Kommunale Wärmeplanung Leipzig: Der Ausstieg aus Lippendorf wird konkret

KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · SACHSEN

Kommunale Wärmeplanung Leipzig: Der Ausstieg aus Lippendorf wird konkret

Leipzig hat am 28. Mai 2026 seinen Wärmeplan beschlossen, kurz vor Ablauf der gesetzlichen Frist. Zentraler Baustein ist Deutschlands größte Solarthermieanlage, mit der die Stadtwerke die Braunkohle aus dem Kraftwerk Lippendorf aus dem Fernwärmenetz drängen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 MIN. LESEN


Leipzig, rund 620.000 Einwohner, hat am 28. Mai 2026 in der Dienstberatung des Oberbürgermeisters den kommunalen Wärmeplan bestätigt und damit den Weg für den Stadtratsbeschluss freigemacht, rechtzeitig vor der bundesgesetzlichen Frist Ende Juni 2026. Etwa die Hälfte des städtischen Wärmebedarfs soll künftig über ein perspektivisch emissionsfreies Fernwärmenetz gedeckt werden, aktuell liegt der Anteil bei rund 30 Prozent der Gebäude. Der auffälligste Baustein dafür steht bereits in Lausen-Grünau: Deutschlands größte Solarthermieanlage, mit der die Leipziger Stadtwerke zugleich aus der Braunkohle-Fernwärme des Kraftwerks Lippendorf aussteigen.

Status der Wärmeplanung in Leipzig

Die Verwaltung hatte den Entwurf mehrfach öffentlich vorgestellt, unter anderem in einer mehrteiligen Serie der Leipziger Zeitung im Januar 2026 zu Versorgungsvarianten, Gasnetzkosten und der Frage, wie Gebiete ohne Fernwärmeanschluss künftig heizen sollen. Am 28. Mai 2026 bestätigte die Dienstberatung des Oberbürgermeisters die Vorlage „Kommunale Wärmeplanung für die Stadt Leipzig 2026", danach ging sie in den Stadtrat. Die Grünen-Stadträtin Nicole Schreyer-Krieg bezeichnete den Beschluss in ihrer Rede nicht als reine Formsache, sondern als Selbstverpflichtung von Rat und Verwaltung, den Plan tatsächlich in Verwaltungshandeln zu übersetzen.

Der Plan unterscheidet Fernwärme-Vorranggebiete, in denen das bestehende Netz ausgebaut wird, von Gebieten, in denen dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen den Umstieg von Gas und Öl tragen sollen. Oberbürgermeister Burkhard Jung hatte zuvor öffentlich auf die Kostendimension hingewiesen: Der Umbau der Wärmeversorgung koste die Stadt nach seiner Schätzung im zweistelligen Milliardenbereich.

Sonnenwärme statt Braunkohle: der Doppelschritt in Lausen-Grünau

Die Besonderheit des Leipziger Wärmeplans steht bereits: Auf 14 Hektar in Lausen-Grünau haben die Leipziger Stadtwerke 13.200 Vakuumröhrenkollektoren aufgestellt, Spitzenleistung rund 41 Megawatt, Jahresertrag etwa 26 Gigawattstunden Wärme. Das deckt in Sommermonaten rund ein Fünftel des Leipziger Tagesbedarfs. Über die Bauphase und die Technik der Anlage hat Cleanthinking bereits berichtet, Größte Solarthermieanlage Leipzig: Kurz vor Inbetriebnahme. Investitionsvolumen: rund 40 Millionen Euro, davon etwa 16 Millionen Euro Förderung, Partner ist Ritter XL Solar.

Der Wärmeplan hängt an einem zweiten, weniger sichtbaren Termin: Der Bezugsvertrag der Stadtwerke für Fernwärme aus dem Braunkohlekraftwerk Lippendorf läuft Ende 2025 aus. Die Debatte um einen früheren Ausstieg reicht bis in einen Stadtratsbeschluss von 2019 zurück, der ein Ende der Lippendorf-Wärme möglichst bis 2023 forderte. Der Zeitplan verschob sich mehrfach; 2023 kursierten unbestätigte Berichte über eine Vertragsverlängerung bis 2027, die der Stadtrat als falsch zurückwies.

Als Anschlusslösung bauen die Stadtwerke eine Leitung zur Raffinerie Leuna, über die ab 2027 industrielle Abwärme ins Leipziger Netz fließen soll. Bis dahin schließt eine Übergangsphase mit Erdgas-Erzeugung in den eigenen Heizkraftwerken die Lücke, die die Kohleverstromung in Lippendorf hinterlässt. Die Solarthermieanlage in Lausen-Grünau ist damit kein Einzelprojekt, sondern der erste Baustein eines Portfolios, das Braunkohle durch Sonnenwärme, Erdgas als Brücke und später Industrie-Abwärme ersetzt. Ein weiteres Solarthermiefeld im Süden der Stadt ist laut Wärmeplan bereits vorgesehen.

Akteure und Perspektiven

Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal steht politisch für das 50-Prozent-Ziel beim Fernwärmeanteil ein, das die Verwaltung im Wärmeplan verankert hat. Die Leipziger Stadtwerke (L-Gruppe) sind zugleich Planer, Betreiber und größter Nutznießer der im Plan vorgesehenen Investitionen, ihre Aussagen zum eigenen Netzumbau sind entsprechend als Unternehmensperspektive einzuordnen, nicht als neutrale Bewertung.

Im Stadtrat trugen die Grünen den Beschluss mit, mahnten aber laut Schreyer-Krieg an, dass der Plan die Leipziger Bürger*innen und die Frage der Bezahlbarkeit konsequent mitdenken müsse. Frühere Haushaltsdebatten zeigen, dass CDU, AfD und BSW dem Klimaschutz-Tempo der Stadt skeptischer gegenüberstehen; ein rollback-Vorwurf der Grünen bei der Haushaltsdebatte 2025/2026 richtete sich unter anderem gegen diese Fraktionen.

Ausblick

Die nächsten Fixpunkte liegen fest: Die Solarthermieanlage in Lausen-Grünau soll 2026 in den Dauerbetrieb gehen. Der Lippendorf-Bezug endet vertraglich Ende 2025, die Leuna-Pipeline soll bis Herbst 2027 fertig sein. Dazwischen liegt eine mehrjährige Erdgas-Übergangsphase, die zeigt, dass auch ein früher Wärmeplan-Beschluss keinen linearen Ausstieg aus fossiler Fernwärme garantiert.

Der Wärmeplan selbst verpflichtet Hauseigentümer*innen nicht zu einem bestimmten Heizungswechsel, er schafft nur den Orientierungsrahmen, welche Gebiete auf Fernwärme setzen können und welche auf Wärmepumpen angewiesen sind. Ob Leipzig sein 50-Prozent-Ziel erreicht, hängt am Netzausbau der Stadtwerke, an der Leuna-Anbindung und daran, wie schnell weitere Solarthermiefelder wie im Süden der Stadt tatsächlich gebaut werden.

UPDATES

30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.

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