Wo Deutschland nach natürlichem Wasserstoff sucht

WASSERSTOFF · 3. NOVEMBER 2026

Wo natürlicher Wasserstoff in Deutschland aus dem Boden steigt

Natürlicher Wasserstoff entsteht tief im Gestein, ganz von selbst. Geologen suchen ihn in Franken, im Erzgebirge und in Lothringen. Ob es in Deutschland förderbare Vorkommen gibt, soll eine erste Erkundungsbohrung klären.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. LESEN


In der Energiewende gilt Wasserstoff als Stoff, den man herstellen muss: per Elektrolyse aus Wind- und Solarstrom oder, bis heute überwiegend, aus fossilen Rohstoffen. Dass der Untergrund ihn selbst liefert, hielten Geologen lange für unwahrscheinlich. Freier Wasserstoff reagiert an der Erdoberfläche schnell und verschwindet. Inzwischen kennen Forscher ihn von heißen Quellen am Meeresboden ebenso wie aus Bergwerken und Bohrlöchern in uralter Kontinentalkruste.

Wie viel davon entsteht, hat ein Team um die Geowissenschaftler Kevin Wong und Alberto Vitale Brovarone 2026 in der Fachzeitschrift Earth-Science Reviews zusammengetragen. Ohne Beteiligung von Lebewesen bildet die Erde demnach jedes Jahr 40 bis mehr als 64 Millionen Tonnen Wasserstoff. Die Welt verbrauchte 2023 nach Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) 97 Millionen Tonnen. Ob natürlicher Wasserstoff in Deutschland in förderbaren Mengen vorkommt, lässt sich aus der weltweiten Bildungsrate nicht ablesen.

Wie die Erde Wasserstoff im Gestein erzeugt

Fachleute sprechen von natürlichem oder geologischem Wasserstoff. In der Farbenlehre heißt er weiß, seltener golden (mehr dazu: Die Farben des Wasserstoffs und ihr Klimapreis). Davon zu unterscheiden ist oranger Wasserstoff: Dabei pumpen Betreiber Wasser in eisenreiches Gestein, um die natürliche Reaktion gezielt anzustoßen (mehr dazu: Oranger Wasserstoff aus der Erdkruste).

Der bekannteste Weg heißt Serpentinisierung. Dringt Wasser in eisen- und magnesiumreiches Gestein aus dem Erdmantel ein, entsteht daraus grünlicher Serpentinit. Das Eisen oxidiert dabei, ähnlich wie beim Rosten, und spaltet das Wasser: Der Sauerstoff wandert ins Gestein, der Wasserstoff wird frei. Als Nebenprodukt bildet sich das magnetische Mineral Magnetit. Am meisten Gas entsteht laut der Übersichtsstudie bei 200 bis 315 Grad Celsius, Experimente zeigen die Reaktion aber schon bei 25 bis 100 Grad.

Der zweite große Weg heißt Radiolyse. In der Erdkruste zerfallen Uran, Thorium und Kalium langsam, ihre Strahlung zerlegt Wassermoleküle in Bruchstücke, aus denen sich Wasserstoff zusammensetzt. Druck und Temperatur spielen dafür keine Rolle, es braucht nur Wasser in Poren und Klüften. In sehr alter Kontinentalkruste hat sich so über Hunderte Millionen Jahre viel Wasserstoff angesammelt.

Vulkane gasen ebenfalls Wasserstoff aus. Erdbeben zerbrechen Gestein und schaffen frische Flächen, an denen Wasser reagiert, und Mikroben setzen beim Gären organischer Stoffe Wasserstoff frei. Ob im tiefen Erdmantel zusätzlich Urwasserstoff aus der Entstehungszeit des Planeten lagert, ist ungeklärt.

Die 40 bis 64 Millionen Tonnen beschreiben, wie viel Wasserstoff jedes Jahr entsteht. Allein 27 Millionen Tonnen davon schreiben die Autoren der Radiolyse in Ozeansedimenten zu und nennen diesen Wert selbst höchst unsicher und unbestätigt. Ob sich irgendwo Lagerstätten bilden, lässt sich aus diesen Bildungsraten laut der Studie nicht ablesen. Auf dem Weg nach oben reagiert Wasserstoff mit Mineralen, und Mikroben nutzen ihn als Energiequelle. Unterhalb von 122 Grad, der Temperaturgrenze des Lebens, verbrauchen sie einen Teil des Gases, bevor es sich sammeln kann.

Für die Vorräte im Untergrund schätzten die Forscher Ellis und Gelman 2024 tausend bis zehn Milliarden Millionen Tonnen, eine Spanne über sieben Zehnerpotenzen. Bestätigt sich auch nur ein kleiner Teil davon, würde seine Förderung nach Einschätzung von Wong und Kollegen den heutigen Bedarf der Industrie decken.

Seit 1910 kennen Chemiker Wasserstoff aus deutschen Kalilagern

Der Chemiker Ernst Erdmann beschrieb 1910 in den Mitteilungen der Universitätslaboratorien in Halle wasserstoff- und heliumhaltige Gase aus deutschen Kalilagern, laut FAU aus dem Kalibergwerk Leopoldshall. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und das GeoZentrum Nordbayern der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) führen seine Arbeit heute als frühen Beleg. Systematisch untersuchen Forscher natürlichen Wasserstoff erst seit rund zwei Jahrzehnten.

Den ersten dauerhaften Einsatz gibt es in Mali. Bei einer Wasserbohrung nahe dem Dorf Bourakébougou trat Gas aus, das sich als Wasserstoff erwies. Seit 2012 erzeugt eine kleine Anlage daraus Strom für das Dorf, nach Angaben der Akademieninitiative ESYS mit 30 Kilowatt Leistung. Die Akademien nennen das in ihrem Impuls „Geologischer Wasserstoff“ den ersten dokumentierten Fall dauerhafter Gewinnung und Nutzung von natürlichem Wasserstoff.

Die Mengen bleiben klein: Die Internationale Energieagentur (IEA) beziffert die Förderung auf fünf Tonnen im Jahr. Eine Förderung im großen Maßstab vor 2030 hält die IEA für unsicher. 2024 nahm sie natürlichen Wasserstoff erstmals in den Kreis heutiger und künftiger Energiequellen auf.

Wo Geologen in Deutschland nach Wasserstoff suchen

In Deutschland ist die Suche in Nordbayern am weitesten. Im August 2024 maßen die FAU-Masterstudenten Felix Gsell und Julius Liebermann in den Haßbergen in Unterfranken Wasserstoff in der Bodenluft. Der Wert lag über 1.000 ppm (Teile pro Million), also über 0,1 Prozent, und damit an der oberen Grenze ihres Sensors. Einen solchen Wert kannte die Fachliteratur laut FAU bis dahin nicht. Weitere Messungen ergaben seither neben Stellen ohne Wasserstoff immer wieder ähnlich hohe Werte.

Ein Messwert in der Bodenluft weist auf eine Quelle im Untergrund hin, Menge und Tiefe klärt erst eine Bohrung. Im Februar 2025 gründete Projektleiter Jürgen Grötsch, Lehrbeauftragter am GeoZentrum Nordbayern, mit zwei Mitgründern das Cleantech-Startup Tellus Energy Solutions in Hersbruck. Das bayerische Wirtschaftsministerium erteilte dem Unternehmen 2026 eine wissenschaftliche Aufsuchungserlaubnis über 3.129 Quadratkilometer in Nordbayern, mehr als die Fläche des Saarlands. Sie gestattet Messungen und Erkundung zu Forschungszwecken.

Das Pilotprojekt heißt Kairos. 2025 und 2026 sammelt Tellus geochemische und geophysikalische Messdaten, 2027 und 2028 soll der Standort für die erste Erkundungsbohrung feststehen. Für 2029 und 2030 plant das Unternehmen den Beginn der Förderung von Wasserstoff und Erdwärme. Tellus erkundet Erdwärme, Wasserstoff und Helium in einem gemeinsamen Modell und nennt das Konzept Triple H.

Im Fichtelgebirge in Oberfranken untersuchte ein Team der BGR 2024 Serpentinit, in dem früher große Mengen Wasserstoff entstanden sein könnten. Geologin Meike Bagge maß in einem ehemaligen Steinbruch die Magnetisierbarkeit des Gesteins, Messflüge vom Flughafen Bayreuth aus erfassten Schwere- und Magnetfeld. Weil bei der Serpentinisierung Magnetit entsteht, liefern solche Messungen Hinweise auf umgewandeltes Gestein im Untergrund.

„Aus meiner Sicht sind die geologischen Bedingungen im Erzgebirge sehr vielversprechend“, sagt Moh'd Amro von der TU Bergakademie Freiberg. Der Bohrtechniker verweist auf Serpentinit-Vorkommen und auf alte Messungen des Uranbergbaus Wismut. In den 1960er-Jahren fand die Wismut in der Grube Schlema-Alberoda punktuell geringe Wasserstoffgehalte im Grubenwasser, betont aber, dass diese Messungen keinen Explorationscharakter hatten. Im Frühjahr 2026 lagen beim Sächsischen Oberbergamt nach Angaben seines Leiters Bernhard Cramer weder Anträge noch Anfragen zur Erkundung vor.

Jenseits der Grenze, in Pontpierre in Lothringen, hat das französische Unternehmen La Française de l'Énergie (FDE) das Bohrloch PTH-2 auf 3.655 Meter Tiefe gebracht. In 2.242 Metern maß FDE einen Wasserstoffanteil von 36,1 Prozent, in 2.426 Metern 49,6 Prozent; über die förderbare Menge sagen diese Anteile allein nichts. Produktionstests hatte FDE für die zweite Jahreshälfte 2026 angekündigt, den Produktionsstart plant das Unternehmen für Ende 2028 oder Anfang 2029. Das lothringische Kohlebecken setzt sich unter dem Saarland fort, eine gezielte Erkundung auf deutscher Seite ist nicht bekannt.

Die BGR dämpft die Erwartungen. Auf Anfrage von Cleanthinking teilte sie mit, dass weder in Deutschland noch weltweit eine Lagerstätte von molekularem Wasserstoff bekannt ist, also eine eingegrenzte, wirtschaftlich förderbare Ansammlung. Die Hinweise auf Vorkommen mehren sich. Im Vergleich zu Ländern, in denen bereits kommerziell exploriert wird, hält die BGR die Geologie Deutschlands aber für nicht besonders vielversprechend. Zudem ist das Land mit weit mehr als 20.000 Tiefbohrungen gut untersucht.

Rechtlich ist die Suche seit Frühjahr 2026 einfacher. Mit dem Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz trat am 2. April 2026 eine Änderung des Bundesberggesetzes in Kraft, die Wasserstoff und Helium als bergfreie Bodenschätze einstuft. Sie gehören damit nicht dem Grundeigentümer. Wer sie erkunden oder fördern will, braucht eine Erlaubnis der Bergbehörde, aber keine Einwilligung der Eigentümer mehr.

Was natürlicher Wasserstoff kosten könnte

Einen Marktpreis gibt es noch nicht, weil weltweit bisher nur das Vorkommen in Mali genutzt wird. Die Akademieninitiative ESYS von acatech, Leopoldina und Akademienunion erwartet bei abbaubaren Vorkommen Produktionskosten, die „voraussichtlich deutlich geringer als bei grünem Wasserstoff aus Elektrolyse“ ausfallen. Unter guten Bedingungen könnten sie sich laut ESYS den Kosten von grauem Wasserstoff aus Erdgas annähern. Die Akademien versehen diese Werte mit großer Unsicherheit.

Als vielversprechend gilt laut ESYS unter anderem die Koproduktion mit Helium, mit der Förderer ihre Einnahmen auf zwei Gase verteilen. Die Technik, beide Gase zu trennen, ist allerdings noch in Entwicklung. Kurz- und mittelfristig sehen die Fachleute Einsatzfelder vor Ort, etwa die Stromversorgung von Bergbaustandorten oder abgelegenen Siedlungen. Die meisten von ihnen halten natürlichen Wasserstoff eher für eine Ergänzung zum grünen Wasserstoff, Investitionen in Elektrolyse und Infrastruktur bleiben nötig.

In Unterfranken liegen beide Wege zum Wasserstoff nah beieinander. In Haßfurt am Main läuft seit Oktober 2016 eine Power-to-Gas-Anlage, die überschüssigen Wind- und Solarstrom per Elektrolyse in Wasserstoff umwandelt (mehr dazu: Haßfurt: Pionierstadt der kommunalen Energiewende). In den Haßbergen nördlich der Stadt messen Geologen das Gas in der Bodenluft.

Wo natürlicher Wasserstoff der Industrie hilft

Auch wenn natürlicher Wasserstoff in Deutschland gefunden wird, fließt er kaum durch Gasleitungen bis ins Wohnhaus. Ein Kubikmeter Wasserstoff enthält rund ein Drittel der Energie eines Kubikmeters Methan, des Hauptbestandteils von Erdgas. Er braucht eigene Leitungen und eigene Geräte. Das Wasserstoff-Kernnetz, das die Bundesnetzagentur im Oktober 2024 genehmigt hat, umfasst 9.040 Kilometer und soll bis 2032 schrittweise in Betrieb gehen. Rund 60 Prozent davon sind umgestellte Erdgasleitungen, angebunden werden die künftigen Wasserstoff-Zentren der Industrie und die Nachbarländer.

Heizen Sie heute mit Gas, führt der Weg aus dem fossilen Brennstoff über die Wärmepumpe, mit oder ohne Wasserstoff aus Franken (mehr dazu: Gas raus, Wärmepumpe rein).

Die Industrie setzt Wasserstoff als Rohstoff ein: für Ammoniak und damit für Dünger, in der Lebensmittelverarbeitung und bei Hydrierungen in der Chemie. Diesen Wasserstoff gewinnt die Industrie bisher überwiegend aus fossilen Rohstoffen. Ein Vorkommen in der Nähe eines solchen Standorts könnte grauen Wasserstoff ersetzen, ohne Elektrolyseur und ohne lange Pipeline. Bei Tellus in Hersbruck fällt die Entscheidung über den ersten Bohrplatz 2027 oder 2028.

Häufige Fragen zu natürlichem Wasserstoff

Ist natürlicher Wasserstoff erneuerbar?

Auf menschlicher Zeitskala nein. Ein Review in Nature Reviews Earth & Environment (Ballentine et al., 2025) kommt zu dem Schluss, dass sich Vorkommen in der kontinentalen Kruste nicht innerhalb von Jahrzehnten oder Jahrhunderten erneuern. Eine Übersichtsstudie in Earth-Science Reviews (2026) nennt die Nachbildung einzelner Vorkommen ebenfalls ungeklärt. Laut der Akademieninitiative ESYS halten die meisten Fachleute natürlichen Wasserstoff auf menschlicher Zeitskala für nicht erneuerbar; bei seiner Nutzung entsteht trotzdem kein CO₂.

Was unterscheidet weißen von orangem Wasserstoff?

Weißer Wasserstoff entsteht von selbst im Gestein und lässt sich dort fördern, wo er sich gesammelt hat. Oranger oder stimulierter Wasserstoff entsteht, wenn Betreiber Wasser in eisenreiches Gestein pumpen und die natürliche Reaktion so gezielt anstoßen. Dauerhaft gefördert wird bisher nur weißer Wasserstoff, in Mali.

Darf man in Deutschland nach natürlichem Wasserstoff bohren?

Ja, mit Erlaubnis der Bergbehörde. Seit dem 2. April 2026 ist Wasserstoff in Deutschland bergfrei, für Erkundung und Abbau ist die Einwilligung der Grundeigentümer nicht mehr nötig. In Bayern hält das Cleantech-Startup Tellus Energy Solutions seit 2026 eine wissenschaftliche Aufsuchungserlaubnis über 3.129 Quadratkilometer.

Wann kommt der erste natürliche Wasserstoff aus Deutschland?

Frühestens gegen Ende des Jahrzehnts. Tellus Energy Solutions will 2027 oder 2028 den Standort für eine erste Erkundungsbohrung in Nordbayern festlegen und plant für 2029 und 2030 den Beginn der Förderung. Voraussetzung ist, dass die Bohrung ein nutzbares Vorkommen findet.

QUELLEN

  1. Nature Reviews Earth & Environment: Ballentine, Karolytė, Cheng, Sherwood Lollar, Gluyas, Daly, Natural hydrogen resource accumulation in the continental crust, Band 6, S. 342-356, 2025.
  2. Earth-Science Reviews: Wong, Cascone, Giovannelli, Vitale Brovarone, Formation and fluxes of natural hydrogen in the crust and upper mantle, Band 275, Artikel 105400, 2026.
  3. Mitteilungen aus den Universitätslaboratorien für angewandte Chemie in Halle a. S.: Ernst Erdmann über wasserstoff- und heliumhaltige Gase aus Kalilagern, Bd. 121, S. 777-782, 1910.
  4. BGR, Dieter Franke: Vortrag „Weißer Wasserstoff“, 16.05.2024.
  5. acatech/ESYS: Natürlicher Wasserstoff: Wissenschaftsakademien zeichnen Bild mit vielen weißen Flecken, Pressemitteilung, 15.04.2026.
  6. Bundesnetzagentur: Bundesnetzagentur genehmigt Wasserstoff-Kernnetz, Pressemitteilung, 22.10.2024.
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