Die Kleine Eiszeit kam nicht überall zur selben Zeit

Mythos „Das Klima hat sich immer gewandelt“ · 30. OKTOBER 2026

Die Kleine Eiszeit kam nicht überall zur selben Zeit

Die Kleine Eiszeit gilt oft als Beleg, dass natürliche Schwankungen auch die heutige Erderhitzung erklären. Berner Klimaforscher fanden 2019 heraus: Die Kälte erreichte den Pazifik, Europa und andere Regionen in verschiedenen Jahrhunderten. Die heutige Hitze trifft fast den ganzen Planeten zugleich.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Um 1608 malte der Niederländer Hendrick Avercamp die Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern, die zur Sammlung des Amsterdamer Rijksmuseums gehört. Hunderte Menschen bevölkern das Eis, im Vordergrund fressen Krähen an einem erfrorenen Pferd. Solche Gemälde und die weit vorgestoßenen Alpengletscher prägen das populäre Bild: Die Kleine Eiszeit gilt als Kälte, die den ganzen Planeten erfasste.

In Debatten über Klimaschutz taucht die Kleine Eiszeit deshalb regelmäßig als Gegenargument auf. Das Klima habe sich schon immer gewandelt, heißt es dann, also sei auch die heutige Erderhitzung ein natürliches Auf und Ab. Der Einwand hat einen wahren Kern: Zwischen etwa 1300 und 1850 war es in Europa und Nordamerika über Jahrhunderte deutlich kühler als im 20. Jahrhundert.

Offen bleibt, warum es kälter wurde, wie stark und ob überall gleichzeitig. Paläoklimatologen lesen vergangene Temperaturen aus Baumringen, Eisbohrkernen, Korallen und Seesedimenten ab. Seit 2017 ist ihre gemeinsame Datenbank PAGES 2k dicht genug, um diese Fragen für die vergangenen 2.000 Jahre weltweit zu beantworten.

Wann war die Kleine Eiszeit und wie kalt wurde es

Feste Grenzen hat die Kleine Eiszeit nicht. Die Universität Bern setzt sie grob von 1300 bis 1850 an. Der Weltklimarat IPCC nennt in seinem sechsten Sachstandsbericht von 2021 die Jahre 1450 bis 1850 als kälteste Phase seit etwa 8.000 Jahren. Mit den Kaltzeiten, in denen Eisschilde Nordeuropa bedeckten, hat die Kleine Eiszeit trotz ihres Namens wenig gemein.

Die IPCC-Autoren verwenden die Begriffe Kleine Eiszeit und Mittelalterliche Warmzeit bewusst sparsam. Sie begründen das damit, dass der Zeitraum beider Episoden schlecht abgegrenzt sei und von Region zu Region schwanke. Wo möglich, nennen sie konkrete Jahreszahlen statt der Epochennamen.

Global gemittelt fiel die Abkühlung gering aus. Laut IPCC lag die Temperatur von 1450 bis 1850 im Schnitt 0,03 Grad unter dem Mittel von 1850 bis 1900. Die Spanne reicht von minus 0,30 bis plus 0,06 Grad. Der Bezugszeitraum 1850 bis 1900 gehört selbst noch zum Ende der kühlen Phase und dient heute als vorindustrieller Ausgangswert.

Regional sah das anders aus. In den Alpen stießen die Gletscher mehrfach weit in die Täler vor. Gut dokumentierte Gletscher wie der Untere Grindelwaldgletscher erreichten ihr letztes Maximum in den 1850er Jahren.

Warum kam die Kälte nicht überall gleichzeitig

Ein Team um den Klimaforscher Raphael Neukom vom Oeschger-Zentrum der Universität Bern hat die Frage 2019 untersucht. Es nutzte die Datenbank des gleichnamigen Forschungsnetzes. Laut ihrer Beschreibung in Scientific Data von 2017 bündelt sie 692 Temperaturreihen von 648 Orten auf allen Kontinenten und in allen großen Ozeanbecken.

Das Ergebnis erschien im Juli 2019 in Nature unter dem Titel „No evidence for globally coherent warm and cold periods“. Die Forscher fanden keine Belege für weltweit gleichzeitige Kalt- oder Warmepochen vor der Industrialisierung. Im zentralen und östlichen Pazifik war es am wahrscheinlichsten im 15. Jahrhundert am kältesten. In Nordwesteuropa und im Südosten Nordamerikas lag der Tiefpunkt im 17. Jahrhundert, in den meisten übrigen Regionen erst Mitte des 19. Jahrhunderts.

„Es war generell auf der ganzen Welt kälter, aber nicht überall zur gleichen Zeit“, sagt Neukom über die Kleine Eiszeit. Die räumlichen Muster vor 1850 passen nach seiner Analyse zu zufälligen Schwankungen im Klimasystem selbst. Vulkanausbrüche und Sonnenaktivität reichten nicht aus, um über Jahrzehnte oder Jahrhunderte weltweit gleichzeitig extreme Temperaturen zu erzeugen. Wer die Kleine Eiszeit als Beweis für übermächtige natürliche Klimatreiber anführt, stützt sich damit auf ein Bild, das die Daten nicht tragen.

Welche Rolle spielten Vulkane und das Maunder-Minimum

Wirkungslos waren die Vulkane trotzdem nicht. Große Ausbrüche schleudern Schwefel in die Stratosphäre, dort werfen die Tröpfchen Sonnenlicht zurück und kühlen die Erde für einige Jahre. Das PAGES-2k-Konsortium rekonstruierte im August 2019 in Nature Geoscience die globale Mitteltemperatur mit sieben statistischen Verfahren. Einen erheblichen Teil der Schwankungen über Jahrzehnte zwischen 1300 und 1800 schreiben die Autoren den Vulkanaerosolen zu.

Wie stark das wirkte, zeigt die letzte Phase der Kälte. Zwischen 1808 und 1835 brachen mehrere große tropische Vulkane aus, im April 1815 auch der Tambora in Indonesien. Ein Team um den Berner Klimaforscher Stefan Brönnimann hat diese Serie 2019 in Nature Geoscience analysiert. Die zehn kältesten Sommerhalbjahre über den nördlichen Landflächen außerhalb der Tropen folgten zwischen 1750 und 1900 ausnahmslos auf Ausbrüche.

Nach den Eruptionen des frühen 19. Jahrhunderts lagen diese Sommer im Schnitt 0,5 Grad unter dem Mittel von 1779 bis 1808. Afrika erlebte zwei Jahrzehnte Dürre, in Europa ließen Kälte und Regen die Alpengletscher ein letztes Mal wachsen. Für die Autoren endete die Kleine Eiszeit mit der Erholung von dieser Vulkanserie. Erst nach den 1850er Jahren begann der Übergang in die menschengemachte Erderhitzung.

Die Sonne spielte eine Nebenrolle. Von 1645 bis 1715 zeigten sich auf ihr kaum Sonnenflecken, Astronomen nennen diese Phase Maunder-Minimum. Die NASA weist darauf hin, dass die Kleine Eiszeit schon vor dem Maunder-Minimum begann. Als wichtigste Ursache nennt sie vulkanische Kühlung, ergänzt durch die schwache Sonne, Verschiebungen der Meeresströmungen und veränderte Landnutzung.

Einen menschlichen Beitrag haben Forscher um Alexander Koch vom University College London 2019 in Quaternary Science Reviews beziffert. Nach ihrer Schätzung lebten in Amerika vor 1492 rund 60,5 Millionen Menschen, etwa 90 Prozent starben im folgenden Jahrhundert, vor allem an eingeschleppten Seuchen. Auf rund 55,8 Millionen Hektar verlassener Felder wuchs Wald nach und band so viel Kohlenstoff, dass der CO2-Gehalt der Luft rechnerisch um 3,5 ppm sank. Samt Rückkopplungen und Landnutzung außerhalb Amerikas erklärt das nach ihrer Rechnung 47 bis 67 Prozent des gemessenen CO2-Rückgangs um 1600.

ZeitraumBefundQuelle
ca. 700 bis 1400Mittelalterliche Warmzeit in Europa und Nordamerika, wärmste 50 Jahre je Region zu anderen ZeitenUniversität Bern, 2019
15. JahrhundertKältester Abschnitt im zentralen und östlichen PazifikNeukom et al., Nature 2019
1450 bis 1850Kälteste Phase seit rund 8.000 Jahren, global im Schnitt 0,03 °C unter 1850 bis 1900IPCC AR6, 2021
1645 bis 1715Maunder-Minimum, kaum SonnenfleckenNASA, 2020
17. JahrhundertKältester Abschnitt in Nordwesteuropa und im Südosten NordamerikasNeukom et al., Nature 2019
1808 bis 1835Vulkanserie mit Tambora 1815, nördliche Sommer im Schnitt 0,5 °C kühlerBrönnimann et al., Nature Geoscience 2019
Mitte 19. JahrhundertKältester Abschnitt in den meisten übrigen RegionenNeukom et al., Nature 2019
20. JahrhundertWärmste Periode seit 2.000 Jahren auf mehr als 98 Prozent der ErdoberflächeNeukom et al., Nature 2019
2024Rund 1,55 °C über dem Mittel von 1850 bis 1900WMO, 2025

War die Mittelalterliche Warmzeit wärmer als heute

Ähnlich wie die Kleine Eiszeit dient die Mittelalterliche Warmzeit, grob von 700 bis 1400, als Beleg für natürlichen Wandel. Auch sie betraf vor allem Europa und Nordamerika. Die Berner Analyse zeigt, dass ihre wärmsten 50 Jahre in verschiedenen Regionen zu verschiedenen Zeiten auftraten.

Einen Unterschied zwischen beiden Epochen hält der IPCC fest. Von 950 bis 1250 trübten weniger Vulkanaerosole die Stratosphäre als von 1450 bis 1850. Die optische Dicke der Aerosolschicht, ein Maß für diese Trübung, lag im ersten Zeitraum im Mittel bei 0,012, im zweiten bei 0,017.

Für die vergangenen 2.000 Jahre fällt die wärmste Periode laut Neukom auf mehr als 98 Prozent der Erdoberfläche ins 20. Jahrhundert. Der IPCC blickt noch weiter zurück. Die Jahre 2011 bis 2020 lagen nach seiner Zusammenfassung für Entscheidungsträger über der letzten mehrhundertjährigen Warmphase vor rund 6.500 Jahren, mit mittlerer Sicherheit. Wie Leugner solche Befunde umdeuten, zeigt der Faktencheck zu den Standardeinwänden der Klimawandelleugnung.

Was unterscheidet die heutige Erderhitzung von früheren Schwankungen

Drei Merkmale trennen die Gegenwart von früheren Schwankungen: Gleichzeitigkeit, Tempo und Ursache. Die Gleichzeitigkeit belegt der 98-Prozent-Befund. Zum ersten Mal in mindestens 2.000 Jahren erwärmt sich fast der gesamte Planet zur selben Zeit. Für die Kleine Eiszeit lässt sich eine solche Gleichzeitigkeit nicht nachweisen.

Beim Tempo kommen die Berner Forscher auf mehr als 1,7 Grad pro Jahrhundert. Ohne menschlichen Einfluss erwarten sie höchstens knapp 0,6 Grad, und Klimamodelle bilden diese natürliche Obergrenze gut ab. Der IPCC hält mit hoher Sicherheit fest, dass die Temperatur seit 1970 schneller stieg als in jedem anderen 50-Jahres-Zeitraum seit mindestens 2.000 Jahren.

Bei der Ursache passen Rekonstruktionen und Physik zusammen. Der IPCC beziffert die menschengemachte Erderhitzung bis zum Jahrzehnt 2010 bis 2019 auf 1,07 Grad über dem Mittel von 1850 bis 1900. Natürliche Antriebe wie Sonne und Vulkane trugen im selben Zeitraum nur minus 0,1 bis plus 0,1 Grad bei. Den Mechanismus dahinter erklärt der Treibhauseffekt.

Im Jahr 2019 lag die CO2-Konzentration laut IPCC höher als zu jedem Zeitpunkt in mindestens zwei Millionen Jahren. Ihren Anstieg dokumentiert die Keeling-Kurve Monat für Monat. Die Weltorganisation für Meteorologie bestätigte im Januar 2025, dass 2024 rund 1,55 Grad wärmer war als das Mittel von 1850 bis 1900.

Könnte ein neues Sonnenminimum die Erderhitzung bremsen

Neben dem Argument vom ewigen Wandel kursiert eine zweite Erzählung: Ein neues Maunder-Minimum stehe bevor und bringe eine zweite Kleine Eiszeit. Die NASA hat diese Erzählung 2020 geprüft. Ein großes Sonnenminimum könnte die Erde um bis zu 0,3 Grad kühlen und die menschengemachte Erderhitzung bestenfalls verlangsamen, aber nicht umkehren.

Den Strahlungsantrieb eines solchen Minimums schätzen Sonnenforscher auf etwa minus 0,1 Watt pro Quadratmeter. Das entspricht laut NASA dem Effekt von rund drei Jahren CO2-Anstieg. Die Erhitzung durch Treibhausgase aus fossilen Brennstoffen fällt demnach sechsmal stärker aus als die mögliche Abkühlung durch ein jahrzehntelanges Sonnenminimum. Wie wenig natürliche Abkühlung gegen das CO2 ausrichtet, zeigt auch die Barnes Ice Cap in Kanada: Der letzte Rest des Laurentidischen Eisschilds wuchs rund 2.000 Jahre lang und schrumpft seit etwa 1960.

Für die Klimaforschung ist die Kleine Eiszeit eher ein Prüfstein als ein Gegenbeweis. Das PAGES-2k-Konsortium fand, dass Rekonstruktionen und Klimamodelle die Stärke der natürlichen Schwankungen ähnlich einschätzen. Das stärkt nach Angaben der Autoren das Vertrauen in die Projektionen für die kommenden Jahrzehnte. Wie stark die Erde auf zusätzliches CO2 reagiert, beschreibt die Klimasensitivität.

Die Kleine Eiszeit zeigt, dass das Klima auf Antriebe reagiert, auf Vulkanschwefel ebenso wie auf eine schwache Sonne. Den stärksten Antrieb der Gegenwart, das CO2 aus Kohle, Öl und Gas, kann die Menschheit selbst regeln. Solarstrom, Windkraft, Wärmepumpen und Elektroautos senken genau diesen Antrieb. Ursachen, Folgen und Auswege bündelt der Überblick Klimawandel verstehen, den Schwindel-Vorwurf prüft der Beitrag zum menschengemachten Klimawandel.

QUELLEN

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  1. Universität Bern, Pressemitteilung: The climate is warming faster than it has in the last 2,000 years, 24. Juli 2019.
  2. University College London, Pressemitteilung: The „Great Dying“ of 1492 led to lower CO2 and a cooler planet, 8. Februar 2019.
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