LUFTFAHRT · 25. SEPTEMBER 2026
Unsplash / Wolfgang HasselmannKondensstreifen vermeiden: Airlines könnten die Luftfahrt-Erwärmung um zehn Jahre aufschieben
Wenn Airlines Kondensstreifen vermeiden, erreicht die Erwärmung durch den Luftverkehr die Marke von 0,08 Grad erst 2050 statt schon um 2040. Das rechnen der Klimaforscher Olivier Boucher und sein Team in einem neuen Bericht für die Umweltorganisation T&E vor.
Kondensstreifen entstehen in Reiseflughöhe, wenn Triebwerke heiße, feuchte Abgase und Rußpartikel in sehr kalte Luft ausstoßen. Am Ruß gefriert der Wasserdampf zu Eiskristallen. In trockener Luft lösen sich die Streifen nach Sekunden auf. In besonders feuchten Luftschichten halten sie sich dagegen lange und breiten sich zu dünnen Schleierwolken aus.
Diese Wolken werfen tagsüber etwas Sonnenlicht zurück, halten aber mehr Wärme fest, die von der Erde aufsteigt. Nach einer Übersicht der Denkfabrik Future Cleantech Architects gehen rund zwei Drittel der Klimawirkung des Fliegens auf andere Effekte als CO2 zurück. Die Kondensstreifen allein verursachen gut die Hälfte der gesamten Klimawirkung. Wie stark sie die Temperatur am Ende treiben, lässt sich allerdings schwerer beziffern als beim CO2.
Airlines müssten nur wenige Flüge umplanen
Zwei bis drei Prozent aller Flüge verursachen 80 Prozent der Erwärmung durch Kondensstreifen. Besonders ins Gewicht fallen Flüge im Winter und in der Nacht, denn nachts fällt die kühlende Reflexion weg und die Streifen wärmen nur. Im Winter hinterlassen auf der Nordatlantikroute so viele Flüge wärmende Streifen, dass dort 20 Prozent der Flüge 80 Prozent der Wirkung erzeugen. In Europa verursachen fünf Prozent der Abflüge 80 Prozent der Wirkung.
Fliegt eine Maschine etwas höher oder tiefer und meidet so die feuchte Schicht, entsteht kein langlebiger Streifen. Dafür verbrennt sie etwas mehr Kerosin. Der Bericht setzt für die gesamte Flotte einen Mehrverbrauch von 0,2 Prozent an.
Was das Ausweichen bis 2070 bringt
Boucher hat im fünften Sachstandsbericht des Weltklimarats das Kapitel über Wolken und Aerosole mitverantwortet. In ihrem Bericht für Transport & Environment nehmen er und sein Team an, dass Airlines ab 2030 schrittweise Kondensstreifen vermeiden und bis 2040 die Hälfte der Erwärmung durch Kondensstreifen verhindern. Dann wäre die Erde 2050 um rund 0,025 Grad kühler als ohne Ausweichen, 2070 um rund 0,049 Grad.
Würden die Airlines schon beim heutigen Flugverkehr die Hälfte dieser Erwärmung vermeiden, entspräche das laut Bericht 67 bis 225 Millionen Tonnen CO2 im Jahr. Nach Rechnung von T&E sind das sieben bis 23 Prozent der CO2-Emissionen der Luftfahrt 2025 oder der Jahresausstoß von 15 bis 50 Millionen Benzin-Autos.
Die Erde bleibt nur so lange kühler, wie die Airlines ausweichen. Ein Kondensstreifen verschwindet nach Stunden, CO2 bleibt über Jahrhunderte in der Atmosphäre. T&E betont deshalb, dass geänderte Flughöhen sauberen Treibstoff nicht ersetzen. Nachhaltiges Kerosin (SAF) hilft zusätzlich, weil es kaum Aromaten enthält, jene Bestandteile, aus denen Ruß und damit Eiskeime entstehen (mehr dazu: E-Fuels: Vorteile und Nachteile synthetischer Kraftstoffe).
Offen bleibt laut Bericht etwa, wie sich Kondensstreifen bei modernen Triebwerken und mit nachhaltigen Kraftstoffen bilden und wie Wetterdienste die feuchten Schichten genauer vorhersagen. Trotzdem halten die Autoren die Forschung für weit genug, um zu handeln, wenn Airlines und Politik diese Unsicherheiten einplanen.
Airlines in Deutschland und den USA testen das Ausweichen schon
Im Projekt D-KULT wollten Lufthansa, Lufthansa Cargo, Condor, TUIfly und DHL zwischen März und Oktober 2024 auf 108 Flügen Kondensstreifen vermeiden. Dazu planten sie die Routen so, dass die Maschinen feuchte Luftschichten umflogen. Die meisten Flüge liefen über Deutschland, begleitet von der Deutschen Flugsicherung und mit Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes. Die Beratungsfirma To70 hat den Versuch ebenfalls für T&E ausgewertet. Die feuchten Schichten waren oft kleiner als vorhergesagt, und die Fluglotsen hatten mehr Arbeit.
In den USA flog American Airlines 2023 mit Vorhersagen von Google und Breakthrough Energy 70 Testflüge und erzeugte dabei 54 Prozent weniger Kondensstreifen. Die Maschinen, die ausgewichen sind, verbrauchten rund zwei Prozent mehr Treibstoff. Weil nur wenige Flüge ausweichen müssen, schätzen die Beteiligten den Mehrverbrauch für eine ganze Flotte auf 0,3 Prozent.
Die EU-Kommission will Airlines mit Freizertifikaten belohnen
Verbindliche Regeln gegen Kondensstreifen gibt es nach Angaben von T&E bisher weder in Europa noch weltweit. Seit 2025 erfasst die EU die Klimawirkungen des Luftverkehrs jenseits von CO2. Im Juli schlug die EU-Kommission bei der Reform des Emissionshandels, in dem Airlines für jede Tonne CO2 ein Zertifikat brauchen, vor, Airlines kostenlose Zertifikate zu geben, wenn sie Kondensstreifen vermeiden, die das Klima erwärmen. Parlament und Mitgliedstaaten müssen darüber noch entscheiden (mehr dazu: ETS-Reform: Freizertifikate gibt es nur noch für Klimaschutz).
„Kondensstreifen vermeiden ist eine einfache Klimamaßnahme mit großer Wirkung“, sagt Anna Comino, bei T&E Deutschland zuständig für Luftverkehr, Kraftstoffe und Emissionshandel. Die Maßnahme funktioniere und sei günstig, deshalb frage sie sich, warum sich die Luftfahrtindustrie widersetze. T&E fordert, dass die EU ab 2027 alle Flüge erfasst und neue Flugzeuge ab 2031 zertifizierte Feuchtesensoren an Bord haben.
Wie Airlines Kondensstreifen vermeiden, testet die britische Flugsicherung NATS ab diesem Winter im großen Stil. In der „Operation Blue Skies“ ändern Transatlantikflüge über dem östlichen Nordatlantik in jedem Winter an 20 bis 40 Tagen ihre Flughöhe. Die Vorhersagen dafür liefert eine KI, an der Google mitarbeitet. Über diesem Gebiet entstehen rund fünf Prozent der weltweiten Erwärmung durch Kondensstreifen. Der Versuch läuft über zwei Winter bis Anfang 2028.
QUELLEN
- Transport & Environment: Tackling contrails could avoid 10 years of aviation-related climate warming (Pressemitteilung), 22.09.2026.
- Klima Consulting (O. Boucher u. a.): Defining a way forward for the science and technology of contrail mitigation, 2026.
- Transport & Environment: A way forward for contrail mitigation, 22.09.2026.
- To70: Contrail avoidance roadmap, 03.08.2026.
- NATS: Operation Blue Skies takes off: landmark oceanic airspace trial to test AI-driven contrail avoidance, 18.08.2026.
- Transport & Environment: EU takes half-hearted step towards taxing international flights, 17.07.2026.
- Google: How AI is helping airlines mitigate the climate impact of contrails, 08.08.2023.
- Future Cleantech Architects: The Basics & The Gaps: Luftfahrt, 2023.