BIODIVERSITÄT · 1. NOVEMBER 2026
NPS / N. LewisStaaten retten die Weltnaturkonferenz nach zehn Stunden Schlussplenum
Fast 200 Staaten halten am Ziel fest, die Zerstörung der Natur bis 2030 zu stoppen. Am Samstagmorgen einigten sie sich in Jerewan auf einen Plan, mit dem sie den Rückstand bei ihren 23 Zielen aufholen wollen.
Die Staaten nennen den Plan Jerewan-Pfad, auf Englisch Yerevan Pathway. Darin setzen sie vier Schwerpunkte: naturschädliche Subventionen abbauen, Entwicklungsländern finanziell, wissenschaftlich und technisch stärker helfen, nationale Haushalte am Abkommen ausrichten und die Umsetzung enger überwachen. Das teilte das Sekretariat der UN-Biodiversitätskonvention mit. Mit dem Plan reagieren die Staaten auf die erste Halbzeitbilanz des Weltnaturabkommens von Kunming und Montreal aus dem Jahr 2022.
An einem einzigen Streitpunkt wäre die Konferenz fast gescheitert, schreibt Petra Ahne in der FAZ. Unversöhnliche Delegationen hätten sich in einer Ecke des Saals zum Gespräch verabredet, nach einer Stunde seien alle ein Stück von ihrer Position abgerückt. Um acht Uhr morgens, nach zehn Stunden Abschlussplenum, sei Jubel ausgebrochen. Mit Jerewan sei der Schwung von Montreal zurückgekehrt, urteilt Ahne.
Gestritten hatten die Staaten über die Indigenen Völker: wie ihr neues ständiges Gremium organisiert wird, wer ihm vorsteht und wie eigenständig sie es besetzen. Beschlossen hatten die Vertragsstaaten das Gremium für Indigene Völker und lokale Gemeinschaften 2024 im kolumbianischen Cali. Unter den knapp 50 Beschlüssen von Jerewan sind nun seine Arbeitsregeln, die sogenannten Sevan-Leitlinien.
Laut UN-Fortschrittsbericht ist die Welt bei den 23 Zielen bis 2030 nicht auf Kurs. Bei 22 davon liegt sie zurück, wie Carbon Brief aus dem Bericht zusammenfasst. Zu den Zielen gehört, 30 Prozent der Land- und Meeresflächen zu schützen (mehr dazu: Worum es auf der Weltnaturkonferenz COP17 geht). Setzen die Staaten alle Zusagen um, stünden rund 26 Prozent der Landfläche und zwölf Prozent der Meere unter Schutz, rechnet Climate Home News vor.
Kolumbien und Finnland führen eine Koalition gegen schädliche Subventionen an
Rund 2,4 Billionen Dollar öffentliches Geld fließen laut UN jedes Jahr in Tätigkeiten, die der Natur schaden, von Agrarhilfen bis zu verbilligtem Öl und Gas (mehr dazu: Wie Staaten Öl, Gas und Kohle mit Steuergeld verbilligen). Dass die Staaten diese Summe in Jerewan angegangen sind, nennen Teilnehmer gegenüber der New York Times als Höhepunkt. „Innerhalb der unvermeidlichen Grenzen des UN-Systems haben wir meiner Meinung nach deutliche Fortschritte gemacht“, sagt der frühere kanadische Umweltminister Steven Guilbeault. Er hatte das Abkommen 2022 mit durchgesetzt.
In Jerewan starteten drei Initiativen zur Subventionsreform. In einer davon tauschen Ministerien unter Führung Kolumbiens und Finnlands Wissen und Strategien aus. Um die Finanzlücke zu schließen, müssten Regierungen ihr Geld vor allem besser ausgeben, sagt die finnische Ministerialberaterin Marina von Weissenberg, die die Koalition mitleitet. Bis 2030 sollen naturschädliche Subventionen um mindestens 500 Milliarden Dollar pro Jahr sinken, dabei wollen die Staaten laut Reuters schneller vorankommen.
Für den Naturschutz kamen in Jerewan neue Zusagen über fast zwei Milliarden Dollar zusammen, teilt das Sekretariat mit. 560 Millionen Dollar stammen aus der Wiederauffüllung der Globalen Umweltfazilität und ihres Biodiversitätsfonds. 500 Millionen laufen über die Species Recovery Alliance, mehr als 330 Millionen über den Value Nature Fund, der privates Kapital mobilisieren soll. Die Staaten bekräftigten laut Guardian ihr Ziel, ärmeren Ländern bis 2030 jährlich 30 Milliarden Dollar für den Naturschutz bereitzustellen.
Argentinien, Saudi-Arabien und Russland schwächten nach Angaben des Guardian Formulierungen ab. Vor allem diese drei Staaten hätten versucht, Bezüge auf die Berichte des Weltbiodiversitätsrats IPBES aus den Texten zu verhandeln, schreibt die FAZ. Die europäischen Staaten wollten China und mehrere Golfstaaten auf die Liste der Geberländer setzen, die Frage blieb offen. Die Liste gilt seit 2006 unverändert, künftig können Schwellenländer laut Carbon Brief ihr Interesse an einer Aufnahme anmelden.
Die Finanzierungslücke für den Naturschutz schätzen das Paulson Institute und andere auf rund 1,3 Billionen Dollar pro Jahr. Der Cali-Fonds hat bisher rund 10.000 Dollar eingesammelt. In ihn sollen Konzerne freiwillig einzahlen, die Daten aus der Natur nutzen, etwa Pharmaunternehmen, mit einem Richtwert von einem Prozent ihres Gewinns.
Was die Ergebnisse der Weltnaturkonferenz für Deutschland bedeuten
Für Astrid Schomaker, Exekutivsekretärin der Biodiversitätskonvention, liegt der Test darin, was die Regierungen „ändern, wenn sie nach Hause kommen“. „Wir Europäer haben geschlossen und stark für die Natur verhandelt“, sagt Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) der Deutschen Presse-Agentur. Es habe aber auch Bremser gegeben, die weniger Verantwortung übernehmen wollten, auch in finanziellen Fragen. Deutschland werde den Ausbau von Schutzgebieten an Land und auf See fortsetzen und die Wiederherstellung seiner Ökosysteme planvoll angehen.
In Jerewan erhielt Deutschland Lob für 50 Millionen Euro, die es für den Fonds zum Schutz der biologischen Vielfalt bereitstellt, berichtet die FAZ. Ein neues Gesetz soll Infrastrukturprojekten Vorrang geben. Schneider kämpfe dafür, ihm ein Natürliche-Infrastruktur-Gesetz für Flüsse, Moore und Wälder zur Seite zu stellen. Entscheidend seien nach Ahnes Einschätzung die „indirekten Treiber“, also wie die meisten Länder leben, produzieren und konsumieren.
Greenpeace nennt die Ergebnisse der Weltnaturkonferenz ein hoffnungsvolles Signal. Die Beschlüsse stärkten den Schutz von Wäldern und Meeren und verzahnten Klima- und Naturschutz besser (mehr dazu: Wie Seegras und Kelp CO₂ speichern). Anerkennung und Selbstbestimmung der Indigenen seien im Abschlusstext aber unzureichend verankert, und auch in Deutschland fehlten für die meisten der 23 Ziele konkrete Maßnahmen. Die Bundesregierung soll laut Greenpeace 30 Prozent der Land- und Wasserflächen wirksam schützen, umweltschädliche Subventionen abbauen und mehr Geld direkt an Indigene Gemeinschaften geben.
Die nächste Weltnaturkonferenz findet 2028 in Ecuador statt. Wie es schneller gehen könnte, darüber streiten die Beteiligten bereits: Panamas Umweltminister Juan Carlos Navarro will laut Guardian künftig per Mehrheit entscheiden lassen, die Chefin des UN-Umweltprogramms, Inger Andersen, die überladene Umweltagenda straffen. Schon am 9. November beginnt im türkischen Antalya die Klimakonferenz COP31 (mehr dazu: Climate Action Tracker sieht die Welt auf Kurs 2,6 Grad).
„Ökosysteme kollabieren, Arten sterben. Es darf keine Ausreden mehr geben“, sagt Jannes Stoppel, Experte für internationale Klima- und Biodiversitätspolitik bei Greenpeace Deutschland. Die Beschlüsse von Jerewan gäben Rückenwind für die Klimaverhandlungen in Antalya und den Schutz der Hohen See.
QUELLEN
- Greenpeace Deutschland: Greenpeace-Stellungnahme zum Abschluss der Weltnaturkonferenz COP17, 31. Oktober 2026.
- dpa: Agenturmeldung mit Aussagen von Bundesumweltminister Carsten Schneider zur COP17, 1. November 2026.