KLIMA · 10. SEPTEMBER 2026
NOAA Climate Prediction CenterEl Niño auf dem Weg zum historischen Ereignis seit 1950
Die Chance auf ein historisches Ereignis ist binnen eines Monats von 69 auf 75 Prozent gestiegen. Das zeigt die neue ENSO-Diagnose des Climate Prediction Center der US-Behörde NOAA zu El Niño.
Das Climate Prediction Center (CPC) der NOAA führt den laufenden El Niño weiter in der Warnstufe El Niño Advisory. Für Herbst und Winter der Nordhalbkugel 2026/27 sieht die Behörde eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent für ein sehr starkes Ereignis. Für die Saison Oktober bis Dezember beziffert das CPC die Chance auf ein historisches Ereignis mit 75 Prozent. Historisch heißt: stärker als jeder El Niño seit 1950.
Einen Monat zuvor hatte das CPC diese Wahrscheinlichkeit noch mit 69 Prozent angegeben. Auch die Messwerte im östlichen Pazifik sind seither gestiegen. Im Gebiet Niño-3.4 kletterte der relative Indexwert von 1,4 auf 1,8 Grad, im Gebiet Niño-3 von 1,7 auf 2,5 Grad und im Gebiet Niño-1+2 von 2,9 auf 3,4 Grad.
Als historisch gilt ein Ereignis nach CPC-Definition, wenn der sogenannte RONI-Wert im Dreimonatsmittel 2,5 Grad oder mehr erreicht. Grundlagen zum Phänomen selbst liefert der ENSO-Erklärer von Cleanthinking.
RONI: der Schlüssel zum historischen El-Niño-Ereignis
Der Relative Oceanic Niño Index, kurz RONI, steht hinter der 75-Prozent-Prognose. Er unterscheidet sich vom klassischen Oceanic Niño Index (ONI), der die Wassertemperatur im Gebiet Niño-3.4 gegenüber einer festen Referenzperiode misst, aktuell 1991 bis 2020. Der tropische Ozean als Ganzes hat sich seit dieser Referenzperiode erwärmt.
Ein heutiger El Niño startet dadurch von einem höheren Sockel. Mit dem ONI erreicht er leichter hohe Werte, ohne dass die zugrunde liegende Zirkulationsstörung selbst stärker geworden wäre. RONI zieht deshalb das Mittel der Tropen zwischen 20 Grad Nord und 20 Grad Süd vom Wert im Gebiet Niño-3.4 ab.
Übrig bleibt nur der Überschuss der Niño-Region gegenüber dem ohnehin erwärmten Umfeld. Das macht Vergleiche mit den Ereignissen 1997/98 und 2015/16 erst belastbar. Vor einem Rekordsprung der Temperaturen hatte der Klimaforscher Zeke Hausfather bereits im August gewarnt, wie Cleanthinking im Beitrag zur Rekordwarnung dokumentiert hat. Deshalb ist der Satz „übertrifft alles seit 1950" bei einem Niño-3.4-Wert von 1,8 Grad kein Widerspruch.
Ältere Cleanthinking-Artikel nannten für den aktuellen El Niño teils höhere Werte, etwa 2,6 Grad im Gebiet Niño-3.4. Diese Zahlen stammten aus absoluten Wochenanomalien anderer Institutionen und lassen sich mit dem RONI-Wert von 1,8 Grad nicht direkt vergleichen. Wer beide Angaben nebeneinanderlegt, sieht scheinbar einen Rückgang, tatsächlich verstärkt sich das Ereignis von Monat zu Monat.
Für die Wirkung auf Wetter und Ökosysteme zählt weiter die absolute Wassertemperatur. Für die Einordnung der Ereignisstärke selbst zählt der relative RONI-Wert. Beide Kennzahlen messen Verschiedenes. Mit RONI als Bezugsgröße arbeitet Cleanthinking bereits im Beitrag zu Polarwirbel und Winter.
Ostpazifik-Typ statt Wärme in der Beckenmitte
Die Erwärmung verteilt sich ungleich über den tropischen Pazifik. Vor der Küste Südamerikas, im Gebiet Niño-1+2, liegt der relative Indexwert bei 3,4 Grad. Im Westpazifik, im Gebiet Niño-4, sind es nur 0,1 Grad, nach einem Rückgang gegenüber Juli.
Die Meeresoberfläche im östlichen äquatorialen Pazifik liegt zudem mehr als 3,0 Grad über dem Mittel. Diese Asymmetrie kennzeichnet einen klassischen Ostpazifik-El-Niño, keine Modoki-Variante, bei der sich die Wärme in der Beckenmitte sammelt. Ereignisse dieses Ostpazifik-Typs entsprachen 1997/98 und 2015/16 und trafen Peru und Ecuador mit Starkregen.
Der Höhepunkt steht CPC-Prognose zufolge noch aus
Unter der Oberfläche liegt nach CPC-Angaben deutlich mehr Wärme, als die aktuellen Werte zeigen. In der Tiefe verzeichnet die Behörde großflächig Anomalien von mehr als 10 Grad. Der Wärmeinhalt der oberen 300 Meter blieb im August stabil auf hohem Niveau, die Thermokline liegt tiefer als im Mittel.
Auch die Atmosphäre ist an das Ereignis gekoppelt. In der unteren Troposphäre wehen Westwindanomalien, in der oberen Ostwindanomalien, dazu verstärkte Konvektion und Niederschlag vom zentralen bis östlichen Pazifik und unterdrückter Regen über Indonesien. Der Southern Oscillation Index, ein Luftdruckmaß für die Kopplung von Ozean und Atmosphäre, liegt im negativen Bereich.
Nach der CPC-Prognose erreicht der RONI-Mittelwert von Oktober bis Dezember 2,67 Grad, das mittlere Unsicherheitsband reicht von 2,4 bis 2,9 Grad. Dass überhaupt El-Niño-Bedingungen herrschen, gilt dem CPC bis in den Zeitraum Januar bis März 2027 als sicher. Danach flacht die Kurve ab, bis der Mittelwert von April bis Juni 2027 wieder bei etwa 0,4 Grad liegt.
Die nächste ENSO-Diagnose veröffentlicht das CPC am 8. Oktober 2026. Zu einer ähnlichen Einschätzung war bereits die Weltorganisation für Meteorologie in ihrem Update vom 3. September gekommen. Regionale Folgen des Ereignisses behandelt Cleanthinking gesondert, etwa beim Schiffsverkehr durch den Panamakanal, beim Monsun in Indien und bei der Regenzeit in Kenia.
QUELLEN
- NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion, 10. September 2026.
- NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion (Vormonat), 13. August 2026.