KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · HESSEN
Leonhard Niederwimmer auf PixabayKommunale Wärmeplanung Frankfurt: Wärme aus dem Rechenzentrum
Frankfurt am Main ist Europas größter Internetknoten. Die Abwärme der Rechenzentren versorgt bereits heute Wohnquartiere mit Heizenergie, und drei konkrete Projekte zeigen, wie das funktioniert.
Die kommunale Wärmeplanung Frankfurt liegt im Entwurf vor: Die mit 781.337 Einwohnern fünftgrößte Stadt Deutschlands hat ihren Plan im März 2026 veröffentlicht und bis zum 7. Mai 2026 zur öffentlichen Beteiligung offengelegt. Beschlossen ist er noch nicht. Die Stadtverordnetenversammlung (StVV) soll nach der Sommerpause abstimmen, zum WPG-Stichtag am 30. Juni 2026 ist die Stadt also formell im Verfahren, aber nicht am Ziel.
Das Besondere an Frankfurt ist seine Infrastruktur. Der DE-CIX, der größte Internetknoten der Welt, sitzt in der Stadt. Hunderte Rechenzentren produzieren Abwärme in einer Konzentration, die es in keiner anderen deutschen Stadt gibt, und genau diese Wärme liefert Frankfurt heute schon in Wohnhäuser.
Status der kommunalen Wärmeplanung Frankfurt
Die Stadt hat die kommunale Wärmeplanung im März 2025 beauftragt. Federführend sind Mainova, das Fraunhofer IFAM, das Beratungshaus e-think sowie das IREES-Institut. Den Entwurf veröffentlichte die Stadt Ende März 2026, die Offenlage lief bis zum 7. Mai 2026. Nach der Sommerpause 2026 soll die StVV den Plan beschließen; ein festes Datum gibt es noch nicht. Der Wärmeplan gilt als Pflichtaufgabe nach dem Hessischen Energiegesetz, das alle Kommunen mit mehr als 20.000 Einwohnern zur kommunalen Wärmeplanung verpflichtet.
Das Planergebnis steckt den Rahmen ab: Bis zu 40 Prozent des städtischen Wärmebedarfs sollen künftig über das Fernwärmenetz gedeckt werden. Den Rest decken dezentrale Lösungen, vor allem Wärmepumpen. Mainova betreibt heute ein Netz von mehr als 310 Kilometern, das rund 60.000 Haushalte versorgt, und damit etwa 25 Prozent des Frankfurter Wärmebedarfs abdeckt. Der Plan sieht eine Ausdehnung auf bis zu 450 Kilometer vor.
Kommunale Wärmeplanung: Was das Gesetz vorschreibt und wie andere Großstädte vorgehen → Kommunale Wärmeplanung in Deutschland
Rechenzentren als Wärmequelle: drei Projekte, drei Reifegrade
Frankfurt beherbergt den DE-CIX, den nach eigenen Angaben weltgrößten Internetknoten nach Datendurchsatz, und gilt europaweit als führender Rechenzentrums-Standort. Allein die drei Frankfurter Equinix-Standorte FR4, FR6 und FR8 in Griesheim verfügen zusammen über etwa 10 Megawatt nutzbarer Abwärme. Diese Energie soll rund 1.000 Wohnungen der Bizenal-Siedlung versorgen, und zwar kostenlos für die Nutzer: Equinix stellt die Abwärme unentgeltlich zur Verfügung. Mainova baut dafür ein eigenes lokales Wärmenetz in Griesheim. Baubeginn war für 2024 geplant, der Netzanschluss für das erste Quartal 2025. Das Projekt gilt als abschlussbereit, ein aktueller Betriebsnachweis aus 2025 oder 2026 lag bei Redaktionsschluss nicht vor.
Im Frankfurter Gallus-Viertel entsteht das Wohnquartier „franky", früher unter dem Namen Westville bekannt. Auf sechs Grundstücken baut Instone Real Estate rund 1.300 Wohneinheiten, davon 380 gefördert. Die Heizung kommt zu mindestens 60 Prozent aus dem benachbarten Rechenzentrum: Mainova errichtet eine Energiezentrale in der Kühlanlage des Rechenzentrums, zwei Großwärmepumpen heben die Abwärme auf 70 bis 75 Grad Celsius an. Der Rest wird über das Mainova-Fernwärmenetz gedeckt. Der Jahreswärmebedarf liegt bei rund 5 GWh, die eingesparten CO₂-Emissionen bei rund 440 Tonnen jährlich. Die Fertigstellung des Quartiers war für Mitte 2025 geplant.
Das dritte Projekt ist das ambitionierteste, aber auch das früheste im Projektzyklus. Im Digital Park Fechenheim plant Digital Realty einen Campus mit elf Rechenzentrumsgebäuden und bis zu 200 Megawatt Anschlussleistung. Mainova und Digital Realty haben im Januar 2023 eine Absichtserklärung unterzeichnet und prüfen in einer Machbarkeitsstudie, ob Abwärme aus einem der Rechenzentren ins Fernwärmenetz eingespeist werden kann. Konkret geht es um bis zu 20 Megawatt, die etwa 3.600 Haushalte versorgen könnten. Großwärmepumpen sollen in einem denkmalgeschützten Kesselhaus auf dem Gelände installiert werden. Ein Baubeschluss liegt noch nicht vor.
Lesen Sie auch: Köln-Niehl: Die größte Flusswasserwärmepumpe Nordrhein-Westfalens
Akteure und Perspektiven
Mainova nimmt in der Frankfurter Wärmeplanung eine Doppelrolle ein: Der Versorger hat die Wärmeplanung gemeinsam mit Fraunhofer IFAM erarbeitet und ist zugleich der Hauptnutznießer des geplanten Netzausbaus. Das prägt die Planannahmen. Mainova-Vorstand Nicolai Rauhut hat die Abwärme-Strategie öffentlich als Weg beschrieben, Energie zu nutzen, die bereits vorhanden ist.
Konkret hat Mainova im Juli 2024 einen Transformationsplan vorgelegt: Das Netz soll auf 3.200 GWh Wärmemenge pro Jahr ausgebaut werden, ein Plus von 60 Prozent. Klimaneutral soll das Netz bis 2040 sein.
Auf politischer Seite trägt Klimadezernentin Tina Zapf-Rodriguez die Wärmeplanung für die Stadt. Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) hat das Klimaziel 2035 zur Leitlinie der Stadtpolitik erklärt. Wie sich dieses Ziel und der Mainova-Fahrplan zueinander verhalten, ist im Wärmeplan-Entwurf noch nicht aufgelöst: Klimaneutrale Stadt bis 2035, klimaneutrales Fernwärmenetz erst bis 2040.
Die Rechenzentrumsbetreiber agieren unterschiedlich. Equinix hat ein konkretes Abwärme-Projekt vertraglich vereinbart und Vonovia als Wohnungsgesellschaft eingebunden. Digital Realty ist noch in der Machbarkeitsstudie. Der Vergleich beider Konstellationen zeigt den Reifeunterschied: Auf der einen Seite ein vertraglich fixiertes, bautechnisch weit fortgeschrittenes Projekt, auf der anderen ein Letter of Intent mit offenem Ausgang.
Ausblick
Der nächste Meilenstein ist der StVV-Beschluss nach der Sommerpause 2026. Parallel steht der Abschluss der HKW-West-Umbauarbeiten an: Mainova ersetzt das Kohleheizkraftwerk in Griesheim durch ein H2-fähiges Gaskraftwerk. Ab 2027 soll das die CO₂-Emissionen der Frankfurter Fernwärme um rund 400.000 Tonnen jährlich senken.
Der Wärmeplan zeigt, was Frankfurt kann: drei verschiedene Rechenzentrums-Abwärmeprojekte in unterschiedlichen Reifestadien, ein Versorger mit konkretem Transformationsplan, eine Gesetzeslage, die Abwärme-Nutzung ab 2024 verpflichtend einfordert. Was der Plan noch nicht auflöst, ist der Zielkonflikt. Die Stadt will 2035 klimaneutral sein, Mainova liefert die Fernwärme aber erst 2040 klimaneutral.
Der Großteil des Wärmebedarfs, rund 60 Prozent, wird dezentral gedeckt werden müssen, mit Wärmepumpen und Gebäudesanierung im Bestand. Rechenzentrums-Abwärme ist ein kluger Baustein für Gebiete mit hoher Bebauungsdichte, kein Ersatz für diese Aufgabe.
Das Digital-Realty-Projekt im Fechenheim bleibt bis zu einem Baubeschluss eine Absichtserklärung. Und die zwei bereits weiter fortgeschrittenen Projekte in Griesheim und Gallus warten noch auf eine aktuelle Inbetriebnahme-Meldung.
UPDATES
30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.
QUELLEN
- ZfK - Zeitung für kommunale Wirtschaft: Grüne Wärme für die „Internethauptstadt"
- datacenter-insider.de: Frankfurt-Griesheim bekommt 10 MW Wärme aus Equinix-Rechenzentren
- energie-experten.org: Frankfurter Wohnquartier Westville: Wärmepumpen nutzen IT-Abwärme
- stadt+werk: Wärmeplan soll 2026 vorliegen