnetzagentur: Messeinrichtungen und intelligente Messsysteme (Verbraucherportal), abgerufen am 26. September 2026.
  3. Bundesnetzagentur: Bundesnetzagentur veröffentlicht halbjährliche Erhebung im Messwesen, 21. September 2026.
  4. Bundesnetzagentur: Bundesnetzagentur veröffentlicht Daten zum Strommarkt 2025, 5. Januar 2026.
  5. Bundesnetzagentur: Mehr Transparenz im Energiemarkt: Bundesnetzagentur modelliert dynamische Strompreise, 2. Dezember 2025.
  6. Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt: Untersuchung zu Strompreisspitzen während Dunkelflauten 2024, 21. Oktober 2025.
  7. SMARD (Bundesnetzagentur): Viertelstundenscharfe Großhandelspreise verfügbar, 10. Oktober 2025.
  8. Verbraucherzentrale: Dynamische Stromtarife: Für wen es sich lohnt und worauf Sie achten sollten, Stand 6. Oktober 2025.
  9. Verbraucherzentrale Bundesverband: Dynamische Stromtarife: 19 Millionen Haushalte im Dunkeln, 30. Oktober 2024.
  10. BDEW: BDEW-Strompreisanalyse Herbst 2026, 21. August 2026.
  11. Agora Energiewende: Wie E-Autos und Co. die Stromkosten für alle senken können, 9. Dezember 2023.

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