Übertragungsnetzbetreiber tauschen die Leitungsreserve gegen Großbatterien

PILOTANLAGEN IN KUPFERZELL, AUDORF UND OTTENHOFEN · 15. OKTOBER 2026

Mit dem Netzbooster lasten Netzbetreiber ihre Leitungen höher aus

Ein Netzbooster ist ein Großbatteriespeicher hinter einem Engpass, der nach einem Leitungsausfall binnen Sekunden einspringt. Er übernimmt die Sicherheitsreserve, die bisher ungenutzt auf den Leitungen liegt. TransnetBW, TenneT und Amprion erproben das Prinzip in Pilotanlagen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Auf deutschen Höchstspannungsleitungen bleibt im Normalbetrieb ein Teil der Kapazität frei. Die Übertragungsnetzbetreiber halten ihn bewusst zurück, denn jeder Stromkreis kann jederzeit ausfallen, etwa nach einem Sturmschaden. Dann muss der Strom über die verbliebenen Leitungen fließen, ohne sie zu überlasten. Gerade in Stunden mit viel Windstrom im Norden fehlt diese Reserve beim Transport nach Süden.

Die Netzbetreiber schließen die Lücke mit Redispatch: Sie drosseln Kraftwerke vor dem Engpass und fahren andere dahinter hoch. Das kostet jedes Jahr Milliarden Euro. Sie wälzen diese Kosten über die Netzentgelte auf die Stromrechnung ab.

Mit dem Netzbooster setzen die Netzbetreiber bei der Reserve an. Ein Batteriespeicher hinter dem Engpass übernimmt die Absicherung gegen den Ausfall, die Leitung selbst darf dafür mehr Strom tragen. Die erste Konzeptidee erarbeitete nach Darstellung von TransnetBW das Beratungsunternehmen Consentec 2017 im Auftrag des Umweltbundesamtes. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben sie seither gemeinsam weiterentwickelt.

Was ein Netzbooster im Übertragungsnetz tut

Technisch besteht ein Netzbooster aus einem Batteriegroßspeicher, den ein Übertragungsnetzbetreiber an einem Umspannwerk hinter einem häufig überlasteten Leitungsabschnitt anschließt. Im Normalbetrieb steht er geladen und scharf geschaltet bereit, ohne Strom abzugeben. Fällt im Netz ein Stromkreis aus, speist er innerhalb von Sekunden Leistung ein. Zeitgleich drosselt der Netzbetreiber die Einspeisung vor dem Engpass um dieselbe Menge.

Für die Dauer des Störfalls entsteht so eine zusätzliche Transportstrecke ohne neues Seil. TenneT spricht von einer „virtuellen Leitung“: Im Norden nimmt ein Speicher Energie auf, im Süden gibt ein zweiter sie ab. So sinkt die Last auf den verbliebenen Stromkreisen wieder unter ihre Grenze.

Die Batterie arbeitet nur für eine begrenzte Zeit. TransnetBW legt den Netzbooster in Kupferzell so aus, dass er bis zu einer Stunde lang einspeisen kann. In dieser Stunde lösen ihn Kraftwerke hinter dem Engpass, Schaltmaßnahmen oder Einspeisemanagement ab. Wie die Speicher danach in den Bereitschaftszustand zurückkehren, regelt ein eigenes Rückführkonzept, das die Netzbetreiber im Pilotbetrieb ausarbeiten.

Nebenbei kann ein Netzbooster netzdienliche Leistungen erbringen. TransnetBW nennt ausdrücklich die Bereitstellung von Blindleistung, die die Spannung im Netz stützt. Diese Aufgabe übernehmen sonst Anlagen wie ein STATCOM, das Blindleistung über Leistungselektronik regelt.

Warum Netzbetreiber auf jeder Leitung Reserve freihalten

Das deutsche Übertragungsnetz folgt dem n-1-Kriterium. Fällt ein einzelnes Betriebsmittel aus, etwa ein Stromkreis oder ein Transformator, darf es weder zu unzulässigen Versorgungsunterbrechungen noch zu einer Ausweitung der Störung kommen. So definiert es TransnetBW in der Projektbroschüre zur Netzbooster-Pilotanlage. Die Regel soll verhindern, dass ein einzelner Fehler eine Kaskade auslöst, wie sie hinter großen Stromausfällen steckt (mehr dazu: Blackout in Deutschland).

Bisher sichern die Netzbetreiber das präventiv ab. Sie betreiben jede Leitung schon im Normalbetrieb so weit unter ihrer Grenze, dass sie den Ausfall eines benachbarten Stromkreises verkraftet. Droht der geplante Transport diese Grenze zu überschreiten, greifen sie vorbeugend mit Redispatch ein. Das geschieht auch dann, wenn der befürchtete Fehler nie eintritt.

Der Netzbooster erlaubt eine kurative Systemführung. Kurativ heißt: Die Netzbetreiber reagieren erst, wenn der Ausfall tatsächlich eintritt, und bauen die Überlastung dann in sehr kurzer Zeit ab. Im Netzentwicklungsplan beschreiben sie das Ziel so: Sie verlagern Teile der Reserve, die bisher auf den Stromkreisen liegt, auf die Batteriestandorte. „Leitungen werden höher ausgelastet als ohne Netzbooster zulässig“, heißt es in der Projektbeschreibung von TransnetBW.

Wie Netzbetreiber Speicher an beiden Enden eines Engpasses koppeln

Eine Einspeisung im Süden allein würde das Gleichgewicht von Erzeugung und Verbrauch stören. Die Netzbetreiber wollen dafür keine Primärregelleistung beanspruchen, also nicht die Reserve, die die Netzfrequenz stabil hält. Deshalb muss jeder zusätzlichen Kilowattstunde hinter dem Engpass eine gleich große Minderung davor gegenüberstehen, und zwar im selben Moment.

TenneT plant das Gegenstück als zweite Batterie. Im Umspannwerk Audorf/Süd in Schleswig-Holstein soll ein Speicher bei einem Ausfall Strom aufnehmen, im bayerischen Ottenhofen bei München speist ein zweiter zeitgleich ein. Beide Anlagen liegen nach dem Projektsteckbrief im Netzentwicklungsplan in einer Größenordnung von jeweils 100 Megawatt. TenneT hat die Standorte so gewählt, dass sie auf viele Engpässe der Nord-Süd-Transitachsen zugleich wirken.

TransnetBW und Amprion setzen im Norden auf andere Gegenstücke. In Kupferzell drosselt TransnetBW im Fehlerfall ein Kraftwerk vor dem Engpass, im Beispiel der Projektbeschreibung eine Windkraftanlage in Norddeutschland. Amprion will für seinen Netzbooster in Bayerisch-Schwaben die Einspeisung über Offshore-Netzanbindungen reduzieren. Dafür müssen die Anlagen mit den Leitsystemen anderer Übertragungsnetzbetreiber verbunden sein.

Was Netzbetreiber für Redispatch ausgeben

Mit Netzboostern wollen die Netzbetreiber vor allem präventiven Redispatch einsparen. Nach vorläufigen Zahlen der Bundesnetzagentur kostete das gesamte Netzengpassmanagement 2025 rund 3,07 Milliarden Euro. Im Jahr 2024 waren es rund 2,95 Milliarden Euro. Den größten Block bildete 2025 die Netzreserve mit rund 1,36 Milliarden Euro für Vorhaltung und Einsatz von Reservekraftwerken.

Posten (Mio. Euro)20242025
Netzengpassmanagement gesamt2.9543.071
Redispatch mit konventionellen Kraftwerken1.2331.176
Ausgleich für abgeregelte Erneuerbare554433
Netzreserve, Vorhaltung696952
Netzreserve, Einsatz372407
Volumen der Maßnahmen (GWh)30.31830.319

Quelle: Bundesnetzagentur, SMARD, Netzengpassmanagement im Gesamtjahr 2025, 30. März 2026. Werte 2025 vorläufig.

Der Redispatch mit konventionellen Kraftwerken allein kostete 2025 rund 1,18 Milliarden Euro. Das Volumen aller Eingriffe blieb mit gut 30 Terawattstunden praktisch auf dem Niveau von 2024. Teurer wurde vor allem die Vorhaltung der Reservekraftwerke.

Wie viel ein Netzbooster davon einspart, hängt vom Standort ab. TransnetBW wählte Kupferzell, weil die Leitungen zwischen Kupferzell und Großgartach nach Angaben des Unternehmens bereits stark ausgelastet sind. An diesem Knoten lasse sich die größte Zahl an Engpassstunden vermeiden. Eine Euro-Summe für die erwartete Ersparnis nennen weder die Projektunterlagen von TransnetBW noch die Steckbriefe im Netzentwicklungsplan.

Für die TenneT-Anlagen halten die Netzbetreiber dort lediglich fest, dass sie sich in Analysen für die Jahre 2025 bis 2040 als wirtschaftlich erwiesen haben. Im Steckbrief zum Amprion-Projekt steht ein entsprechendes Ergebnis für die Jahre 2026 bis 2030. Beide Rechnungen gelten den Pilotanlagen, deren Hauptzweck die Erprobung des Konzepts ist.

Wo TransnetBW, TenneT und Amprion Netzbooster bauen

Den frühesten Termin nennt TransnetBW. Das Unternehmen baut in Kupferzell im Hohenlohekreis eine Pilotanlage, die im Einsatzfall 250 Megawatt für eine Stunde ins Übertragungsnetz einspeisen soll. Die Baustelle eröffnete TransnetBW am 10. Juni 2024. Auf rund fünf Hektar entstehen 30 sogenannte Subnester aus Batteriecontainern, Umrichtern und Transformatoren, die Zellen nutzen Lithium-Eisenphosphat.

TransnetBW steuert die Anlage später unbesetzt aus der Hauptschaltleitung in Wendlingen. Ursprünglich wollte das Unternehmen den Betrieb Anfang 2026 aufnehmen, so stand es in der Projektbroschüre von Oktober 2021. Der Netzentwicklungsplan nennt mit Stand Mai 2026 als geplante Inbetriebnahme das Jahr 2027.

TenneT plant seine Pilotanlagen in Audorf/Süd und Ottenhofen mit jeweils rund 100 Megawatt. Als geplante Inbetriebnahme steht im Netzentwicklungsplan mit Stand Mai 2026 das Jahr 2029. Die Bundesnetzagentur hat das Projekt im NEP 2030 (2019) und im NEP 2035 (2021) bestätigt.

Amprion geht einen dezentralen Weg. In Bayerisch-Schwaben sollen mehrere Batterieeinheiten mit zusammen rund 250 Megawatt und 250 Megawattstunden entstehen, angeschlossen über das Verteilnetz von LEW Verteilnetz. Amprion hat Bau und Betrieb ausgeschrieben und im November 2025 an eine Projektgesellschaft von EDF power solutions vergeben. Als Betriebsstart nennt Amprion auf seiner Projektseite den 1. Januar 2028.

Neu ist bei Amprion die Mehrfachnutzung. Braucht der Übertragungsnetzbetreiber die Speicher nicht, darf LEW Verteilnetz sie zur Entlastung des regionalen Netzes einsetzen. In den Sommermonaten darf EDF die Batterien zusätzlich am Strommarkt anbieten.

BetreiberStandortLeistungGeplanter StartStand
TransnetBWKupferzell (Baden-Württemberg)250 MW, eine Stunde2027 (NEP, Stand Mai 2026)Pilotanlage, im Bau seit 2024
TenneTAudorf/Süd (Schleswig-Holstein) und Ottenhofen (Bayern)je rund 100 MW2029 (NEP, Stand Mai 2026)Pilotanlage, im Startnetz des NEP
AmprionBayerisch-Schwaben, mehrere Standorterund 250 MW / 250 MWh1. Januar 2028 (Amprion)Pilotanlage, Bau und Betrieb im November 2025 vergeben

Quelle: Netzentwicklungsplan Strom 2037/2045, Version 2025, Projektsteckbriefe vom 19. Mai 2026; TransnetBW; Amprion.

Alle drei Projekte führen die Netzbetreiber als Pilotanlagen. Sie sollen zeigen, ob die kurative Systemführung im Alltag so sicher funktioniert wie die heutige Reserve auf der Leitung.

Was Netzbetreiber im Pilotbetrieb klären wollen

Im Netzentwicklungsplan haben die Übertragungsnetzbetreiber eine Reihenfolge festgelegt. Zuerst sammeln sie Betriebserfahrung: mit der Einbindung in Netzleitsystem und Schutzkonzepte, mit der Ablösung durch Kraftwerke und mit der Zuverlässigkeit der Anlagen. Danach wollen sie die Pilotkonzepte zu einem koordinierten Einsatz mehrerer Netzbooster zusammenführen. Erst dann entscheiden sie über weitere Anlagen.

Der aktuelle Netzentwicklungsplan Strom 2037/2045 in der Version 2025 liegt als zweiter Entwurf vor. Die Bundesnetzagentur hat ihn bis zum 24. August 2026 öffentlich konsultiert, ihre Bestätigung stand Ende August 2026 noch aus. Die drei Netzbooster-Projekte führt der Entwurf im Startnetz, also bei den bestehenden und bereits weit fortgeschrittenen Maßnahmen.

Für die Energiewende verschiebt der Netzbooster eine Aufgabe von fossilen Kraftwerken zu Batterien. Im Süden fahren die Netzbetreiber beim Redispatch häufig konventionelle Kraftwerke hoch. Amprion nennt genau das als Grund für den Standort Bayerisch-Schwaben und will diese Kraftwerke seltener brauchen. Großbatterien stellen schnelle Leistung inzwischen oft günstiger bereit als Gaskraftwerke.

Der Netzbooster gehört zu mehreren Werkzeugen, mit denen Netzbetreiber Bestandsleitungen mehr abverlangen. Beim witterungsabhängigen Freileitungsbetrieb erhöhen sie den Strom in kühlen, windigen Stunden. Beschichtungen für Freileiter, wie sie das Cleantech-Unternehmen AssetCool entwickelt, zielen ebenfalls auf mehr Transport über vorhandene Seile. Den Bedarf an neuen Leitungen kann ein Netzbooster nach Einschätzung der Netzbetreiber im Netzentwicklungsplan verringern.

QUELLEN

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  1. TenneT: Netzbooster, abgerufen am 12. Oktober 2026.
  2. TransnetBW: Projekttagebuch Netzbooster Kupferzell, abgerufen am 12. Oktober 2026.
  3. Netzentwicklungsplan Strom: AMP-P510 Dezentraler Netzbooster in der Region Bayerisch-Schwaben, 19. Mai 2026.
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