Deutschlands Winzer holen ihre Trauben gut zwei Wochen früher ein

Frühe Lese, Spätfrost, robuste Rebsorten · 5. NOVEMBER 2026

Wie Winzer den Weinbau im Klimawandel verändern

Reben treiben früher aus, Trauben reifen in der Augusthitze, die Lese rückt in den September. Für den Weinbau im Klimawandel bedeutet das weniger Säure, mehr Trockenstress und neue Schädlinge. Winzer antworten mit Laubarbeit, Bewässerung und robusten Rebsorten.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Lange galt der Oktober in Deutschland als Lesemonat. Wer Riesling anbaute, wartete auf goldene Herbsttage und hoffte, dass die Trauben vor dem ersten Frost genug Zucker sammeln. Diese Sorge hat sich umgekehrt: Viele Betriebe fürchten heute, dass die Beeren zu schnell reifen und dabei ihre Frische verlieren.

Der Jahrgang 2025 zeigt, wie weit die Verschiebung reicht. Im Rheingau begann die Rieslinglese so früh wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen 1955, berichtet das Deutsche Weininstitut (DWI) in seinem Jahrgangsbericht. Der Rheingauer Weinbauverband nennt zwei Gründe: den Klimawandel, der Austrieb und Blüte nach vorn schiebt, und den angekündigten Regen. Die Forschungsanstalt Geisenheim holte die frühreife Sorte Solaris schon in der ersten Augustwoche ein.

Hinter solchen Rekorden steht ein Trend, den Meteorologen und Weinbauforscher seit Jahrzehnten messen. Er verändert, was ins Glas kommt, und zwingt Winzer zu neuen Entscheidungen im Weinberg. Ob sie den Weinbau im Klimawandel in den bisherigen Lagen halten können, hängt an Standort, Rebsorte und Wasser.

Wie viel früher Reben austreiben, blühen und reifen

Seit 1951 notieren ehrenamtliche Beobachter für den Deutschen Wetterdienst (DWD), wann Reben austreiben, blühen, reifen und gelesen werden. Die phänologischen Beobachtungsdaten des DWD unterscheiden dabei früh und spät reifende Sorten.

Im Mittel aller Meldestellen lasen Winzer spät reifende Sorten zwischen 1961 und 1990 um den 16. Oktober. Im Jahrzehnt 2016 bis 2025 lag der Mittelwert beim 28. September. Bei früh reifenden Sorten rückte die Lese vom 5. Oktober auf den 15. September. Wer nur Stationen vergleicht, die in beiden Zeiträumen meldeten, findet eine Verfrühung von 16 bis 20 Tagen.

Für Austrieb, Blüte und Reifebeginn liegen die Meldungen erst ab 1991 in größerem Umfang vor. Auch hier zeigt sich der Trend. Die Vollblüte spät reifender Sorten kam von 2016 bis 2025 rund sechs Tage früher als von 1991 bis 2000. Den Reifebeginn, wenn die Beeren weich und hell werden, meldeten dieselben Stationen zehn bis zwölf Tage früher.

Den Lesetermin legen allerdings die Betriebe fest. Geisenheimer Forscher weisen in einem Beitrag zum Klimastatusbericht 2009 des DWD darauf hin, dass Erntedaten auch Anbautechnik, Pflanzenschutz und Geschmacksvorlieben spiegeln. Die Aufzeichnungen von Schloss Johannisberg im Rheingau seit 1782 zeigen trotzdem eine deutliche Verfrühung in den Jahrzehnten vor 2009. Die Autoren führen sie auf steigende Temperaturen zurück.

KennzahlWertQuelle
Lese spät reifender Sorten, Mittel aller Meldestellen16.10. (1961-1990) → 28.09. (2016-2025)DWD-Phänologie, Jahresmelder
Lese früh reifender Sorten, Mittel aller Meldestellen05.10. (1961-1990) → 15.09. (2016-2025)DWD-Phänologie, Jahresmelder
Vollblüte spät reifender Sorten, gleiche Stationenrund 6 Tage früher (2016-2025 gegen 1991-2000)DWD-Phänologie, Jahresmelder
Äpfelsäure im Riesling der Pfalz zur Leseca. 2 g/l (2003), 4,5 g/l (2002)Forschungsanstalt Geisenheim, InKlim-Bericht
Wahrscheinlichkeit für Nachtfrost unter minus 2 °C nach dem 25. April22 % (1961-1990) → 7 % (1991-2020)DWD, 2023
Rebfläche mit Trockenstress im Rheingau, 2041-2070+10 bis +30 % (3 von 10 Simulationen, RCP8.5)Hochschule Geisenheim, 2022
Fläche pilzwiderstandsfähiger Rebsorten (PIWI)rund 4.000 ha, 4 % der Rebfläche (2025)DWI, 2025
Merlot-Fläche in Deutschland981 ha (2025)DWI, 2025

Warum Hitze den Trauben die Säure nimmt

Sobald die Beeren weich werden, lagern sie Zucker ein und bauen Säure ab. Weinsäure und Äpfelsäure stellen zusammen rund 90 Prozent der Gesamtsäure im Most. Die Weinsäure nimmt in der Reifephase nur wenig ab. Die Äpfelsäure baut die Beere dagegen stark und abhängig von der Temperatur ab, beschreibt ein Bericht der damaligen Forschungsanstalt Geisenheim für das Land Hessen.

Wie stark das wirkt, zeigte der Hitzesommer 2003. Riesling aus der Pfalz enthielt bei der Lese nur rund zwei Gramm Äpfelsäure pro Liter, im Jahr davor waren es 4,5 Gramm. Früh reifende Sorten wie Müller-Thurgau ergaben vielfach alkoholbetonte, säurearme Weißweine. Deutschland, Österreich und Luxemburg erwirkten daraufhin bei der EU, dass Winzer Most und Wein erstmals ansäuern durften.

Die Geisenheimer Forscher rechneten Szenarien bis zum Ende des Jahrhunderts durch. Im warmen Szenario sinkt die Äpfelsäure im Riesling um 1,5 bis zwei Gramm pro Liter, das Mostgewicht steigt um rund zehn Grad Oechsle. Das entspricht etwa einem Volumenprozent mehr möglichem Alkohol. Im hessischen Gernsheim wären Jahre wie 2003 dann keine Seltenheit mehr. Wie heiß Sommer inzwischen ausfallen, zeigte 2026 (mehr dazu: Hitzewelle 2026 und Copernicus-Bilanz für Juli 2026).

Rotweine gewinnen in heißen Jahren dagegen oft an Farbe und reifen Gerbstoffen. Der Riesling reagiert empfindlicher. Mit Wärme und Sonne trat bei deutschen Rieslingen zuletzt häufiger die „Petrolnote“ auf. Diesen Aromafehler kannten Fachleute bis dahin nur aus Australien und Südafrika. Das berichtet ein Forschungsprojekt des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz und der TU Braunschweig.

Warum früh austreibende Reben häufiger erfrieren und dursten

Mildere Frühjahre bringen weniger Nachtfrost, zugleich treiben die Reben früher aus. Der Deutsche Wetterdienst hat 2023 beide Trends gegeneinander gerechnet. Zwischen 1961 und 1990 lag die Wahrscheinlichkeit für Nachtfrost unter minus zwei Grad nach dem 25. April bei 22 Prozent. Zwischen 1991 und 2020 sank sie auf sieben Prozent.

Im Rheingau zeigt die DWD-Zeitreihe trotzdem mehr Schadfröste. An der Station Geisenheim fiel die Temperatur zuletzt häufiger unter ein Grad, nachdem die Reben in Eltville ausgetrieben hatten. Junge Triebe können laut DWI schon ab minus einem Grad Schaden nehmen. Ein rund 30.000 Euro teures Windrad, das die Luftschichten durchmischt, schützt etwa fünf Hektar.

Wie teuer ein Frostjahr wird, zeigte der April 2024. Spätfröste trafen vor allem Sachsen und Saale-Unstrut, wo nur 17.000 Hektoliter Most zusammenkamen. Großflächiger Hagel im Mai drückte zusätzlich die Erträge an der Mosel. Bundesweit ernteten die Winzer 7,8 Millionen Hektoliter, zehn Prozent weniger als im zehnjährigen Mittel.

Im Sommer fehlt dann oft Wasser. Ein Geisenheimer Team hat 2022 den Wasserhaushalt jeder Rebparzelle im Rheingau und an der Hessischen Bergstraße simuliert, veröffentlicht in Earth System Dynamics. Zehn Klimasimulationen für ein Szenario hoher Emissionen ergaben für 2041 bis 2070 im Mittel einen moderaten Anstieg des Trockenstresses. Drei davon zeigten im Rheingau eine um zehn bis 30 Prozent größere Rebfläche unter Trockenstress, eine einzige eine leichte Entspannung.

Besonders gefährdet sind Steillagen mit flachgründigen Böden. Im Rheingau speichert fast die Hälfte der Steillagenflächen weniger als 125 Millimeter pflanzenverfügbares Wasser. Die Verdunstung steigt, weil es wärmer und sonniger wird. An der Station Geisenheim stieg die mittlere Globalstrahlung von 116 Watt pro Quadratmeter (1961 bis 1990) auf 130 Watt (1991 bis 2020). Mit der Temperatur wächst das Sättigungsdefizit der Luft, das die Verdunstung antreibt (mehr dazu: Clausius-Clapeyron-Gesetz).

Welche neuen Schädlinge Winzer bekämpfen müssen

In Geisenheim treten warm-feuchte Bedingungen während der Reifephase häufiger auf, zeigt eine Auswertung der Hochschule Geisenheim für die Jahre 1955 bis 2016. Damit steigt das Risiko für Traubenfäule. Nach dem Dauerregen im September 2025 mussten Betriebe an Mosel, Nahe und Mittelrhein stark selektieren. An der Mosel verloren manche Steillagen dadurch 50 bis 75 Prozent der Menge.

Die Kirschessigfliege befällt reife Beeren und macht sie ungenießbar. Sie mag laut DWI eher kühle, feuchte Witterung und zwang 2025 Winzer an Saale und Unstrut, ihre Rotweinsorten rechtzeitig zu lesen.

Neu im Südwesten ist die Amerikanische Rebzikade. Das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg wies sie 2024 im Markgräflerland erstmals in Deutschland nach. Im November 2025 bestätigte das Julius Kühn-Institut (JKI) in Baden auch die Rebkrankheit Flavescence dorée, die das Insekt überträgt. Befallene Stöcke müssen gerodet werden.

Nach den Analysen des JKI könnte der Erreger mit infiziertem Pflanzgut nach Deutschland gelangt sein. Einen Zusammenhang mit der Erderhitzung stellt das Institut in seiner Mitteilung nicht her.

Wie Winzer mit Laubarbeit, Netzen und Bewässerung gegensteuern

Die schnellste Stellschraube ist die Laubwand. Entfernen Winzer Blätter in der Traubenzone, trocknen die Trauben nach Regen schneller ab, liegen aber auch stärker in der Sonne. Das DLR Rheinpfalz hat von 2020 bis 2024 untersucht, wie sich Sonnenbrand an Trauben vermeiden lässt.

Beim Riesling wirkte eine Entblätterung zum Fruchtansatz besonders gut gegen Sonnenbrand. Gegen Fäulnis half am stärksten eine intensive Entblätterung, bevor die Beeren weich werden. Weiße, reflektierende Mittel und dunkle, engmaschige Schattiernetze schützten ebenfalls. Den Ertrag senkte keine der Maßnahmen deutlich, die dunklen Netze bremsten allerdings das Wachstum der Reben.

Bewässern dürfen deutsche Winzer seit 2002. Die nötigen Leitungen fehlen in den Anbaugebieten aber weitgehend, schreibt das Geisenheimer Team. Sie sind teuer, und wer Grund- oder Flusswasser entnimmt, braucht dafür Wasserrechte. Im trockenen Frühsommer 2025 mussten Winzer in Franken ihre Junganlagen bewässern, berichtet das DWI. Gefährlich werden vor allem lange Phasen ohne Regen, die Böden rasch austrocknen (mehr dazu: Blitzdürre).

Welche Maßnahme passt, entscheidet sich nach Ansicht der Geisenheimer Forscher am einzelnen Weinberg: andere Rebsorten und Unterlagen, Begrünung, Bodenpflege, Laubarbeit oder Bewässerung. Wie groß die Unterschiede sind, zeigten Messungen in Rüdesheim. 2016 lag die Vollblüte des Rieslings je nach Lage zwischen dem 17. und 27. Juni, zur Reife unterschieden sich die Mostgewichte um 20 bis 25 Grad Oechsle.

Welche Rebsorten Winzer für den Weinbau im Klimawandel pflanzen

Am Sortenspiegel lässt sich ablesen, wie Betriebe sich auf den Weinbau im Klimawandel einstellen. Merlot wuchs 2025 gegen den allgemeinen Trend auf 981 Hektar, Chardonnay legte um 102 Hektar zu, meldet das DWI auf Basis der Rebflächenstatistik. Die gesamte Rebfläche schrumpfte im selben Jahr um ein Prozent auf rund 102.000 Hektar.

Am schnellsten wachsen pilzwiderstandsfähige Rebsorten, kurz PIWI. Züchter kreuzen dafür europäische Edelreben mit amerikanischen Wildreben, die von Natur aus gegen Echten und Falschen Mehltau gewappnet sind. 2025 standen solche Sorten auf rund 4.000 Hektar, zehn Prozent mehr als im Vorjahr und vier Prozent der deutschen Rebfläche. Souvignier Gris legte um 170 auf 766 Hektar zu, stärker als jede andere Sorte.

Laut DWI sparen PIWI-Sorten bis zu 80 Prozent der Pflanzenschutzmaßnahmen ein. Eine neue Sorte braucht bis zur Zulassung rund 20 Jahre, inzwischen selektieren Züchter auch auf spätere Reife. In den Klimaschrank-Versuchen des DLR Rheinpfalz litt Riesling unter starker Bestrahlung bis zu 35-mal stärker unter Sonnenbrand als die PIWI-Sorte Calardis Blanc.

Gleichzeitig verschiebt sich die Grenze für den Weinbau im Klimawandel. Lange galt der 50. Breitengrad als nördliche Grenze in Europa, schreiben die Geisenheimer Autoren im Klimastatusbericht. Ihre Simulation für ein mittleres Emissionsszenario zeigt bis 2049 eine deutliche Ausdehnung der geeigneten Flächen nach Norden. Im nördlichsten Anbaugebiet Saale-Unstrut wuchs die Rebfläche 2025 gegen den Trend um zehn auf 868 Hektar.

Für die klassischen Lagen sieht das DWI die deutschen Erzeuger mit ihren traditionell eher spät reifenden Sorten für die nähere Zukunft gut aufgestellt. Die Lese im August, die knappe Säure und der Frost nach dem Austrieb zeigen aber, wo die Spielräume enden. Ob Winzer den Weinbau im Klimawandel halten, entscheidet sich Parzelle für Parzelle.

QUELLEN

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  1. Julius Kühn-Institut: Nationales Referenzlabor am JKI bestätigt Erstauftreten der Flavescence dorée-Krankheit an Rebe in Baden-Württemberg, Presseinformation Nr. 8, 26. November 2025.
  2. Deutsches Weininstitut: Deutscher Wein Statistik 2025/2026, 2025.
  3. Statistisches Bundesamt: Rebflächen nach den wichtigsten Rebsorten im Zeitvergleich, Stand 27. Februar 2026.
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