ÜBERLEBENSKAMPF DER AUTOINDUSTRIE · 30. OKTOBER 2026
Volkswagen AGNach dem Audi-Gewinneinbruch von 87 Prozent flüchtet Döllner ins Trump-Manöver
Audi verdient im dritten Quartal nur noch 95 Millionen Euro, Volkswagen kommt nach neun Monaten operativ auf nicht viel mehr. Audi-Chef Gernot Döllner antwortet auf den Audi-Gewinneinbruch mit Donald Trump und einem Werk für große Verbrenner-SUV in Georgia.
Audi ist im dritten Quartal nur knapp an roten Zahlen vorbeigeschrammt. Nach Steuern blieben 95 Millionen Euro, 87 Prozent weniger als die 718 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Nach neun Monaten steht das Ergebnis nach Steuern bei 1,2 Milliarden Euro, vor einem Jahr waren es 2,1 Milliarden. Der Umsatz sank von 48,4 auf 42,1 Milliarden Euro. Dies teilte der Konzern am Freitag in Ingolstadt mit.
Den Gewinneinbruch begründet das Unternehmen mit dem Absatzeinbruch in China, dem Preisdruck, chinesischen Exporten nach Europa und den US-Zöllen. In China lieferte die Marke in neun Monaten 24,5 Prozent weniger Autos aus, in Nordamerika 17,3 Prozent weniger. Die Jahresprognose senkt Audi auf 55 bis 59 Milliarden Euro Umsatz und drei bis fünf Prozent Rendite. „Der Handlungsbedarf bei Audi ist hoch und duldet keinen Aufschub", sagt Finanzchef Jürgen Rittersberger.
Volkswagen verdient operativ fast nichts mehr
Beim Mutterkonzern sieht es noch schlechter aus. Das operative Ergebnis der Volkswagen Group sank in den ersten neun Monaten auf 0,1 Milliarden Euro, nach 5,4 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Sondereffekte von 8,7 Milliarden Euro drücken die Zahl, davon 7,8 Milliarden allein im dritten Quartal. Die Abschreibung auf den Porsche-Firmenwert macht 6,4 Milliarden Euro aus.
Ohne Sondereffekte erreicht Volkswagen 8,8 Milliarden Euro und eine Rendite von 3,8 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern höchstens ein Prozent. „Wir dürfen keine Zeit verlieren und müssen schnell und entschlossen handeln", sagt Finanzvorstand Arno Antlitz. Ein Kostenprogramm von rund 31 Milliarden Euro soll die Modellpalette straffen und die Gemeinkosten senken.
Konzern verdient mit E-Autos weniger als mit Verbrennern
Dabei läuft in Europa das Geschäft mit Elektroautos. Der Auftragseingang für E-Autos legte in neun Monaten um 39 Prozent zu, rund 40 Prozent des europäischen Auftragsbestands sind elektrisch. Für die Electric Urban Car Family liegen etwa 150.000 Bestellungen vor.
Volkswagen nutzt diese Marktlage nicht aus. Der Konzern verdiene mit Elektroautos heute noch weniger als mit Verbrennern, sagt Antlitz. Der Markterfolg der E-Autos belaste das Ergebnis deshalb zusätzlich.
In einer Disruption ist das vollkommen normal. Auf der einen Seite stehen abgeschriebene Anlagen und Fabriken, die seit Jahrzehnten Verbrenner bauen. Auf der anderen Seite stehen frische Investitionen in Plattformen, Batterien und Werke, die ihre Kosten erst über Jahre einspielen. Clayton Christensen hat dieses Muster als Dilemma der Innovation beschrieben (mehr dazu: Das Dilemma der Innovation). Die niedrigere Marge ist der Preis des Umstiegs, kein Beleg gegen das Elektroauto.
Döllner antwortet auf den Audi-Gewinneinbruch mit Trump
Döllners Antwort auf die Krise steht in Georgia. Am 24. Oktober bedankte er sich auf Donald Trumps Wahlkampfbühne für dessen Unterstützung und kündigte ein Werk für rund vier Milliarden Dollar an. Dort sollen ab Anfang der 2030er-Jahre bis zu 200.000 große SUV im Jahr vom Band laufen. Ein Elektroauto kommt in den Plänen nicht vor (mehr dazu: Audi wirft sich Trump an den Hals).
Der Spiegel berichtet unter Berufung auf Reuters, die US-Regierung habe Audi im Gegenzug Zollerleichterungen zugesagt. Der Satz für Einfuhren solle effektiv bei zehn Prozent liegen, bisher gelten 15 Prozent für Autos aus Europa und 25 Prozent für Autos aus Mexiko. Für welche Fahrzeuge der neue Satz gilt und ab wann, ist offen. Audi habe 7,5 Prozent verlangt, Washington habe auf einem zweistelligen Satz bestanden. Eine Audi-Sprecherin lehnte eine Stellungnahme ab.
Das Werk läuft frühestens in fünf Jahren an, die Zölle belasten Audi jetzt. Die Entscheidung fiel in einer Woche, in der Audi die Prognose senkte und der Mutterkonzern Milliarden abschrieb. Offenbar ist das Trump-Manöver eine Panikaktion. Döllner sieht in China, bei den Zöllen und bei der Rendite die Felle davonschwimmen (mehr dazu: Döllners Wette auf ein totes Pferd).
Audis eigene Zahlen sprechen gegen den Standort. In Nordamerika brachen die E-Auslieferungen der Marke in neun Monaten um 88 Prozent ein. In Deutschland legten sie um 39 Prozent zu, in China um 85 Prozent. Döllner baut sein neues Werk ausgerechnet in dem Markt, in dem Audis Elektroautos am stärksten verlieren, und bestückt es mit Verbrennern.
Das Werk Neckarsulm steht auf der Kippe
Für die deutschen Standorte kündigt Audi in seiner Mitteilung nur an, mit dem Gesamtbetriebsrat weitere Schritte zur Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung zu erarbeiten. Konkrete Zusagen für Neckarsulm oder Ingolstadt fehlen. Das Werk Neckarsulm mit rund 15.000 Beschäftigten steht nach 2030 auf der Kippe, weil die großen SUV künftig in Georgia und Bratislava entstehen könnten.
Wie das am Band ankommt, schildert ein Beschäftigter, der Audi-Modelle in Deutschland mitbaut. Er hat Cleanthinking geschrieben und möchte anonym bleiben. „Die Kollegen sind entsetzt", schreibt er. Für alles Mögliche fehle ständig das Geld, aber für ein Werk in den USA fließen Milliarden. Er fürchtet eine Exit-Strategie: Produktionsvolumen werde aus Deutschland abgezogen, und dass der Neubau in Georgia ohne Folgen für die deutschen Standorte bleibe, glaube dort niemand.
Von VW-Konzernchef Oliver Blume ist er enttäuscht, der habe bei seinem Auftritt vor der Belegschaft im September ratlos gewirkt. Das Problem sieht er im Produkt. Die Konkurrenz aus China sei bei Software und Batterien eine Generation weiter, egal wie niedrig Audi die Produktionskosten drücke. Im Dezember bringt Audi den vollelektrischen A2 e-tron nach Europa, gebaut in Ingolstadt.
QUELLEN
- Audi: Herausfordernde erste neun Monate: Audi verschärft Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, 30.10.2026.
- Volkswagen Group: Neunmonats-Ergebnis unterstreicht sofortigen Handlungsdruck, 29.10.2026.
- dpa via Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Audi rutscht fast in die roten Zahlen, 30.10.2026 (Quartalswerte 95 und 718 Millionen Euro).