Sonnenfinsternis am 12. August: Warum die Börsenstrompreise am Abend steigen könnten

PHOTOVOLTAIK · 11. AUGUST 2026

Sonnenfinsternis am 12. August: Warum die Börsenstrompreise am Abend steigen könnten

Der Ökostromanbieter Octopus Energy warnt seine Kunden mit dynamischem Stromtarif vor einer möglichen Preisspitze an der Strombörse am morgigen Mittwochabend zwischen 19:30 und 20:30 Uhr. Grund ist die partielle Sonnenfinsternis, die europaweit rund 9,7 Gigawatt Solarleistung kappt und in eine laufende Hitzewelle mit ohnehin knappem Stromsystem trifft.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 MIN LESEN


Der Ökostromanbieter Octopus Energy hat seine Kunden mit dynamischem Stromtarif per Mail auf ein mögliches Preisfenster hingewiesen. Zwischen etwa 19:30 und 20:30 Uhr am 12. August werde die Photovoltaik-Einspeisung durch die Sonnenfinsternis spürbar zurückgehen, der Strommarkt reagiere auf solche Schwankungen im Angebot, weshalb die Börsenstrompreise in diesem Zeitraum steigen könnten. Octopus empfiehlt Kunden, stromintensive Geräte wie Waschmaschine, Spülmaschine oder Trockner vor 19:30 Uhr oder erst nach 20:30 Uhr laufen zu lassen.

Für die Praxis bedeutet das: Wer Photovoltaik mit Heimspeicher betreibt, kann die kurze Abendlücke aus dem Speicher abdecken statt teurer aus dem Netz zu beziehen. Wer flexibel ist und Lasten verschieben kann, verlegt stromintensive Anwendungen aus dem genannten Zeitfenster. Wer bereits eine intelligente Steuerung für E-Auto oder Heimspeicher nutzt, muss nach Angaben von Octopus nichts weiter tun. Das System lädt automatisch dann, wenn der Preis am günstigsten ist, und reagiert von selbst auf ein mögliches Preisfenster am Abend des 12. August.

Ein europäisches Netzereignis mitten in der Hitzewelle

Die deutsche Warnung ist Teil eines europaweiten Musters. Laut einer Prognose der europäischen Übertragungsnetzbetreiber, die Euronews unter Berufung auf den portugiesischen Netzbetreiber REN veröffentlichte, fallen zwischen 18:30 und 20:30 Uhr Ortszeit im kontinentalen Synchrongebiet rund 9.700 Megawatt Solarleistung weg. Am stärksten betroffen ist Spanien mit bis zu 5.000 Megawatt, in Großbritannien werden zwischen 700 und 1.300 Megawatt erwartet. In Portugal selbst, wo Teile des Landes wie Bragança in der Totalitätszone liegen, entspricht der prognostizierte Ausfall von rund 450 Megawatt etwa 45 Prozent der für das Zeitfenster erwarteten PV-Erzeugung. REN kündigte an, den Ausfall über zusätzliche Wasserkraft- und thermische Reserven auszugleichen.

Brisant wird das Timing durch den Kontext: Laut einem Bericht des Analysehauses RBC Capital Markets, auf den sich der Guardian beruft, ist Europas Stromsystem durch eine anhaltende Hitzewelle bereits angespannt. Kohle- und Kernkraftwerke drosseln vielerorts ihre Leistung, weil Kühlwasser aus Flüssen zu warm oder zu knapp ist, und Norwegens Speicherseen, die für die Wasserkraft und damit für den europäischen Stromhandel eine wichtige Ausgleichsfunktion haben, liegen auf einem 30-Jahres-Tief. Die Sonnenfinsternis trifft damit exakt auf die abendliche Lastspitze eines Systems, das schon vor diesem Tag wenig Reserven hatte.

In Großbritannien reagiert Octopus Energy nach eigenen Angaben auf eine seit über einem Jahr laufende Vorbereitung des Netzbetreibers Neso. Der Anbieter ruft Kunden auf, Wasch- und Spülmaschinen zwischen 18 und 20 Uhr nicht laufen zu lassen, und vergütet die Teilnahme mit einer Gratis-Stromstunde am folgenden Wochenende. Octopus beziffert das bislang ungenutzte Flexibilitätspotenzial britischer Haushalte, also die Summe aus steuerbaren Geräten, E-Autos und Heimspeichern, auf 13 Gigawatt. Zum Vergleich: Das liegt in der Größenordnung mehrerer Atomkraftwerksblöcke und zeigt, welchen Hebel Lastverschiebung im Prinzip hätte, wenn sie flächendeckend genutzt würde.

Für Deutschland ist diese Flexibilität eng an den Smart-Meter-Rollout und die Regeln nach Paragraf 14a Energiewirtschaftsgesetz gekoppelt, der Netzbetreibern erlaubt, steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen oder Wallboxen im Bedarfsfall zu drosseln, im Gegenzug aber reduzierte Netzentgelte vorsieht. Deutschland betreibt mit rund 110 Gigawatt die größte installierte PV-Leistung Europas, liegt aber außerhalb der Totalitätszone und ist deshalb prozentual schwächer betroffen als Spanien oder Portugal, absolut gerechnet mit den genannten bis zu 2 Gigawatt aber keineswegs unerheblich.

Netzbetreiber sehen Versorgungssicherheit nicht gefährdet

Die Octopus-Warnung ist von der Systemsicherheit klar zu trennen. Die Übertragungsnetzbetreiber sind für die Stabilität des Stromnetzes zuständig, nicht für die Preisbildung an der Strombörse. Zu möglichen Preiseffekten treffen sie deshalb bewusst keine Aussage, das liegt außerhalb ihrer Zuständigkeit. Beide Aussagen widersprechen sich also nicht, sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Bei wolkenlosem Himmel sinkt die bundesweite Photovoltaik-Einspeisung durch die Verdunkelung um bis zu 2 Gigawatt, teilten die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW am 7. August gemeinsam mit. Gemessen an einer installierten PV-Leistung von über 110 Gigawatt in Deutschland liegt der Rückgang damit unter 2 Prozent. Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit erwarten die Netzbetreiber nicht. Der europäische Verband der Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E hat zusätzlich eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die Netzlage während des Ereignisses europaweit beobachtet.

Der Wert lässt sich an früheren Sonnenfinsternissen einordnen. Bei der partiellen Sonnenfinsternis am 29. März 2025, die vormittags stattfand und die Sonne je nach Region zu 10 bis 25 Prozent bedeckte, sank die PV-Erzeugung laut TransnetBW um rund 4 Gigawatt, ohne Folgen für die Versorgungssicherheit. Bei der Sonnenfinsternis 2015, die über weiten Teilen Europas total, über Deutschland aber ebenfalls nur partiell und vormittags zu beobachten war, schwankte die PV-Erzeugung laut einer Analyse von Agora Energiewende und dem Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IWES) um bis zu 15 Gigawatt. Die Netzbetreiber hatten damals die doppelte Regelleistung vorgehalten, auch dieser Tag verlief ohne Versorgungsprobleme.

Der aktuelle Wert von bis zu 2 Gigawatt fällt damit deutlich niedriger aus als 2015 und 2025, was auch am Zeitpunkt liegt: Das Ereignis am 12. August findet abends statt, wenn die PV-Erzeugung ohnehin bereits sinkt, nicht mittags auf dem Tagesmaximum. Ob die Preisspitze an der Börse tatsächlich eintritt, hängt unter anderem vom Wetter, vom Wind- und Gasangebot und vom generellen Verbrauch an diesem Abend ab. Die Octopus-Warnung ist eine Prognose eines einzelnen Marktteilnehmers, keine gesicherte Tatsache.

Was an diesem Abend astronomisch passiert

Am Mittwoch, 12. August 2026, schiebt sich der Mond am Abendhimmel vor die Sonne. Über Deutschland ist das Ereignis partiell: Die Sonne wird nur teilweise verdeckt, je nach Region zwischen rund 60 und 90 Prozent, am stärksten im Süden. Bei einer totalen Sonnenfinsternis verdeckt der Mond die Sonne komplett, für wenige Minuten wird es dunkel am Taghimmel. Das erleben diesmal nur Beobachter in einem schmalen, etwa 300 Kilometer breiten Streifen von der Arktis über Island bis zur Iberischen Halbinsel und ins westliche Mittelmeer. Spanien erlebt dort seine erste totale Sonnenfinsternis seit 1905.

Der Unterschied liegt am Schattenwurf: Wer im Kernschatten des Mondes steht, sieht die Sonne komplett verschwinden. Deutschland liegt nur im breiteren Halbschatten. Dort bleibt immer ein Sichel- oder Ringrest der Sonne sichtbar, die Erde verdunkelt sich spürbar, wird aber nicht dunkel wie bei Nacht.

Die partielle Verdunkelung beginnt deutschlandweit am Abend, zeitversetzt zwischen 19:11 Uhr im Norden (Flensburg, List auf Sylt) und 19:24 Uhr im Süden (Oberstdorf). Das Maximum der Bedeckung liegt je nach Standort zwischen 20:05 und 20:17 Uhr, das Ende zwischen 20:28 und 21:07 Uhr.

Stadt Start Maximum Ende
Berlin19:15 Uhr20:08 Uhr20:34 Uhr
Leipzig19:17 Uhr20:10 Uhr20:34 Uhr
München19:22 Uhr20:15 Uhr20:29 Uhr

Quelle: Zeitangaben nach Fred Espenak / eclipsewise.com.

Wer die Sonnenfinsternis direkt beobachten will, braucht eine zertifizierte Schutzbrille mit CE-Kennzeichnung. Der Blick mit bloßem Auge oder durch normale Sonnenbrillen in die Sonne kann irreversible Netzhautschäden verursachen, auch wenn die Sonne teilweise verdeckt ist.

QUELLEN

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  1. Amprion (im Namen von 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW): Pressemitteilung zur Sonnenfinsternis am 12. August 2026, 7. August 2026.
  2. TransnetBW: Partielle Sonnenfinsternis ohne Auswirkungen, 2025.
  3. Agora Energiewende / Fraunhofer IWES: Die Sonnenfinsternis 2015: Vorschau auf das Stromsystem 2030, 2015.
  4. Fred Espenak / eclipsewise.com: Circumstances for the Total Solar Eclipse of 2026 August 12.
  5. The Guardian: Octopus Energy urges millions of households to use less electricity during solar eclipse, 10. August 2026.
  6. Euronews: Solar power output set to fall during eclipse, unter Berufung auf den portugiesischen Netzbetreiber REN, 10. August 2026.
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