Enhanced Rock Weathering: Gesteinsverwitterung als CO2-Senke

CARBON REMOVAL · 9. JULI 2026

Enhanced Rock Weathering: Die beschleunigte Gesteinsverwitterung als CO2-Senke

Enhanced Rock Weathering, zu Deutsch beschleunigte Gesteinsverwitterung, verkürzt einen geologischen Prozess, der normalerweise Jahrtausende braucht, auf unter zwei Jahre. Fein gemahlenes Gestein wird auf Ackerflächen ausgebracht, bindet CO2 aus der Luft und wirkt gleichzeitig als Düngemittel-Ersatz. Diese Seite bündelt, wie das Verfahren technisch funktioniert, wie der brasilianische Anbieter InPlanet es umsetzt und was Wissenschaft und Markt bislang dazu belegen.

Microsoft hat im Dezember 2025 einen Offtake-Vertrag mit InPlanet über 28.500 Tonnen CO2-Entfernung unterschrieben, Lieferzeitraum 2026 bis 2028. Nach gut einem Jahr Betrieb weist das laufende InPlanet-Projekt in der Region Serra da Mantiqueira laut Carbon Drawdown Initiative 235 tatsächlich ausgestellte Isometric-Zertifikate aus.


Beide Zahlen stehen für sich. Sie zeigen, wie jung der Markt für Enhanced Rock Weathering ist, obwohl das erste wissenschaftliche Grundlagenpapier bereits 2020 erschien und InPlanet Ende 2024 die weltweit ersten Zertifikate für das Verfahren ausstellte.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 MIN. LESEN

Was Enhanced Rock Weathering ist: die Chemie hinter der beschleunigten Gesteinsverwitterung

Gesteinsverwitterung ist der größte natürliche CO2-Speicherprozess der Erde. Regenwasser nimmt CO2 aus der Luft auf, reagiert mit Mineralien im Gestein wie Kalzium und Magnesium, und bindet das CO2 chemisch. Über Böden, Flüsse und Ozeane bleibt es dort für hunderttausende Jahre gespeichert.

Felix Harteneck, Mitgründer und CEO von InPlanet, beschreibt den Ausgangsprozess so: „Immer dann, wenn es regnet, kommt ein bisschen CO2 ins Regenwasser, es gibt so eine leichte Säure wie so ein Sprudel, und dieser Sprudel fängt an, mit Steinen zu reagieren, vor allem mit den Mineralien im Gestein. Ein toller Prozess, leider sehr langsam, dauert 10.000 Jahre, um so einen handgroßen Stein zu verwittern." (Pitch & People Videocast, YouTube, Januar 2026, gegen Transkript verifiziert.)

Enhanced Rock Weathering setzt genau an diesem Tempo an. Statt ganze Felsen der Witterung zu überlassen, wird Gestein fein gemahlen und auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht. Die vergrößerte Oberfläche und der Kontakt mit Bodenfeuchtigkeit verkürzen den Prozess auf Jahre statt Jahrtausende, bei InPlanet nach eigenen Angaben auf unter zwei Jahre.

Mehrere Unternehmen verfolgen dieses Prinzip parallel, mit unterschiedlichem Gestein und unterschiedlichen Zielregionen, darunter InPlanet in Brasilien, Eion und Lithos Carbon in den USA, Mati Carbon in Indien und UNDO in Großbritannien. Der Unterschied liegt vor allem im Klima der Anbauregion, dazu später mehr im globalen Vergleich.

Wie InPlanet das Verfahren in Brasilien umsetzt

Felix Harteneck und Niklas Kluger gründeten InPlanet 2022, nachdem Harteneck bei einem früheren Unternehmen versucht hatte, unvermeidbare CO2-Emissionen auszugleichen. „Als ich vor drei Jahren für meine alte Company CO2-Emissionen ausgleichen wollte, vor allem die Emission, die das Unternehmen nicht vermeiden kann, ist mir aufgefallen: Es gibt eigentlich keinen effizienten und skalierbaren Weg und vor allem auch keinen sicheren Weg, CO2 aus der Luft zu entfernen", sagt Harteneck. (Pitch & People Videocast, YouTube, Januar 2026, gegen Transkript verifiziert.)

Das Unternehmen bearbeitet nach eigenen Angaben mittlerweile über 15.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche in Brasilien. Für den Standort nennt Harteneck drei Gründe: mineralarme Böden, die den Verwitterungsprozess begünstigen, starker Regen, der die Auflösung des Gesteinsmehls zusätzlich beschleunigt, und mehr als 200 Millionen Hektar Agrarfläche im Land.

„Der Prozess läuft in Brasilien rund 20-mal schneller als etwa in Europa. Inzwischen bearbeiten wir über 15.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche, mit messbaren Effekten." (Felix Harteneck, Co-Founder und CEO InPlanet, Munich Startup, 28.01.2026)

Der Effekt zeigt sich laut InPlanet auch im Ertrag. Auf Großflächen mit Zuckerrohr habe das Unternehmen in wissenschaftlichen Studien den Ertrag um mehr als 20 Prozent gesteigert und sehe Potenzial, den Einsatz chemischer Düngemittel um bis zu 50 Prozent zu senken. Brasilien importiert nach InPlanet-Angaben rund 70 Prozent seines Düngemittelbedarfs, was den wirtschaftlichen Anreiz für Landwirte zusätzlich erhöht.

Ende 2024 brachte das Team nach eigenen Angaben die weltweit ersten Zertifikate für Enhanced Rock Weathering auf den Markt. Zuvor sei die Messbarkeit das zentrale Hindernis gewesen: Ohne einen belastbaren Nachweis, wie viel CO2 über welchen Zeitraum gebunden wird, lasse sich kein Zertifikat ausstellen, so Harteneck im Interview. InPlanet holte dafür nach eigener Darstellung Wissenschaftler ins Team, die zuvor an Universitäten zum Thema geforscht hatten.

InPlanet auf einen BlickAngabe
Gegründet2022
GründerFelix Harteneck (CEO), Niklas Kluger (COO)
Mitarbeitenderund 65
Finanzierungrund 10 Mio. Euro Venture Capital, zusätzlich EU- und brasilianische Förderprogramme
Bearbeitete Flächeüber 15.000 Hektar in Brasilien
Erste Enhanced-Rock-Weathering-Zertifikate weltweitEnde 2024
Größter bekannter AbnehmerMicrosoft, Offtake über 28.500 Tonnen CO2, Dezember 2025

Niklas Kluger verantwortet als COO die operative Zusammenarbeit mit den Landwirten sowie Monitoring und Verifizierung vor Ort. Er hat Umwelt- und Ressourcenmanagement studiert, mehrjährige Erfahrung in der tropischen Landwirtschaft und in der NGO-Arbeit in Brasilien und spricht fließend Portugiesisch (Munich Startup, 28.01.2026).

Der Marktbeleg: Microsoft, Isometric und Cascade Climate

Microsoft hat im Dezember 2025 einen Offtake-Vertrag mit InPlanet über 28.500 Tonnen CO2-Entfernung abgeschlossen, mit Lieferzeitraum von 2026 bis 2028. Der Nachweis der gebundenen Mengen läuft über das „Enhanced Weathering Protocol" der Zertifizierungsplattform Isometric.

Zusätzlich teilt InPlanet anonymisierte Projektdaten über Cascade Climates „ERW Data Quarry", eine branchenweite Transparenz-Initiative, die Messdaten zu Enhanced-Rock-Weathering-Projekten öffentlich zugänglich macht. Für den breiteren Markt der dauerhaften CO2-Entfernung dokumentiert die Datenplattform CDR.fyi, mitgegründet vom Analysten Robert Höglund, regelmäßig, wie weit kontrahierte und tatsächlich gelieferte Tonnen bei Carbon-Removal-Verträgen auseinanderfallen.

Für das konkrete InPlanet-Projekt in der Region Serra da Mantiqueira liegen eigene Zahlen vor. Die Carbon Drawdown Initiative registriert nach gut einem Jahr Laufzeit 235 ausgestellte Isometric-Zertifikate, während der Microsoft-Vertrag ein Volumen von 28.500 Tonnen CO2 umfasst.

Was die Wissenschaft zu Enhanced Rock Weathering sagt

Getrennt von der Unternehmensperspektive lohnt der Blick auf den wissenschaftlichen Forschungsstand. Er reicht vom Gründungspapier des Feldes über eine aktuelle Gegenstudie bis zu offenen Fragen bei Messung und Umweltrisiken.

Die Gründungsforschung: Beerling und das Potenzial von 0,5 bis 2 Gigatonnen

David Beerling und Kolleg*innen legten 2020 in Nature das Grundlagenpapier des Feldes vor: „Potential for large-scale CO2 removal via enhanced rock weathering with croplands". Die Studie beziffert das globale Potenzial auf 0,5 bis 2 Gigatonnen CO2 pro Jahr, zu Kosten von rund 80 bis 180 US-Dollar je Tonne, mit dem größten Hebel in China, Indien, den USA und Brasilien. Beerling leitet das Leverhulme Centre for Climate Change Mitigation an der Universität Sheffield.

Der Gegenbefund aus der Schweiz

Xavier Dupla und Kolleg*innen von der ETH Zürich veröffentlichten im Dezember 2025 in Environmental Science & Technology einen Dreijahres-Feldversuch auf Schweizer Rebflächen. Bei einer Ausbringung von 20 Tonnen Basaltmehl je Hektar maßen sie rund 100 Kilogramm gebundenes CO2 je Hektar und Jahr, ein Faktor 10 bis 30 unter früheren Schätzungen.

„Diese Technologie wurde als eine Art Wunderwaffe gegen den Klimawandel überverkauft."

Xavier Dupla, ETH Zürich, Environmental Science & Technology, Dezember 2025 (aus dem Englischen übersetzt)

Die Reaktion der Gründungsforschung

Beerling reagierte auf die Schweizer Studie laut C&EN/ACS (Dezember 2025) sinngemäß damit, dass niemand erwarte, das Verfahren funktioniere überall gleich gut. Beerling ist nicht an InPlanet beteiligt und äußert sich hier als unabhängige Stimme der Forschung, nicht als Unternehmensvertreter.

Die MRV-Debatte: was bei Messung und Verifizierung offen ist

Aktuelle Fachliteratur, etwa in Frontiers in Climate und Copernicus/Biogeosciences (2025/26), beschreibt Messung, Reporting und Verifizierung (MRV) von Enhanced Rock Weathering weiterhin als offenes wissenschaftliches Problem. Verwitterungsraten hängen stark von Temperatur, Niederschlag und Bodenchemie ab, bestehende Modelle sind erst teilweise validiert. Kommerziell wird diese Lücke über Zertifizierungsplattformen wie Isometric adressiert, wissenschaftlich gilt sie als nicht abschließend gelöst.

Umweltrisiken: Schwermetalle und Feinstaub

Levy und Kolleg*innen vom Georgia Institute of Technology untersuchten 2024 in Environmental Science & Technology mögliche Umweltrisiken. Basaltgestein kann Schwermetalle wie Nickel, Chrom und Arsen enthalten, in bisherigen Feldversuchen blieben die gemessenen Werte jedoch nahe am Hintergrundniveau. Als größeres Risiko benennt die Studie Feinstaub beim Mahlen und Ausbringen des Gesteinsmehls für die Atemwege der Beteiligten, nicht die Auswaschung von Schwermetallen.

Die CO2-Bilanz der Herstellung selbst

Eine Arbeit der Beerling-Gruppe in Communications Earth & Environment (2022) zeigt, dass nicht der Gesteinsabbau, sondern das Mahlen die Umweltbilanz von Enhanced Rock Weathering dominiert. Die Klimabilanz hängt dabei stark vom Strommix des jeweiligen Landes ab. Für Standorte mit hohem Wasserkraftanteil wie große Teile Brasiliens fällt dieser Faktor günstiger aus als für kohlelastige Standorte.

Einordnung im globalen Feld: wer sonst auf Enhanced Rock Weathering setzt

InPlanet ist nicht der einzige Anbieter von Enhanced Rock Weathering. Eion und Lithos Carbon in den USA, Mati Carbon in Indien und UNDO in Großbritannien verfolgen dasselbe Grundprinzip, mit unterschiedlichem Gestein, unterschiedlicher Messmethode und unterschiedlicher Zielregion.

UnternehmenRegionGesteinMessansatzKlimazone
InPlanetBrasilienBasaltmehl auf AckerlandIsometric-Protokoll (Enhanced Weathering)Tropisch/subtropisch
EionUSAOlivin„Soil Fingerprinting"Temperiert
Lithos CarbonUSABasalt auf AckerlandFluss-TrackingTemperiert
Mati CarbonIndienBasalt, Kleinbauern-BasisFeldmonitoringTropisch/subtropisch
UNDOGroßbritannienSilikatgesteinFeldmonitoringTemperiert

Eion hat nach eigenen Angaben Offtake-Verträge unter anderem mit Microsoft, Google, Shopify und der Käufer-Initiative Frontier abgeschlossen. Die Klimazone der Anbaufläche ist dabei das zentrale Unterscheidungsmerkmal: Sowohl Beerlings Reaktion auf die Schweizer Studie als auch Duplas eigener Befund stützen die Einordnung, dass warme, feuchte Standorte deutlich schneller verwittern als temperierte.

Harteneck selbst beziffert das globale Potenzial von Enhanced Rock Weathering auf 5 bis 6 Gigatonnen CO2 pro Jahr, deutlich über der Beerling-Schätzung von 0,5 bis 2 Gigatonnen. Beide Zahlen stammen aus unterschiedlichen Quellen, Unternehmen und Wissenschaft kommen hier zu unterschiedlichen Größenordnungen.

Häufig gestellte Fragen zu Enhanced Rock Weathering

Was ist Enhanced Rock Weathering?

Enhanced Rock Weathering, deutsch beschleunigte Gesteinsverwitterung, beschleunigt den natürlichen Prozess, bei dem Regenwasser CO2 aufnimmt und mit Mineralien im Gestein bindet. Dafür wird Gestein fein gemahlen und auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht, wodurch der Prozess statt Jahrtausenden nur noch Jahre dauert.

Wie lange dauert natürliche Gesteinsverwitterung im Vergleich zu Enhanced Rock Weathering?

Ein handgroßer Stein verwittert unter natürlichen Bedingungen laut InPlanet rund 10.000 Jahre. InPlanet gibt an, den Prozess in Brasilien durch fein gemahlenes Gestein auf unter zwei Jahre zu verkürzen, in Deutschland wären es nach Unternehmensangaben eher 10 bis 15 Jahre.

Wie wird bei InPlanet die gebundene CO2-Menge zertifiziert?

InPlanet lässt die gebundenen Mengen über das „Enhanced Weathering Protocol„ der Plattform Isometric verifizieren. Zusätzlich teilt das Unternehmen anonymisierte Projektdaten über Cascade Climates „ERW Data Quarry“ öffentlich, eine branchenweite Transparenzinitiative.

Wie groß ist das globale Potenzial von Enhanced Rock Weathering?

Die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle. Die Gründungsstudie von David Beerling (Nature, 2020) beziffert das Potenzial auf 0,5 bis 2 Gigatonnen CO2 pro Jahr, InPlanet-Gründer Felix Harteneck nennt im Interview eine Größenordnung von 5 bis 6 Gigatonnen pro Jahr.

Ist Enhanced Rock Weathering wissenschaftlich unumstritten?

Nein. Eine Feldstudie der ETH Zürich (Dupla et al., 2025) maß auf Schweizer Rebflächen deutlich niedrigere Bindungsraten als frühere Schätzungen. Messung, Reporting und Verifizierung gelten in der aktuellen Fachliteratur weiterhin als offenes Problem, während Beerling betont, dass die Wirksamkeit stark vom Standort abhängt.

Welche Umweltrisiken hat Enhanced Rock Weathering?

Eine Studie des Georgia Institute of Technology (Levy et al., 2024) fand in Feldversuchen keine erhöhten Schwermetallwerte im Boden, obwohl Basaltgestein Nickel, Chrom und Arsen enthalten kann. Als relevanteres Risiko benennt die Studie Feinstaub beim Mahlen und Ausbringen des Gesteinsmehls.

Was unterscheidet InPlanet von anderen Enhanced-Rock-Weathering-Anbietern?

InPlanet arbeitet in Brasilien, einer tropischen Region mit mineralarmen Böden und starkem Regen, die den Verwitterungsprozess nach Unternehmensangaben rund 20-mal schneller ablaufen lässt als in Europa. Eion, Lithos Carbon und UNDO arbeiten dagegen überwiegend in temperierten Regionen wie den USA und Großbritannien.

QUELLEN

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  1. Munich Startup (Kyrill Ring): Im Wettlauf gegen die Zeit: Wie Inplanet CO2 aus der Luft holt, 28.01.2026.
  2. Pitch & People Videocast (YouTube): Interview mit Felix Harteneck, Januar 2026.
  3. David Beerling et al.: Potential for large-scale CO2 removal via enhanced rock weathering with croplands, Nature, 2020.
  4. Xavier Dupla et al. (ETH Zürich): Dreijahres-Feldversuch zu Enhanced Rock Weathering auf Rebflächen, Environmental Science & Technology, Dezember 2025.
  5. Levy et al. (Georgia Institute of Technology): Feldstudie zu Umweltrisiken von Enhanced Rock Weathering, Environmental Science & Technology, 2024.
  6. Cleanthinking: Climeworks sichert 10-Jahres-CDR-Deal mit TD Bank, Juni 2026.
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