Günther Bachmann seziert in „Backlash” den Rückbau der Nachhaltigkeit

REZENSION · 5. NOVEMBER 2026

Günther Bachmann seziert in „Backlash” den Rückbau der Nachhaltigkeit

Günther Bachmann war fast zwei Jahrzehnte Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung. In „Backlash” analysiert er, warum Klimaschutz und Nachhaltigkeit gerade demontiert werden, und benennt die Fehler des eigenen Lagers. Das Buch erscheint am 5. November bei oekom.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 MIN. LESEN


Während der Pandemie lädt Klaus Töpfer Günther Bachmann rund ein Dutzend Mal in seine Berliner Wohnung ein. Es ist Lockdown, die beiden sitzen am großen Esstisch, Töpfer spricht, Bachmann schreibt mit. Töpfer will ein letztes Buch schreiben, eine Mahnung, weil er einen politisch-ethischen Generalangriff auf die Nachhaltigkeit kommen sieht, lange bevor jemand das Wort Backlash benutzt. Das Buch entsteht nie. Töpfer stirbt im Juni 2024.

Bachmanns Mitschriften bilden jetzt das Herzstück eines anderen Buches. „Backlash” ist Analyse, Abrechnung und Erinnerung zugleich. Bachmann hat bis 2020 im Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) gearbeitet, dem Beratungsgremium der Bundesregierung, und davor im Umweltbundesamt den Bodenschutz aufgebaut. Er schreibt, wie er im Vorwort bekennt, aus Wut. Aus Wut über die Demontage dessen, wofür er ein Berufsleben lang gearbeitet hat. Aber er will sich nicht ins Jammern ziehen lassen, und das gelingt ihm über weite Strecken.

Das Manuskript hat Bachmann am 20. August 2026 abgeschlossen. Trumps Rückzug aus dem Pariser Abkommen, die Omnibus-Kürzungen der EU, der Krieg um die Straße von Hormus: Alles ist schon drin.

Für Bachmann beginnt der Backlash mit dem Heizungsgesetz

Die Stunde null der fossilen Renaissance verortet Bachmann im Frühjahr 2023. Die Kampagne gegen das Gebäudeenergiegesetz nennt er ein Meisterstück, schneller, schärfer und besser koordiniert als die Feldzüge gegen Renate Künast und Jürgen Trittin in den Nullerjahren. Das Heizungsgesetz sei nur die Kulisse gewesen, das strategische Ziel die Delegitimierung der Klimapolitik insgesamt. Die Kampagne ruhe und warte auf ihr nächstes Opfer.

Bemerkenswert ist, dass Bachmann dem Habeck-Ministerium die Vorlage dafür nicht erspart: handwerkliche Fehler, ein unausgereifter Entwurf, klimapolitischer Hochmut, danach eine missratene Krisenkommunikation. Diese Doppelbewegung prägt das ganze Buch. Bachmann benennt die Interessen, etwa die Recherche von LobbyControl zu den Flüssiggas-Investitionen des damaligen BILD-Eigentümers KKR, bei der die NGO selbst einräumt, keine Belege für direkte Einflussnahme zu haben. Und er fragt jedes Mal, welche Tür das eigene Lager offen gelassen hat.

Den Backlash beschreibt er nicht als Betriebsunfall, den man abwählen könnte. „Der Backlash frisst sich wie ein Tumor in die politische Kultur hinein”, schreibt er. Und weil es kein zentrales Motto gibt, keinen erkennbaren Absender, sei er gefährlicher als frühere Rollbacks. Bei einem Rollback sehe man, wer zum Schlag ausholt. Beim Backlash brenne plötzlich die Wange.

Mit dem eigenen Lager geht Bachmann härter ins Gericht als mit dem Gegner

Die stärksten Passagen sind die selbstkritischen. Die Reaktion vieler Engagierter, eine Wagenburg zu errichten und „Jetzt erst recht” zu rufen, nennt Bachmann „Milieu-Naivität”. Den Etikettentausch, bei dem Unternehmen und Politik plötzlich von Resilienz, Sicherheit oder Risikomanagement sprechen statt von Nachhaltigkeit, hält er für schädlich: Wer die Schlüsselbegriffe aufgibt, kann mit dem Schloss nichts mehr anfangen.

Er seziert die Bildsprache. Wer im Netz nach Nachhaltigkeit sucht, findet Grafiken, Säulenmodelle, grün leuchtende Erdkugeln und zarte Blätter, aber keine Menschen. Diese Bilder erzählten von Kontrolle und Expertenwissen, die Gegenbilder von Apokalypse, und beide ließen dem Backlash maximale Angriffsfläche. Dazu kommt die Sprache der Szene, die mit CSRD, ESRS, ESG und Wesentlichkeitsmatrix intern effizient kommuniziert und nach außen Mauern baut. Dem Milchbauern oder der Handwerkerin geben Begriffe wie „1,5-Grad-Gesellschaft” kein Gefühl dafür, wie ihr Leben in einem klimaneutralen Land aussieht.

Auch den Perfektionismus nimmt er auseinander. Der Berliner Politikbetrieb belohne Regulatoren, die jede Lösung zu 150 Prozent absichern wollen, gerade im grünen Spektrum, und am Ende stehe oft null Prozent Erfolg. Die Lieferketten- und Berichtspflichten seien auch deshalb so leicht zu Fall gebracht worden, weil eine profitierende Beratungsindustrie die Datenanforderungen hochgetrieben habe. Den Slogan „Follow the Science” nimmt er dagegen ausdrücklich in Schutz.

China ist für Bachmann europäischer als Europa

Das China-Kapitel liefert die Pointe, die Leser von Cleanthinking interessieren dürfte. Während Brüssel seine Nachhaltigkeitsregeln im Namen der Wettbewerbsfähigkeit aufweicht, baue China genau solche Regeln auf: verpflichtende Klimaberichterstattung der Unternehmen, CO2-Grenzen für Verkehr, Bau, Industrie und Energie, Nachhaltigkeitsprüfung in Lieferketten. China setze Standards, um Märkte zu beherrschen, eine Strategie, die früher Europa und die USA verfolgt hätten. Die These, Deregulierung steigere die Wettbewerbsfähigkeit, nennt Bachmann atemberaubend absurd.

Dazu erzählt er eine Episode, die kaum bekannt sein dürfte. 2005 stellte der damalige chinesische Vizeumweltminister Pan Yue in Berlin das chinesische Green GDP vor, ein Bruttosozialprodukt, von dem die Umweltschäden abgezogen werden. Die Chinesen hofften auf deutsche Unterstützung, um das Konzept international durchzusetzen. Die kam nicht, das Projekt BRICS+G wurde nicht fortgesetzt, weil es nicht ins deutsche Behördenschema passte. In China verloren die Befürworter den internen Machtkampf.

Bachmann verklärt China nicht. Er beschreibt Binnenkrise, Immobilienfalle, Überkapazitäten und die Schuldenabhängigkeit der Partnerländer entlang der Seidenstraße. Aber er fordert eine Analyse jenseits von „Überwachungsdiktatur” und „die schaffen wenigstens was”.

Die demokratischen Parteien haben ihre ökologischen Vordenker verloren

Warum bleibt der Aufschrei aus, obwohl Umfragen eine klare Mehrheit für Klimaschutz zeigen? Bachmanns Antwort ist eine der originellsten des Buches. Alle großen Parteien hätten ihre ökologischen Vordenker an den Rand gedrängt oder verloren: Herbert Gruhl die CDU, Erhard Eppler zog sich aus der SPD-Bundespolitik zurück, Rudolf Bahro verließ die Grünen, die liberalen Umweltpioniere um Peter Menke-Glückert verschwanden aus dem Kanon der FDP. Übrig blieben Fachpolitiker. Sobald ihr Fachgebiet depriorisiert werde, fehle auf der Ebene der Generalisten jemand, der widerspricht.

Ein zweiter Begriff, den man sich merken sollte, sind die „bewohnten Konflikte”. Gemeint sind Auseinandersetzungen, bei denen den Beteiligten mehr an der Fortdauer liegt als an der Lösung, weil der Konflikt Geld, Jobs, Aufmerksamkeit und Geschlossenheit nach innen bringt. Bachmann zählt Teile der Energiepolitik, der Migrationsdebatte und die Grabenkämpfe zwischen Auto, Rad und Einzelhandel dazu. Solche Konflikte lassen sich zuverlässig für Empörung abrufen, wie beim Heizungsgesetz.

Der Kritik an der EU-Richtlinie gegen Greenwashing (EmpCo) widmet er eine eigene Passage: Sie stelle praktisch jede Nachhaltigkeitsaussage unter Generalverdacht, während Brüssel zugleich die Berichtspflichten zurückfahre. Widersprüchlichere Signale könne man Unternehmen kaum senden.

Drei Comebacks zeigen, wie Rückschläge schon einmal gedreht wurden

Das siebte Kapitel ist das Gegengift zur Depression der ersten sechs. Bachmann rekonstruiert drei Momente, in denen die Umweltpolitik nach Rückschlägen zurückkam, und nennt sie Konsultation, Kontribution und Konstellation.

Die Konsultation ist der Bürgerdialog Kernenergie der Siebziger. Willy Brandt schickte Volker Hauff zu Olof Palme, der in Schweden die Atomfrage nicht per Beschluss, sondern über eine parteiinterne Debatte mit rund 44.000 Teilnehmenden in 4.500 Diskussionsgruppen klärte. Die Kontribution ist die Ökologie-Kommission der SPD, die Hauff gegen Helmut Schmidts „Schornsteine müssen wieder rauchen” aufbaute und in die er gegen erhebliche Widerstände den Atomphysiker Klaus Traube holte. Die Konstellation ist die Gründung des RNE 2001 unter Gerhard Schröder, die Bachmann aus eigener Anschauung beschreibt.

Gemeinsam ist allen drei Fällen, dass niemand nur nach mehr politischem Willen rief. Es wurden Verfahren organisiert, die bei den Divergenzen ansetzten statt beim Konsens. Das abschließende Gespräch mit Volker Hauff bei einem Spaziergang am Rhein ist ein Stück Zeitgeschichte, auch weil Hauff die Schlagworte „Agenda 2010” und „Wir lassen keinen zurück” als paternalistische Leerformeln zerlegt.

Der Ausweg beginnt mit Aufhören und Lachen

Das Schlusskapitel entwirft den Post-Backlash. Es beginnt bewusst klein, mit dem, was jeder tun kann: aufhören mit dem Schlechtreden und der Lust an der eigenen Ohnmacht, lachen über die Dummheiten des Backlash, verständlich sprechen, zuhören, Vorzeichen umdrehen. Aus der lästigen Datenpflicht könnte ein Datenvermögen werden, wenn Europa die Bedeutung hochwertiger Daten so ernst nähme wie die US-Konzerne. Hubert Weinzierl, Mitgründer des BUND, liefert dazu das schönste Wort des Buches: Es reiche, „teilzeitheilig” zu sein.

Für die Politik unterscheidet Bachmann drei Zieltypen. Hehre Ziele verpuffen, eingebettete Ziele sichern ab, was ohnehin kommt, gewagte Ziele mobilisieren. Von Letzteren brauche es mehr, gesetzt von Absendern, die selbst Teil der Herausforderung sind. Als Haltelinie dient ihm das Jahr 2030, an dem sich zeigen wird, ob das Nachhaltigkeitsnarrativ trägt oder zusammenbricht.

Aus Sicht der Electrotech-Debatte ist ein Satz zentral: Die Transformation des Energiesektors hänge nicht mehr von der Politik ab, sie sei ökonomisch rational. Politik könne bremsen, aber nicht zurückdrehen. Die Akteure der Erneuerbaren müssten deshalb aufhören, aus der Opferrolle zu argumentieren. Für die Kreislaufwirtschaft verweist er auf eine Studie von BDI und Boston Consulting Group. Danach könnte sich die zirkuläre Wertschöpfung der deutschen Industrie bis 2045 von rund 60 auf bis zu 125 Milliarden Euro pro Jahr verdoppeln, Recycling und Wiederverwendung könnten 20 bis 40 Prozent der strategischen Rohstoffimporte ersetzen.

Diskussionswürdig ist Bachmanns Plädoyer für handelbare naturbezogene CO2-Gutschriften. Er räumt selbst ein, dass dieser Markt anfangs von Korruption und Spekulation geprägt war, hält die Governance aber inzwischen für ausreichend. Hier hätte man sich mehr Belege gewünscht. Und provozieren will er offenkundig mit dem Satz: „Nur der Sozialismus kann den Kapitalismus retten.” Gemeint ist eine Ordnung, die soziale und ökologische Vollkosten erfasst und Gewinne fairer zwischen Arbeit und Kapital teilt.

Wer Nachhaltigkeit für erledigt hält, bekommt hier Widerspruch

„Backlash” richtet sich an alle, die in Verbänden, Kommunen, Unternehmen, Ministerien und NGOs für Klimaschutz und Nachhaltigkeit arbeiten und sich gerade fragen, ob das alles vergeblich war. Ihnen ist das Buch ausdrücklich gewidmet. Es ist kein Datenbuch und keine Handlungsanleitung, sondern ein Essay, der manchmal mäandert und Gedanken mehrfach aufgreift. Zahlen und Belege sind eher Illustration als Fundament.

Man muss zudem wissen, dass Bachmann Partei ist. Den RNE, den Deutschen Nachhaltigkeitspreis und die Peer Reviews hat er selbst mitgestaltet, und er beschreibt sie entsprechend wohlwollend. Gerade diese Nähe macht aber den Wert aus: Kaum jemand kennt den Maschinenraum der deutschen Nachhaltigkeitspolitik so genau, und kaum jemand mit dieser Biografie geht so offen mit den eigenen Fehlern um, bis hin zum Eingeständnis, sich zuweilen der Zufriedenheit der Unzufriedenen hingegeben zu haben.

Am Ende steht ein Kompass, eine Grafik, die Backlash, Fehler, Erfolge und Post-Backlash auf einer Seite ordnet, dazu Linklisten und Leseempfehlungen. Den wichtigsten Satz liefert aber Volker Hauff im Gespräch am Rhein: „Wer standhaft sein will, muss sich bewegen.”

Günther Bachmann: Backlash. Wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit demontiert werden und wie ein Comeback gelingen kann. Mit einem politischen Nachlasstext von Klaus Töpfer und einem Gespräch mit Volker Hauff. oekom verlag, München, 5. November 2026. 280 Seiten, Klappenbroschur, 17 Euro (D), 17,50 Euro (A). ISBN 978-3-98726-564-8. Das Buch gibt es auch als E-Book für 13,99 Euro. Weitere Bücher-Empfehlungen in unserer Übersicht Klimabücher: die besten Empfehlungen.

Häufige Fragen zu Backlash

Worum geht es in „Backlash” von Günther Bachmann?
Das Buch analysiert, warum Klimaschutz und Nachhaltigkeit seit etwa 2023 politisch zurückgedrängt werden, welche Interessen dahinterstehen und welche Fehler die Nachhaltigkeitsbewegung selbst gemacht hat. Im zweiten Teil zeigt Bachmann an historischen Beispielen, wie frühere Rückschläge überwunden wurden, und entwirft Wege für einen Post-Backlash.

Wann erscheint „Backlash” und in welchen Ausgaben?
Das Buch erscheint am 5. November 2026 im oekom verlag als Klappenbroschur mit 280 Seiten für 17 Euro und als E-Book für 13,99 Euro.

Wer ist Günther Bachmann?
Bachmann war von 2001 bis 2020 in leitender Funktion beim Rat für Nachhaltige Entwicklung tätig, zuletzt als Generalsekretär, und hat die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung maßgeblich geprägt. Zuvor war er im Umweltbundesamt für Bodenschutz zuständig.

Was hat „Backlash” mit der Energiewende zu tun?
Bachmann sieht in der Kampagne gegen das Heizungsgesetz den Startpunkt der fossilen Renaissance. Zugleich hält er die Transformation des Energiesektors für ökonomisch so rational, dass Politik sie bremsen, aber nicht mehr umkehren kann.

QUELLEN

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  1. Günther Bachmann: Backlash. Wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit demontiert werden und wie ein Comeback gelingen kann. oekom verlag, München, 5. November 2026 (Rezensionsexemplar des Verlags).
  2. oekom verlag: Backlash, Verlagsseite mit Eckdaten zum Buch, abgerufen im Oktober 2026.
  3. BDI und Boston Consulting Group: Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz - Chancen der Circular Economy für die deutsche Industrie (Kurzfassung), April 2026.

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