WASSERSTOFF · 5. NOVEMBER 2026
FAU / Barbara Steinbauer-GrötschNatürlicher Wasserstoff in Bayern ersetzt kein Erdgas
Der YouTube-Kanal Norio verspricht in einem viel geteilten Video, Wasserstoff aus deutschem Gestein mache das Land sofort unabhängig von Gasimporten. Belegt ist das nicht. In Nordbayern wird ernsthaft gesucht, gebohrt wird noch nicht.
Seit Freitag läuft das Video auf dem Kanal Norio, am Sonntag übernahm das Windkraft-Journal seine Aussagen. Darin heißt es, natürlicher Wasserstoff in Bayern, im Erzgebirge und im Oberrheingraben liefere „jährlich mehrere Millionen Tonnen„. Das reiche, um „jetzt sofort komplett unabhängig von Gasimporten“ zu werden, und zwar für Hunderte Jahre.
Natürlicher Wasserstoff, oft weißer Wasserstoff genannt, entsteht im Untergrund ohne menschliches Zutun. Wasser reagiert mit eisenreichem Gestein, oder natürliche Strahlung spaltet Wassermoleküle auf. Belegt ist, dass in Nordbayern nach solchen Vorkommen gesucht wird. Nicht belegt ist, dass dort eine Lagerstätte liegt, wie groß sie wäre und wann sie liefern könnte.
Die 64 Millionen Tonnen entstehen auf der ganzen Welt
Die Mengenangabe im Video deckt sich mit einer Übersichtsarbeit, die Anfang 2026 in der Fachzeitschrift Earth-Science Reviews erschienen ist. Das Team um Kevin Wong und Alberto Vitale Brovarone von der Universität Bologna schätzt, dass weltweit jedes Jahr 40 bis mehr als 64 Millionen Tonnen Wasserstoff auf natürlichem, nicht biologischem Weg entstehen. Allein 27 Millionen Tonnen davon schreiben die Forscher der Strahlung in Meeressedimenten zu, einen Wert, den sie selbst „höchst unsicher und unbestätigt" nennen.
Im Video steht diese Zahl korrekt als weltweite Menge. Die Autoren schreiben ausdrücklich, ihre Schätzungen zeigten nicht an, dass sich irgendwo im Untergrund bereits Wasserstoff angesammelt hat. Ob er sich schnell genug nachbildet, um als erneuerbar zu gelten, ist für sie eine offene Frage. Das Video macht daraus trotzdem „mehrere Millionen Tonnen" im Jahr allein aus deutschen Quellen, die sich sogar erneuern sollen. Eine Quelle für diese Zahl nennt es nicht. Für die Frage, was sich in Deutschland fördern ließe, sagt die weltweite Neubildung nach Einschätzung der BGR ohnehin wenig: Ein großer Teil entsteht in ozeanischer Kruste und geht im Meerwasser verloren.
Aus Nordbayern stammt der Messwert, den das Video anführt. Im August 2024 stießen zwei Masterstudenten des GeoZentrums Nordbayern der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in einem Meter Tiefe auf mehr als 1.000 ppm Wasserstoff in der Bodenluft. Das entspricht 0,1 Prozent, der Wert lag am oberen Rand ihres Messgeräts. Projektleiter Jürgen Grötsch sah darin eine Bestätigung für kommerziell nutzbare Vorkommen. Aus einem Wert dicht unter der Oberfläche geht nicht hervor, wie viel Gas in der Tiefe liegt und ob es sich fördern lässt.
Tellus plant die Förderung ab 2029
Hinter dem Pilotprojekt Kairos steht Tellus Energy Solutions, ein Cleantech-Unternehmen aus Hersbruck, gegründet im Februar 2025. Grötsch führt das Unternehmen und lehrt zugleich am GeoZentrum Nordbayern. Im Video soll Kairos „in nur wenigen Monaten„ Wasserstoff, Helium und Erdwärme gewinnen. Gut sechs Minuten später heißt es, losgehen solle es „in nur zwei bis drei Jahren“.
Der eigene Zeitplan von Tellus reicht weiter. Bis 2026 misst das Unternehmen, um geeignete Standorte in Nordbayern zu finden. 2027 und 2028 will es den Standort für eine erste Erkundungsbohrung auswählen. Geothermiebohrungen, Anlagen zur Abtrennung des Wasserstoffs und die kommerzielle Förderung sind für 2029 und 2030 vorgesehen. Im Sommer 2025 hielt Grötsch gegenüber Energie & Management eine Pilotanlage unter günstigsten Bedingungen in vielleicht fünf Jahren für möglich.
Das Bayerische Wirtschaftsministerium hat Tellus eine wissenschaftliche Aufsuchungserlaubnis erteilt. Möglich wurde sie durch die Novelle des Bundesberggesetzes, die am 2. April 2026 in Kraft trat. Die Erlaubnis gilt für 3.129 Quadratkilometer, mehr als die Fläche des Saarlands, und deckt Messungen und Modelle des Untergrunds ab. Ein „Abbaugebiet", wie es im Video heißt, ist das nicht: Wer fördern will, braucht nach Bergrecht eine eigene Bewilligung.
Das Video nennt drei Preise für eine Kilowattstunde
Gleich zu Beginn verspricht das Video Strom und Wärme für zwei Cent je Kilowattstunde. Später rechnet es eine nicht genannte US-Studie mit 0,54 Dollar je Kilogramm auf 1,4 Cent um. Kurz darauf schreibt es Grötsch einen Verkaufspreis von drei Cent je Kilowattstunde Wasserstoff zu, ohne Quelle. Belegt ist keiner der drei Preise, denn in Deutschland fördert bisher niemand.
Dazu kommt ein Rechenschritt, den das Video überspringt. Eine Kilowattstunde Wasserstoff ist keine Kilowattstunde Strom. Wer Wasserstoff zurück in Strom verwandelt, verliert einen großen Teil der Energie, und der Strom wird entsprechend teurer.
Günstigen Wasserstoff aus dem Untergrund halten auch die Wissenschaftsakademien für möglich. Ihre Initiative Energiesysteme der Zukunft (ESYS) hat das Thema im April 2026 in einem Impulspapier untersucht. Sollten abbaubare Vorkommen gefunden werden, wären die Produktionskosten demnach voraussichtlich deutlich geringer als bei grünem Wasserstoff aus Elektrolyse. Einen Preis nennen die Akademien nicht, denn ob es solche Vorkommen gibt, ist offen.
Wasserstoff braucht eigene Leitungen und eigene Geräte
Selbst ein günstiger Fund würde das Erdgas nicht einfach ablösen. Ein Kubikmeter Wasserstoff enthält rund ein Drittel der Energie eines Kubikmeters Methan, des Hauptbestandteils von Erdgas. Das Molekül ist so klein und flüchtig, dass es durch Materialien dringt, das räumt auch das Video ein. Wasserstoff braucht deshalb eigene Leitungen, eigene Speicher und eigene Brenner.
Diese Leitungen entstehen gerade erst. Das Wasserstoff-Kernnetz, das die Bundesnetzagentur genehmigt hat, soll bis 2032 auf 9.040 Kilometern vor allem die Industrie versorgen. Wasserstoffnetze bis in die Wohnstraßen wird es kaum geben. Wo heute eine Gasheizung im Keller steht, heizt künftig die Wärmepumpe.
Die meisten Fachleute sehen natürlichen Wasserstoff laut ESYS-Papier eher als Ergänzung. Kurz- und mittelfristig eigne er sich vor allem für lokale und dezentrale Anwendungen, etwa zusammen mit Erdwärme oder Helium. Genau so plant Tellus Kairos: Wärme, Wasserstoff und Helium aus demselben Tiefenwasser, mit dem Standort nah bei den Abnehmern. Natürlicher Wasserstoff in Bayern könnte so zu einem lokalen Baustein werden. Im Landkreis Haßberge erzeugt die Kreisstadt Haßfurt schon seit 2016 Wasserstoff aus überschüssigem Wind- und Solarstrom.
In Nordbayern misst die FAU gemeinsam mit Partnern wie Fraunhofer IEG, RWTH Aachen, KIT, GFZ und dem Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) untersucht im Fichtelgebirge Serpentinit, ein Gestein, in dem Wasserstoff entstehen kann, mit Gesteinsproben und Messflügen. Das Sächsische Oberbergamt meldete im Frühjahr weder Anträge noch Anfragen zur Erkundung natürlicher Wasserstoffvorkommen.
Die BGR bremst die Erwartungen deutlich. Auf Anfrage von Cleanthinking teilte sie mit, dass weder in Deutschland noch weltweit eine Lagerstätte von molekularem Wasserstoff bekannt ist. Die weltweite Exploration laufe seit rund fünf Jahren, bisher ohne Durchbruch. Die Geologie Deutschlands hält die BGR im Vergleich zu Ländern, in denen bereits kommerziell gesucht wird, für nicht besonders vielversprechend. Das Land ist mit weit mehr als 20.000 Tiefbohrungen zudem gut untersucht.
Nach Recherche von Cleanthinking wird in Deutschland derzeit keine Bohrung gezielt nach natürlichem Wasserstoff niedergebracht. Cleanthinking hat bei den Bergbehörden der Länder und bei Tellus nachgefragt und berichtet weiter. Weltweit gibt es bislang eine einzige kommerzielle Förderung: Sie liegt laut Internationaler Energieagentur im Feld Bourakébougou in Mali und liefert fünf Tonnen im Jahr.
QUELLEN
- Earth-Science Reviews: Wong, Cascone, Giovannelli, Vitale Brovarone, Formation and fluxes of natural hydrogen in the crust and upper mantle, Band 275, Artikel 105400, 2026.
- Bundesnetzagentur: Genehmigung des Wasserstoff-Kernnetzes, Pressemitteilung, Oktober 2024.